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Aufsichtsrat bestätigt Carla Eysel und Prof. Martin E. Kreis in ihren Vorstandspositionen 16-12-2024
Der Aufsichtsrat der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat die Wiederbestellung von Carla Eysel zum Vorstand Personal und Pflege sowie von Prof. Martin E. Kreis zum Vorstand Krankenversorgung vorfristig für weitere fünf Jahre beschlossen. Der Viszeralchirurg Prof. Kreis ist seit Anfang 2021 Mitglied des Vorstands und in seiner Position für die Krankenversorgung, den größten Bereich der Charité, zuständig. Dazu gehört sowohl das Einbringen der ärztlichen Kompetenz in den Vorstand als auch die Leitung des Klinikums. Er verantwortet zudem die Entwicklung der Krankenversorgung sowie deren Integration in die Gesamtentwicklung der Charité. Die Juristin Carla Eysel ist seit Ende 2020 Mitglied des Vorstands und ihr obliegen die Personalverantwortung einschließlich der Tarifverhandlungen sowie die Befugnisse der Dienstbehörde, der obersten Dienstbehörde, der Personalstelle und der Personalwirtschaftsstelle. Die Position wurde 2019 neu geschaffenen, um die Arbeitgebermarke sowie die Gewinnung und Sicherung von Fachkräften zielbewusster zu vertreten. Mit mehr als 6.188 Mitarbeitenden ist die Pflege die größte Berufsgruppe innerhalb der Berliner Universitätsmedizin. Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege und Vorsitzende des Aufsichtsrats, erklärt zur Wiederbestellung: „Ich freue mich sehr, dass der Aufsichtsrat Frau Carla Eysel für weitere fünf Jahre zum Vorstand Personal und Pflege sowie Herrn Prof. Martin E. Kreis zum Vorstand Krankenversorgung bestellt hat. Dies ist nicht nur ein Ausdruck der Wertschätzung für die bisher geleistete Arbeit, sondern bedeutet auch eine wichtige Kontinuität in diesen Positionen. Beide Vorstandsmitglieder haben die Charité insbesondere in der Corona-Pandemie, aber auch darüber hinaus exzellent repräsentiert und in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen große Fortschritte und Verbesserungen erzielt. Dafür gilt ihnen mein Dank. Für die kommenden fünf Jahre wünsche ich Carla Eysel und Prof. Martin E. Kreis viel Erfolg bei ihrer wichtigen Tätigkeit für die Charité.“ Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, ergänzt: „Mit der Wiederbestellung von Martin Kreis als Vorstand Krankenversorgung und Carla Eysel als Vorstand Personal und Pflege schaffen wir Sicherheit und Kontinuität für die Charité in herausfordernden Zeiten. Ihre Expertise und ihr unermüdlicher Einsatz für die bestmögliche Versorgung unserer Patientinnen und Patienten sowie für die Entwicklung unserer Mitarbeitenden und unserer Unternehmenskultur sind von unschätzbarem Wert für die Charité. Mit ihrer klaren Vision und ihrem Engagement tragen beide Vorstandsmitglieder entscheidend dazu bei, die Versorgungsqualität und die Arbeitsbedingungen trotz herausfordernder Rahmenbedingungen stetig zu verbessern und unsere Position als führendes Zentrum für medizinische Exzellenz sowie als attraktiven Arbeitgeber weiter auszubauen.“ Prof. Kreis erklärt: „Für das mir entgegengebrachte Vertrauen des Aufsichtsrats und unseres Vorstandsvorsitzenden Prof. Kroemer, die Krankenversorgung an der Charité in der weiterhin herausfordernden Zeit zu verantworten, bedanke ich mich. Es bereitet mir große Freude, an der strategischen Weiterentwicklung der Krankenversorgung maßgeblich beteiligt zu sein und diese prägen zu können. Insbesondere bedanke ich mich auch für die exzellente Zusammenarbeit in der Charité, die uns unseren strategischen Zielen bereits jetzt nähergebracht hat. In den nächsten Jahren stehen die Umsetzung der Medizinstrategie, die kontinuierliche Verbesserung der Versorgungsqualität für unsere Patientinnen und Patienten sowie die weitere Digitalisierung des Klinikums für mich im Vordergrund. Ich freue mich darauf, diese Herausforderungen gemeinsam mit allen Mitarbeitenden anzunehmen und die Zukunft der Krankenversorgung an der Charité zu gestalten.“ Prof. Kreis hat das Amt des Vorstands Krankenversorgung in der schwierigen Zeit der COVID-Pandemie übernommen. Dementsprechend stand die Bewältigung dieser im Fokus und mit umfangreichen Impfangeboten konnten beispielsweise Überlastungssituationen so weit wie möglich abgewendet werden. Zudem wurden neue Bereiche zur Weiterentwicklung der Krankenversorgung eröffnet. Dazu gehören beispielsweise die NeuroPalliativCare-Station, die Neueinrichtung des G-BA Zentrums für Intensivmedizin, die ambulanten Operationszentren sowie die Umstrukturierung der Urologie. Darüber hinaus wurde die Digitalisierung in der Krankenversorgung forciert. So konnte die elektronische Patientenakte und auch die digitale Medikationssoftware ausgerollt sowie die Implementierung des neuen Krankenhausinformationssystems (KIS) vorbereitet werden. Die regionalen und überregionalen klinischen Kooperationen wurden gefördert und ausgebaut. Zudem konnte mit der Medizinstrategie eine strukturierte Definition für die universitäre Medizin entwickelt werden. Prof. Kreis ergänzt: „Meine Ziele für die zweite Amtszeit sind insbesondere die Implementierung des neuen KIS und die Stärkung der Charité als Universitätsmedizin in der Gesundheitsregion Berlin. In der Umsetzung des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) wollen wir starke regionale und überregionale Netzwerke – auch im Zusammenhang mit der Implementierung der Medizinstrategie – aufbauen.“ Carla Eysel betont zu ihrer Wiederbestellung: „Die Charité zeichnet sich durch engagierte Mitarbeitende aus, die sich für die Gesundheit der Menschen in Berlin und darüber hinaus mit Wissen und Herz einsetzen. Besonders begeistern mich die große Offenheit, das wertebasierte Miteinander und der riesige Wissensschatz der Charité.“ In der ersten Amtszeit von Carla Eysel ist es der Charité im Bereich Personal und Pflege gelungen, ein Personalentwicklungskonzept zu entwickeln und zu implementieren, das auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden ausgerichtet ist. Ziel ist es, allen Beschäftigten gute, interprofessionelle und auf die Patient:innen oder Studierenden ausgerichtete Arbeitsbedingungen anzubieten. Erste Instrumente dafür sind beispielsweise ein neues interprofessionelles Führungskräfte-Currriculum sowie die interprofessionellen Führungswerkstätten. Carla Eysel fügt hinzu: „In der Pflege ist es uns gelungen, die neue Arbeitgebermarke, die selbstbewusste Pflege in interprofessionellen Teams zeigt, und die zudem durch gute Arbeitsbedingungen reflektiert wird, zu etablieren. Neue akademisch ausgerichtete Rollenbilder in der Krankenversorgung sollen mit guter, tarifvertraglicher Besetzung gepaart sein und sowohl Weiterbildung als auch Berufsstolz durch qualitativ gute Arbeit für unsere Patient:innen ermöglichen.“ Für die nächste Zeit sieht Carla Eysel vor allem drei Ziele: „Wir wollen es schaffen, die HR-Prozesse vollends zu digitalisieren, um unseren Mitarbeitenden verschiedene administrative Aufgaben abzunehmen und ihnen damit mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit zu geben. Wichtig ist mir auch, die Akademisierung der Pflegekräfte entscheidend voranzutreiben und vor allem klare Rollenbilder zu schaffen, die über die Charité hinaus strahlen.“ Darüber hinaus sollen die Personalmaßnahmen systematisch weiterentwickelt werden, um die vorhandenen Entwicklungspotenziale der Beschäftigten in allen Berufsgruppen zu fördern und dem Fachkräftemangel auch durch neue Berufs- und Rollenbilder zu begegnen. Zudem ist ihr die Förderung junger Ärzt:innen im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein besonderes Anliegen.
Wenn das Auto die Gesundheit checkt 13-12-2024
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die BMW Group starten eine Forschungskooperation im Bereich Automotive Health. Ziel der Partnerschaft ist es, Erkrankungen und gesundheitliche Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. Im Zentrum der Kooperation steht die Vorhersage kardiovaskulärer Risiken etwa für Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Durch die Entwicklungen in den Bereichen künstliche Intelligenz, vernetzte Fahrzeuge und die fortschreitende Digitalisierung des Gesundheitswesens eröffnen sich den beiden Partnern neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Den Grundstein der Kooperation haben die Charité und BMW im Rahmen eines Letters of Intent (LoI) gelegt, der von Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, und Frank Weber, Entwicklungsvorstand bei BMW, unterzeichnet wurde. Sensorik liefert Daten für Notfallprävention „Über die in Fahrzeugen verbaute Sensorik können wir fortlaufende und regelmäßig wiederkehrende Daten beispielsweise zum Gesundheitszustand der Fahrzeuginsassen erheben und analysieren“, sagt Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „So sorgen wir mittelfristig für wichtige Erkenntnisfortschritte, die wir für die Gesundheitsförderung und bessere Notfallprävention nutzen können.“ „BMW und die Charité verbindet das Streben nach Forschung auf absolutem Spitzenniveau“, ergänzt Frank Weber, Mitglied des Vorstands der BMW AG, Entwicklung. „Bei Automotive Health bündeln wir unsere Kompetenzen und entwickeln die prädiktive Medizin gemeinsam weiter. Unser Ziel ist es, gesundheitliche Risiken für die Fahrzeuginsassen so früh wie möglich zu erkennen, auch um im Notfall schneller reagieren zu können. Ein BMW bietet dafür die optimale Umgebung und Performance: mit modernsten Sensoren, Aktuatoren und den BMW-Hochleistungsrechnern an Bord.“ Im Rahmen der Kooperation werden Wissenschaftler:innen der Charité und Ingenieur:innen von BMW an unterschiedlichen Projekten zusammenarbeiten. Eine Fragestellung konzentriert sich darauf, mit welchen Fahrzeugparametern gesundheitliche Auffälligkeiten am besten erkennbar sind. Weitere Projekte sind die Entwicklung intelligenter Fahrassistenzsysteme sowie Maßnahmen zur Förderung des Wohlbefindens am Steuer. Studien starten im Frühjahr an der Charité Anders als Smartwatches oder Fitnesstracker soll es die im Auto verbaute Sensorik ermöglichen, Vitalparameter und andere Daten standardisiert zu erfassen. Die Daten können so unter kontrollierten und reproduzierbaren Bedingungen datenschutzkonform erhoben und wissenschaftlich genutzt werden, zum Beispiel für das Herz-Kreislauf-Screening. Die ersten klinischen Studien werden im Frühjahr nächsten Jahres an der Charité beginnen. Langfristig sollen mit den gewonnenen Erkenntnissen Systeme entwickelt werden, die das gesamte Spektrum der Prävention abdecken - von der Erkennung von Erschöpfungszuständen oder kardiovaskulären Auffälligkeiten bis zur Vorhersage einer Verschlechterung bestehender Erkrankungen.
Verdacht auf Prostatakrebs: Bei unauffälligem MRT ist das Krebsrisiko gering 12-12-2024
Um frühzeitig Prostatakrebs zu erkennen, gibt es verschiedene Strategien: Am Anfang steht oft ein Bluttest (PSA-Test). Liegt der PSA-Wert über einer bestimmten Grenze, wird in der Regel eine Gewebeprobe entnommen. Eine andere Möglichkeit ist, bei Krebsverdacht zunächst anhand von MRT-Aufnahmen nach Anzeichen für einen Tumor zu suchen und nur bei Auffälligkeiten eine Biopsie durchzuführen. Ob die MRT-gestützte Strategie auch langfristig sicher ist, hat eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich die Patienten damit mindestens für drei Jahre keinem erhöhten Risiko aussetzen. Die Studie ist jetzt im Fachblatt JAMA Oncology* erschienen. Bei einem PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs wird die Menge an Prostata-spezifischem Antigen (PSA) im Blut bestimmt. Ist der Wert erhöht, kann dies auf Prostatakrebs hindeuten – aber auch auf andere Ursachen zurückzuführen sein. Um sicher zu gehen, wird bei erhöhten PSA-Werten oft eine Stanzbiopsie durchgeführt. Dabei werden mit einer kleinen Hohlnadel zehn bis zwölf Gewebeproben über die gesamte Prostata verteilt entnommen und analysiert – ein Eingriff, der mit unangenehmen Begleiterscheinungen in den Folgetagen sowie mit einem gewissen Infektionsrisiko verbunden ist. „Wir wollten deshalb herausfinden, ob man bei Männern, deren MRT-Aufnahmen unauffällig sind, erstmal abwarten und beobachten kann, anstatt gleich eine Biopsie zu machen“, erklärt Dr. Charlie Hamm, Erstautor der Publikation und Arzt an der Klinik für Radiologie der Charité. Biopsien lassen sich bei negativem MRT-Befund vermeiden Tatsächlich hat sich dieses Vorgehen, bei dem sich an einen unauffälligen MRT-Befund regelmäßige urologische Kontrollen anschlossen, als ausreichend verlässlich herausgestellt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann mit einem unauffälligen MRT-Ergebnis innerhalb von drei Jahren nicht an aggressivem Prostatakrebs erkrankte, lag im Rahmen der Studie bei 96 Prozent. Nur bei vier Prozent der Teilnehmenden wurde trotz negativem MRT-Befund bei weiteren Kontrollen aggressiver Prostatakrebs festgestellt. „Das Krebsrisiko ist also sehr gering, wenn die MRT-Aufnahme der Prostata keine Auffälligkeiten zeigt“, resümiert Charlie Hamm. „Zwar bietet ein unauffälliger MRT-Befund alleine keine hundertprozentige Sicherheit, aber wenn man die Patienten regelmäßig kontrolliert, entdeckt man einen möglichen Krebs früh genug. Das bedeutet für viele Männer: Sie können sich die unangenehme Gewebeprobe erstmal ersparen und müssen sich trotzdem keine Sorgen machen, dass ein Krebs übersehen wird.“ Kontrolluntersuchungen reichen aus, um Krebs früh festzustellen Für die Studie hat das Team fast 600 Männer mit Verdacht auf Prostatakrebs untersucht. Bei ihnen wurde an der Charité ein sogenanntes multiparametrisches MRT (mpMRT) – auch MR-Prostatographie genannt – durchgeführt. Bei diesem MRT werden mehrere gewebespezifische Parameter miteinander kombiniert, etwa die Signalintensität des Prostatagewebes, die Durchblutung und die Diffusion von Wassermolekülen im Gewebe. Ein Team erfahrener Radiolog:innen hat die Bilder ausgewertet. „Nur wenn die MRT-Aufnahmen verdächtige Veränderungen der Prostata zeigten, wurde eine Gewebeprobe genommen. Die Männer mit unauffälligem MRT-Befund unterzogen sich stattdessen drei Jahre lang regelmäßig urologischen Kontrolluntersuchungen. So konnten wir sehen, ob dieser Ansatz sicher ist“, schildert Charlie Hamm das Vorgehen. Hochwertige MRT-Befunde und Sicherheitsnetz sind essenziell Die Studie ist nach acht Jahren nun abgeschlossen. „Die Ergebnisse sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer personalisierten Prostatakrebsversorgung. Durch den effektiveren Einsatz der Magnetresonanztomografie können wir sicherstellen, dass Männer die richtigen Untersuchungen und Behandlungen zum richtigen Zeitpunkt erhalten“, sagt der Arzt und sagt der Arzt und Fellow des Junior Clinician Scientist Programms, das die Charité zusammen mit dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) betreibt. Die Ergebnisse sind auch für Ärztinnen und Ärzte relevant, um ihre Patienten bei der Entscheidung zu unterstützen, wann eine Biopsie wirklich nötig ist. Die Europäische Gesellschaft für Urologie empfiehlt in ihren Leitlinien zwar bereits eine MRT vor einer Prostatabiopsie. Bisher war jedoch unklar, wie sicher es ist, bei einem negativen MRT-Befund ganz auf die Biopsie zu verzichten. „Unsere Ergebnisse zeigen nun, dass auch in einem dezentralen, ambulanten Versorgungsnetz der sogenannte MRT-Diagnoseweg sicher und effektiv ist“, stellt Charlie Hamm fest. „Wir hoffen, dass die Studie einen Anstoß gibt, den Stellenwert der MRT als Entscheidungshilfe für oder gegen eine Biopsie auch in der deutschen Leitlinie weiter zu stärken.“ Damit die neuen Erkenntnisse bald Eingang in die Praxis finden, sind den Studienautor:innen zufolge allerdings zwei weitere Aspekte entscheidend: Erstens müssen die MRT-Aufnahmen von erfahrenen Fachleuten durchgeführt und analysiert werden. Das heißt, mehr Radiolog:innen in der genauen Interpretation von Prostata-MRT-Aufnahmen zu schulen und standardisierte Verfahren anzuwenden. Zweitens ist es wichtig, ein Sicherheitsnetz für die Männer zu schaffen, die zunächst keine Biopsie erhalten. „Das bedeutet klare Richtlinien für die PSA-Überwachung, wiederholte MRT-Untersuchungen und Kriterien, wann später eine Biopsie notwendig sein könnte“, betont Charlie Hamm.
Warum Tiefschlaf unser Gedächtnis fördert 12-12-2024
Seit fast 20 Jahren weiß man, dass langsame, synchrone Erregungswellen während des Tiefschlafs die Gedächtnisbildung unterstützen. Unbekannt war bisher, warum das so ist. Im Fachmagazin Nature Communications* liefert ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin nun einen Erklärungsansatz. Danach machen die langsamen Wellen die Hirnrinde, den Sitz des Langzeitgedächtnisses, besonders empfänglich für Informationen. Die Erkenntnisse könnten zur Optimierung von Behandlungsansätzen beitragen, die die Gedächtnisbildung von außen unterstützen sollen. Wie entstehen dauerhafte Erinnerungen? Fachleute gehen davon aus, dass unser Gehirn im Schlaf die Ereignisse des Tages erneut abspielt und dabei die Informationen aus dem Sitz des Kurzzeitgedächtnisses, dem Hippokampus, in das Langzeitgedächtnis in der Hirnrinde verschiebt. Besonders wichtig für diese Gedächtnisbildung sind die sogenannten „Slow Waves“: langsame, synchrone Erregungswellen in der Hirnrinde, die in der Tiefschlafphase auftreten und per Elektroenzephalogramm (EEG) messbar sind. Sie sind darauf zurückzuführen, dass die elektrische Spannung vieler Nervenzellen gleichzeitig einmal pro Sekunde auf- und abschwingt. „Wir wissen seit vielen Jahren, dass diese Spannungsschwankungen zur Gedächtnisbildung beitragen“, erklärt Prof. Jörg Geiger, Direktor des Instituts für Neurophysiologie der Charité und Leiter der jetzt veröffentlichten Studie. „Denn wenn man den Slow-Wave-Schlaf künstlich von außen verstärkt, verbessert sich die Gedächtnisleistung. Wir wussten bisher allerdings nicht, was genau dabei im Gehirn passiert, weil die Informationsflüsse im menschlichen Gehirn äußerst schwierig zu erforschen sind.“ Langsame Wellen verstärken Synapsen Anhand von besonders rarem menschlichen Hirngewebe ist es ihm und seinem Team nun gelungen, die Vorgänge aufzuklären, die mit hoher Wahrscheinlichkeit der Gedächtnisbildung im Tiefschlaf zugrunde liegen. Den Erkenntnissen zufolge beeinflussen die langsamen Erregungswellen die Stärke der synaptischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen in der Hirnrinde – und damit deren Aufnahmefähigkeit. Für die Studie untersuchte das Forschungsteam intaktes Gewebe aus der Hirnrinde von 45 Patient:innen, die sich an der Charité, dem Evangelischen Klinikum Bethel oder dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf einem neurochirurgischen Eingriff zur Behandlung einer Epilepsie oder eines Hirntumors unterzogen hatten. Die Wissenschaftler:innen simulierten in dem Gewebe die Spannungsschwankungen, die für langsame Wellen im Tiefschlaf typisch sind, und maßen dann die Reaktion der Nervenzellen. Dazu verwendeten sie feinste Glaspipetten, die sie nanometergenau an einzelne Nervenzellen andockten. Um der Kommunikation mehrerer Neurone im Gewebeverbund zu lauschen, setzten sie zehn „Pipettenfühler“ gleichzeitig ein – eine für diese als Multipatch-Technik bezeichnete Methode besonders hohe Zahl. Perfektes Timing begünstigt Gedächtnisbildung Das Forschungsteam fand so heraus, dass die synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen der Hirnrinde zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt während der Spannungsschwankungen maximal verstärkt sind. „Die Synapsen arbeiten am effizientesten, direkt nachdem die Spannung von einem niedrigen Niveau auf ein hohes angestiegen ist“, erläutert Franz Xaver Mittermaier, Wissenschaftler am Institut für Neurophysiologie der Charité und Erstautor der Studie. „Innerhalb dieses kurzen Zeitfensters ist die Hirnrinde quasi in einen Zustand der erhöhten Bereitschaft versetzt. Spielt das Gehirn eine Erinnerung genau jetzt ab, wird sie besonders effektiv ins Langzeitgedächtnis überführt. Der Slow-Wave-Schlaf unterstützt die Gedächtnisbildung also offenbar, indem er die Hirnrinde für viele kurze Zeiträume besonders aufnahmebereit macht.“ Möglicherweise lässt sich dieses Wissen nutzen, um die Gedächtnisleistung beispielsweise bei beginnender Vergesslichkeit im Alter zu verbessern. Forschungsgruppen weltweit arbeiten an Methoden, um mit subtilen Stromimpulsen – der transkraniellen Elektrostimulation – oder akustischen Signalen die langsamen Wellen im Schlaf zu beeinflussen. „Aktuell werden solche Stimulationen allerdings mühsam durch Ausprobieren optimiert“, sagt Jörg Geiger. „Hier könnten unsere Erkenntnisse zum perfekten Timing helfen. Sie erlauben es erstmals, die Stimulationsmethoden zur Unterstützung des Gedächtnisses gezielt zu entwickeln.“
Wacken Open Air meets Blutspende 06-12-2024
Fast jeder Mensch ist einmal im Leben auf eine Blutspende angewiesen. Da Blut nicht künstlich hergestellt werden kann, bleibt nur die Möglichkeit, auf Spenden zurückzugreifen. Um auf die Bedeutung der Blutspende aufmerksam zu machen und neue Spender:innen zu gewinnen, veranstaltet das Zentrum für Transfusionsmedizin und Zelltherapie Berlin (ZTB) zusammen mit dem Wacken Open Air (W:O.A) am 19. Dezember ein vorweihnachtliches Event. Live auf dem Campus Charité Mitte: Die beiden Bands Saltatio Mortis und Beyond The Black. „Viele Operationen, Transplantationen und Tumorbehandlungen sind nur mit Hilfe von Blutkonserven möglich. Allein an der Charité – Universitätsmedizin Berlin werden jährlich rund 50.000 Erythrozytenkonzentrate benötigt, die aus Blutspenden gewonnen werden“, sagt Prof. Axel Pruß, Ärztlicher Zentrumsdirektor des ZTB. „Wir sind dankbar für jeden Menschen, den wir für eine Blutspende gewinnen können. Deshalb freuen wir uns auch sehr, dass uns das Wacken Open Air dabei unterstützt.“ Live vor Ort: Saltatio Mortis und Beyond The Black Der Weihnachtsmarkt am ZTB bietet nicht nur die Möglichkeit zur Blutspende (während der Öffnungszeiten des ZTB), sondern auch eine vorweihnachtliche Atmosphäre mit heißen Getränken und Leckereien vom Grill. Ein besonderes Highlight sind die Mini-Konzerte von Saltatio Mortis und Beyond the Black, die beide ein Akustik-Set spielen werden. Außerdem gibt es bei einer Tombola verschiedene Preise zu gewinnen. Der Erlös der Tombola kommt der Kinderonkologie der Charité zugute. Beginn ist um 11 Uhr im Hof des ZTB (Schumannstraße 22, neben der Hauptzufahrt des Campus Charité Mitte). Um 13.30 Uhr spielen Beyond the Black ein Akustik-Set und geben anschließend Autogramme. Saltatio Mortis beginnen um 16 Uhr mit einer Autogrammstunde und spielen um 17 Uhr ein Akustik-Set. Der Markt endet um 19 Uhr. Blutspende-Einrichtung der Charité und Wacken Open Air kooperieren Das Wacken Open Air engagiert sich seit über 13 Jahren mit verschiedenen Aktionen für die Blutspende. So gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, mit einem speziellen Blutspendepass „Official W:O:A Blood Donor“ zu werden. Auch im kommenden Jahr sind wieder Projekte zusammen mit der Blutspende-Einrichtung der Charité geplant. „Die Kombination aus Musik, Gemeinschaft und sozialem Engagement macht dieses Event einzigartig. Wir hoffen auf zahlreiche Metalheads, die bereit sind, ihr Blut zu spenden und damit anderen zu helfen“, so die Wacken-Open-Air-Gründer und -Veranstalter Holger Hübner und Thomas Jensen.
Intel und Charité entwickeln gemeinsam KI-Lösungen zur besseren Gesundheitsversorgung 05-12-2024
Der Halbleiterhersteller Intel und die Charité – Universitätsmedizin Berlin starten eine gemeinsame Initiative zur Verbesserung der Nutzung von Gesundheitsdaten für das Krankenhauspersonal und Patient:innen durch Künstliche Intelligenz. Hierfür haben beide Seiten eine entsprechende Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) geschlossen. Ziel ist es, eine digitale Umgebung zu schaffen, die als Grundlage für eine Reihe von Anwendungen im Bereich der Krankenversorgung genutzt werden kann. Damit sollen sowohl das medizinische Personal bei der täglichen Arbeit als auch die Patient:innen während ihres Klinikaufenthalts unterstützt werden. Für ein initiales Projekt entwickelt Intel zunächst den Prototyp eines Chatbots. Anschließend werden gemeinsam mit der Charité typische Anwendungsfälle aus verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel der Krankenversorgung oder der Forschung, entwickelt. Der Chatbot wird voraussichtlich bereits in der zweiten Jahreshälfte 2025 als Pilot zur Verfügung stehen. Die Partnerschaft zwischen Intel und der Charité ist über das Pilotprojekt hinaus langfristig angelegt. Davon soll das Krankenhauspersonal zukünftig im täglichen Betrieb profitieren. So können mithilfe der Anwendung beispielsweise der Zugang zu spezifischen Informationen im Klinikalltag erleichtert und die Qualität der erfolgten Behandlung besser überwacht und mögliche Aktionen eingeleitet werden. Perspektivisch soll den Patient:innen der Zugang zu Informationen über ihren persönlichen Gesundheitszustand und Behandlungsverlauf mithilfe einer Reihe von Anwendungen erleichtert werden. Es ist zunächst vorgesehen, die Technologie zur Überprüfung der Behandlungsqualität anhand von ärztlichen Entlassbriefen bei ausgewählten Krankheitsbildern zu nutzen. Längerfristig ist geplant, über die Analyse von Patientendokumenten mittels RAG-Technologie auch Krankheitsverläufe besser vorhersehen zu können. Die RAG-Technologie (Retrieval-Augmented Generation) zur Verarbeitung natürlicher Sprache basiert auf einer von Intel entwickelten Umgebung und kombiniert die Stärken von abfragebasierten und generativen KI-Modellen. Bei der Umsetzung des Projektes haben Sicherheit, Datenschutz und Zuverlässigkeit oberste Priorität für die beiden Kooperationspartner, um eine datenschutzgerechte Nutzung der Gesundheitsdaten und damit das Vertrauen der Patient:innen sicherstellen zu können. „Um die Patientenversorgung und den Klinikbetrieb zu verbessern sowie die Charité für die Zukunft gut aufzustellen, gehen wir bei der Umsetzung von KI-Methoden voran. In institutsübergreifenden Kooperationen entwickeln Wissenschaftler:innen dafür ganzheitlich innovative KI-Ansätze. Mit Intel wollen wir verschiedene Use Cases umsetzen und ein Dialogsystem entwickeln, das das Klinikpersonal bei der täglichen Arbeit und die Patient:innen während ihres Klinikaufenthalts unterstützt“, sagt Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels im Gesundheitsbereich ist es umso wichtiger, den Arbeitsalltag für das Klinikpersonal so effizient wie möglich zu gestalten, um mehr Zeit für die Bedürfnisse und Belange der Patient:innen zu haben. Mit der von Intel entwickelten Chatbot-Anwendung leisten wir hier einen wichtigen Beitrag, um den täglichen Klinikbetrieb zu vereinfachen“, erklärt Sonja Pierer, Geschäftsführerin Intel Germany Services GmbH.
Mehr Unterstützung für Long-COVID-Erkrankte 04-12-2024
Long COVID ist eine Herausforderung für Betroffene und Behandelnde: Die Diagnostik ist komplex, die Versorgungsstrukturen sind oft unzureichend und bislang gibt es keine heilenden Therapien. Das trifft vor allem die Menschen hart, die an schweren Ausprägungen eines postakuten Infektionssyndroms (PAIS) leiden. Ein neues Forschungsprojekt an der Charité – Universitätsmedizin Berlin soll die Versorgung dieser Patient:innen verbessern. Es wird vom Bundesministerium für Gesundheit mit rund 10 Millionen Euro gefördert. Nach aktuellen Schätzungen leben derzeit allein in Berlin 200.000 Menschen mit postakutem Infektionssyndrom (PAIS) – also Erkrankungen, die nach der akuten Phase einer Infektion auftreten. Wie es gelingen kann, diese Patient:innen möglichst von Beginn an umfassend medizinisch zu betreuen, wird im Projekt „Post Acute Infectious Syndromes Interdisciplinary Care Berlin“ erforscht. Im Mittelpunkt steht ein strukturiertes Diagnostik- und Therapiekonzept, das an die bestehenden Berliner Strukturen für die interdisziplinäre und sektorübergreifende PAIS-Versorgung andockt. Basis dafür sind die bereits etablierten Netzwerke aus Charité Fatigue Centrum, Post-COVID-Netzwerk der Charité und Long-COVID-Netzwerk der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Der Startschuss für das Projekt fällt heute mit einer Auftaktveranstaltung an der Charité. „Wir freuen uns außerordentlich über die Förderung, die es uns ermöglicht, die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit postakutem Infektionssyndrom in unserer Stadt nachhaltig zu verbessern. In dem Projekt gehen Forschung und Praxis Hand in Hand, um Lösungen für die Herausforderungen im Gesundheitswesen zu entwickeln. Von den Erkenntnissen werden auch über die Grenzen Berlins hinaus viele Menschen profitieren“, sagt Prof. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité. PAIS: Langanhaltende Beschwerden nach Infektionen Mit dem Projekt soll eine Versorgungslücke geschlossen werden, die Menschen mit Post-COVID-Syndrom (PCS, umgangssprachlich Long COVID) betrifft, aber auch solche, die nach anderen Infektionen erkrankt sind. Man spricht von PCS, wenn drei Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion noch immer gesundheitliche Beschwerden bestehen, die über mindestens zwei Monate andauern und nicht anderweitig zu erklären sind – beispielsweise eine starke, anhaltende Schwäche und Erschöpfung, die auch als Fatigue bezeichnet wird. Weitere Symptome sind unter anderem Kreislauf- und Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisprobleme. Einer aktuellen Übersichtsarbeit zufolge sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung von PCS betroffen. Eine der schwersten Ausprägungen von Long COVID ist die Krankheit Chronisches Fatigue Syndrom/Myalgische Enzephalomyelitis (ME/CFS), die im schlimmsten Fall Betroffene zum Pflegefall werden lässt. Aber auch das Posturale Tachykardie-Syndrom kann zu schweren Einschränkungen führen. Diese Erkrankungen können auch nach verschiedenen anderen Infektionen auftreten und wurden bereits vor der COVID-Pandemie vermehrt beobachtet. Auslöser sind zum Beispiel eine Virusgrippe oder eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber). Herausforderung Diagnose und Therapie Da die Symptome des postakuten Infektionssyndroms sehr vielfältig sind, sind Diagnose und Therapie eine große Herausforderung. Die Folge: Vor allem die schwerkranken PAIS-Patient:innen sind derzeit oft unzureichend medizinisch versorgt – auch weil bei Ärztinnen und Ärzten das nötige Wissen darüber begrenzt ist. „Bereits vor der COVID-19-Pandemie waren in Europa schätzungsweise 300.000 Menschen an ME/CFS erkrankt und die vorliegenden Daten lassen vermuten, dass sich ihre Zahl infolge der Pandemie verdoppelt hat. Studien zeigen, dass die meisten ME/CFS-Erkrankten anhaltend schwer krank sind. Neben der intensiven Suche nach wirksamen Therapien für das postakute Infektionssyndrom brauchen wir deshalb auch Versorgungsstrukturen, innerhalb derer die Betroffenen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und klinischer Erfahrung interdisziplinär betreut werden“, sagt Prof. Carmen Scheibenbogen, stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie und Leiterin des Projekts. Strukturiertes Betreuungsprogramm zur umfassenden Versorgung Im Rahmen des Projekts PAIS Care Berlin werden solche interdisziplinären Versorgungsstrukturen jetzt erprobt und evaluiert. Durch ein strukturiertes Betreuungsprogramm sollen Menschen, die nach einer Infektion anhaltend krank bleiben, frühzeitig und umfassend versorgt werden. Dabei sollen auch Faktoren identifiziert werden, die mit Erholung sowie mit langsamer Genesung oder Chronifizierung in Verbindung stehen. Hausarztpraxen spielen in dem Projekt eine zentrale Rolle, weil sie für Betroffene oft die erste Anlaufstelle sind und dort die Diagnose gestellt und therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden. Schwere oder komplexe Fälle können zeitnah an die sechs beteiligten Hochschulambulanzen überwiesen werden. Auch die Einbindung von Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen ist ein wichtiger Bestandteil des neuen Versorgungskonzeptes. Bedarfsgerechte Angebote schaffen Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte, bedarfsgerechte Versorgungsangebote zu schaffen, indem bestehende Strukturen vor allem der ambulanten Versorgung besser strukturiert und effizienter gemacht werden und – wo nötig – neue Angebote geschaffen werden. Die Ergebnisse von PAIS Care sollen der Verbesserung der Versorgung aller Betroffenen dienen. Eine Teilnahme an der Studie ist ab Mai 2025 möglich. Patient:innen, die länger als vier Wochen nach einer Infektion anhaltende Beschwerden wie Fatigue und Leistungsminderung haben und an der Studie teilnehmen möchten, wenden sich dazu an eine der am Projekt teilnehmenden Hausarztpraxen. Weitere Informationen zu dem Projekt und Kontaktdaten gibt es auf der Webseite des Post-Covid-Netzwerks oder des Charité Fatigue Centrums.
Berufung: Martin Möckel übernimmt neue Charité-Professur für Notfallmedizin 02-12-2024
Martin Möckel hat zum 1. Dezember die Professur für Notfallmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit ist weiterhin die Ärztliche Leitung der Notfall- und Akutmedizin am Campus Charité Mitte und am Campus Virchow-Klinikum verbunden, die er seit 2010 innehat. Die neu geschaffene Professur gehört zu den wenigen in Deutschland und zielt darauf ab, die Notfallmedizin in der klinischen Praxis sowie insbesondere als akademisches Fachgebiet weiterzuentwickeln. Prof. Martin Möckel ist Facharzt für Innere Medizin, Internistische Intensivmedizin, Nephrologie und Kardiologe. Er ist seit 2007 an der Charité, zunächst als außerplanmäßiger Professor für Innere Medizin, 2012 wurde er zum Professor für Kardiovaskuläre Prozessforschung berufen. Seit 2022 ist er zudem Prodekan für Studium und Lehre mit klinischem Schwerpunkt. Der gebürtige Hamburger zu seiner neuen Professur: „Es ist mir eine große Ehre und motiviert mich, die Notfallversorgung durch Forschung und Lehre weiter zu verbessern. Die Charité ist innovativ und national federführend mit der Besetzung der ersten W3-Professur für Notfallmedizin an einer staatlichen Hochschule. So können wir die Zukunft der Notfallmedizin noch zielbewusster gestalten und auch in der Forschung international anschließen. Mit dieser Professur verbindet sich für mich der Anspruch, die Sichtbarkeit und Exzellenz des Faches weiter zu steigern.“ Zur klinischen Expertise von Prof. Möckel gehört insbesondere die Notfallversorgung mit all ihren Facetten: „Ein großes Ziel ist es, die interprofessionelle und interdisziplinäre Notfallversorgung mit dem Fokus auf den maximal möglichen Therapien bei komplexen und seltenen Erkrankungen durch ein hochprofessionelles Kernteam weiterzuentwickeln. Im Sinne der Krankenhausreform wollen wir koordinierende Aufgaben im Land übernehmen und die Medizinstrategie der Charité maßgeblich unterstützen. Der Ausbau der notfallmedizinischen Hochschulambulanz soll noch stärker als Bindeglied zu niedergelassenen Ärzt:innen etabliert werden. Darüber hinaus ist die Notfallmedizin ein wichtiger Baustein in der Aus- und Weiterbildung von Ärzt:innen in allen Qualifikationsstufen.“ Der wissenschaftliche Fokus des Klinikers liegt vor allem auf der Forschung zu Biomarkern bei kardiovaskulären Notfällen, der akuten Herzinsuffizienz und dem Myokardinfarkt sowie den Patient Reported Outcomes und der Versorgungsforschung. Er betont: „Als Gründungsmitglied der Charité-Plattform Versorgungsforschung sehe ich diese als eine zentrale Kompetenz der Notfallmedizin. So untersuchen wir beispielsweise mit dem Innovationsfondprojekt INDEED, wie Patient:innen das Gesundheitssystem vor und nach einer Behandlung in der Notaufnahme in Anspruch nehmen. Zudem beschäftige ich mich in klinischen Studien mit der frühen Phänotypisierung und Diagnostik bei Patient:innen mit kardiovaskulären Symptome, Infektionen und Sepsis. Darüber hinaus ist die Digitalmedizin ein besonderer Schwerpunkt und ein Zukunftsfeld bei der Steuerung der Patient:innen und der Risikostratifizierung.“ Mit der Professur ist gleichermaßen die Lehre für die Studierenden, die postgraduale Aus- und Weiterbildung sowie die Nachwuchsförderung von Mediziner:innen und Wissenschaftler:innen verbunden: „Mir liegt die Vermittlung der Besonderheit und Wichtigkeit des Fachgebiets für den medizinischen Nachwuchs sehr am Herzen. Dafür benötigen wir eine exzellente interprofessionelle Lehre mit dem Fokus auf die frühe Entwicklung der Kompetenzen unserer Studierenden sowie im Hinblick auf die interprofessionelle Kommunikation, die Notfallversorgung in Simulationsumgebungen und praktische klinische Fertigkeiten einschließlich der Notfallsonographie.“ Kurzvita Martin Möckel ist am 29. Juli 1963 in Hamburg geboren und in Norderstedt aufgewachsen. Von 1985 bis 1991 studiert er Humanmedizin an der Freien Universität Berlin. 1992 folgen die Promotion, 1995 die Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin, 1998 der Facharzt für Innere Medizin sowie 2000 die spezielle internistische Intensivmedizin. Ab 2001 folgen Habilitation und Lehrbefugnis sowie die Facharztbezeichnungen für Nephrologie und Kardiologie. An der Charité wird Martin Möckel 2007 zunächst außerplanmäßiger Professor für Innere Medizin und erlangt in der Folgezeit die Zusatzbezeichnung Klinische Notfall- und Akutmedizin. Von 2009 bis 2019 ist er zusätzlich Gastprofessor für Epidemiologie an der James Cook University Townsville in Australien. 2010 übernimmt Prof. Möckel die Ärztliche Leitung der Notfall- und Akutmedizin am Campus Charité Mitte und am Campus Virchow-Klinikum. Ab 2012 hat er die Professur für Kardiovaskuläre Prozessforschung inne. In den Jahren 2020 und 2021 ist er Sprecher der Charité-Plattform Versorgungsforschung und ab 2022 Prodekan für Studium und Lehre mit klinischem Schwerpunkt. Darüber hinaus ist er unter anderem Mitglied und Fellow der European Society of Cardiology (FESC), Internationaler Fellow der American Heart Association (FAHA), von 2021 bis 24 Sprecher des Komitees für Forschung der EUSEM, Mitglied des Advisory Boards zur eEducation der DGIM sowie Kommissionsmitglied „Digital Medicine“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM).
Sonntagsvorlesung „Gutes Essen, schlechtes Essen? So genießen Sie gesund!“ 26-11-2024
Wie beeinflusst die Ernährung unser Wohlbefinden? Kann die richtige Ernährungsweise helfen, chronische Erkrankungen zu lindern oder sogar zu heilen? Und: Wo bleibt hier eigentlich der Genuss? Diese und weitere Fragen werden in der Sonntagsvorlesung am 1. Dezember thematisiert. Dr. Stefan Kabisch von der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin spricht über verschiedene Ernährungsformen und erläutert, wie wir unseren Stoffwechsel ankurbeln und unser Energielevel steigern können. Zudem erklärt der Ernährungsforscher, was es mit der Ernährungspyramide auf sich hat, ob Essen auch Medizin sein kann und wie wichtig das Genießen ist. Darüber hinaus informiert der Charité-Experte über wissenschaftliche Studien und die neuesten Erkenntnisse aus derForschung. Die Sonntagsvorlesung „Gutes Essen, schlechtes Essen? So genießen Sie gesund!“ findet statt am 1. Dezember um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Ankündigungsvideo Mehr zu den Inhalten der Vorlesung erzählt Dr. Stefan Kabisch im Kurzvideo. Wichtiger Hinweis Ton-, Foto- und Videoaufzeichnungen der Sonntagsvorlesung sowie deren Verbreitung sind nicht gestattet. Sonntagsvorlesung nachgehört Die Vorlesung kann im Nachhinein als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Neu bei „Sonntagsvorlesung nachgehört“ sind die Vorträge „Bye-bye Rückenschmerz: So wird Ihr Rücken wieder fit!“ und „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“ sowie „Chronischen Entzündungen auf der Spur“ sowie „Gesund älter werden. Wie geht das?“. Zur Sonntagsvorlesung Mit der Neuauflage der Sonntagsvorlesungen wurde 2008 eine mehr als 30-jährige Tradition der Charité neu belebt, die am 13. März 1977 erstmals ins Leben gerufen worden war. Ziel der Vorlesungen ist es, der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig neueste Informationen zu verschiedensten medizinischen Themen zu präsentieren. Dabei sprechen Expert:innen der Charité über Diagnostik, Therapie und Prävention sowie Forschungsprojekte und neueste Erkenntnisse.
Lichtaktion zum Welt-Frühgeborenen-Tag: „Light it up purple!“ am 17. November 15-11-2024
Anlässlich des Welt-Frühgeborenen-Tages beteiligt sich die Charité an der weltweiten Lichtaktion „Light it up purple!“. Am Sonntag, den 17. November wird der historische Wasserturm am Campus Virchow-Klinikum von ca. 17 bis 23 Uhr lilafarben angestrahlt. Ziel des Aktionstages ist es, auf die Herausforderungen und Bedürfnisse von Frühgeborenen und ihren Familien aufmerksam zu machen. Denn: Trotz aller medizinischen Fortschritte gehört eine zu frühe Geburt auch in Deutschland und Europa noch zu den größten Bedrohungen für das Leben und die Gesundheit von Kindern. In Deutschland kommt etwa jedes zehnte Kind zu früh auf die Welt. Mehr als 15 Prozent der Kinder werden in spezialisierten Kliniken, meist auf Intensivstationen, versorgt – mehr als ein Prozent aller Babys wiegt bei der Geburt sogar weniger als 1.500 Gramm. Vor allem Frühgeborene mit sehr niedrigem Geburtsgewicht benötigen über lange Zeit hinweg eine interdisziplinäre medizinische Betreuung sowie eine spezielle Förderung. Mit bundesweit rund 64.500 Neugeborenen pro Jahr sind die Frühgeborenen die größte Patientengruppe in der Kinder- und Jugendmedizin. Ebenso wie die Kinder brauchen auch die Eltern besondere Unterstützung, denn häufig kommt der frühe Start ins Elterndasein unerwartet und trifft sie unvorbereitet. Zudem sind die jungen Eltern extremen emotionalen Belastungen ausgesetzt und brauchen medizinische, soziale und psychologische Unterstützung. An der Charité gibt es dafür beispielsweise die Elternberatung sowie die Babylotsen, die die Familien bei allen relevanten Fragen helfen und ihnen weitergehende Unterstützungsangebote in Wohnortnähe vermitteln. Zudem unterstützt der Förderverein für Frühgeborene an der Charité, Eltern und Kinder aktiv beim Wachsen. Der Verein wurde 1999 von Eltern, Kinderkrankenschwestern, Ärzt:innen und Interessierten mit dem Ziel gegründet, die Situation für Frühgeborene und ihre Eltern entscheidend zu verbessern. In diesem Jahr feiert der Verein sein 25-jähriges Jubiläum. Darüber hinaus ist die Charité an dem neuen Innovationsfondsprojekt „Welcome“ beteiligt. Das Projekt unterstützt Familien nach der Klinikentlassung mit telemedizinischer Expertise. Ziel ist es, den Übergang ins eigene Zuhause zu verbessern und die Familien aus der Klinik heraus in der gewohnten Umgebung zu unterstützen. Das Projekt soll den Familien zusätzlich zu bestehenden Angeboten digitale Unterstützung bieten: Eine maßgeschneiderte App, regelmäßige Videosprechstunden und eine Lernplattform helfen, das Ankommen zu erleichtern. Die Eltern bekommen für zu Hause noch ein Stethoskop, ein Maßband, eine Waage und einen Pulsmesser sowie ein Tablet für die Kommunikation. Das vierjährige Projekt des LMU Klinikum, der Charité und der Techniker Krankenkasse sowie weiteren Partnern ist im Oktober mit der Vorbereitungsphase gestartet, im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres sollen bereits die ersten Kinder und ihre Eltern am LMU Klinikum und an der Charité in die Studie eingeschlossen werden. Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) fördert das interdisziplinäre Forschungsprojekt von Pflege, Medizin und sozialmedizinischer Nachsorge mit über 5,8 Millionen Euro. Welt-Frühgeborenen-Tag Der Welt-Frühgeborenen-Tag findet seit 2008 jährlich am 17. November statt. Elternvertreter:innen in Europa, Afrika, Amerika und Australien machen über Landesgrenzen hinweg auf Frühgeburt und ihre Folgen aufmerksam. An der Lichtaktion beteiligen sich Einzelpersonen und Organisationen aus mehr als 100 Ländern weltweit und tragen so zu einem verbindenden Element rund um den Globus bei.
Vorhersage für Behandlungserfolg bei chronisch-entzündlicher Darmerkrankung möglich 07-11-2024
Therapien gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen schlagen nicht bei allen Betroffenen gleich gut an. Was individuell funktioniert, muss im Behandlungsprozess ausgetestet werden. Einem Forschungsteam unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin ist es nun zusammen mit Kolleg:innen in Berlin und Bonn gelungen, einen Biomarker ausfindig zu machen, der anzeigt, ob die Therapie mit einem bestimmten immunmodulierenden Medikament erfolgreich sein wird oder nicht. Er erlaubt einen gezielteren Einsatz der Therapie, wie die Forschenden im Fachmagazin Gastroenterology* schreiben. Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden durch unkontrollierte Aktivierung von Immunzellen im Darm hervorgerufen. Die Betroffenen leiden unter Bauchschmerzen, Durchfall und Müdigkeit. Heilbar sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen nicht. Bislang können nur die Symptome gelindert und die Entzündung kontrolliert werden. „Als klinischer Wissenschaftler bin ich in die Betreuung von Patient:innen aktiv eingebunden“, sagt Prof. Ahmed Hegazy von der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie der Charité. „Da die Krankheit in Schüben erfolgt und oft unvorhersehbar aufflammt, muss die Behandlung immer wieder neu angepasst werden. Eine Vorhersage des individuellen Krankheitsverlaufs und des Ansprechens der Patient:innen auf unterschiedliche Therapieoptionen ist bislang nicht möglich – das macht die Behandlung so herausfordernd.“ Als sehr wirksame und nebenwirkungsarme Behandlungsmöglichkeit gilt die sogenannte Anti-Integrin-Therapie. Sie verhindert, dass bestimmte Immunzellen in den Darm eindringen und Entzündungsprozesse auslösen. Das Medikament Vedolizumab, ein spezifischer Antikörper, wirkt dabei als Blocker: Es bindet sich an die T-Helferzellen, die dadurch nicht mehr in den Darm einwandern können. „Bei rund zwei Drittel der Patient:innen ist die Anti-Integrin-Therapie sehr wirksam. Bei einem Drittel dagegen gar nicht. Bei wem die Therapie wirkt, können wir bislang nur durch Ausprobieren herausfinden. Das ist mühsam, zeit- und kostenintensiv und für die Betroffenen oftmals ziemlich frustrierend“, sagt Ahmed Hegazy. „Hilfreich wäre ein Biomarker, der vorab anzeigen kann, ob die Therapie erfolgversprechend sein wird oder nicht. Genau danach haben wir in unserer Studie gesucht.“ Maschinelles Lernen hilft beim Erkennen von Mustern Grundlage für die umfangreichen Untersuchungen waren 47 Patient:innen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Ihnen wurde vor und sechs Wochen nach Beginn der Behandlung mit Vedolizumab Blut abgenommen. Die Proben untersuchten die Forschenden mithilfe moderner Analysemethoden wie Massenzytometrie, Einzelzell-RNA-Sequenzierung und Serumproteomik. „Wir haben verschiedene Arten von Immunzellen und bestimmte Proteine in den Fokus genommen und Ausschau nach möglichen Veränderungen gehalten, die sich durch die Therapie ergaben“, erklärt Ahmed Hegazy. „Die umfangreichen Daten durchliefen eine Analyse unter Anwendung von maschinellem Lernen. Maschinelles Lernen ist ein Bereich der künstlichen Intelligenz, der Algorithmen und statistische Modelle nutzt, damit Computer aus Daten lernen und Muster erkennen können, ohne explizit programmiert zu werden. Auf diese Weise konnten wir tatsächlich Muster identifizieren, die dabei helfen vorherzusagen, welche Patient:innen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die Therapie ansprechen werden.“ Dieselben Muster fand das interdisziplinäre Team aus Medizin, Bioinformatik, Mathematik und Biologie, dem auch Forschende des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ), ein Leibniz-Institut, und der Universität Bonn angehörten, in Untersuchungen mit einer weiteren Patientengruppe. Sie bestand aus 26 Teilnehmenden, anhand derer die Forschenden ihre Untersuchungsergebnisse bestätigten. Biomarker hoch – Behandlungserfolg gering Ein besonders aussagekräftiges Molekül war das Zellteilungsprotein KI67, das verstärkt von sich teilenden T-Helferzellen produziert wird. Patient:innen, bei denen vor der Therapie eine hohe Anzahl solcher Zellen im Blut nachgewiesen wurde, zeigten keinen Therapieerfolg mit Vedolizumab. „Wir konnten das molekulare Phänomen dahinter entschlüsseln: Diese T-Helferzellen besitzen keine Bindungsstelle für Vedolizumab, sodass sie ungehindert in den Darm einwandern und Entzündungen weiter befeuern können“, erklärt Hegazy. „Diese Zellen bilden alternative Oberflächenstrukturen, die ihre Wanderung in den Darm ermöglichen. Aus diesem Grund ist KI67 ein guter Indikator für das Vorhandensein Vedolizumab-resistenter T-Helferzellen.“ Auf dem Weg in die klinische Praxis Ihre Ergebnisse wollen die Forschenden in großangelegten multizentrischen Studien verifizieren und die Zuverlässigkeit des gefundenen Biomarkers eingehend prüfen. Sie werden die Nachweis- und Messmethode weiterentwickeln, sodass sie in die klinische Routine integriert werden kann. „Zuverlässige Biomarker sind der Schlüssel für eine individualisierte Therapie und damit eine bessere Behandlung für unsere Patient:innen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen“, sagt Prof. Britta Siegmund, Direktorin der Klinik. Die Entscheidung für die individuell passende Therapieform kann dann schneller und gezielter getroffen werden. Ein Schritt in Richtung personalisierter Medizin, der den Betroffenen frühzeitig Klarheit gibt.
Sonntagsvorlesung „Bye-bye Rückenschmerz: So wird Ihr Rücken wieder fit!“ 29-10-2024
Rückenprobleme sind die häufigste Schmerzerkrankung in Deutschland und fast jeder von uns hat mindestens einmal im Leben spürbare Schmerzen im Rückenbereich. Sind langes Sitzen, Übergewicht und Alterserscheinungen die größten Risikofaktoren und welchen Anteil hat emotionaler Stress? Doch wie kann ich meinen Rücken stärken und was kann ich tun, wenn erste Schmerzen auftreten? Diese und weitere Fragen werden in der Sonntagsvorlesung am 3. November thematisiert. PD Dr. Anett Reißhauer, Leiterin des Arbeitsbereiches Physikalische Medizin und Rehabilitation der Charité, beschreibt zudem den Unterschied zwischen akuten und chronischen Rückenschmerzen und hebt die Bedeutung von Diagnostik und individuellen Therapieansätzen hervor. Sie spricht über die Möglichkeiten der Prävention und erläutert, was wir selbst bei ersten Schmerzanzeichen tun können. Ein Sporttherapeut zeigt ergänzend auch praktische Übungen für den Alltag. Im Anschluss gibt es die Möglichkeit für Fragen aus dem Publikum. Die Sonntagsvorlesung „Bye-bye Rückenschmerz: So wird Ihr Rücken wieder fit!“ findet statt am 3. November um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Ankündigungsvideo Mehr zu den Inhalten der Vorlesung erzählt PD Dr. Anett Reißhauer im Kurzvideo Wichtiger Hinweis Ton-, Foto- und Videoaufzeichnungen der Sonntagsvorlesung sowie deren Verbreitung sind nicht gestattet. Sonntagsvorlesung nachgehört Die Vorlesung kann im Nachhinein als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Neu bei „Sonntagsvorlesung nachgehört“ sind die Vorträge „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“ und „Chronischen Entzündungen auf der Spur“ sowie „Gesund älter werden. Wie geht das?“. Zur Sonntagsvorlesung Mit der Neuauflage der Sonntagsvorlesungen wurde 2008 eine mehr als 30-jährige Tradition der Charité neu belebt, die am 13. März 1977 erstmals ins Leben gerufen worden war. Ziel der Vorlesungen ist es, der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig neueste Informationen zu verschiedensten medizinischen Themen zu präsentieren. Dabei sprechen Expert:innen der Charité über Diagnostik, Therapie und Prävention sowie Forschungsprojekte und neueste Erkenntnisse.
Parkinson: Hirnstimulation kann Dopamineffekt nachahmen 10-10-2024
Verlangsamte Bewegung, Zittern, steife Muskeln: Symptome, die für eine Parkinson-Erkrankung typisch sind. Verantwortlich ist der Verlust des auch als Glückshormon bekannten Botenstoffes Dopamin, der zum Übermitteln von Hirnsignalen beiträgt. In der Therapie von Parkinson wird er medikamentös ersetzt, oft begleitet von Nebenwirkungen. Mittels tiefer Hirnstimulation können elektrische Impulse die Wirkung des Dopamins nachahmen, wie Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin jetzt zeigen konnten. In der Fachzeitschrift Brain* beschreiben sie den Einfluss des Botenstoffes auf Hirnnetzwerke, die die Absicht einer Bewegung weiterleiten. Ziel ist es, die tiefe Hirnstimulation weiterzuentwickeln. Was passiert im Gehirn in den Sekunden, bevor sich ein Arm hebt oder eine Hand schließt? Welche Rolle hat der Botenstoff Dopamin bei der Kommunikation der verantwortlichen Hirnschaltkreise? Und ließe sich möglicherweise durch eine gezielte Stimulation von Hirnarealen der Effekt von Dopamin nachempfinden? Diese Fragen stellte sich ein Forschungsteam um die Neurowissenschafter:innen Prof. Andrea Kühn, Prof. John-Dylan Haynes und Prof. Wolf-Julian Neumann an der Charité. Im Sonderforschungsbereich ReTune unter Federführung des Nachwuchswissenschaftlers Richard Köhler sowie gemeinsam mit internationalen Kolleg:innen arbeitet das Team daran, die Behandlung von Patient:innen mit Bewegungsstörungen durch tiefe Hirnstimulation voranzubringen. Hierbei werden feine Elektroden ins Gehirn eingesetzt. Sie senden elektrische Impulse an Nervenzellen, die bestimmte Bewegungen beeinflussen. Realisiert werden die dazu notwendigen neurochirurgischen Eingriffe unter anderem an der Charité. Ein Schlüsselsymptom der Parkinson-Erkrankung ist der Verlust der Fähigkeit, Bewegungen willentlich auszulösen. Erkrankte führen Bewegungen daher nur verlangsamt aus. Man nennt dies Akinese. Zurückzuführen ist die Störung auf einen Mangel des Neurotransmitters Dopamin. Seine Aufgabe ist es, Informationen im Gehirn weiterzuleiten. „Das Dopaminsystem ist essenziell für menschliches Verhalten, für Gefühlswahrnehmungen oder das Ansprechen auf Belohnungen, aber auch für das Planen und Durchführen von Bewegungen“, erklärt Studienleiter Wolf-Julian Neumann. „Auf welche Weise der Botenstoff Einfluss auf die Absicht nimmt, eine Bewegung anzustoßen und inwiefern die tiefe Hirnstimulation diesen Effekt nachahmen kann, war bisher nicht bekannt.“ Diese entscheidende Wissenslücke wollten die Forschenden schließen und den Weg für neue Therapieverfahren bahnen. Maschinelles Lernen hilft beim „Gedankenlesen“ Parkinson ist die am schnellsten zunehmende Hirnerkrankung weltweit. Betroffene sind in ihrer Lebensqualität deutlich eingeschränkt, eine Heilung gibt es nicht. Die Behandlung erfolgt in der Regel mit Medikamenten, die das fehlende Dopamin ersetzen. Nach einigen Jahren lässt die Wirkung jedoch nach und stark beeinträchtigende Nebenwirkungen stellen sich ein. Für einige Patient:innen kommt in dieser Situation eine tiefe Hirnstimulation infrage. Um das Verfahren noch wirkungsvoller und präziser zu gestalten, haben die Neurowissenschaftler:innen dort angesetzt, wo Bewegungen entstehen, und untersucht, wie sie im Gehirn vorbereitet werden. „Wir haben uns eine Kombination recht außergewöhnlicher Methoden zunutze gemacht“, erklärt Andrea Kühn. „Bei Parkinson-Patient:innen, die sich einer neurochirurgischen Operation zur tiefen Hirnstimulation unterzogen hatten, haben wir Hirnsignale von Bewegung auslösenden Arealen der Hirnrinde und aus der Tiefe des Gehirns gemessen, während sie bewusste Bewegungen durchführten. Diese Hirnsignale haben wir anschließend über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle und mit Methoden des Maschinellen Lernens ausgelesen.“ So war es möglich, eine Bewegungsabsicht sehr früh, noch vor der eigentlichen Muskelaktivierung, aufzuspüren. Ohne den Einsatz der insgesamt 25 Patient:innen wäre eine solche Studie nicht möglich gewesen. Das Forschungsteam dankt ihnen daher ausdrücklich. Bereits Sekunden vor der eigentlichen Aktion konnten die Forschenden die Absicht zu einer Bewegung entschlüsseln. Um dem Einfluss von Dopamin auf die Spur zu kommen, wiederholten sie den Vorgang vor und nach einer Gabe des Botenstoffes – mit erstaunlichem Ergebnis: „Das Dopamin beschleunigt den Prozess von der Bewegungsintention, also dem Zeitpunkt, an dem das Gehirn erstmals anzeigt, dass eine Bewegung in Planung ist, bis zur eigentlichen Durchführung, deutlich. Auch die Frequenz der Hirnsignale ändert sich, was zu einer schnelleren Umsetzung einer Bewegung führt“, so der Hirnforscher John-Dylan Haynes. Grundlage für intelligente Hirnschrittmacher Der Verlust von Dopamin beim Parkinson-Syndrom beeinträchtigt die Kommunikation zwischen tiefen Hirnregionen und motorischer Hirnrinde, auch die Kommunikationsfrequenz verschiebt sich. Genau an dieser Stelle setzt das Team therapeutisch an: „Durch gezielte tiefe Hirnstimulation konnten wir den Effekt von Dopamin imitieren. Die Kommunikation im Hirnnetzwerk wurde schneller und die für Parkinson typische Bewegungsverzögerung verkürzte sich“, sagt Wolf-Julian Neumann. „Das ist besonders spannend, weil wir zukünftig die tiefe Hirnstimulation im Sinne einer intelligenten Gehirn-Computer-Schnittstelle einsetzen könnten“, blickt der Neurowissenschaftler nach vorn. „Sobald der Wille zu einer Bewegung ausgelesen wird, ließe sich mittels elektrischer Impulse der Weg bis zu ihrer Ausführung beschleunigen.“ Solche sogenannten Hirnschaltkreisprothesen können krankhaft veränderte Hirnsignalmuster korrigieren – in diesem Fall Bewegungsabsichten in Echtzeit entschlüsseln und eine Hirnstimulation anstoßen, sobald sich Patient:innen bewegen wollen. Weitere Forschungsarbeiten werden sich anschließen, um die Therapieform weiterzuentwickeln.
World Health Summit 2024: Wie weiter bei Klimawandel, Antibiotikaresistenzen, Frauen- und Kindergesundheit? 08-10-2024
Beim World Health Summit 2024 kommen führende Expert:innen aus Politik, Wissenschaft, Privatsektor und Zivilgesellschaft vom 13. bis 15. Oktober in Berlin zusammen, um über Lösungen für globale Gesundheitsprobleme zu sprechen. Mit hochrangigen Rednern, darunter Staats- und Regierungschefs wie Bundeskanzler Scholz, sowie mehreren tausend Teilnehmern aus der ganzen Welt gilt die Konferenz als eine der wichtigsten Plattformen für globale Gesundheitsfragen. Auch die Charité – Universitätsmedizin Berlin ist prominent im Programm vertreten. Der World Health Summit 2024 rückt die Themen Gesundheit in Zeiten des Klimawandels, Antibiotikaresistenzen, Frauen- und Kindergesundheit, Digitalisierung, künstliche Intelligenz sowie die Finanzierung globaler Gesundheit in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „Building Trust for a Healthier World“ dreht sich alles um eine gemeinsame, gesündere Zukunft – insbesondere derer, die bisher oft gesundheitlich unterversorgt sind, wie das in vielen Ländern bei Frauen der Fall ist. Globale Frauengesundheit und Pandemieprävention Wie sich die Charité im Rahmen von Kooperationen für die globale Frauengesundheit engagiert, wird Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, bei der Keynote Session „Investing in Women's Health“ erläutern. „Initiativen zur Verbesserung der Gesundheit von Frauen und Kindern sind nicht nur moralisch geboten, sondern für die Verwirklichung globaler Gesundheitsgerechtigkeit unerlässlich“, betont Prof. Kroemer. Prof. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité und wissenschaftlicher Leiter des Charité Center for Global Health, wird zum Thema Pandemievorsorge in der EU und im globalen Kontext sprechen. Um interdisziplinäre Ansätze zur Pandemievorbereitung geht es auch im Workshop-Beitrag von Prof. Carmen Scheibenbogen, Stellvertretende Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie der Charité. „Leveraging Global Health Strategies for Worldwide Impact“ lautet der Titel der Diskussion, bei der Prof. Beate Kampmann die Perspektive des Charité Center for Global Health und des Instituts für Internationale Gesundheit der Charité, dem sie als Direktorin vorsteht, einbringen wird. Prof. Petra Ritter, Direktorin der Sektion Gehirnsimulation an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité und am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), wird bei einer Panel-Diskussion zum European Health Data Space (EHDS) sprechen. Der Umgang mit der psychischen Belastung in und nach Krisen in Europa ist Thema des Diskussionsbeitrags von Dr. Valentyna Mazhbits vom Centrum für Affektive Neurowissenschaften der Charité. Finanzierung globaler Gesundheitsinitiativen Ein zentraler Programmpunkt des World Health Summit 2024 wird die Präsentation der Finanzierungsrunde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sein. Mit dieser Investment Round sollen innerhalb der nächsten vier Jahre Mittel bereitgestellt werden, um 40 Millionen krankheitsbedingte Todesfälle zu verhindern. Zu den Rednern dieser Session zählen der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz, der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus und Bill Gates, Vorsitzender der Gates Foundation. Außerdem werden u. a. Prof. Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit und Svenja Schulze, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erwartet. Teilnahme und Programm Das detaillierte Programm, das über 60 verschiedene Sessions umfasst, steht online zur Verfügung: https://www.conference.worldhealthsummit.org/Program/WHS2024. Die Registrierung für die Vor-Ort-Teilnahme am World Health Summit 2024 ist über den folgenden Link möglich: https://www.conference.worldhealthsummit.org/ Für Interessierte, die nicht persönlich anreisen können, wird das gesamte Programm online frei verfügbar sein: https://www.youtube.com/WorldHealthSummit
Prof. Knut Mai übernimmt Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin 02-10-2024
Prof. Knut Mai hat zum 1. Oktober die Professur für Innere Medizin mit Schwerpunkt Endokrinologie und Diabetologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin angetreten. Damit verbunden ist die Leitung der Medizinischen Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin (einschließlich Arbeitsbereich Lipidstoffwechsel) der Charité. Der Hormon- und Stoffwechselexperte hatte diese Funktion bereits seit vergangenem Jahr kommissarisch inne und folgt auf Prof. Joachim Spranger, der Anfang 2023 das Amt des Dekans an der Charité übernahm. Von Diabetes über Bluthochdruck und Schilddrüsenerkrankungen bis Krebs: Die Endokrinologie beschäftigt sich mit sehr vielfältigen Krankheiten. Ihnen gemeinsam ist, dass sie von hormonellen Prozessen im Körper beeinflusst werden. Viele von ihnen gehören zu den Seltenen Erkrankungen, betreffen also höchstens eine von 2.000 Personen. Das macht ihre Diagnose und Therapie zu einer besonderen Herausforderung. Die Verschränkung der Schwerpunkte Endokrinologie, Stoffwechsel und Seltene Erkrankungen spiegelt sich in den Funktionen, die Knut Mai zusätzlich zur Klinikdirektion innehat: So wird er weiterhin den Fachbereich Endokrinologie & Stoffwechsel bei der Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH, das Team Erwachsene des Berliner Centrum für Seltene Erkrankungen (BCSE) sowie den Studienstandort Berlin des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) leiten. Daneben ist er Leiter der Abteilung Humanernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). Persönlich zugeschnittene Krebstherapien und Ernährungspläne Knut Mai arbeitet darauf hin, Patient:innen mit endokrinologischen Erkrankungen neue Behandlungsansätze anbieten zu können, die immer stärker auf sie persönlich zugeschnitten sind. „Der Schlüssel dazu sind innovative Diagnostik sowie eine gute interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit“, sagt der Mediziner. Zum Beispiel im Bereich der seltenen endokrinen Tumoren: „Mit neuen molekularpathologischen Diagnostikmethoden und Bildgebungstechniken sowie in enger Zusammenarbeit mit Partnern innerhalb und außerhalb der Charité wollen wir vermehrt personalisierte Diagnostik- und Therapiekonzepte für Menschen mit Tumoren der Nebenniere, der Hypophyse oder der Schilddrüse entwickeln.“ Auch Patient:innen mit Diabetes und anderen kardiometabolischen Erkrankungen sollen künftig von einer individuelleren Behandlung profitieren. Dazu erforscht Knut Mai, welche Lebensstil- und Ernährungskonzepte bei welchen Menschen am erfolgversprechendsten sind. „Wie groß die Effekte einer Ernährungsumstellung sind, ist individuell sehr unterschiedlich“, erklärt er. „Mit meiner Forschung möchte ich Faktoren identifizieren, die vorhersagen können, wie gut die Umstellung auf eine bestimmte Ernährung bei einzelnen Personen umsetzbar ist und Wirkung zeigen wird. Auf Basis dieser Erkenntnisse wollen wir personalisierte Ernährungsstrategien entwickeln. Dabei spielt die Anpassung des Stoffwechsels auf Veränderungen von Nahrung, Lebensstil und Körpergewicht eine sehr große Rolle. Diese teilweise gewebsspezifische Anpassung wollen wir unter Nutzung von Multiomics-Techniken, also der detaillierten Analyse beispielsweise der Genaktivität und des Stoffwechsels, besser verstehen.“ Was ist die Perspektive der Betroffenen? Im Einklang mit der Strategie „Wir denken Gesundheit neu – Charité 2030“ der Berliner Universitätsmedizin will der neue Klinikdirektor künftig die Perspektive der Patient:innen noch stärker in den Fokus rücken. Dazu werden diese in einzelnen ambulanten Bereich seit rund einem Jahr mithilfe eines Tablets standardisiert befragt, wie sie ihren Gesundheitszustand während und nach einer Behandlung selbst einschätzen. „Patient Reported Outcome Measures“ (PROMs) nennt man solche Fragebögen. Knut Mai plant, die PROMs Schritt für Schritt auf weitere ambulante Bereiche der Klinik für Endokrinologie auszuweiten. Der Endokrinologe ist zudem Vorsitzender der PJ-Kommission, die die Organisation des Medizinischen Praktischen Jahres (PJ) der Studierenden am Ende ihrer akademischen Ausbildung verantwortet. Zu seinen Zielen im Bereich der Lehre sagt er: „Mir ist es ein besonderes Anliegen, die klinische Ausbildung evidenzbasiert und im engen Austausch mit den Studierenden weiterzuentwickeln. Wichtig ist mir auch, die interprofessionelle Zusammenarbeit und interdisziplinäre Behandlungsstrategien bereits im Studium zu vermitteln und wissenschaftliche Aspekte noch intensiver einzuflechten. Während des PJ sollten sich die Studierenden gut betreut fühlen und zugleich die Möglichkeit bekommen, konkret in der Patientenversorgung mitzuarbeiten, um sie auf die eigenständige Arbeit als Ärztin oder Arzt gut vorzubereiten.“
Prof. Leila Harhaus-Wähner übernimmt Charité-Professur und leitet Klinik am ukb 01-10-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Unfallkrankenhaus Berlin Leila Harhaus-Wähner hat am 1. Oktober die Professur für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Die Berufung erfolgt gemeinsam mit dem BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) und damit verbunden ist die Leitung der dortigen Klinik für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie. Charité-seitig ist die Professur dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) im Centrum für Orthopädie und Unfallchirurgie zugeordnet. Die Berufung von Prof. Harhaus-Wähner vertieft die Zusammenarbeit der beiden Einrichtungen und ist die erste von drei geplanten gemeinsamen Berufungen von Charité und ukb auf der Grundlage einer Kooperationsvereinbarung vom Mai 2022. Prof. Harhaus-Wähner ist Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit Zusatzbezeichnung Handchirurgie. Sie war zuletzt Chefärztin der Abteilung für Handchirurgie, Periphere Nervenchirurgie und Rehabilitation der BG Klinik Ludwigshafen und Stellvertretende Direktorin der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie und Schwerbrandverletztenzentrum sowie Co-Leiterin der Sektion Obere Extremität der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg. Im Unfallkrankenhaus Berlin übernimmt sie die chefärztliche Position von Prof. Andreas Eisenschenk, der in den Ruhestand geht. Die 44-Jährige freut sich auf den Wechsel nach Berlin und ihre neuen Aufgaben an der Charité und am ukb: „Die neue Klinikstruktur bietet durch den Zusammenschluss starker Partner sowohl klinisch als auch in Forschung und Lehre modernste Möglichkeiten zur zukunftsgerichteten Entwicklung. Das Fachgebiet der Handchirurgie mit seinem breiten Spektrum – von der einfachen Fingerfraktur bis zur kindlichen Fehlbildung – lebt von der kollegialen Multidisziplinarität. Mit der strukturell neu vorgegebenen Bindegliedfunktion zwischen den Institutionen besteht die Möglichkeit, Handchirurgie am und für den Standort Berlin auf internationalem Spitzenniveau anzubieten.” Zur klinischen Expertise von Prof. Harhaus-Wähner gehört insbesondere die Therapie akuter Verletzungen bis hin zur mikrochirurgischen und makrochirurgischen Replantation und Wiederherstellung von Fingern, Hand oder Arm. Behandelt werden zudem hochkomplexe Verletzungen des Armnervengeflechts und der peripheren Nerven, sowie hochgradige Lähmungen bei Querschnittsverletzungen und spastische Bewegungsstörungen bei Kindern und Erwachsenen. Ebenso ist die moderne Behandlung von schweren Gelenkschäden mit 3D-Techniken sowie Handgelenks- und Finger-Endoprothesen ihr Schwerpunkt. „Übergreifend ist mir sehr wichtig, dass wir mit den Patientinnen und Patienten partnerschaftlich zusammenarbeiten und für jeden die individuell am besten zugeschnittene Therapie anbieten.“ Die Forschungsinteressen der gebürtigen Nordrhein-Westfälin sind sowohl die Grundlagenforschung zur Knochen- und Nervenheilung als auch die sogenannte Versorgungsforschung zur langfristigen Wirksamkeit der klinischen Behandlung und der Rehabilitationsverfahren: „Die Zukunft der Handchirurgie liegt in der engen Verbindung von moderner und präziser Technologie, regenerativer Medizin und Versorgungsforschung – wo Innovationen nicht nur die Handfunktion wiederherstellen, sondern auch durch ehrliches Hinschauen und Bewerten unserer Behandlungsergebnisse die Versorgungsqualität nachhaltig optimiert und die Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten verbessert wird.“ Mit der Professur ist gleichermaßen die Lehre für die Studierenden, die postgraduale Aus- und Weiterbildung sowie die Nachwuchsförderung von Mediziner:innen und Wissenschaftler:innen verbunden: „Mir liegt die Vermittlung der Attraktivität des Fachgebietes für den medizinischen Nachwuchs sehr am Herzen, daher engagiere ich mich für eine begeisternde studentische Lehre, gemeinsam mit den Fachgesellschaften für strukturierte Weiterbildungsprogramme und moderne Konzepte zur Ermöglichung von Familie und Beruf.“ Darüber hinaus sind Prof. Harhaus-Wähner die Themen ökologische Verantwortung und Nachhaltigkeit sehr wichtig: „Ich sehe hier eine hohe Dringlichkeit und besonders wir Handchirurgen können etwas bewegen, denn wir haben häufig kurze, aber viele Operationen. Das heißt, es macht einen Unterschied, wenn wir Ressourcen schonen, alternative Materialien oder Narkosemittel nutzen und wo es möglich ist Mehrweg-statt Einwegmaterialien verwenden oder durch Mülltrennung im OP den Klinik-Sondermüll reduzieren. Wir können uns hier gut an anderen Ländern wie den Niederlanden orientieren.“
Königin Silvia von Schweden beim Spatenstich für neues Childhood-Haus an der Charité 19-09-2024
Königin Silvia von Schweden war eigens an die Charité – Universitätsmedizin Berlin gekommen, um bei diesem Moment dabei zu sein: dem Spatenstich für das neue Childhood-Haus Berlin am Campus Virchow-Klinikum, einer ambulanten Anlaufstelle für junge Betroffene von sexualisierter Gewalt. Ärzt:innen, Psycholog:innen, Sozialpädagog:innen, Jugendamt, Justiz und Polizei arbeiten hier Hand in Hand. Das neue Haus soll noch bessere Möglichkeiten für eine koordinierte und kinderfreundliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen bieten. Ihre Majestät Königin Silvia ist Gründerin der Stiftung, die das Konzept der Childhood-Häuser weltweit maßgeblich befähigt. In Deutschland gibt es laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa eine Million Kinder, die sexualisierte Gewalt erlebt haben oder erleben – meist im Verborgenen. Fällt die Tat auf, kommen durch das juristische Verfahren zusätzliche Belastungen auf das Kind zu: Es wird medizinisch untersucht und häufig mehrfach befragt, wodurch das Trauma verstärkt werden kann. Um die seelische Belastung möglichst gering zu halten, gibt es an der Kinderklinik der Charité seit 2020 ein Childhood-Haus für die Kinder und Jugendlichen in Berlin, bei denen die Tat zur Anzeige gebracht wurde. Die ambulante Einrichtung vereint alle notwendigen Professionen aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Sozialpädagogik, Jugendamt, Polizei und Justiz unter einem Dach. Künftig wird die Einrichtung – ihrem Namen entsprechend – ein eigenes, größeres Gebäude bekommen. Der Bau dafür hat mit dem ersten feierlichen Spatenstich in Anwesenheit der schwedischen Königin am 19. September begonnen. Ihre Majestät Königin Silvia von Schweden: „Der heutige Spatenstich markiert einen wichtigen Meilenstein: Wir erweitern gemeinsam das Childhood-Haus Berlin für die Verwirklichung der Kinderrechte und um all diejenigen Kinder zu schützen und zu unterstützen, die Gewalt und sexuellen Missbrauch erleben müssen! Kinderschutz ist eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können – es geht nur, wenn wir alle gemeinsam Verantwortung übernehmen.“ Koordiniertes Vorgehen soll Justizverfahren für Kinder erleichtern Das Konzept des Childhood-Hauses basiert auf der Idee, dass das Wohl des Kindes auch bei juristischen Verfahren im Vordergrund stehen soll. Deshalb sollen alle Professionen zum Kind kommen – und nicht umgekehrt. Das Kind wird vor Ort medizinisch und psychosozial versorgt, Spuren können gerichtsfest gesichert werden. Bei Bedarf können die Mitarbeitenden den Kontakt zum Jugendamt oder der Traumaambulanz der Charité herstellen. Wird das Kind von der Polizei, einer Richterin oder einem Richter befragt, kann das ebenfalls im Childhood-Haus stattfinden. Das Gespräch wird per Video aufgezeichnet und kann in einem Nebenraum von der Polizei, von der oder dem Beschuldigten oder von Anwält:innen verfolgt werden. Bei der Hauptverhandlung vor Gericht kann die Aufzeichnung dann verwendet werden – das Kind muss also nicht noch einmal vor Gericht aussagen. Damit wird das betroffene Kind entlastet und das Verfahren beschleunigt. Neubau ist auf Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten Dass hier das Kindeswohl im Mittelpunkt steht, spiegelt sich auch im Konzept des zweigeschossigen Baus wider. Die gesamte Architektur ist aus der Perspektive der Betroffenen geplant. Innen sind helle Räume und eine kinderfreundliche Einrichtung vorgesehen. Das Childhood-Haus Berlin soll ein Ort sein, an dem sich Kinder nach Gewalterfahrung sicher und aufgehoben fühlen. Starke Kooperationspartner ziehen an einem Strang Der Betrieb des Childhood-Hauses Berlin kann vor allem durch die starken Kooperationspartner der Charité in dieser Form umgesetzt werden: Die Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz und die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie fördern das Projekt seit 2023 und finanzieren das Personal. Für die Realisierung des Projektes wurde zudem mit der Senatsverwaltung für Inneres und Sport zusammengearbeitet. Bis 2022 stellte die World Childhood Foundation, der Freundeskreis der Charité e.V. und die MASCHESKI FOUNDATION die Anschubfinanzierung und die Mittel für das Projektmanagement bereit. Die MASCHESKI FOUNDATION unterstützt auch weiterhin die Projektumsetzung. Der Neubau wird überwiegend durch Spenden ermöglicht. Spender sind unter anderem die LOTTO-Stiftung Berlin, BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“, die Buchwald Stiftung, die IKEA Stiftung und viele weitere. Dr. Felor Badenberg, Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz: „Kinder sind unsere Zukunft, unser ganzes Glück. Ihr Schutz liegt mir besonders am Herzen. Werden ausgerechnet die Schwächsten unserer Gesellschaft Opfer sexueller Gewalt, ist das eine Tragödie. Justizverfahren sind notwendig, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, können aber insbesondere für die Kleinsten eine enorme zusätzliche Belastung sein. Im Childhood-Haus wird darauf besondere Rücksicht genommen: Das Wohl des Kindes steht im Mittelpunkt. Ich freue mich deshalb sehr, dass es diese wichtige Einrichtung in Berlin gibt und sie ein größeres Gebäude erhält.“ Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie: „Im Rahmen des Netzwerks Kinderschutz bietet das Childhood-Haus Berlin seit 2020 eine umfassende Unterstützung für Kinder und Jugendliche, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, vereint an einem Ort. Mit dem Neubau und der Erweiterung können noch mehr Betroffene von der kindgerechten Vorgehensweise profitieren, bei der Institutionen wie Polizei und Jugendamt zu den Kindern kommen und nicht umgekehrt. Als Senatorin für Bildung, Jugend und Familie bin ich davon überzeugt, dass wir mit dieser Initiative eine wegweisende Richtung im Kinderschutz einschlagen.“ Franziska Becker, Staatssekretärin für Sport in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport: „Der heutige Spatenstich für das Childhood-Haus markiert einen bedeutenden Schritt für den Schutz unserer Kinder in Berlin. Das Childhood-Haus bietet einen geschützten Raum für Kinder, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, und ermöglicht gleichzeitig, die notwendigen polizeilichen Ermittlungen durchzuführen. Wir sind stolz darauf, dass die Polizei Berlin mit Ihrem Dezernat 13 des Landeskriminalamts Berlin in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich mit dem Childhood-Haus zusammengearbeitet hat. Der Schutz von Kindern hat für uns oberste Priorität.“ Astrid Lurati, Vorstand Finanzen und Infrastruktur der Charité: „Das Childhood-Haus ist ein elementarer Bestandteil des Kinderschutz-Angebotes der Charité. Es ist von größter Bedeutung, dass den zahlreichen Kindern, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, ein Verfahren angeboten wird, das den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht wird. Mit dem Neubau schaffen wir einen Ort, der neue Maßstäbe in der Betreuung und Unterstützung setzt, kindgerecht gestaltet ist und eine angstfreie Umgebung bietet. Mein besonderer Dank gilt allen Projektpartnern sowie den großzügigen Spenderinnen und Spendern, die seit 2020 die wertvolle Arbeit des Childhood-Hauses an der Charité ermöglichen.“ Prof. Sibylle M. Winter, Stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters; Professorin für Traumafolgen und Kinderschutz und Leiterin der gleichnamigen Abteilung der Charité: „Das Besondere am Neubau des Childhood-Hauses Berlin ist die funktionale Grundrissplanung: Das heißt, der Grundriss wurde so gestaltet, dass er optimal an die Bedürfnisse der Kinder und der jeweiligen Funktionen der verschiedenen Professionen angepasst ist. So wurde die Anordnung der Räume durch die spezifischen Abläufe, wie sie im Haus vorgesehen sind, bestimmt. Dies unterstützt die beiden zentralen Anliegen des Konzeptes. Erstens: Das Kindeswohl steht an vorderster Stelle. Das bedeutet: Jeder ist in diesem Haus aus einem Grund – wegen des Kindes. Zweitens: Die sektorenübergreifende Kooperation trägt wesentlich zur optimalen Unterstützung von Kindern nach sexualisierter Gewalterfahrung bei.“
Mission HIV-Heilung: Christian Gaebler erhält ERC Starting Grant 05-09-2024
Der HIV-Forscher Prof. Christian Gaebler hat ein Ziel: Therapien zu entwickeln, die Menschen von ihrer HIV-Infektion heilen oder ihr Immunsystem dazu bringen, das Virus auch ohne Medikamente dauerhaft in Schach zu halten. Dazu will der Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Detail die Fälle untersuchen, die bereits ohne Medikation leben. Mit dem Forschungsvorhaben hat er jetzt den Europäischen Forschungsrat (ERC) überzeugt: Dieser fördert den Forscher im Rahmen eines ERC Starting Grant mit rund 1,5 Millionen Euro. Die Fortschritte in der HIV-Therapie erlauben es Menschen mit HIV heute, ein weitgehend normales Leben zu führen. Sie müssen allerdings dauerhaft Medikamente einnehmen, die die Vermehrung des Virus unterdrücken – sogenannte antiretrovirale Arzneimittel. „Die antiretrovirale Therapie kann eine HIV-Infektion nicht heilen, weil sich das Virus in Immunzellen versteckt“, erklärt Christian Gaebler, Arbeitsgruppenleiter an der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Charité und dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). „Diese Verstecke werden als Virus-Reservoire bezeichnet. Sie erklären, warum sich das HI-Virus innerhalb von wenigen Wochen wieder vermehrt, sobald die Medikamente abgesetzt werden.“ Es gibt nur eine Handvoll Personen, bei denen es mithilfe einer Stammzelltransplantation gelungen ist, das Virus komplett aus dem Körper zu entfernen. Eine solche echte HIV-Heilung hat ein Charité-Forschungsteam unter Beteiligung von Christian Gaebler zuletzt im Juli der Fachwelt vorgestellt. Aufgrund der hohen Risiken kommt eine Stammzelltransplantation für die meisten Betroffenen allerdings nicht infrage, eine HIV-Infektion gilt deshalb noch immer als unheilbar. Diesen Umstand will Christian Gaebler mit dem Projekt HIV CURE MISSION ändern, denn der Bedarf ist groß: In Deutschland lebten dem Robert Koch-Institut zufolge Ende 2023 96.700 Menschen mit HIV, weltweit waren es laut UNAIDS, dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids, rund 40 Millionen. Von Heilungen und Remissionen lernen Der Arzt und Wissenschaftler plant einerseits, die HIV-Heilungsfälle zu durchleuchten. Gibt es immunologische Eigenschaften des Stammzellspenders oder des Empfängers, die zu der Heilung beigetragen haben? Oder Parameter, die erklären, warum die Stammzelltransplantation in anderen Fällen nicht zu einer Heilung geführt hat? Andererseits will er eine zweite Gruppe von Menschen mit HIV untersuchen, die ohne antiretrovirale Medikamente auskommen – die sogenannten Post-Treatment-Controller. „Es gibt Menschen mit HIV, deren Immunsystem das Virus in Schach hält, obwohl sie die antiretrovirale Therapie abgesetzt haben“, erklärt der Charité-Forscher. „Bei ihnen unterdrückt das Immunsystem die Aktivität des Virus, obwohl es sich noch in einigen Zellen des Körpers versteckt. Weil das HI-Virus noch nachweisbar ist, sprechen wir in diesen Fällen nicht von einer Heilung, sondern von einer dauerhaften Remission.“ Wie schafft es das Immunsystem, das Virus zu kontrollieren? Mehrere solcher Post-Treatment-Controller, die sich seit mittlerweile über vier Jahren in Remission befinden, hat man nach Behandlung mit einer neuen HIV-Antikörpertherapie beobachtet. An der 2022 veröffentlichten Phase-I-Studie war Christian Gaebler beteiligt, er wurde dafür vergangenes Jahr mit dem Deutschen AIDS-Preis ausgezeichnet. „Von diesen Menschen wollen wir lernen“, sagt der HIV-Forscher. Zusammen mit seinem Team will er exakt dokumentieren, wie ihr Immunsystem auf das Virus reagiert und welche Gene in ihren Immunzellen und auch im Virus aktiv sind. Weil insbesondere die Virus-Reservoire das größte Hindernis für eine HIV-Heilung sind, werden die Forschenden deren Beschaffenheit im Detail untersuchen – die Antikörpertherapie hat es nämlich geschafft, die Zahl der Virus-Verstecke zu reduzieren. Die Antikörpertherapie steht erst am Anfang ihrer Entwicklung, es gibt deshalb noch nicht viele Menschen, denen sie zur Remission verholfen hat. Christian Gaebler erwartet aber, dass ihre Zahl im Zuge der nun startenden größeren klinischen Studien steigen wird. „Sobald wir die Mechanismen verstanden haben, die eine Remission oder Heilung begünstigen, wollen wir die Erkenntnisse nutzen, um neue, in der Breite einsetzbare Behandlungsansätze gegen HIV zu entwickeln“, sagt der Wissenschaftler. „Es ist zwar noch ein weiter Weg, aber unser Ziel bleibt, Menschen mit HIV entweder zu heilen oder ihnen auf anderem Weg ein gesundes Leben ohne Medikamente zu ermöglichen.“
Beeindruckender Erfolg gegen Autoimmunerkrankung 05-09-2024
Sie ist aus Sicht des Behandlungsteams der Charité – Universitätsmedizin Berlin äußerst bemerkenswert: Die enorme Verbesserung, die das Krebsmedikament Teclistamab bei einer Patientin mit schwerem systemischem Lupus erythematodes (SLE) erzielt hat. Durch die Autoimmunerkrankung war die 23-Jährige zuletzt auf den Rollstuhl angewiesen. Heute – fast sechs Monate nach Start der Behandlung – ist die Patientin komplett symptomfrei. Ob die Wirkung dauerhaft anhält, bleibt abzuwarten. Der Fall, den das Team jetzt im New England Journal of Medicine* veröffentlicht hat, markiert aber einen vielversprechenden Startpunkt für weitere Untersuchungen. Bei der 23-jährigen Berlinerin hatte nichts ausreichend geholfen: Kortison nicht, und auch acht weitere Therapien nicht, die ihr überaktives Immunsystem hätten dämpfen sollen. Ihre Autoimmunerkrankung, ein sogenannter systemischer Lupus erythematodes, verlief besonders schwer und griff vier ihrer Organsysteme an. Ihre Haut warf Blasen, ihre Gelenke und Nieren waren stark entzündet und die Zahl ihrer roten Blutkörperchen, die das Gewebe mit Sauerstoff versorgen, war zu niedrig. „Aufgrund ihrer dauerhaften Schmerzen konnte die Patientin nicht mehr laufen, sie war auf einen Rollstuhl angewiesen und ihre Nieren drohten zu versagen“, sagt PD Dr. Tobias Alexander, ihr behandelnder Arzt an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. Der Leiter der rheumatologischen Fachambulanz betont: „Ich habe noch nie einen so schweren Fall gesehen.“ Weil die etablierten Behandlungspfade ausgeschöpft waren, schlug er der Patientin vor, erstmals Teclistamab einzusetzen. Teclistamab ist ein sogenannter bispezifischer Antikörper, der für die Behandlung des Multiplen Myeloms, eine Krebserkrankung der Plasmazellen im Knochenmark, zugelassen ist. Beim systemischen Lupus erythematodes produzieren Plasmazellen Autoantikörper, also Antikörper, die sich gegen das eigene Gewebe richten. „Teclistamab zerstört die Plasmazellen sehr effektiv und wirkt auch gegen deren Vorläufer, die sonst rasch neue Plasmazellen produzieren würden“, erklärt der Rheumatologe. „Wir haben deshalb angenommen, dass das Krebsmedikament die Ursache des systemischen Lupus beseitigen und der Patientin langfristig helfen könnte.“ Erkrankung nach fünf Injektionen nicht mehr nachweisbar Mit dem Einverständnis der Patientin wurde das Arzneimittel zulassungsüberschreitend („off-label“) angewendet. Die Therapie erfolgte stationär an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Charité Campus Benjamin Franklin – und zeigte Erfolg: Fünf Injektionen des Krebsmedikaments unter die Bauchhaut, verteilt über einen Zeitraum von fünf Wochen, ließen die Symptome der Patientin schrittweise zurückgehen. Innerhalb weniger Wochen besserten sich ihre Nieren- und Blutwerte, die Entzündung der Haut und Gelenke ebbte vollständig ab. Seit Mitte April sind im Blut der 23-Jährigen keine Autoantikörper mehr nachweisbar, obwohl die Behandlung mit Immunsuppressiva vor Therapiebeginn beendet und die Gabe von Kortison nach sechs Wochen eingestellt wurde. „Die Patientin ist in kompletter Remission“, sagt Tobias Alexander. „Das heißt, sie spürt keinerlei Anzeichen ihrer Krankheit mehr und wir können klinisch und im Labor keine Hinweise auf einen systemischen Lupus mehr finden. Es wäre noch zu früh, von einer Heilung zu sprechen, aber eine so durchschlagende Wirkung ist in der Rheumatologie eine absolute Ausnahme und auch deshalb bemerkenswert, weil sämtliche verfügbaren Therapieansätze im Vorfeld nicht ausreichend angeschlagen hatten. Der Erfolg der Therapie bedeutet natürlich vor allem für die Patientin einen unvergleichlichen Gewinn an Lebensqualität, über den wir uns sehr freuen. Wie lange die Wirkung anhält, wissen wir aber noch nicht. Aufgrund der Vorläufigkeit der Ergebnisse ist die Therapie noch nicht für die breitere Anwendung geeignet.“ Risiken der Behandlung Zudem birgt der starke Eingriff in das Immunsystem durch das Präparat teils erhebliche Risiken. Beispielsweise können Immunzellen übermäßige Mengen an Entzündungsbotenstoffen produzieren. Je nach Verlauf kann ein solches Zytokin-Freisetzungssyndrom lebensbedrohlich werden. Auch die jetzt an der Charité behandelte Patientin entwickelte während der Teclistamab-Therapie ein schweres Zytokin-Freisetzungssyndrom, sie zog sich eine Lungen- und Nasennebenhöhlenentzündung zu und die Menge ihrer schützenden Antikörper im Blut fiel ab. „Diese Nebenwirkungen sind deutlich schwerwiegender als bei herkömmlichen rheumatologischen Therapien und mussten zum Teil stationär behandelt werden“, sagt Prof. Jan Krönke, der die Patientin seitens der Krebsmedizin betreut hat. „Sie entsprechen aber den Reaktionen, die Teclistamab bei Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom hervorruft und waren insofern nicht unerwartet.“ Um herauszufinden, wie langanhaltend die Wirkung von Teclistamab ist, betreut das Behandlungsteam die Patientin auch weiterhin engmaschig und beobachtet die Aktivität ihres Immunsystems. Sollten sich die positiven Effekte als langfristig herausstellen und in weiteren Studien bestätigt werden, hält Tobias Alexander den potenziellen Nutzen des Krebsmedikaments in der Rheumatologie für groß: „Die therapeutischen Ergebnisse von Teclistamab bei der Patientin sind zumindest zum jetzigen Zeitpunkt vergleichbar mit der Wirkung von CAR-T-Zelltherapien. Der bispezifische Antikörper ist aber deutlich einfacher und kurzfristiger anwendbar, das wäre ein enormer Vorteil.“ CAR-T-Zelltherapien sind neuartige Therapieansätze, die Autoimmunerkrankungen in Einzelfällen über Jahre zurückdrängen konnten. Sie machen allerdings eine Chemotherapie und Gentherapie notwendig und sind sehr zeit- und ressourcenaufwändig.
Prof. Johannes Huppa ist neuer Leiter des Instituts für Immunologie der Charité 02-09-2024
Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und des Max Delbrück Center Prof. Johannes Huppa hat zum 1. September die Professur für Tumorimmunologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und damit verbunden die Leitung des Instituts für Immunologie am Campus Berlin Buch übernommen. Er wird am Max Delbrück Center und im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) forschen. Der ausgewiesene Experte für T-Zell-Erkennung will die Mechanismen der immunologischen Unterscheidung zwischen Fremd und Selbst im Detail aufklären, um die Behandlung von Krebs und Autoimmunerkrankungen zu verbessern. Was ist körperfremd, was -eigen? Der zentrale Sensor des Immunsystems, der diese Unterscheidung vornimmt, ist der sogenannte T-Zell-Rezeptor. Johannes Huppa, der vor seinem Wechsel an die Charité an verschiedenen US-amerikanischen Institutionen und zuletzt an der Medizinischen Universität Wien tätig war, untersucht das Molekül und seine Funktionsweise seit über 25 Jahren. Er hat das Verständnis um die molekularen Vorgänge rund um den Rezeptor insbesondere mithilfe innovativer Mikroskopie-Techniken maßgeblich erweitert. Nun tritt Johannes Huppa die Nachfolge von Prof. Thomas Blankenstein an, der das Institut für Immunologie der Charité bis Ende 2020 geleitet hat. Seine Arbeitsgruppe wird in den Räumlichkeiten des Max Delbrück Center in Berlin Buch angesiedelt sein, wo er eine Anbindung als translationale Gastgruppe haben wird. Seine Arbeiten werden zusätzlich vom DKTK gefördert. T-Zell-Rezeptoren sitzen wie Fühler auf T-Zellen, die als Teil der erworbenen Immunantwort wie ein Räumkommando ständig durch Blut, Gewebe und Organe patrouillieren. Nehmen die Fühler Bruchstücke, die ihnen andere Zellen präsentieren, als fremd wahr, lösen sie Immunreaktionen aus – die Eindringlinge werden beseitigt. Erkennen die T-Zell-Rezeptoren die präsentierten Bruchstücke stattdessen als körpereigen, bleiben sie still. „Die Unterscheidung zwischen Fremd und Selbst geschieht mit erstaunlicher Präzision und ist außerdem äußerst empfindlich“, erklärt Johannes Huppa. „Eine patrouillierende Zelle kann mit ihren T-Zell-Rezeptoren ein einzelnes fremdes Bruchstück auf der Oberfläche einer infizierten Köperzelle aufspüren, das sich zwischen tausend ziemlich ähnlichen, aber körpereigenen Bruchstücken verbirgt.“ Mit neuen „Lupen“ der Fremd-Selbst-Erkennung auf der Spur Wie wichtig dieser Erkennungsmechanismus für die Gesundheit ist, wird klar, wenn er nicht perfekt oder fehlerhaft arbeitet: Funktioniert die Unterscheidung zwischen Freund und Feind nicht, richtet der Körper sein Immunsystem zum Beispiel versehentlich gegen sich selbst – eine Autoimmunerkrankung wie Multiple Sklerose oder Typ-1-Diabetes entsteht. Oder das Immunsystem erkennt entartete Tumorzellen nicht, die dann zu einer tödlichen Gefahr werden können. Auch zu vermehrten Infektionen kann es kommen. Johannes Huppa will herausfinden, wie exakt ein T-Zell-Rezeptor an verschiedene Bruchstücke bindet und welche Signale er innerhalb der T-Zelle weitergibt, die dann zwischen Fremd und Selbst entscheiden. Hierfür hat er neue Mikroskopie-Verfahren entwickelt, mit denen er lebenden T-Zellen bei ihrer Arbeit zuschaut. Die Technik macht einzelne Rezeptormoleküle auf der Zelloberfläche, die präsentierten Bruchstücke und auch die zwischen ihnen herrschenden molekularen Bindungen sichtbar. So lassen sich winzigste mechanische Kräfte in Echtzeit messen und die Aktivierungsprozesse innerhalb der T-Zelle beobachten. In Berlin wird er diese Verfahren mit Methoden der synthetischen Biologie und strukturbiologischen Ansätzen kombinieren, um die molekularen Vorgänge der Bruchstück-Erkennung zeitlich und räumlich in höchster Auflösung, das heißt im Millisekunden- und Nanometermaßstab, aufzuklären. T-Zell-Rezeptoren beeinflussen, um Krebs und Autoimmunerkrankungen zu behandeln Das Ziel des Immunologen ist es, Wege zu finden, um in die Funktion des T-Zell-Rezeptors einzugreifen. Das soll insbesondere Therapien gegen Krebs effektiver machen. „Wenn wir genau verstehen, wie der T-Zell-Rezeptor seine immunologische Meisterleistung bewerkstelligt, können wir das Potenzial neuartiger Immuntherapien wie der CAR-T- und TCR-T-Zelltherapie noch besser ausschöpfen“, erklärt der neue Institutsdirektor. Er möchte das Wissen außerdem nutzen, um die Entwicklung neuer Impfstoffe gegen Krebs voranzutreiben und schädliche T-Zellen bei Autoimmunerkrankungen oder Abstoßungsreaktionen nach einer Organtransplantation auszuschalten. „Dafür ist die Zusammenarbeit mit den klinisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen an der Charité essenziell“, betont Johannes Huppa. „Auch die unmittelbare Nachbarschaft zu den Expertinnen und Experten der Strukturbiologie und Tumorimmunologie am Max Delbrück Center sowie die hervorragende technologische Infrastruktur auf dem Campus Berlin Buch werden entscheidend dafür sein, diese Ziele zu erreichen. Der Standort Berlin ist für seine Stärke, Vielseitigkeit und gelebte Kollegialität in der Grundlagen- und klinischen Forschung über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Ich freue mich sehr, nun Teil dieses großartigen Netzwerks zu sein.“
Zeit und Zuwendung am Patientenbett 26-08-2024
Sie besuchen Patient:innen, hören zu oder machen kleine Besorgungen: die Frauen und Männer vom ehrenamtlichen Besuchsdienst an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seit 30 Jahren sorgen sie am Campus Virchow-Klinikum dafür, dass sich während des Krankenhausaufenthalts niemand einsam fühlen muss; seit 25 Jahren sind sie auch in den Kliniken in Mitte aktiv. Zum Jubiläum hebt die Charité das Engagement der ehrenamtlichen Unterstützer:innen hervor. Immer mehr Menschen leben alleine und haben keine Angehörigen, die sich im Krankheitsfall um sie kümmern könnten. Das betrifft vor allem ältere Menschen, aber auch jüngere, die neu in Berlin sind. Wer in solch einer Situation ins Krankenhaus muss, bekommt oft kaum Besuch. An der Charité sorgt dann der Besuchsdienst auf vielen Stationen für Abhilfe. Die „Grünen Damen und Herren“, wie sie wegen ihrer lindgrünen Kittel genannt werden, haben Zeit für Gespräche, können auf Sorgen eingehen oder ganz praktisch bei Telefonaten helfen. Ermöglicht wird dies durch den Einsatz von Ehrenamtlichen – und durch die Unterstützung der Charité sowie des Freundeskreises der Charité. „Die Grünen Damen und Herren vermitteln im Klinikalltag Zuversicht und Ermutigung. Nicht nur die Patientinnen und Patienten, auch die Mitarbeitenden wissen das zu schätzen“, sagt Prof. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité. „Wir sind sehr dankbar, dass die Ehrenamtlichen dieses wichtige Angebot seit vielen Jahren möglich machen und danken auch dem Freundeskreis der Charité für die langjährige Unterstützung des Besuchsdienstes.“ Fester Bestandteil des Klinikalltags Aufgenommen hat der Besuchsdienst seine Arbeit 1994 am Campus Virchow-Klinikum. Heute kümmern sich mehr als 30 Ehrenamtliche an zwei Standorten um das Wohl der Patientinnen und Patienten. „Die Grünen Damen und Herren sind bei uns im Klinikalltag nicht mehr wegzudenken“, sagt Cindy Stoklossa, die die Stabsstelle Sozialdienst und den ehrenamtlichen Besuchsdienst leitet. „Wir hören immer wieder, wie wichtig die Besuche nach wie vor für viele Patientinnen und Patienten sind.“ Ein bis zwei Mal pro Woche sind die Ehrenamtlichen auf den Stationen unterwegs. Dabei sind sie natürlich nicht auf sich alleine gestellt: An beiden Standorten gibt es eine Teamleitung, die die Einsätze der Freiwilligen koordiniert. Wer neu dazu kommt, durchläuft eine vierwöchige Hospitationszeit, bevor es dann in den Einsatz auf die Stationen geht. Alle Ehrenamtlichen treffen sich außerdem regelmäßig zum Austausch. Verstärkung gesucht Sowohl am Campus Virchow-Klinikum als auch in Mitte freuen sich die Teams über neue Mitglieder. Es ist zudem geplant, einen Besuchsdienst am Campus Benjamin Franklin in Steglitz einzurichten. Neben Einfühlungsvermögen und Kontaktfreudigkeit sollten die Interessent:innenn die Bereitschaft zum Zuhören mitbringen sowie zuverlässig und belastbar sein. Wer sich für den ehrenamtlichen Besuchsdienst interessiert, kann sich per Mail an Cindy Stoklossa (ehrenamtlicher-besuchsdienst(at)charite.de) wenden.
Wann ist die beste Tageszeit für eine Krebsbehandlung? 23-08-2024
Wie gut Medikamente wirken, hängt auch davon ab, zu welcher Tageszeit sie eingenommen werden. Der Grund: Unser Körper arbeitet nicht immer gleich, sondern im Takt der inneren Uhr, auch zirkadianer Rhythmus genannt. Da dieser bei jedem Menschen verschieden ist und von vielen Faktoren abhängt, ist es jedoch schwierig, die Medikamenteneinnahme individuell darauf abzustimmen. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben nun am Beispiel bestimmter Brustkrebs-Zelllinien eine Methode entwickelt, mit der der optimale Zeitpunkt für eine Krebsbehandlung bestimmt werden kann. Ihren Ansatz beschreiben sie im Fachmagazin Nature Communications*. Die innere Uhr steuert den Rhythmus vieler Körperfunktionen und Stoffwechselprozesse: Schlaf und Verdauung zum Beispiel. Doch nicht nur die Organe sind zu verschiedenen Tageszeiten mehr oder weniger aktiv. Auch die einzelnen Zellen folgen dem Takt der inneren Uhr und reagieren zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich auf äußere Einflüsse. Das ist für die Chemotherapie bei Krebs von großer Bedeutung. Man weiß aus früheren Studien, dass die Wirkung einer Chemotherapie dann am effektivsten ist, wenn die Tumorzellen sich gerade teilen. In der klinischen Behandlung wurde diese Erkenntnis jedoch bisher kaum genutzt. Deshalb hatte sich ein interdisziplinäres Team an der Charité unter der Leitung von Dr. Adrián Enrique Granada vom Charité Comprehensive Cancer Center zum Ziel gesetzt, diese Lücke zu schließen. Das Team machte sich auf die Suche nach dem optimalen Zeitpunkt für die Medikamentenverabreichung – basierend auf den individuellen zirkadianen Rhythmen der Tumoren. Beispiel triple-negativer Brustkrebs „Wir haben Zellen von Patientinnen mit triple-negativem Brustkrebs kultiviert, um zu beobachten, wie sie zu unterschiedlichen Tageszeiten auf die verabreichten Medikamente reagieren“, erläutert Carolin Ector, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe von Adrián Granada. Triple-negativer Brustkrebs ist eine besonders aggressive Form von Brustkrebs, gegen die es nur wenige Therapieoptionen gibt. „Mit Live-Imaging, einer Technik zur kontinuierlichen Beobachtung lebender Zellen, und komplexen Datenanalysetechniken konnten wir die zirkadianen Rhythmen, Wachstumszyklen und Medikamentenreaktionen dieser Krebszellen genau überwachen und bewerten.“ Auf diese Weise haben die Forschenden bestimmte Tageszeiten identifiziert, zu denen Krebszellen am anfälligsten für Medikamentenbehandlungen sind. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass bei einer bestimmten Krebszelllinie das Chemotherapeutikum 5-Fluorouracil zwischen 8 und 10 Uhr morgens am besten wirkte. Maßgeblich dafür – das zeigt die Studie ebenfalls – sind bestimmte zelluläre und genetische Faktoren. Die Wissenschaftler:innen konnten sogar herausfinden, welche Gene ausschlaggebend für die zirkadiane Wirkung bestimmter Medikamente sind. „Wir nennen diese Gene ‚core clock genes‘, also zentrale Uhren-Gene. Sie beeinflussen die Empfindlichkeit von Krebszellen gegenüber Behandlungen zu verschiedenen Tageszeiten erheblich“, sagt Adrián Granada. Profile zeigen Reaktionen von Krebszelltypen auf Medikamente Mit diesem Ansatz lassen sich detaillierte Profile erstellen, die zeigen, wie verschiedene Krebszelltypen zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Medikamente reagieren. „Das kann helfen, die effektivsten Medikamentenkombinationen zu identifizieren“, sagt Adrián Granada. „Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass personalisierte Behandlungspläne basierend auf den individuellen zirkadianen Rhythmen die Wirksamkeit von Krebstherapien erheblich verbessern könnten“, schlussfolgert der Wissenschaftler. Auch unerwünschte Nebenwirkungen ließen sich damit reduzieren. Damit diese Erkenntnisse bald Eingang in die klinische Praxis finden, sollen die Ergebnisse in Studien mit einer größeren Patientinnengruppe überprüft werden. „Darüber hinaus planen wir, die molekularen Mechanismen hinter den zirkadianen Einflüssen auf die Medikamentensensitivität zu untersuchen, um die Behandlungszeitpunkte weiter zu optimieren und neue therapeutische Ziele zu identifizieren“, sagt Adrián Granada.
Überraschender Auslöser für Nierenschäden bei Lupus 14-08-2024
Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und des Max Delbrück Center Welche Zellen für Nierenschäden bei Lupus-Patient:innen verantwortlich sind, haben Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Deutschen Rheumaforschungszentrums (DRFZ) und des Max Delbrück Center nun aufgeklärt. Die in Nature* publizierte Studie könnte künftigen Antikörpertherapien gegen die Autoimmunerkrankung den Weg bereiten. Weltweit sind rund fünf Millionen Menschen, meist junge Frauen, von der Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes (kurz: Lupus) betroffen, die zu schweren Nierenschäden führen kann. Ein Berliner Forschungsteam hat jetzt den Mechanismus aufgedeckt, der für die Nierenschäden verantwortlich ist: Eine kleine, spezialisierte Gruppe von Immunzellen – die sogenannten angeborenen lymphatischen Zellen (ILC) – löst eine Lawine von Effekten aus, die zu einer Nierenentzündung führt. Diese wird auch als Lupus-Nephritis bezeichnet. Die Forschungsergebnisse stellen die herkömmliche Auffassung infrage, dass eine Lupus-Nephritis alleine auf Autoantikörper zurückzuführen ist, die gesundes Gewebe angreifen. „Autoantikörper sind zwar eine Voraussetzung für die Gewebeschädigung, aber allein nicht ausreichend. Unsere Arbeit zeigt, dass ILC für die Verstärkung der Organschäden verantwortlich sind“, sagt Dr. Masatoshi Kanda, einer der drei leitenden Autor:innen der Studie. Er arbeitete als Humboldt-Stipendiat am Max Delbrück Center und ist jetzt in der Abteilung für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Sapporo Medical University in Japan tätig. An Lupus erkranken vor allem Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren. Die Symptome sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Was dazu führt, dass nur manche Patient:innen Nierenschäden entwickeln – manche sogar so stark, dass sie eine Dialyse benötigen – war bisher unklar. „Wir haben nun die meisten der von den ILC kontrollierten Schaltkreise identifiziert, indem wir die gesamte Niere Zelle für Zelle betrachtet haben“, sagt Prof. Antigoni Triantafyllopoulou, Leiterin der Studie von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. Sie leitet zudem eine Liaison-Arbeitsgruppe am DRFZ, einem Leibniz-Institut. Ungewöhnliche Immunzellen ILC sind eine kleine Gruppe von Immunzellen, die in einem bestimmten Gewebe oder Organ leben. „Sie halten sich von der Embryonalentwicklung an ständig im Gewebe auf. Das unterscheidet sie von den meisten anderen Immunzellen, die im ganzen Körper zirkulieren“, sagt Prof. Andreas Diefenbach, dritter Leiter der Studie und Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Charité. Sein Labor gehörte Mitte der 2000er Jahre zu den Entdeckern der ILC. Der Großteil seiner Forschung konzentriert sich auf ILC im Darm und wie sie dort die Gewebefunktion verändern. Für die aktuelle Studie haben sich Antigoni Triantafyllopoulou und Masatoshi Kanda mit seiner Gruppe und dem Team um Dr. Mir-Farzin Mashreghi am DRFZ zusammengetan, um herauszufinden, ob ILC in der Niere vorkommen und welche Rolle sie bei der Lupus-Nephritis spielen. Das Gesamtbild einer Zelle Um diesem Rätsel auf die Spur zu kommen, nutzte das Team die sogenannte Einzelzell-RNA-Sequenzierung. Sie gibt Aufschluss über die Aktivität einzelner Zellen, indem sie identifiziert, welche Gene an- oder abgeschaltet sind. Untersucht wurden nicht nur bestimmte Arten von Immunzellen, sondern die gesamte Niere. Insgesamt sequenzierte das Team für das Projekt fast 100.000 einzelne Nieren- und Immunzellen verschiedener Typen und Funktionen. Masatoshi Kanda entwickelte eine spezielle Methode für die Einzelzell-RNA-Sequenzierung von Nierengewebe aus Maus und Mensch. „Durch die Methodik konnten wir verschiedene Typen von Nierenzellen untersuchen, was uns einen vollständigeren Überblick darüber verschaffte, wie Lupus die gesamte Niere schädigt“, erklärt Antigoni Triantafyllopoulou. Der Schlüsselrezeptor Durch zahlreiche Experimente fand das Team heraus, dass eine Untergruppe von ILC mit dem Rezeptor NKp46 vorhanden und aktiviert sein muss, um eine Lupus-Nephritis auszulösen. Wenn NKp46 aktiviert ist, fährt diese Zellgruppe die Produktion des Proteins GM-CSF hoch, wodurch sich wiederum Makrophagen vermehren. Makrophagen sind große Immunzellen, die sterbende Zellen und Mikroben vernichten. In der Niere verursacht die Flut der eindringenden Makrophagen schwere Gewebeschäden und die Bildung von Narbengewebe, das als Fibrose bezeichnet wird. „Die ILC haben sich als Verstärker in diesem System erwiesen“, sagt Andreas Diefenbach. „Sie sind eine kleine Zellgruppe, aber sie scheinen den ganzen Prozess anzukurbeln.“ Als das Team die Zellen mit dem NKp46-Rezeptor mit Antikörpern blockierte oder den Rezeptor genetisch entfernte, war der Schaden am Nierengewebe nur noch minimal. Eine ähnliche entzündungshemmende Wirkung zeigte sich bei Blockade der GM-CSF-Proteine. „Entscheidend ist, dass sich die Menge an Autoantikörpern nicht veränderte, als NKp46 deaktiviert wurde, die Schädigung des Nierengewebes aber trotzdem geringer ausfiel“, betont Antigoni Triantafyllopoulou. „Das zeigt, dass nicht die Autoantikörper alleine die Nierenentzündung auslösen.“ Da die verwendeten Antikörper noch nicht für die Anwendung am Menschen zugelassen sind, wurde ein Großteil der Arbeit an Mausmodellen durchgeführt. Das Team verglich die Ergebnisse mit Sequenzierungsdaten von Lupus-Patient:innen und stellte fest, dass dort ebenfalls ILC mit ähnlichem Genaktivitätsmuster vorhanden sind. Es sind weitere Arbeiten nötig, um zu verstehen, wie exakt ILC in menschlichen Nieren therapeutisch ausgebremst werden können. Das Forschungsteam ist aber davon überzeugt, dass die gewonnenen Erkenntnisse den Weg ebnen für die Entwicklung neuer Antikörpertherapien für Patient:innen mit schweren Formen von Lupus – in der Hoffnung, dass solch neue Behandlungsmöglichkeiten dazu beitragen, ihnen eine Nierendialyse zu ersparen.
HIV-Heilung an der Charité: Der zweite Berliner Patient 18-07-2024
Er ging in die Medizingeschichte ein: Der Berliner Patient, der nach einer Stammzelltransplantation an der Charité – Universitätsmedizin Berlin 2008 als weltweit erster von einer HIV-Infektion geheilter Mensch galt. Jetzt ist dieser äußerst seltene medizinische Erfolg einem Team der Charité ein weiteres Mal gelungen. Bei dem zweiten Berliner Patienten ist seit mehr als fünf Jahren trotz fehlender antiviraler Therapie kein HI-Virus mehr nachweisbar. Das Besondere an dem Fall: Das Team nutzte eine von bisherigen HIV-Heilungen abweichende Behandlungsmethode. Sie macht eine neue Erklärung des Heilungsmechanismus nötig. Die Therapiemöglichkeiten bei einer HIV-Infektion haben enorme Fortschritte gemacht, bei guter Behandlung ist für die Betroffenen heutzutage ein weitgehend normales Leben möglich. Dennoch gilt eine HIV-Infektion als nicht heilbar – normalerweise. In äußerst seltenen Fällen ist es mithilfe einer Stammzelltransplantation gelungen, das HI-Virus aus dem Körper zu entfernen. Infrage kommt eine Stammzelltransplantation nur für jene Patient:innen, die zusätzlich zur HIV-Infektion auch an bestimmten Formen von Blut- oder Lymphknotenkrebs erkranken und bei denen sich diese Krebserkrankung nicht allein mit einer Strahlen- oder Chemotherapie eindämmen lässt. Bei dem Eingriff werden Stammzellen einer gesunden Person auf den erkrankten Menschen übertragen und damit praktisch sein Immunsystem ausgetauscht. So lässt sich nicht nur der Krebs bekämpfen, sondern auch das HI-Virus. Bisher nahm man an, dass dafür ein Stammzellspender mit ganz spezifischen genetischen Merkmalen gefunden werden muss. Die Rolle der HIV-Andockstelle CCR5 Denn um sich zu vermehren, befällt das HI-Virus verschiedene Immunzellen und benötigt dafür eine bestimmte Andockstelle, den sogenannten CCR5-Rezeptor. Etwa ein Prozent der europäischstämmigen Bevölkerung verfügt über einen CCR5-Rezeptor mit der sogenannten Delta-32-Mutation, die das Eindringen des HI-Virus verhindert und die Träger natürlicherweise immun gegen HIV macht. Gelingt es, einen Stammzellspender zu finden, dessen Gewebeeigenschaften zum Empfänger passen und der die immunitätsstiftende Mutation trägt, kann eine Stammzelltransplantation neben dem Krebs auch die HIV-Infektion besiegen. Dass dieses Prinzip funktioniert, belegte ein Behandlungsteam der Charité bereits 2008 anhand des sogenannten Berliner Patienten. Vier weitere Personen sind seither weltweit auf dieselbe Art und Weise behandelt worden und gelten als von HIV geheilt. Jetzt ist es der Berliner Universitätsmedizin ein zweites Mal gelungen, bei einem Menschen sowohl eine akute myeloische Leukämie (AML) als auch eine HIV-Infektion erfolgreich zu therapieren – allerdings mit einer leicht veränderten Methode. Der Fall soll am 24. Juli auf der Welt-Aids-Konferenz in München der Fachwelt vorgestellt werden. Behandlung des zweiten Berliner Patienten Der heute 60-Jährige war 2009 positiv auf HIV getestet worden, 2015 wurde zusätzlich eine AML diagnostiziert. Ein Team an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité übernahm die Behandlung der Leukämie. Das Risikoprofil des Patienten machte zusätzlich zur Chemotherapie auch eine Stammzelltransplantation notwendig. „Weil es für die Stammzellspende leider keine geeignete HIV-immune Person gab, haben wir eine Spenderin ausfindig gemacht, die auf ihren Zellen neben der normalen Version des CCR5-Rezeptors zusätzlich auch die mutierte Version der Andockstelle trägt“, erklärt Prof. Olaf Penack, Oberarzt an der behandelnden Klinik. „Das ist der Fall, wenn ein Mensch die Delta-32-Mutation nur von einem Elternteil vererbt bekommt. Das Vorhandensein beider Rezeptor-Versionen verleiht allerdings keine Immunität gegen das HI-Virus.“ Dass die Stammzelltransplantation gegen das HI-Virus dennoch erfolgreich war, zeigte sich, nachdem der Patient 2018 aus eigenen Stücken die empfohlene antivirale Therapie absetzte. In der umfassenden Verlaufskontrolle konnte das Behandlungsteam bis zum heutigen Tage keinerlei Hinweise auf Virus-Reste finden. Das Immunsystem des Patienten ist funktional, auch Krebszellen sind nicht nachweisbar. „Der Patient ist in erfreulich guter gesundheitlicher Verfassung“, sagt Olaf Penack. „Die jetzt mehr als fünfjährige virusfreie Beobachtungszeit deutet darauf hin, dass das HI-Virus aus dem Körper des Patienten tatsächlich komplett entfernt werden konnte. Wir sehen ihn deshalb als von seiner HIV-Infektion geheilt an.“ Heilung auch ohne HIV-Immunität der Stammzellspenderin „Dass die Heilung gelang, obwohl die Stammzellspenderin nicht immun gegen das HI-Virus war, ist äußerst überraschend“, betont Prof. Christian Gaebler, HIV-Experte und Arbeitsgruppenleiter an der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Charité und dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). Er hat den Fall aus infektiologischer Sicht analysiert. „Bisherige Stammzelltransplantationen ohne immunen Spender führten dazu, dass sich das HI-Virus nach wenigen Monaten wieder vermehrte.“ Der zweite Berliner Patient beweist, dass eine HIV-Heilung trotz funktionierender Andockstelle für das Virus möglich ist. „Das bedeutet, dass die Heilung wohl nicht auf die genetische CCR5-Ausstattung der Stammzellspenderin zurückzuführen ist, sondern darauf, dass die transplantierten Immunzellen der Spenderin alle HIV-infizierten Zellen des Patienten beseitigt haben“, erklärt Christian Gaebler. „Mit dem Austausch des Immunsystems haben wir offenbar alle Virus-Verstecke zunichte gemacht, sodass das HI-Virus die gespendeten, neuen Immunzellen nicht mehr infizieren konnte.“ Welche Faktoren haben zur Heilung beigetragen? Warum die Stammzelltransplantation in diesem Fall zu einer Heilung geführt hat, während das Virus sich bei vergleichbaren Fällen wieder vermehrte, ist noch unklar. Die Forschenden ziehen mehrere potenzielle Faktoren in Betracht. „Möglicherweise hat die Geschwindigkeit einen Einfluss, mit der das neue Immunsystem das alte ersetzt“, sagt Christian Gaebler. „Beim zweiten Berliner Patienten war dies mit unter 30 Tagen vergleichsweise schnell abgeschlossen. Vielleicht verfügt aber auch das Immunsystem der Spenderin über besondere Eigenschaften, wie beispielsweise besonders aktive natürliche Killerzellen, die dafür sorgen, dass schon eine geringe HIV-Aktivität erkannt und beseitigt wird.“ Von der Aufklärung des Heilungsmechanismus beim zweiten Berliner Patienten und potenziellen weiteren Fällen versprechen sich die Forschenden neue Schlüsse für die zukünftige Behandlung von Menschen mit HIV. „Unser Ziel ist weiterhin, HIV-Infektionen in Zukunft nicht nur im Einzelfall, sondern in der Breite heilen zu können“, sagt Christian Gaebler. „Aufgrund der erheblichen Risiken, die mit einer Stammzelltransplantation verbunden sind, eignet sich dieses Verfahren jedoch nicht für den Einsatz bei allen HIV-Infektionen. Sobald wir besser verstehen, welche Faktoren beim zweiten Berliner Patienten zur Entfernung aller HIV-Verstecke beigetragen haben, lassen sich die Erkenntnisse hoffentlich für die Entwicklung neuartiger Behandlungskonzepte wie zum Beispiel zellbasierter Immuntherapien oder therapeutischer Impfstoffe nutzen.“
Nach Bedarf versorgen: Post-COVID, Risikoschwangerschaft, Herzschwäche und Endometriose 16-07-2024
Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat deutschlandweit insgesamt 48 neue Vorhaben zur Versorgungsforschung sowie mehrere Leitlinienprojekte für eine Förderung ausgewählt. Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung in Deutschland immer weiter zu verbessern. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin leiten insgesamt neun der neuen Projekte, an weiteren sind sie beteiligt. Im Mittelpunkt steht eine bedarfsgerechte Versorgung von Patient:innen. Die neuen Versorgungsforschungsprojekte an der Charité: Dialysetherapie bei älteren Patient:innen: ja oder nein? Um diese weitreichende Entscheidung besser treffen zu können, fördert das Projekt die Gesundheitskompetenz von Betroffenen. Ältere Patient:innen mit einer fortgeschrittenen Nierenerkrankung werden zu ihren Bedarfen und Bedürfnissen befragt, die bisherige Aufklärungspraxis zu Prognose und Behandlungsmöglichkeiten untersucht sowie GKV-Routinedaten zur Sterblichkeit nach Dialysebeginn analysiert. Darauf aufbauend erstellt das Team eine Entscheidungshilfe, die die Vorstellungen von Patient:innen berücksichtigt und prüft die Machbarkeit einer umfassenden Studie dazu. Projekt: Kompetenzstärkung älterer Patienten mit fortgeschrittener Nierenerkrankung und limitierter Lebensprognose für die Wahl des angemessenen Behandlungspfades (CHOICE) Leitung: Prof. Elke Schäffner, Institut für Public Health Langzeitfolgen nach einer Infektion: Welche Versorgung brauchen Betroffene? Treten nach einer Virusinfektion langwierige Folgeerscheinungen auf, spricht man von postakuten Infektionssyndromen (PAIS). Dazu zählt auch das Post-COVID-Syndrom (PCS). In den kommenden Jahren untersuchen die Forschenden die ambulante fachübergreifende Versorgungslage von PAIS-Betroffenen am Beispiel von PCS in Berlin. Sie erarbeiten Behandlungspfade und Muster der Inanspruchnahme anhand der Erfahrungen von Patient:innen und Versorgenden. Nach der Auswertung von Daten zu Beschwerden und Erwartungen wird ein umfassendes Konzept zur optimierten strukturierten Versorgung erstellt. Projekt: Postakut viral infektiöse Syndrome in Berlin: Strukturierte sektorenübergreifende und interdisziplinäre Versorgung (PAIS Berlin) Leitung: PD Dr. Lorena Dini, Institut für Allgemeinmedizin Elektronische Patientenakte (ePA) für alle Verbessert sich durch die Nutzung der ePA die Kommunikation im Versorgungsprozess? Steigen Versorgungsqualität und -sicherheit, Patientenzufriedenheit und Gesundheitskompetenz? Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, systematisch strukturelle und individuelle Faktoren zu erfassen, die eine nachhaltige und aktive Nutzung der ePA in unterschiedlichen Zielgruppen erschweren oder fördern. Aus diesen Erkenntnissen sollen Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung der ePA abgeleitet werden. Projekt: ePA für alle (ePA4all) Leitung: Prof. Sebastian Spethmann, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC) Risiken in der Schwangerschaft genauer erfassen Der Mutterpass mit integriertem Risikokatalog ist das Schlüsselinstrument in der Schwangerschaftsbetreuung. Durch die subjektive Gewichtung von Risikofaktoren gilt allerdings ein Großteil der Schwangeren als Risikoschwangere, was die Betreuung erschwert. In diesem Projekt wird durch die rückblickende Analyse von Datensätzen sowie eine zukünftige Anwendung zur Testung und Evaluation ein neuer objektiver Score entwickelt, der das Risiko präziser erfasst. Der neue Risikoscore soll Schwangerschaftskomplikationen genauer vorhersagen und so eine individuellere Betreuung ermöglichen. Projekt: Analyse der fetomaternalen Risikofaktoren zur Etablierung eines Risikoscores für Schwangerschaftskomplikationen (FeMaR) Leitung: Prof. Felix Balzer, Institut für Medizinische Informatik und Dr. Silke Wegener, Klinik für Geburtsmedizin Telemonitoring bei Herzschwäche im Versorgungsalltag Patient:innen mit Herzinsuffizienz haben seit 2022 Anspruch auf eine telemedizinische Mitbetreuung. Das Projekt untersucht, inwieweit die der G-BA-Entscheidung zugrundeliegenden positiven Studienergebnisse zum Telemonitoring bei Herzinsuffizienz unter Bedingungen der Versorgungsrealität Bestand haben. Hierzu wird eine umfassende Studie mit Betroffenen und Kontrollpersonen durchgeführt. Die Ergebnisse sollen zeigen, ob und welche Anpassungen in den bestehenden Regelungen notwendig sind. Projekt: Registerstudie zur Patientenakzeptanz und zur Wirksamkeit des nicht-invasiven Telemonitoring bei Herzinsuffizienz im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung (TIM-HF4) Leitung: Prof. Friedrich Köhler, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC) Endometriose besser verstehen und behandeln Endometriose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Frau im reproduktionsfähigen Alter, die von Missverständnissen begleitet ist und oft unzureichend erkannt wird. Das führt zu einem verspäteten Beginn der notwendigen multimodalen Behandlung und zu chronischen Schmerzen bei Patientinnen. Das Projektteam wird die vorliegenden Fakten zur Erkrankung systematisch zusammentragen und die Ergebnisse anschließend der breiten Öffentlichkeit in verschiedenen Publikationen und im Rahmen von Veranstaltungen zur Verfügung stellen. Projekt: Evidenzrecherche multimodaler Versorgung von Endometriosepatientinnen (Endo Evidenz) Leitung: Prof. Sylvia Mechsner, Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie CVK Prof. Anna Slagman, Sprecherin der Plattform – Charité Versorgungsforschung, erklärt: „Die neuen Projekte stellen in besonderem Maße die Sichtweise und Mitwirkung der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt. Unterstützend wirken die vorhandenen und neu hinzukommenden digitalen Angebote, die zunehmend in den Versorgungsprozess eingebunden und stetig weiterentwickelt werden. Beides trägt dazu bei, die Gesundheitsversorgung zukünftig noch stärker personalisiert und bedarfsgerecht zu gestalten.“ Mediziner:innen und Forschende der Charité sind darüber hinaus in zwei weiteren Projekten zur Versorgungsforschung beteiligt. Das Projekt Power-AOP unter Leitung der Universität Duisburg-Essen und Mitwirkung des Teams um Prof. Carsten Perka vom Centrum für Muskuloskeletale Therapie der Charité widmet sich der Stärkung der Rolle des Patienten im Kontext ambulanter Operationen am Beispiel der Orthopädie. Es soll die Voraussetzungen dafür schaffen, Operationen bei angemessener Behandlungsqualität und -sicherheit vom stationären in den ambulanten Sektor zu verlagern. Ein Team um Prof. Birgit Mazurek vom Tinnituszentrum der Charité geht im Projekt AgeHearing-QoL unter Konsortialführung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut der Frage nach, welche frühzeitigen Versorgungsansätze zur Verbesserung der Lebensqualität älter werdender Menschen mit Schwerhörigkeit eingesetzt werden sollten. Mit der jüngsten Förderentscheidung des Innovationsausschusses können an der Charité zudem neue Projekte zur Entwicklung und Weiterentwicklung medizinischer Leitlinien starten. Drei davon leiten Mediziner:innen der Charité, in zwei weiteren sind sie beteiligt.
Stiftung Charité fördert Clinician Scientists mit Schwerpunkt auf digitaler Translation und etabliert Internationalisierungs-Grants 12-07-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité, Stiftung Charité und Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) Die Stiftung Charité, initiale und langjährige Förderin des BIH Charité Clinician Scientist Programms, setzt ihr Engagement in diesem wichtigen Programm fort und setzt mit zwei innovativen Förderangeboten neue Impulse: Für die kommenden fünf Jahre schafft die Stiftung Charité neue Stellen für Clinician Scientists mit einem Schwerpunkt auf digitaler Translation: So sollen Clinician Scientists gefördert werden, die sich vor allem mit der Integration modernster digitaler Technologien, insbesondere der Künstlichen Intelligenz (Artificial Intelligence, AI) und Erweiterten Realität (Extended Reality, XR), in den klinischen Versorgungsalltag beschäftigen. Die Integration digitaler Technologien in die Praxis ist eine der drängendsten Herausforderungen für ein innovatives und auf die Zukunft vorbereitetes Gesundheitswesen. „Die Stiftung Charité setzt hiermit neue und für die medizinische Zukunft maßgebliche inhaltliche Akzente bei der Förderung des Nachwuchses forschender klinischer Ärztinnen und Ärzte. Gleichzeitig unterstreicht die Stiftung ihre lange und kontinuierliche Verbundenheit mit diesem außerordentlich erfolgreichen Förderprogramm“, erläutert Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Charité, die Entscheidung. Auch strukturell soll die Internationalisierung des Programms vorangetrieben werden. Mit der Einrichtung von Internationalisierungs-Grants fördert die Stiftung Charité ab diesem Jahr verstärkt den internationalen wissenschaftlichen Austausch. Die kompetitiv zu erwerbenden Grants stehen ausschließlich bereits Geförderten des BIH Charité Clinician Scientist Programms zur Verfügung. Dadurch sollen internationale Kontakte nicht nur initiiert, sondern vor allem intensiviert werden. „Ich freue mich sehr über die Einwerbung der Internationalisierungs-Grants im Rahmen unseres BIH Charité Clinician Scientist Programms – diese Grants sind eine wertvolle ergänzende Programmkomponente und essenziell für die Förderung globaler wissenschaftlicher Netzwerke. Die Internationalisierungs-Grants werden nicht nur internationale wissenschaftliche Kooperationen unserer Fellows fördern, sondern auch Netzwerkinteraktionen zum Beispiel in Bezug auf Initiativen zum Patient Stakeholder Engagement“, kommentiert Prof. Dr. Christopher Baum, Vorsitzender des Direktoriums des BIH in der Charité und Vorstand des Translationsforschungsbereiches der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Hinsichtlich der Entscheidung der Stiftung für eine solche erstmalige verstärkte internationale Öffnung des Programms betont Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Internationale Kooperationen sind für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine große Chance, aber auch ein besonderes Privileg. Die Unterstützung unserer Clinician Scientists gerade um internationale Kooperationen zu etablieren und zu vertiefen, halte ich für besonders wertvoll und bin davon überzeugt, dass dies die Attraktivität des Clinician Scientist Programms weiter steigern wird und die Absolventinnen und Absolventen erheblich davon profitieren können.“ Veröffentlichung der beiden Ausschreibungen über die BIH Website: Die ersten beiden Digital Clinician Scientist-Stellen mit dem Schwerpunkt „digitale Translation“ werden im Rahmen des Digital Clinician Scientist Calls 2024_II veröffentlicht. Die Veröffentlichung des Calls ist für den 17. Juli 2024 geplant. Auch die Ausschreibung für die Pilotierung der Internationalisierungs-Grants soll Mitte Juli 2024 erfolgen. Zu beiden Ausschreibungen gelangen Sie über folgenden Link: https://www.bihealth.org/de/aktuelles/ausschreibungen
Mukoviszidose: Grundschulkinder profitieren von Dreifachtherapie 10-07-2024
Mukoviszidose ist eine bislang unheilbare Erbkrankheit. Betroffene haben zähen Schleim in der Lunge und ihre Lungenfunktion nimmt stetig ab. Mithilfe der sogenannten Dreifachtherapie ist es heute möglich, den zugrunde liegenden Defekt der Erkrankung ursächlich zu korrigieren. Seit Kurzem ist die Therapie auch für Kinder zugelassen. Eine aktuelle Beobachtungsstudie unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigt, dass die neue Behandlung den Gesundheitszustand von Grundschulkindern mit Mukoviszidose deutlich verbessert. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin European Respiratory Journal* veröffentlicht. Bei Mukoviszidose fließt der zähe Lungenschleim kaum ab und verstopft die Atemwege. Die Folge: erschwerte Atmung, chronische bakterielle Infektionen, Entzündungen und Gewebeveränderungen in der Lunge mit einhergehenden Funktionsverlusten. Mukoviszidose-Erkrankte begleitet eine lebenslängliche symptomatische Therapie aus täglichen Inhalationen mit schleimlösenden Medikamenten, teilweise Antibiotikabehandlung und Physiotherapie. Seit 2020 gibt es ein zusätzliches Behandlungskonzept, das nicht nur die Symptome, sondern die Ursache der Erkrankung adressiert: Die Kombinationstherapie mit den drei Wirkstoffen Elexacaftor, Tezacaftor und Ivacaftor. Diese sogenannte Dreifachtherapie wird als Tablette eingenommen und ist seit 2022 auch für Kinder ab sechs Jahren, seit 2023 für Kinder ab zwei Jahren zugelassen. „Dass die Therapie nun für Kinder zur Verfügung steht, ist für die jungen Patientinnen und Patienten ein Segen“, sagt Prof. Mirjam Stahl, korrespondierende Autorin der Studie und Leiterin der Sektion Cystische Fibrose an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin der Charité. „Mit unserer aktuellen Beobachtungsstudie, die wir mit Kindern zwischen sechs und elf Jahren durchgeführt haben, konnten wir zeigen, dass die Dreifachtherapie zu einer deutlichen Verbesserung der Lungenerkrankung führt.“ So funktioniert die Dreifachtherapie Das Krankheitsbild der Mukoviszidose beruht auf Gendefekten, die dazu führen, dass die für die normale Schleimproduktion verantwortlichen molekularen Strukturen in der Lungenschleimhaut – die sogenannten CFTR-Kanäle – nicht oder nur unzureichend funktionieren. CFTR-Kanäle regulieren den Wasser- und Salztransport in der Schleimhaut und sorgen für die Bildung ausreichend flüssigen Schleims. Bei etwa 90 Prozent der Mukoviszidose-Patient:innen liegt eine als F508del bezeichnete Mutation vor, die dazu führt, dass der CFTR-Kanal strukturell geschädigt und aufgrund dessen nicht funktionsfähig ist. Mithilfe der beiden Wirkstoffe Elexacaftor und Tezacaftor kann dieser strukturelle Schaden korrigiert werden. Der dritte Wirkstoff Ivacaftor funktioniert wie eine Art Keil: Er sorgt dafür, dass der CFTR-Kanal dauerhaft geöffnet ist. „Mit der Dreifachtherapie kann die Funktion des CFTR-Kanals auf bis zu 50 Prozent des normalen Wertes angehoben werden“, sagt Mirjam Stahl. „Aus einer vorangegangenen Beobachtungsstudie mit Erwachsenen wissen wir, dass die Dreifachtherapie mit einer erheblichen Verbesserung der Lungenfunktion und Lebensqualität einhergeht. Für den Großteil der Patientinnen und Patienten ist sie ein echter Gamechanger.“ Lungenfunktion so gut wie bei Gesunden Doch wie wirksam ist die Dreifachtherapie bei Kindern im Grundschulalter? Dieser Frage ging das Forschungsteam um Mirjam Stahl und Prof. Marcus Mall, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin und Leiter der Beobachtungsstudie, nach. Die Studie wurde an insgesamt vier deutschen Zentren für Mukoviszidose durchgeführt, neben der Charité waren die Medizinische Hochschule Hannover und die Universitätskliniken Heidelberg und Gießen beteiligt. Die Forschenden untersuchten 107 an Mukoviszidose erkrankte Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren jeweils vor Beginn und während der ärztlich verschriebenen Dreifachtherapie. Dabei kamen neben üblichen Untersuchungsmethoden zur Einschätzung der Lungenfunktion wie der Spirometrie auch neue, innovative Methoden wie das Gasauswaschverfahren und die Magnetresonanztomografie (MRT) der Lunge zur Anwendung. Mit ihnen können Veränderungen in der Lunge wie etwa Erweiterungen der Bronchien, Verdickungen der Bronchialwände oder dauerhafte Schleimablagerungen empfindlich erfasst und sichtbar gemacht werden. Das Forschungsteam begleitete die Studienteilnehmenden etwa ein Jahr. „Die Dreifachtherapie konnte bei den jungen Patientinnen und Patienten die Schwere der Lungenerkrankung deutlich reduzieren und – zumindest während des einjährigen Untersuchungszeitraums – ein Voranschreiten der Erkrankung verhindern“, fasst Marcus Mall die Studienergebnisse zusammen. „Die Mehrzahl der Kinder erreichte mit der Dreifachtherapie sogar eine normale Lungenfunktion. Das ist ein überaus erfreuliches Ergebnis!“ Weitere Forschung Mirjam Stahl und ihr Team führen derzeit eine ähnliche Beobachtungsstudie mit Kindern zwischen zwei und fünf Jahren durch, um die Vorteile der Dreifachtherapie auch für diese Altersgruppe näher zu beleuchten. „Wir hoffen, dass eine im frühen Kindesalter begonnene Dreifachtherapie die Entwicklung einer schweren Symptomatik und die Ausbildung struktureller Veränderungen in der Lunge verhindern kann“, sagt die Kinderpneumologin. Außerdem möchten die Forschenden herausfinden, ob die symptomatische Basistherapie der Mukoviszidose während der Dreifachtherapie reduziert werden kann. Denn bislang wird sie parallel fortgeführt. Mirjam Stahl: „Weniger Inhalationen würden für die Patientinnen und Patienten eine enorme zeitliche Entlastung im Alltag darstellen und ihre Lebensqualität deutlich verbessern.“
Lebensrettende Wirkung von Dexamethason bei COVID-19 entschlüsselt 03-07-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und DZNE Dexamethason ist eines der wichtigsten Medikamente in der Therapie von schwerem COVID-19, allerdings sprechen Erkrankte sehr unterschiedlich darauf an. Wie das Kortisonpräparat die gestörte Entzündungsreaktion beeinflusst und welche Patient:innen davon profitieren, haben Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) jetzt herausgefunden. Ihre Methode bedient sich sogenannter Einzelzell-Analysen und macht Hoffnung auf ein präzises Vorhersage-Instrument auch für andere Therapien und Erkrankungen. Die Ergebnisse sind im Wissenschaftsjournal Cell* erschienen. Für die Medizin ist es seit Langem ein Rätsel, weshalb bestimmte Medikamente bei manchen Menschen hervorragend wirken – und bei anderen überhaupt nicht. Forschende der Charité und des DZNE haben jetzt eine Methodik erprobt, mit der sich die molekularen Mechanismen präziser als bislang aufdecken lassen. Für ihre Studie untersuchten sie beispielhaft die molekulare Wirkung von Dexamethason bei Patientinnen und Patienten mit einem schweren COVID-19-Verlauf, die unterschiedlich auf die Gabe des Medikaments reagierten. Dank sogenannter Einzelzell-Analysen fanden sie heraus, dass eine bestimmte Zellart im Immunsystem für die völlig konträren Reaktionen verantwortlich ist. Sie entdeckten außerdem eine Möglichkeit, schon frühzeitig in der Behandlung vorherzusagen, ob diese bei der jeweiligen Person anschlägt. Der hier getestete Ansatz könnte auch bei der Therapie anderer Erkrankungen nützlich sein. Monozyten zeigen Therapieverlauf an Zu Beginn der Corona-Pandemie stellte sich heraus, dass bei Personen mit schwerem Krankheitsverlauf das Immunsystem oft übermäßig stark auf das Virus reagiert. Man gab ihnen daher Dexamethason, ein Kortisonpräparat, das bei zahlreichen Krankheiten verabreicht wird, um das Immunsystem zu beeinflussen. Bei vielen Betroffenen brachte eine Behandlung mit Dexamethason eine rasche Besserung. Bei anderen hingegen blieb der Zustand kritisch, manchmal verschlechterte er sich sogar und die Menschen starben. Die aktuellen Studienergebnisse geben nun Aufschluss darüber, was das Medikament im Körper bewirkt, wenn die Therapie anschlägt. „Unsere Daten zeigen, dass die lebensrettende Wirkung von Dexamethason mit der Reaktion von sogenannten Monozyten in Verbindung steht“, sagt Dr. Anna Aschenbrenner vom DZNE, die die Studie gemeinsam mit Prof. Florian Kurth von der Charité und weiteren Kollegen leitete. Monozyten gehören zu den weißen Blutkörperchen und bilden einen zentralen Bestandteil des Immunsystems. „Ein Teil der Monozyten zeigte eine Reaktion auf die Behandlung – aber nur bei jenen Personen, bei denen die Therapie auch eine Besserung des Krankheitszustandes bewirkte und die die Infektion am Ende überlebten“, so Anna Aschenbrenner. „Warum die Monozyten bei manchen Patienten diese Reaktion zeigen und bei anderen nicht, ist rätselhaft. Auch von anderen Erkrankungen ist allerdings bekannt, dass Dexamethason nicht bei allen Menschen gleichermaßen gut wirkt.“ Veränderte Signatur Bereits 2020 fanden die Forschenden aus Berlin und Bonn in einer der ersten Studien zur Immunantwort bei Menschen mit schwerem COVID-19 in Monozyten eine veränderte, krankhafte „Signatur“ – das ist, vereinfacht gesagt, eine Art molekularer Fingerabdruck, der die Eigenschaften dieser Immunzellen widerspiegelt. Wie die aktuelle Studie zeigt, machte die Dexamethason-Behandlung diese Veränderungen wieder rückgängig, wenn die Therapie anschlug. Das Besondere: „Die Reaktion der Monozyten geht der Verbesserung des Gesundheitszustands um einige Tage voraus“, sagt Florian Kurth von der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Charité. „Wenn die Immunzellen frühzeitig auf Dexamethason reagieren, kann man also davon ausgehen, dass die Behandlung anschlagen wird. Wenn sie es nicht tun, die Therapie also keine Wirkung zeigen wird, können wir zusätzliche Arzneimittel einsetzen, um den Betroffenen zu helfen.“ Bis die neuartige Methode in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann, sind allerdings noch weitere Forschungsarbeiten nötig. Die Aufklärung dieser Vorgänge gelang den Forschenden mithilfe der Einzelzell-Sequenzierung. „Mit dieser Methode lässt sich jede einzelne Zelle individuell charakterisieren. Eine solch detaillierte Analyse von Zell-Signaturen erlaubt Einblicke in den Körper, die noch vor wenigen Jahren nicht möglich waren“, sagt Prof. Joachim Schultze, Direktor für Systemmedizin am DZNE und ebenfalls einer der leitenden Autoren der Studie. Mit der Einzelzell-Sequenzierung untersuchten die Forschenden Blutproben von Menschen, die aufgrund einer schweren COVID-19-Erkrankung in der Charité mit Dexamethason behandelt wurden. Die Proben waren bereits frühzeitig in der Pandemie systematisch zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Krankheitsverlaufs entnommen worden. Bei deren Analyse erwies sich die Reaktion der Monozyten als Indikator für den künftigen Therapieverlauf. Neuer Ansatz für gezielte Medikamentenentwicklung „Die Bedeutung unserer Ergebnisse geht weit über COVID-19 hinaus“, betont Prof. Leif Erik Sander, ebenfalls einer der Studienleiter. Er ist Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Charité und Arbeitsgruppenleiter am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). „Die Kombination von klug konzipierten klinischen Studien mit hochauflösender molekularer Analytik kann entscheidende Einblicke in die Wirkweise von Medikamenten liefern. Dieser Ansatz könnte bereits in frühen Studienphasen zur Erprobung neuer Medikamente Merkmale identifizieren, die das Ansprechen auf Therapien vorhersagen.“ Dies könnte zukünftig die Medikamentenentwicklung beschleunigen und personalisierte Therapien ermöglichen. „Ich gehe davon aus, dass sich dieser Ansatz auch auf andere Erkrankungen übertragen lässt“, sagt Florian Kurth. „Abhängig von der spezifischen Erkrankung und der Therapie werden unterschiedliche Zellen als Indikatoren dienen können. Sobald sie mithilfe der Einzelzell-Sequenzierung identifiziert sind, werden auch bereits etablierte, einfachere Labormethoden ausreichen, um die aussagekräftigen Zell-Veränderungen festzustellen.“ In der Forschung wird dieser Ansatz als „Companion Diagnostics“ bezeichnet – als zeitgleiche Begleitung einer Therapie durch molekulare Untersuchungen. Anna Aschenbrenner sieht die Anwendung der Methodik insbesondere bei Infektionserkrankungen: „Die Immunzellen spielen hier eine tragende Rolle und sind über Blutproben leicht zugänglich. Aber auch bei nichtinfektiösen Erkrankungen mit systemischen Auswirkungen, die also letztlich den gesamten Organismus erfassen, gibt es Potenzial. Denn auch Erkrankungen wie Krebs oder sogar Alzheimer können sich in den Immunzellen des Blutes widerspiegeln.“
Gesundheitsversorgung länderübergreifend mit Daten und klinischer Forschung verbessern 02-07-2024
Während der COVID-19-Pandemie hat Israel beispielhaft gezeigt, wie die Erhebung von Patientendaten die Forschung zur Prävention von Infekten und die Entwicklung von Therapien voranbringen kann. Seitdem kooperieren die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die größte israelische Gesundheitsorganisation mit dem Ziel, die israelische Expertise bei der Nutzung von „Big Data“ mit innovativen biomedizinischen Forschungsansätzen von Charité-Wissenschaftler:innen zu kombinieren. Im Rahmen dieser Kooperation hat eines der ersten gemeinsamen Projekte nun eine EU-Finanzierung erhalten. Seit 2022 arbeiten die Charité und Clalit Health Services in einer strategischen wissenschaftlichen Partnerschaft zusammen. „Auf den ersten Blick sind die Charité als eine der größten Universitätskliniken Europas und Clalit, eine Health Management Organisation, sehr verschieden. Doch genau das macht den Reiz und das Potenzial dieser Partnerschaft aus“, erklärt Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. Er ergänzt: „Clalits besondere Stärke liegt in der hervorragenden digitalen Infrastruktur und der Fähigkeit, Innovationen wie beispielsweise KI-getriebene Versorgungsplattformen großflächig in die Praxis umzusetzen.“ Clalit Health Services betreibt als größte staatliche Gesundheitsorganisation Israels ein Netzwerk von 14 Krankenhäusern und mehr als 1.300 Primärversorgungskliniken, Apotheken sowie Zahnkliniken und versorgt rund fünf Millionen Mitglieder. Mit ihrem Innovationshub Clalit Innovation fördert sie Forschung und Entwicklung. Initiiert wurde die wissenschaftliche Zusammenarbeit bei einem ersten Workshop im Jahr 2022 durch die Charité-Wissenschaftler Prof. Friedemann Paul, Leiter des Experimental and Clinical, Research Center (ECRC), und Prof. Leif Erik Sander, Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin. Bei diesem Treffen haben sich zehn deutsch-israelische Tandems von interdisziplinären Forschungsgruppen in den Bereichen KI und Gesundheitsdaten, Immunologie und Infektiologie sowie Onkologie und Kardiologie gebildet. Im Juni dieses Jahres fand nun ein zweites Follow-up Meeting an der Charité statt: Israelische und Berliner Wissenschaftler:innen haben in mehr als 40 Vorträgen Ergebnisse und Pläne zu laufenden gemeinsamen Projekten vorgestellt sowie in Workshops neue Projektgruppen in den Feldern Frauengesundheit und Mentale Gesundheit gebildet. Prof. Joachim Spranger, Dekan der Charité, äußerte sich erfreut bei der Eröffnung der Veranstaltung: „Die Zusammenarbeit mit Clalit bietet einzigartige Möglichkeiten zur Verbesserung der Datenanalyse und von KI-Lösungen. Die Verarbeitung und Nutzung solch hochwertiger Gesundheitsdaten ermöglichen es, Krankheitsverläufe und Behandlungsergebnisse besser vorherzusagen, bisher unbekannte Krankheitsmuster zu identifizieren und Patienten letztlich frühzeitig passende diagnostische und therapeutische Maßnahmen anbieten zu können.“ EU fördert deutsch-israelisches Forschungsprojekt Beispielhaft für die zukunftsorientierte Zusammenarbeit ist das Projekt EXPLORE-NB von PD Dr. Hedwig Deubzer, Oberärztin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité, das vor Kurzem von der Europäischen Union im HORIZON 2020 Programm ERA-NET aufgenommen und eine Förderung von rund 939.000 Euro erhalten hat. Gemeinsam mit den israelischen Kolleg:innen Dr. Esther Berko, Dr. Assaf Grunwald und Dr. Nurit Gal Mark sowie weiteren europäischen Partnern beschäftigt sie sich in den nächsten drei Jahren intensiv mit der Frage, ob molekulare Marker solider Tumore bei Kindern, wie dem Neuroblastom, auch in den sogenannten Bioflüssigkeiten und damit weniger invasiv identifiziert werden können. Zu den Bioflüssigkeiten gehören Blut, Knochenmark, Urin und Liquor. Liquid Biopsies sind minimal- bis nicht-invasiv, gering risikobehaftet und somit seriell durchführbar. Dr. Deubzer betont: „Unsere Hypothese ist, dass wir das Therapieansprechen mit Liquid Biopsies überwachen können sowie das Entstehen von Therapieresistenz frühzeitig entdecken und verstehen können. In EXPLORE-NB werden wir uns dabei auf die epigenetischen Veränderungen konzentrieren. Unsere Kooperation lebt von dem Forschungsziel, die Heilungschancen zu erhöhen und die Gesundheits-Überwachung nach einer kindlichen Krebserkrankung zu verbessern. Gemeinsam möchten wir daher in der weiteren Perspektive die Bedeutung der EXPLORE-NB Forschungsdaten in einer klinischen Studie prüfen.“ Enge Kooperation trotz Herausforderungen Wie eng die Kooperation nach zwei Jahren, trotz Pandemie und Krieg im Nahen Osten ist, zeigt auch das von der Stiftung Charité geförderte Visiting Fellowship für Prof. Ran Balicer. Der israelische Mediziner und Public-Health-Experte wird im Rahmen des Fellowship-Programms in den nächsten drei Jahren eine Arbeitsgruppe an der Charité aufbauen und auch darüber die Kooperation der beiden Institutionen weiter fördern. „Wir finden, dass diese laufende Zusammenarbeit zwischen der Charité und Clalit von höchstem wissenschaftlichem Anspruch und potenziell klinischer Wirksamkeit ist. Die Möglichkeit, dass hochkarätige Kliniker:innen und Forscher:innen auf beiden Seiten die unvergleichlichen Datenressourcen von Clalit nutzen können, hat einen starken Synergieeffekt, der bahnbrechende Forschung in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen ermöglicht“, sagt Prof. Ran Balicer, Chief Innovation Officer von Clalit, und fügt hinzu: „Wir sind erfreut über den Beginn einer neuen Reihe von Kooperationen in dieser Woche und sind sicher, dass diese die positiven Auswirkungen dieser Forschung auf das Leben und das Wohlergehen von Patient:innen weiter steigern werden – in Deutschland, in Israel und weltweit.“
Multiples Myelom: Aggressive Tumoren früh erkennen 28-06-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité, BIH in der Charité und Max Delbrück Center Das Multiple Myelom ist eine der häufigsten Krebserkrankungen der Immunzellen des Knochenmarks. Bis heute gilt sie als unheilbar. Auch wenn eine Therapie zunächst anschlägt, kehrt der Krebs zurück. Um schneller und zielgerichteter eingreifen zu können, haben Forschende an Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und Max Delbrück Center zusammen mit weiteren Partnern die Erkrankung umfassend molekular untersucht. Wie sich besonders aggressive Tumorvarianten frühzeitig erkennen lassen, beschreibt das Team jetzt im Fachmagazin Nature Cancer*. Es zeigt auf, wie sich Veränderungen im Erbgut auf das Protein-Profil der Tumorzellen und damit auf die Krankheitsmechanismen auswirken. Das Multiple Myelom ist eine Krebserkrankung, bei der Immunzellen des Knochenmarks, sogenannte Plasmazellen, entarten. Plasmazellen sind für die Produktion von Antikörpern verantwortlich. Jeder Mensch verfügt über eine Vielzahl unterschiedlicher Plasmazellen, die unterschiedliche Antikörper in großer Zahl bilden. So kann der Körper verschiedene Krankheitserreger erkennen und bekämpfen. Im Fall des Multiplen Myeloms entwickelt sich eine einzelne Plasmazelle zur Tumorzelle. Sie vermehrt sich ungehemmt und bildet eine monoklonale Zellpopulation, das heißt, es entstehen viele Zellen, die alle exakt gleich und zunächst genetisch identisch sind. Auch sie produzieren oft Antikörper in großer Zahl oder Bruchstücke von ihnen – jedoch sind diese funktionslos. Im Verlauf der Krankheit entstehen meist mehrere Tumorherde an vielen Stellen des Knochenmarks, daher der Name: Multiples, also vielfaches, Myelom. Immunschwäche, Nierenversagen, Knochenabbau und Knochenbrüche sind nur einige der Folgen des unkontrollierten Zellwachstums. Trotz therapeutischer Fortschritte und der Einführung neuer zellulärer Immuntherapien gibt es für das Multiple Myelom heute noch keine Heilung. Ein Forschungsteam um Prof. Jan Krönke, Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité, und Dr. Philipp Mertins, Leiter der Technologieplattform Proteomik von Max Delbrück Center und BIH, hat sich daher auf die Suche nach neuen diagnostischen und therapeutischen Ansätzen begeben. Welchen Weg schlägt der Tumor ein? Jede Krebserkrankung ist anders, so auch beim Multiplen Myelom. Tumorherde entwickeln sich individuell verschieden und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Das erschwert eine Einschätzung des Krankheitsverlaufs und die Wahl der optimalen Behandlung. Während sich veränderte Plasmazellen manchmal nur wenig verbreiten, verhalten sie sich in anderen Fällen äußerst aggressiv, was mit einer schlechten Perspektive für den weiteren Krankheitsverlauf einhergeht. Was also macht die Verläufe bei Multiplem Myelom so unterschiedlich? Gemeinsam mit Expert:innen für Proteinanalysen des Max Delbrück Center und des BIH haben die Forschenden genetische und molekulare Veränderungen in den Tumorzellen bei einer Gruppe von mehr als einhundert Erkrankten im Detail untersucht. Eingeflossen sind Daten von Patient:innen der Deutschen Studiengruppe Multiples Myelom (DSMM), die am Universitätsklinikum Würzburg koordiniert wird. Die Forschenden konnten somit auch klinische Daten von einheitlich behandelten Patient:innen über einen Zeitraum von acht Jahren und länger nach der Erstdiagnose einbeziehen. Systemmedizin und sehr große Datenmengen Während für andere Krebsarten die Veränderungen im Genom und ihre Auswirkungen auf das Proteom bereits gut beschrieben sind, ist dies die erste umfangreiche proteogenomische Studie für das Multiple Myelom. „Um die Krankheitsmechanismen aufzuklären, reichen Daten zur Genetik allein nicht aus“, sagt Dr. Mertins. „Wir wollten wissen, welche Folgen genetische Veränderungen auf der Ebene der Proteine haben und diese molekularbiologischen Daten mit dem tatsächlichen Verlauf bei den Patientinnen und Patienten abgleichen.“ Bei der Erhebung und Auswertung der umfangreichen Datenmengen hatte das Team Unterstützung durch Expert:innen an Charité, BIH und des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK). Neueste massenspektrometrische Methoden ermöglichten es, das Proteinprofil entarteter Plasmazellen zu erstellen und mit dem Profil gesunder Plasmazellen von nicht erkrankten Personen zu vergleichen. Das Ergebnis: Sowohl genetische Veränderungen als auch Veränderungen in den Signalwegen führen zu einer unkontrollierten Aktivierung der Krebszellen. Regulatorische Prozesse auf der Proteinebene hatten dabei den stärkeren Einfluss. Die Forschenden konnten eine Proteinkonstellation ausfindig machen, die unabhängig von bekannten Risikofaktoren auf einen besonders aggressiven Krankheitsverlauf hinweist. Aufbruch zu neuen Therapien „Die Erkenntnisse werden dazu beitragen, Patientinnen und Patienten künftig besser in Untergruppen einzuteilen und damit die Therapie zu personalisieren“, folgert Prof. Krönke. „Wir haben wichtige Proteine und Signalwege identifiziert, die Grundlage für noch wirksamere und verträglichere Therapien für das Multiple Myelom sein können, zum Beispiel für Immuntherapien wie die CAR-T-Zell-Therapie.“ Welche der gefundenen Zielstrukturen für neue therapeutische Ansätze tatsächlich infrage kommen, werden die Wissenschaftler:innen in weiteren Schritten untersuchen. Für die Forschung und die anwendungsbezogene Entwicklung ist die Studie eine zentrale Ressource, betont Dr. Evelyn Ramberger, Erstautorin der Studie: „Um den komplexen Datensatz handhabbar zu machen, haben wir ein interaktives und frei verfügbares Online-Tool programmiert.“ Damit haben Krebsforscher:innen einen einfachen Zugang zu den Ergebnissen und können die Informationen für die Entwicklung neuer Therapien und Tests zur Therapiesteuerung nutzen. So könnten Patient:innen mit einer besonders aggressiven Form des Multiplen Myeloms möglicherweise gleich zu Beginn mit einer intensiveren Therapie behandelt werden.
Gemeinsam für Innovation: Charité und Bayer gründen Berlin Center for Gene and Cell Therapies 21-06-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Bayer Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die Bayer AG haben heute die Pläne zur Errichtung des Berlin Center for Gene and Cell Therapies, einem Translationszentrum für Gen- und Zelltherapien, vorgestellt. Das Projekt wird maßgeblich von der Bundesregierung sowie dem Land Berlin finanziell gefördert und unterstützt. Ziel des gemeinsamen Vorhabens ist es, die Behandlungsmöglichkeiten dieser bahnbrechenden Technologien schneller Patient:innen zur Verfügung zu stellen und dabei gleichzeitig in Berlin ein führendes Biotech-Ökosystem für neuartige Therapien aufzubauen. Das Potenzial für Gen- und Zelltherapien gilt als enorm. Sie sind Hoffnungsträger für Menschen, bei denen herkömmliche Therapien versagt haben oder für die es bislang keine wirksame Behandlung gibt. Um die vielversprechenden Ergebnisse der Grundlagenforschung schneller zu den Patient:innen zu bringen, wollen Charité und Bayer auf dem Bayer-Campus am Nordhafen in Berlin-Mitte ein Translationszentrum für Gen- und Zelltherapien errichten. Als Translation wird die Überführung von Forschungsergebnissen in die Gesundheitsversorgung bezeichnet. Diesen Transfer soll das Berlin Center for Gene and Cell Therapies beschleunigen, indem es Start-ups unterstützt, ihre innovativen Ansätze für Gen- und Zelltherapeutika in die klinische Entwicklung zu bringen. Dazu ist ein sogenannter Inkubator mit voll ausgestatteten Laborflächen sowie ein nach den Standards der guten Herstellungspraxis (Good Manufacturing Practice, GMP) zertifizierter Produktionsbereich geplant. Inkubatoren sind Einrichtungen, die im Sinne eines „Brutkastens für innovative Ideen“ Start-ups auf dem Weg der Gründung begleiten und sie unterstützen, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Die jungen Unternehmen sollen dafür Beratung zu regulatorischen Auflagen, klinischen Studien, Patentrechten und Business Development erhalten. Für den Betrieb des Inkubators gründen Bayer und die Charité eine gemeinschaftliche öffentlich-private, nicht gewinnorientierte Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Die Charité wird 67 Prozent, Bayer 33 Prozent der Geschäftsanteile besitzen. Das Berlin Center for Gene and Cell Therapies vereinigt Forschung, Entwicklung und Herstellung von Gen- und Zelltherapien mitten in der Hauptstadt. Durch die aktive Einbettung in das Berliner Umfeld mit seiner Vielzahl an Einrichtungen der Biomedizin und Gesundheitswirtschaft soll es zu einem kreativen und interaktiven Hub für Biotech-Innovationen im Bereich neuartiger Therapien werden. Gefördert wird das Vorhaben sowohl vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als auch vom Land Berlin. Der Baubeginn ist für 2025 geplant. Bundeskanzler Olaf Scholz: „Mit dem Startschuss für das neue Translationszentrum feiern wir heute auch eine einzigartige Form der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik. Diese Institution wird Kern eines ganzen Organismus von gen- und zellbasierten Therapien werden. Dazu brauchen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Unternehmerinnen und Unternehmer, die sowohl die kleinsten Details im Zellkern als auch das große Ganze sehen: die Medizin der Zukunft, die Antworten gibt auf die großen Fragen, die sich schon Rudolf Virchow stellte. Gut, dass wir beides hier in Deutschland haben: mutige Forschung und innovative Unternehmen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für dieses visionäre Projekt!“ Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin: „Berlin ist ein starker und führender Standort für Medizin, Wissenschaft und Forschung und damit für die Gesundheitswirtschaft. Das neu entstehende Translationszentrum für Gen- und Zelltherapien ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Berlin hat dieses Leuchtturmprojekt von Anfang an unterstützt, weil wir von dem Potenzial der Gen- und Zelltherapien überzeugt sind. Die Zusammenarbeit von Charité und Bayer auf einem der innovativsten Gebiete der Medizin ist ein klares Signal, dass wir Berlin und Deutschland gemeinsam zum Vorreiter auf diesem Gebiet machen können. Unser gemeinsames Ziel ist, mehr Patienten mit den modernsten Therapien zu helfen, dort, wo die Medizin heute noch an ihre Grenzen stößt. Darüber hinaus bietet der Standort heute schon ein hervorragendes Umfeld, das wir durch die Weiterentwicklung des Bayer-Areals zu einem Life Science Campus weiter stärken werden.“ Bettina Stark-Watzinger, Bundesministerin für Bildung und Forschung: „Gen- und Zelltherapien sind eine große Chance für eine gezieltere und damit bessere Behandlung von Patientinnen und Patienten. Der Weg vom Forschungslabor bis zum Krankenbett dauert derzeit aber oft noch zu lange. Mit dem Translationszentrum für Gen- und Zelltherapien machen wir nun in Deutschland einen großen Schritt nach vorn. Hier finden Wissenschaft und Wirtschaft an einem Ort zusammen, der Ideen Wirklichkeit werden lässt und dazu beiträgt, wissenschaftliche Erkenntnisse durch Ausgründungen und Start-ups schneller in die Anwendung zu bringen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert den Aufbau des Translationszentrums als wesentlichen Baustein der Nationalen Strategie für Gen- und Zelltherapien mit rund 80 Millionen Euro. Damit verstärken wir noch einmal Deutschlands Position als führenden Standort für biomedizinische Innovationen.“ Prof. Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit: „Gezielte Gentherapien, individuelle Krebsimpfungen und neuartige Antikörper-Wirkstoff-Kombinationen werden in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz eine neue Ära in der Medizin und ganz neue Chancen für Patientinnen und Patienten eröffnen. Diese revolutionären Methoden stellen hohe Anforderungen an die Labore, Krankenhäuser und Ärztinnen und Ärzte. Das Berliner Bayer-Charité-Projekt ist eine ideale Partnerschaft, um gemeinsam zu lernen und schnell voran zu kommen.“ Franziska Giffey, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe des Landes Berlin: „Die enge Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und der exzellenten Forschung in unserer Stadt ist ein Erfolgsrezept für unser Ziel, Berlin zum Innovationsstandort Nummer eins in Europa zu entwickeln. Diesem Ziel kommen wir mit dem Translationszentrum für Gen- und Zelltherapien von Bayer und Charité einen großen Schritt näher. Es bringt zwei international bekannte Medizinpioniere zusammen und profitiert von einem der erfolgreichsten Start-up-Ökosysteme der Welt, das Berlin zu bieten hat. Das neue Zentrum hat enormes wirtschaftliches Potenzial und wird eine Sogwirkung auf Talente und Investitionen entfalten. Das ist eine sehr gute Nachricht für den wachsenden Wirtschaftsstandort Berlin.“ Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité: „Gen- und Zelltherapien sind ein großer medizinischer Fortschritt, sie können dort helfen, wo wir mit herkömmlichen Methoden an Grenzen stoßen. Weil es sich um hochinnovative Medikamente handelt, ist ihre Entwicklung aber deutlich komplexer als bei anderen Arzneimitteln. Wenn wir diese Therapien schnellstmöglich zu den Patientinnen und Patienten bringen wollen, müssen wir neue Wege gehen. Mit der intensivierten Partnerschaft zwischen Charité und Bayer wollen wir eine strukturelle Weiterentwicklung anstoßen, um Berlin national wie international an die Spitze dieser zukunftsweisenden Technologie zu bringen. Damit schaffen und erhalten wir auch Wertschöpfung und damit Arbeitsplätze im Land. Das ist ein großer Schritt, aus Berlin für Berlin und Deutschland.“ Astrid Lurati, Vorstand Finanzen und Infrastruktur der Charité: „In diesem Projekt verbinden die beiden Partner Charité und Bayer ihre jeweiligen Kompetenzen, um die Entwicklungen im Bereich der Gen- und Zelltherapie aus Berlin heraus national und international weiter voranzutreiben. Dieses Format ist hierzulande einzigartig und demonstriert die Innovationskraft von Berlin und seinen bedeutenden Healthcare-Akteuren in dem Bestreben, die medizinische Versorgung von morgen heute neu zu entwickeln. Die umfangreiche Unterstützung, die wir hierbei durch das Land Berlin und den Bund erfahren, unterstreicht die Bedeutung dieses Vorhabens. Wir gehen beim Berlin Center for Gene and Cell Therapies gemeinsam neue Wege und ich möchte mich bei allen Beteiligten für die sehr gute Zusammenarbeit bedanken.“ Bill Anderson, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG: „Trotz großer Fortschritte in Forschung und Technologie gibt es noch heute viele Krankheiten, die nicht heilbar sind und das Leben vieler Menschen beeinträchtigen. Zell- und Gentherapien sind für diese Menschen eine große Hoffnung. Nur durch enge Partnerschaften über Grenzen hinweg, neue Wege und schnelles Handeln kann uns echter Fortschritt gelingen mit dem Ziel, hoffentlich Krankheiten zu heilen, die lange als unheilbar galten.“ Stefan Oelrich, Mitglied im Vorstand der Bayer AG und Leiter der Division Pharmaceuticals: „Die im Berlin Center for Gene and Cell Therapies geplante enge räumliche Verbindung von Forschung und Produktion ist in Deutschland bislang einmalig. Gemeinsam mit der Charité möchten wir damit dazu beitragen, die wissenschaftliche Basis im Bereich der Gentherapien und Zelltherapien schnellstmöglich in innovative Behandlungsansätze für Patientinnen und Patienten zu übersetzen. Unsere Vision ist es, mit dem Berlin Center for Gene and Cell Therapies mitten in Berlin ein Biotech-Ökosystem zu begründen, das eine Vielzahl an Akteuren zusammenbringt, mit internationaler Strahlkraft weit über die Grenzen Berlins hinaus.“ Das Berlin Center for Gene and Cell Therapies wird von dem auf Laborimmobilien spezialisierten Projektentwickler iQ spaces auf dem Berliner Bayer-Campus am Nordhafen entwickelt. Das zehnstöckige Gebäude gliedert sich auf 18.000 m2 in einen Inkubator mit voll ausgestatteten Labor- und Büroflächen und Platz für 15 bis 20 Start-ups in unterschiedlichen Entwicklungsphasen sowie eine GMP-zertifizierte Herstellungsstätte für die Entwicklung von Zell- und Gentherapeutika bis zur klinischen Phase II. Der Entwurf des Projekts stammt vom Architekturbüro HENN.
Wie Fische stereo hören können 19-06-2024
Woher ein Geräusch kommt, können Menschen unter Wasser nicht ausmachen. Schall ist dort rund fünfmal schneller als an Land. Das macht ein Richtungshören nahezu unmöglich, denn das menschliche Gehirn berechnet die Herkunft von Klängen aus dem Zeitunterschied, mit dem sie beide Ohren erreichen. Fische hingegen können Schallquellen wie Beute oder Feinde orten, belegen Verhaltensstudien. Nur wie gelingt ihnen das? Neurowissenschaftler:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben das Rätsel gelöst und beschreiben den Hörmechanismus eines winzigen Fisches im Fachmagazin Nature*. Er trägt den klangvollen Namen Danionella cerebrum – ein etwa 12 Millimeter kleiner Fisch, Zeit seines Lebens fast vollkommen transparent, beheimatet in Flussläufen des südlichen Myanmar. Zwar hat Danionella das kleinste bekannte Wirbeltiergehirn, dennoch zeigt der Fisch eine Vielzahl komplexer Verhaltensweisen, einschließlich der Kommunikation durch Laute. Diese Tatsache und sein direkt einsehbares Gehirn – das Schädeldach fehlt, Kopf und Körper sind nahezu durchsichtig – machen ihn für die Hirnforschung interessant. Der Neurobiologe Prof. Benjamin Judkewitz, Wissenschaftler des Exzellenzclusters NeuroCure an der Charité, nutzt mit seinem Team die Eigenschaften des Winzlings, um grundlegende Fragen zu klären, beispielsweise wie Nervenzellen miteinander kommunizieren. Die jüngste Arbeit widmet sich dem Hörsinn und der jahrzehntelang ungeklärten Frage, auf welche Weise Fische unter Wasser eine Schallquelle lokalisieren können. Bisherige Lehrbuchmodelle für das Richtungshören versagen, wenn sie auf Unterwasserumgebungen angewendet werden. Die akustische Welt über und unter Wasser Sei es der Gesang eines Wals, das Zwitschern eines Vogels oder das Heranschleichen eines Raubtieres: Wenn Schall von einer Quelle ausgeht, breitet er sich als Bewegungs- und als Druckschwingung im umgebenden Medium aus. Legt man die Hand an eine Lautsprechermembran, kann man das sogar spüren. Da ist die Vibration von Teilchen, die angrenzende Luft wird bewegt – man bezeichnet dies als Schallschnelle. Zusätzlich ändert sich die Teilchendichte, die Luft wird komprimiert, was man als Schalldruck messen kann. Wirbeltiere an Land, so auch der Mensch, nehmen die Richtung von Schall vor allem wahr, indem sie die Lautstärke und die Ankunftszeit von Schalldruck an beiden Ohren vergleichen. Ein Geräusch ist lauter und früher an dem Ohr, das der Quelle näher ist. Unter Wasser funktioniert diese Strategie nicht. Schall breitet sich deutlich schneller aus und er wird nicht durch den Schädel abgeschirmt. Demnach dürfte auch Fischen ein Richtungshören nicht möglich sein, denn Lautstärke- und Ankunftszeitunterschiede zwischen den Ohren gibt es nahezu nicht. Dennoch ist räumliches Hören in Vershaltensstudien bei unterschiedlichen Arten beobachtet worden. Wie kann das sein? „Um herauszufinden, ob und vor allem wie ein Fisch die Richtung von Schall erkennt, haben wir spezielle Unterwasserlautsprecher gebaut und in einem Studiensetting kurze, laute Töne abgespielt“, erklärt Johannes Veith, einer der beiden Erstautoren der aktuellen Arbeit. „Anschließend haben wir ausgewertet, wie häufig Danionella den Lautsprecher meidet, also die Richtung, aus der der Schall kommt, erkennt.“ Für die Analysen wurde jeder Fisch im Aquarium mit einer Kamera von oben aufgenommen und dessen exakte Position markiert und nachverfolgt. Dieses Live-Tracking führte zu einem entscheidenden Vorteil: Während die Erforschung des Unterwasserhörens bislang durch Echos in Aquarien erschwert wurde, konnte das Team nun gezielt Echos unterdrücken. Fische hören völlig anders Menschen nehmen über das Trommelfell nur Schalldruck wahr, nicht aber Schallschnelle. Ganz anders der Hörmechanismus bei Fischen: Sie können auch die Schallschnelle wahrnehmen. Wie genau das bei Danionella funktioniert, haben Aufnahmen mit einem eigens für diesen Zweck gebauten Laser-Scanning-Mikroskop, das die Strukturen des Fischohrs während einer Tonwiedergabe stroboskopartig abtastet, gezeigt. In der Nähe eines Unterwasserlautsprechers bewegen sich Wasserteilchen auf einer Achse auf den Lautsprecher zu und von ihm weg. Die Schallschnelle bewegt sich entlang der Ausbreitungsrichtung des Schalls. Ein Fisch in der Nähe des Lautsprechers bewegt sich ebenfalls mit dem Wasser, doch Ohrsteine – kleine kristalline Strukturen im Innenohr – bewegen sich aufgrund der Trägheit nur langsamer mit. Eine geringfügige Bewegung entsteht, die von Sinneszellen im Ohr detektiert wird. Das Problem: Damit kann der Fisch lediglich die Achse bestimmen, entlang derer sich der Schall bewegt – nicht aber die Richtung, aus der er kommt. Denn Schall ist eine Oszillation, eine ständige Vor- und Zurückbewegung. Dieses Problem lässt sich lösen, indem Schallschnelle in Abhängigkeit vom momentanen Schalldruck ausgewertet wird – eine von vielen Hypothesen, die den Mechanismus des Richtungshörens in der Vergangenheit zu erklären suchten. Und die einzige Theorie, die zu den Forschungsergebnissen passte: „Schalldruck setzt die komprimierbare Schwimmblase in Bewegung, was wiederum von Haarzellen im Innenohr erkannt wird. Über diesen zweiten indirekten Hörweg liefert Schalldruck dem Fisch die notwendige Referenz für das Richtungshören. Ein Modell für das Richtungshören aus den 1970er Jahren sagte genau das voraus – wir konnten es nun erstmalig experimentell bestätigen“, sagt Prof. Judkewitz. Auch die Tatsache, dass sich das Richtungshören überlisten lässt, indem man den Schalldruck umkehrt, konnte das Team belegen. Die Fische schwammen in die entgegengesetzte Richtung, also zur Schallquelle hin. Wie Micro-CT-Aufnahmen des Hörapparats von Danionella zeigen, ähnelt dieser dem Sinnesorgan von etwa zwei Dritteln der lebenden Süßwasserfische und somit rund 15 Prozent aller Wirbeltierarten. Die nun bestätigte Strategie des Richtungshörens, das kombinierte Auswerten von Schalldruck und Schallschnelle, könnte demnach weit verbreitet sein. Welche Nervenzellen im Einzelnen aktiv werden, wenn Töne unter Wasser abgespielt werden, dem wollen die Forschenden in weiteren Schritten auf die Spur kommen.
Clever mit der Charité: Medizin zum Anfassen in der klügsten Nacht des Jahres 11-06-2024
Ausprobieren, mitmachen, verstehen: Wer mehr über die Funktionsweise des menschlichen Körpers und seine Krankheiten lernen will – und darüber, wie Forschende all die Geheimnisse aufdecken –, ist am 22. Juni an der Charité richtig. Zur Langen Nacht der Wissenschaften heißt die Berliner Universitätsmedizin große und kleine Wissbegierige zwischen 17 und 24 Uhr willkommen. Verstehen, wie sich Geräte nur mit Gedankenkraft steuern lassen, dem eigenen Herzen beim Schlagen zusehen oder auf einem Campus-Rundgang der Zeitgeschichte nachspüren – dies und mehr erwartet das Publikum auf dem Campus Charité Mitte. Von Herz bis Hirn, von Krebs bis Global Health: Das diesjährige Bühnenprogramm bietet spannende Erkenntnisse für alle – Nachfragen erwünscht! Im Vortrag zu Gehirn-Computer-Schnittstellen erläutert Surjo Soekadar, Professor für Klinische Neurotechnologie an der Charité, den Stand der Forschung. Er zeigt live auf der Bühne, wie ein neural gesteuertes Exoskelett – also ein von außen angelegtes Stützgerüst – die Lebensqualität von Menschen mit schweren Lähmungen verbessern kann. Denn Geräte nur mit Gedankenkraft zu steuern, ist nicht mehr nur Science Fiction. Wie erkenne ich die Warnzeichen für Herzrhythmusstörungen? Was sind Behandlungsansätze gegen Menstruationsschmerzen? Wie lässt sich das Risiko für das sogenannte postoperative Delir – die häufigste Komplikation nach einer OP – senken? Neurowissenschaftler:innen teilen neueste Erkenntnisse zur Sprachentwicklung von Babys (die bereits im Mutterleib beginnt!) und das Deutsche Herzzentrum der Charité (DHZC) liefert Fakten und Erfahrungsberichte rund um das wichtige Thema Organspende. Virtual Reality, Science Slam und historische Medizinfilmnacht Das Digital Surgery Lab lädt ein, mittels Virtual Reality in 3D-Modelle menschlicher Anatomie zu tauchen und im OP-Saal die Perspektive des medizinischen Personals einzunehmen. Führungen hinter die Kulissen locken Besuchende beispielsweise ins Herzkatheter- und ins Ganglabor. Bei den Scientist Games gilt es zu beweisen, wer das Zeug für die Forschung hat, und mit Roulette, Science Slam und historischer Medizinfilmnacht kommt auch die Unterhaltung nicht zu kurz. Alle Geschichtsinteressierten können auf vielfältigen Campus- und Museumsführungen den Spuren der Vergangenheit folgen; die neue Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museums, Prof. Monika Ankele, begleitet sie zu den Krankenbetten historischer Patient:innen. Kleine Nachwuchsforschende dürfen mit dem Ultraschall die Leber suchen und lernen sogar Leben retten. Ein Brettspiel führt sie spielerisch an das Thema Gene und Mutationen heran. Diese und mehr spannende Veranstaltungen der Charité und weitere Details sind im Charité-Programmheft übersichtlich zusammengefasst. Servicehinweise Standort: Campus Charité Mitte im und am CharitéCrossOver-Gebäude (CCO), Geländeadresse: Virchowweg 6 Tickets für die Lange Nacht der Wissenschaften kosten 14 Euro (ermäßigt 9 Euro), zusätzlich gibt es Angebote für Familien und Gruppen. Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt. Tickets sind über Reservix erhältlich.
Aktionstag im Museum: Ermäßigter Eintritt und kostenfreie Führungen 11-06-2024
Mit einem Aktionstag feiert das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) der Charité seinen ersten Geburtstag nach der Modernisierung. Für alle Gäste gilt am Samstag, den 15. Juni der ermäßigte Eintritt. Zudem werden kostenfreie Führungen durch die Dauerausstellung „Dem Leben auf der Spur“ und die Sonderausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“ angeboten. Prof. Monika Ankele, Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museums: „Ich habe die Leitung dieses großartigen Museums im Frühjahr übernommen und freue mich sehr, den ersten Jahrestag der Wiedereröffnung mit unserem interessierten Publikum zu feiern. Ich möchte das von Rudolf Virchow gegründete Museum als einzigartige Schnittstelle zwischen Medizin, Geschichte und Öffentlichkeit stärken. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, das Haus und sein Programm weiterzuentwickeln und für kritische Reflexionen – von Forscher:innen, Mediziner:innen, Künstler:innen und Studierenden sowie der Zivilgesellschaft – zu öffnen.“ Die Ausstellungen In der Dauerausstellung „Dem Leben auf der Spur“ werden etwa 750 pathologisch-anatomische Feucht- und Trockenpräparate sowie Modelle und Abbildungen gezeigt. Die Besucher:innen folgen auf ihrer Zeitreise der Herausbildung und Ausgestaltung der naturwissenschaftlich begründeten Medizin. Sie treten dabei durch verschiedene Aktionsräume: Anatomisches Theater, Anatomisches Museum, Krankensaal, Labor, Seziersaal sowie die Studien- und Lehrsammlung. Sie erfahren viel über die Geschichte der Charité, aber auch über die Gefährdungen und Abgründe der Medizin, etwa zu Zeiten des Nationalsozialismus. Neu ist ein realistisch inszeniertes Museumsdepot, in dem Objekte wie medizinische Geräte, Modelle, Instrumente und Lehrtafeln eng an eng lagern. Die Sonderausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“ bietet einen Blick hinter die Kulissen der außerordentlich dynamischen Neurowissenschaften. Sie zeigt die detaillierte Landkarte des Gehirns und was medizinisch möglich ist, wenn die Hirnleistung eingeschränkt ist. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Neuro-Kosmos der Charité: In rund 20 Themenfeldern geht es beispielsweise um moderne Bildgebung, Gedankenlesen, Gehirn-PC-Schnittstellen, Sucht und Schlaganfall sowie um Autoimmunität, Demenz und neurochirurgische Eingriffe bei wachen Patient:innen. Darüber hinaus weitet die Ausstellung den Blick und zeigt in vielfältigen Werken künstlerische Positionen, die das Gehirn als Projektionsfläche für das Menschsein in all seinen Dimensionen ausdeuten. Die Sonderausstellung läuft noch bis Sonntag, den 8. September. Der Aktionstag im BMM findet am Samstag, den 15. Juni von 10:00 bis 19:00 Uhr am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin (Geländeadresse: Virchowweg 17) statt. Für alle Gäste gilt der ermäßigte Eintritt von 5 Euro. Die Führungen durch die Dauerausstellung und die Sonderausstellung können jeweils von 14:00 bis 15:00 Uhr sowie von 16:00 bis 17:00 Uhr besucht werden. Die Teilnahme an den einzelnen Führungen ist jeweils auf maximal 30 Personen begrenzt. Es wird um rechtzeitige Anmeldung an der Kasse gebeten.
Patientenkongress zur kultursensiblen Versorgung in der Onkologie 06-06-2024
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin lädt Betroffene, Angehörige und Interessierte zum ersten Interkulturellen Onkologischen Patientenkongress (IOPK) ein. Das vielfältige Programm des Charité Comprehensive Cancer Centers (CCCC) bietet vor allem qualitätsgesicherte und allgemein verständliche Informationen rund um die Diagnose Krebs. Die Besonderheit: Alle Fachvorträge werden simultan ins Türkische und Arabische sowie ins Russische und Vietnamesische übersetzt. Der Patientenkongress findet am Samstag, den 15. Juni von 11:00 bis 17:00 Uhr am Campus Charité Mitte statt. Das Programm bietet unter anderem informierende Vorträge und stellt Angebote von Selbsthilfegruppen, Krebsberatungsstellen sowie lokaler Unterstützung vor. Zudem beantworten die Expert:innen individuelle Fragen vor Ort und beraten zu spezifischen Themen. Darüber hinaus gibt es Informationen rund um sozial- und psychoonkologische Beratungsangebote sowie Wissenswertes über Selbsthilfe. Prof. Dr. Ulrich Keilholz, Direktor des CCCC betont: „Mehr als die Hälfte aller Krebserkrankungen ist heute heilbar, wenn Patient:innen frühzeitig und konsequent in zertifizierten onkologischen Zentren behandelt werden. Aber wie finde ich den richtigen Weg dort hin, wenn ich das System in Deutschland nicht gut kenne und welche Unterstützungsangebote gibt es für mich und für meine Familie, wenn der Krebs nicht heilbar ist?“ Bei der Patientenveranstaltung wird auch die große Bedeutung klinischer Studien in der Krebsforschung thematisiert. Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie am Campus Virchow-Klinikum sowie Stellvertretender Direktor des CCCC, erklärt dazu: „Die Teilnahme an klinischen Studien gilt als einer der wichtigsten Qualitätsindikatoren für die Behandlung von Krebserkrankungen. Nach verschiedenen nationalen und internationalen Untersuchungen sind Patient:innen mit Migrationshintergrund seltener in Studien eingebunden. Wir haben diese Veranstaltung konzipiert, um Barrieren abzubauen.“ Der Patientenkongress soll zudem ein Ort für den Austausch mit anderen Betroffenen, Selbsthilfegruppen und weiteren Unterstützern aus dem Gesundheitsbereich sein. Ein musikalisches und künstlerisches Rahmenprogramm rundet die Veranstaltung ab. Der erste Interkulturelle Onkologische Patientenkongress findet am Samstag, den 15. Juni von 11:00 bis 17:00 Uhr im CharitéCrossOver am Campus Charité Mitte (Geländeadresse: Virchowweg 6) statt. Alle Fachvorträge werden simultan in folgende Sprachen übersetzt: Türkisch, Arabisch, Russisch, Vietnamesisch. Dafür werden ein Smartphone oder Tablet sowie eigene Kopfhörer benötigt. Die Teilnahme ist kostenfrei und eine Anmeldung nicht erforderlich. Der Patientenkongress wird von der Deutschen Krebshilfe gefördert.
Antidepressiva: Neue Daten zur Häufigkeit von Absetzsymptomen 06-06-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Uniklinik Köln Wie schwer ist es, von Antidepressiva loszukommen? Glaubt man zahlreichen Internetbeiträgen und einigen wissenschaftlichen Studien, ist das Absetzen sehr problematisch und wird von ärztlicher Seite oft unterschätzt. Wie häufig Absetzsymptome tatsächlich sind, war bisher unklar. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Uniklinik Köln haben die Studienlage jetzt umfassend neu analysiert. In der in Lancet Psychiatry* veröffentlichten Arbeit kommen sie zu dem Schluss, dass jede dritte Person nach der Beendigung einer Antidepressiva-Therapie von Symptomen berichtet, jedoch die Hälfte der Symptomatik auf eine negative Erwartungshaltung zurückzuführen ist. Nach formaler Definition machen Antidepressiva nicht abhängig. Anders als bei „echten“ Suchtmitteln führt ihre Einnahme beispielsweise nicht dazu, dass der Körper für denselben Effekt eine immer höhere Dosis braucht. Trotzdem berichten einige Patient:innen von Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen, wenn sie die Stimmungsaufheller absetzen. Wurde das Phänomen über viele Jahre von der Wissenschaft wenig beachtet, gibt es heute eine vergleichsweise große Zahl an Studien, die das Ausmaß der Absetzsymptome zu beziffern sucht. „Diese Studien kommen zu teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen“, sagt Prof. Christopher Baethge, Wissenschaftler an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln und der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. „Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Öffentlichkeit diskutierte in den letzten Jahren sehr aktiv und manchmal auch emotional, wie häufig und schwer die Absetzsymptome nun eigentlich sind.“ Wie relevant das Thema ist, zeigt ein Blick auf die Verordnungszahlen. Laut dem aktuellen Arzneiverordnungs-Report wurden 2022 knapp 1,8 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva in Deutschland verschrieben. Umfassende Meta-Analyse schafft Klarheit Um diese Frage verlässlicher als bisher zu beantworten, hat ein Team um Christopher Baethge und Dr. Jonathan Henssler, Leiter der Arbeitsgruppe Evidence-Based Mental Health an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, die bestehende Studienlage systematisch durchforstet und neu ausgewertet, also eine sogenannte Meta-Analyse durchgeführt. Als erste Untersuchung dieser Art liefert sie die bisher am besten gesicherte Abschätzung der Folgen eines Antidepressiva-Stopps. „Unsere Auswertung zeigt, dass im Schnitt jede dritte Person nach Beendigung der Antidepressiva-Behandlung Symptome erlebt“, sagt Jonathan Henssler. „Allerdings ist nur die Hälfte der Symptomatik tatsächlich auf die Arzneimittel zurückzuführen.“ Für die Untersuchung sichteten die Forschenden mehr als 6.000 Studien, von denen sie 79 Arbeiten auswählten und deren Ergebnisse statistisch neu analysierten. So kamen Daten zu rund 21.000 Personen zusammen, die entweder ein Antidepressivum oder ein Scheinpräparat (Placebo) erhalten hatten und anschließend zur Häufigkeit von Absetzerscheinungen befragt worden waren. Zwar berichteten rund 31 Prozent der mit einem wirksamen Medikament behandelten Patient:innen von Absetzsymptomen, darüber klagten jedoch auch 17 Prozent derjenigen, die nur ein Placebo verabreicht bekommen hatten. Jede sechste oder siebte Person erlebt Medikamenten-bedingte Absetzerscheinungen „In der Placebo-Gruppe sind medikamentöse Effekte auszuschließen, die Symptome sind also entweder darauf zurückzuführen, dass sie zufällig unabhängig von der Therapie auftraten, oder sie sind eine Folge des Nocebo-Effekts“, erklärt Jonathan Henssler. Der Nocebo-Effekt wird oft als „Bruder des Placebo-Effekts“ bezeichnet und beschreibt die Beobachtung, dass Scheinbehandlungen mit „Nebenwirkungen“ einhergehen können. Sie werden ausgelöst allein durch die Erwartung, dass die Therapie, die man zu erhalten glaubt, negative Folgen haben wird. „Wenn wir unspezifische Symptome und den Effekt der Erwartungshaltung berücksichtigen, ist etwa jede sechste oder siebte Person von Absetzerscheinungen betroffen, die als eigentliche Folge der Antidepressiva-Medikation auftreten“, fasst Jonathan Henssler zusammen. „Diese sind größtenteils mild. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen wird Antidepressiva ohne relevante Symptome absetzen können. In den allermeisten Fällen ist daher kein langwieriges oder kleinschrittiges Ausschleichen der Medikation nötig.“ Schwere Symptome selten Der Studie zufolge entwickelte eine von 35 Personen, also knapp drei Prozent der Betroffenen, Absetzsymptome schweren Ausmaßes. Gehäuft traten diese nach Beendigung der Therapie mit den Wirkstoffen Imipramin, Paroxetin, Venlafaxin und Desvenlafaxin auf. Für einige häufig verwendeten Stimmungsaufheller lagen noch nicht genügend Informationen vor, um für sie eine Einschätzung treffen zu können. Deshalb betont Christopher Baethge: „Es ist wichtig, dass alle Menschen, die eine Behandlung mit Antidepressiva beenden wollen, ärztlich eng begleitet und im Falle von Entzugssymptomen individuell unterstützt werden. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Betroffenen und Behandelnden, schon vor Beginn einer Therapie, ist die Basis für eine gute Behandlung. Wir hoffen, dass unsere Daten diese unterstützen können und der aktuellen Verunsicherung entgegenwirken.“
Bachelor Pflege jetzt als dualer Studiengang 05-06-2024
Der Bachelorstudiengang Pflege an der Charité – Universitätsmedizin Berlin wird zum kommenden Semester das erste Mal als duales Studium inklusive einer Vergütung angeboten. Studierende können damit zusätzlich zum akademischen Grad Bachelor of Science (B.Sc.) die staatliche Zulassung als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann erwerben. Das Studium befähigt zur eigenverantwortlichen und professionellen Pflege von Menschen aller Altersgruppen in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung. 60 Studierende haben zum Wintersemester 2024/25 die Möglichkeit, ein vergütetes, anspruchsvolles und abwechslungsreiches Studium mit zwei Abschlüssen zu erlangen. In dem siebensemestrigen Studium lernen die Studierenden auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse alles, was für eine sichere und personenzentrierte Pflege notwendig ist. „Wir freuen uns, diese attraktive Form des Studierens an der Charité möglich machen zu können“, sagt Prof. Dr. Jan Kottner, der den Bachelorstudiengang Pflege und das Institut für Klinische Pflegewissenschaft leitet. „Unsere Studierenden lernen in direkter Verzahnung von Klinik und Krankenversorgung mit der Fakultät. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf das Lernen mit Studierenden anderer Gesundheitsprofessionen und die Teamarbeit mit anderen Berufsgruppen gelegt. Aufgrund ihrer zusätzlichen wissenschaftlichen Kompetenz können die Studierenden später auch Positionen mit größerer Verantwortung übernehmen.“ Zugang für bereits qualifizierte Pflegefachkräfte Voraussetzung für die Bewerbung zum Bachelorstudium der Pflege ist eine im Land Berlin anerkannte allgemeine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur). Interessierte ohne Abitur mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, die dem Pflegestudium ähnlich ist, können sich ebenfalls bewerben. Bereits examinierte Pflegefachkräfte können direkt im 3. Fachsemester einsteigen. Die Vergütung wird sich voraussichtlich mindestens an der Vergütung der Auszubildenden der Pflege orientieren. Interessenten können sich noch bis zum 15. Juli 2024 für den Bachelorstudiengang Pflege bewerben. Informationen zur Bewerbung finden Sie hier. Der 2020 gestartete Bachelor Pflege hat das Ziel, selbstverantwortliche Pflegende auszubilden, die fachlich exzellent, sozial kompetent, teamfähig und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft tätig sind. Damit will die Charité dem steigenden Bedarf an hochschulisch qualifiziertem Personal begegnen und die Qualität der Pflege weiter verbessern.
Sonntagsvorlesung „Chronischen Entzündungen auf der Spur“ 04-06-2024
Was sind chronische Entzündungen und was haben sie mit dem Immunsystem zu tun? Können chronische Entzündungserkrankungen überhaupt geheilt werden und wie kann ich mich davor schützen? In der Sonntagsvorlesung am 9. Juni geht es um Rheumatologie und Immunologie sowie die chronisch entzündlichen Erkrankungen in Klinik und Forschung. Prof. Eicke Latz, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ), spricht über neueste Erkenntnisse zur Funktionsweise der körpereigenen Abwehr und beleuchtet die Interaktion von angeborener und erworbener Immunität. Der Immunologe thematisiert, wie ein moderner, westlich geprägter Lebensstil zu chronischen Entzündungen führen und das Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen kann. Prof. Gerhard Krönke, Direktor der Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie, beschreibt Fortschritte in der bildgebenden Diagnostik und der medikamentösen Therapie chronisch-entzündlicher Erkrankungen. Dazu zählen systemische Autoimmunerkrankungen, wie z.B. Rheumatoide Arthritis, Systemischer Lupus Erythematodes, chronisch-entzündliche Hauterkrankungen oder Sklerodermie. Beide Referenten geben Einblicke in aktuelle Forschungsarbeiten und informieren über die innovativen CAR-T-Zell-Therapien. Die Sonntagsvorlesung „Chronischen Entzündungen auf der Spur“ findet statt am 9. Juni um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Ankündigungsvideo Mehr zu den Inhalten der Vorlesung erzählt Prof. Krönke im Video. Wichtiger Hinweis Ton-, Foto- und Videoaufzeichnungen der Sonntagsvorlesung sowie deren Verbreitung sind nicht gestattet. Sonntagsvorlesung nachgehört Die Vorlesung kann im Nachhinein als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Neu bei „Sonntagsvorlesung nachgehört“ sind die Vorlesungen „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“ und „Gesund Älterwerden. Wie geht das?“. Zur Sonntagsvorlesung Mit der Neuauflage der Sonntagsvorlesungen wurde 2008 eine mehr als 30-jährige Tradition der Charité neu belebt, die am 13. März 1977 erstmals ins Leben gerufen worden war. Ziel der Vorlesungen ist es, der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig neueste Informationen zu verschiedensten medizinischen Themen zu präsentieren. Dabei sprechen Expert:innen der Charité über Diagnostik, Therapie und Prävention sowie Forschungsprojekte und aktuelle Erkenntnisse.
Beste Versorgung für junge Menschen: Aufbau des DZKJ beginnt 29-05-2024
Das Deutsche Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ) wird ab Juni 2024 neuer Partner der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG). Das bundesweit organisierte und vernetzte Forschungszentrum erhält während der zweijährigen Aufbauphase rund 30 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Einer von sieben Standorten ist Berlin mit Expert:innen an Charité, Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), Max Delbrück Center und Deutschem Rheumaforschungszentrum, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft (DRFZ). Die DZKJ-Geschäftsstelle wird an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) eingerichtet. Kindheit und Jugend sind zentrale Entwicklungsphasen, in denen die grundlegenden Weichen für eine lebenslange Gesundheit gestellt werden. Um in dieser Zeit Erkrankungen bestmöglich zu erkennen und zu behandeln sowie eine umfassende Versorgung nach dem neuesten Stand der Forschung zu gewährleisten, ist ein weiteres Deutsches Zentrum der Gesundheitsforschung ins Leben gerufen worden. Das künftige Deutsche Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ) bündelt die fachliche Kompetenz von Universitätskliniken und Universitäten an den Partnerstandorten: Berlin, Göttingen, Greifswald/Rostock, Hamburg, Leipzig/Dresden, München und Ulm. Expert:innen aus verschiedenen Forschungsgebieten arbeiten hier themenübergreifend zusammen. Auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie Max-Planck-Institute, Fraunhofer-Institute, Helmholtz- und Leibniz-Zentren sind beteiligt. An die nun beginnende zweijährige Aufbauphase soll sich eine langfristige institutionelle Förderung anschließen. Prof. Jutta Gärtner, Spezialistin für Kinderneurologie am Universitätsklinikum Göttingen und Sprecherin des DZKJ über die Mission des neuen Zentrums: „Die Kinder- und Jugendmedizin umfasst das gesamte komplexe Spektrum von Erkrankungen des sich entwickelnden Organismus. Organübergreifende Krankheitsmechanismen und Behandlungsansätze spielen dabei eine ganz zentrale Rolle. Durch die enge Zusammenarbeit der Expertinnen und Experten im DZKJ kommen die neuesten Forschungsergebnisse direkt und zeitnah den jungen Patientinnen und Patienten zugute.“ Standort Berlin: Schwere Erkrankungen besser erkennen und behandeln Der Berliner DZKJ-Standort umfasst ein Netzwerk von klinisch und wissenschaftlich tätigen Expert:innen der Charité, des BIH, des Max Delbrück Center sowie des DRFZ. Klinisches Rückgrat ist das Otto-Heubner-Centrum, das die neun Kinderkliniken der Charité zum deutschlandweit größten Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin bündelt. Hier arbeiten Spezialist:innen unterschiedlichster Fachbereiche zusammen, um akut und chronisch kranke Kinder und Jugendliche ganzheitlich und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu versorgen. „Gemeinsam mit unseren Partnern verfolgen wir das Ziel, Prävention, Diagnostik und Therapie von schweren Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter zu verbessern. In das DZKJ werden wir insbesondere unsere Expertise bei seltenen genetischen Erkrankungen wie Mukoviszidose, chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Allergien und Autoimmunkrankheiten sowie bei kindlichen Entwicklungsstörungen des Gehirns und anderer Organe einbringen“, erklärt Prof. Marcus Mall, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin der Charité und Koordinator des Berliner DZKJ-Standortes. Neue organ- und krankheitsübergreifende Forschungsansätze sollen dazu beitragen, Krankheitsmechanismen zu entschlüsseln und wirksame Therapien zu entwickeln. Standort- und fächerübergreifende Forschung im DZKJ Die interdisziplinäre Forschung umfasst ein breites Spektrum von seltenen genetischen Erkrankungen, Immunität, Entzündung, Infektion, Entwicklung des Zentralen Nervensystems und neurologische Erkrankungen, Adipositas, frühe Determinanten von Gesundheit und Krankheit, psychosoziale und mentale Gesundheit bis zur Community Medicine. Standortübergreifend werden Plattformen zu klinischen Studien, Forschungsdatenmanagement und neuen biotechnologischen Methoden, zum Beispiel Omics-Technologien, Gen- und Zelltherapien, etabliert. Eine gemeinsame Plattform wird die Zusammenarbeit mit dem sich ebenfalls im Aufbau befindlichen Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) fördern. Der Aufbau einer DZKJ-weiten Patient:innen- und Probandenkohorte sowie die Vorbereitung gemeinsamer klinischer Studien und Biobanken sind wichtige Querschnittsaktivitäten. Von besonderer Bedeutung ist die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Im Rahmen einer DZKJ-Akademie werden spezielle Weiterbildungs- und Mentoring-Programme entwickelt. Patient:innen und Angehörige als Forschungspartner Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern werden von Anfang an in die Forschungsaktivitäten und in die Organisation des Zentrums einbezogen. Ein Schwerpunkt wird dabei sein, Patient:innen zu befähigen, sich direkt in die Planung und Durchführung von Forschungsprojekten einzubringen. Mit seinen innovativen Forschungsansätzen wird das DZKJ einen wichtigen Beitrag zur internationalen Spitzenforschung im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin leisten. Kinder und Jugendliche sollen in allen Phasen ihrer Entwicklung eine optimale, dem aktuellen Stand der Forschung entsprechende Behandlung und Diagnostik erhalten.
Fit für die Zukunft: Modernisierte OP-Säle und Stationen am Campus Benjamin Franklin 29-05-2024
Das Hauptgebäude am Campus Benjamin Franklin wurde 1968 als Europas modernstes Großklinikum nach amerikanischem Vorbild eröffnet. Nun ist der Traditionscampus der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Südwesten auf dem Weg zum „Healing Campus“. Zu den aktuell fertiggestellten Bauprojekten gehören die Neustrukturierung im zentralen OP-Bereich sowie die Sanierung von vier Pflegestationen. Moderne High-Tech-OPs Für die Patient:innen wurden die Grundrissstrukturen des OP-Bereichs an heutige medizinische Abläufe angepasst: So sind aus vier kleinen Operationssälen mit jeweils eigenen Vor- und Nebenräumen fünf großzügige, multidisziplinär nutzbare OP-Säle mit einer zentralen Einleitungszone entstanden. Ziel der Modernisierungsmaßnahme ist die Erhöhung der Patientensicherheit, die Anhebung der Kapazitäten sowie die Anpassung der technischen Infrastruktur an gegenwärtige und zukünftige Anforderungen. „Der neue OP-Bereich ist offener gestaltet und kann flexibel für innovative Operationsverfahren genutzt werden. Neueste medizinische Informationstechnologie vervollständigt die High-Tech-Umgebung und ermöglicht beispielsweise den Bezug von Bilddaten und videogestützten Konsultationen während des chirurgischen Eingriffs. Das Erstellen von Videos, die live innerhalb und außerhalb der Charité geteilt werden können, wird zudem für die Medizinerausbildung genutzt“, betont Prof. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité. Für die Komplettierung der OP-Ebene mit einer Nutzfläche von rund 2.500 Quadratmetern wurden rund 15 Millionen Euro angesetzt. Am Patientenwohl ausgerichtete Pflegestationen Darüber hinaus wurden für die verbesserte Versorgung der Patient:innen vier Stationen saniert und neu ausgestattet. Für die Anhebung des Komforts sind Zwei-Bett-Zimmer mit eigenen Bädern entstanden. Zusätzlich wird dem steigenden Hitzestress im Krankenhaus mit spezieller Kühltechnik in der Zimmerdecke begegnet. Für die Sanierung der vier Pflegestationen mit einer Nutzfläche von rund 3.700 Quadratmetern konnten rund 20 Millionen Euro eingesetzt werden. Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, erklärt dazu: „Mir ist wichtig, dass im Bereich der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung immer der Mensch im Mittelpunkt steht. Mit dieser umfangreichen Modernisierung wurden hier deshalb sowohl für die Patient:innen als auch für die Mitarbeiter:innen die notwendigen Voraussetzungen für eine qualitativ optimierte Funktion der OP-Abteilung und für die medizinische Versorgung geschaffen. Diese erfolgreichen Sanierungsmaßnahmen sowie alle weiteren derzeit laufenden Bauprojekte am Campus Benjamin Franklin sind ein klares Bekenntnis zur Neuausrichtung des Charité-Campus.“ Astrid Lurati, Vorstand Finanzen und Infrastruktur der Charité, gibt einen kurzen Einblick in die Geschichte: „Das Haupthaus am Campus Benjamin Franklin wurde in den 60er Jahren mit der großzügigen Unterstützung der Amerikaner gebaut und steht heute unter Denkmalschutz. Die architektonischen Planungen von damals haben sich bis heute als ‚Haus der kurzen Wege‘ bewährt und erlauben durch ihre logische räumliche Struktur von Stationen und Funktionsbereichen einschließlich der vier OP-Cluster nicht nur eine gute Orientierung, sondern vor allem eine optimale fächerübergreifende Zusammenarbeit aller Klinikbereiche.“ Sie fügt hinzu: „Für den Campus Benjamin Franklin wurde 2022 eine städtebauliche Entwicklungsplanung abgeschlossen, die die Gesunderhaltung und Prävention in den Fokus nimmt. Damit gestaltet die Charité gemäß ihrer Strategie 2030 diesen Standort zum Präventions- und ‚Healing‘-Campus für die Patientinnen und Patienten aus Berlin und darüber hinaus. Ein besonderer Dank gilt dabei unserem Senat, der uns auf diesem Weg nicht nur mit umfangreichen Investitionen unterstützt, sondern auch die Entwicklung dieses Campus mit gleichermaßen großem Interesse und Engagement begleitet.“ Peter Schmiedgen, Leitung Baumanagement des Geschäftsbereichs Bau der Charité, fasst zusammen: „Die sanierten Pflegestationen und die Modernisierung der OP-Ebene sind sowohl zwei bedeutende Bauprojekte an sich als auch wichtige Meilensteine für die Campusentwicklung. Die ersten fünf modernisierten OP-Säle, darunter ein Hybrid-OP, konnten Ende 2015 eröffnet werden, die weiteren fünf folgten 2018 und nun konnten wir die Neustrukturierung des OP-Bereichs abschließen. Für die Sanierung weiterer Pflegestationen folgt ein nächster Bauabschnitt.“
Prof. Kerem Böge erhält Berliner Nachwuchs-Wissenschaftspreis 27-05-2024
Prof. Dr. Dr. Kerem Böge, Leiter des Forschungsbereichs Psychotische Störungen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, wird mit dem Berliner Wissenschaftspreis 2023 des Regierenden Bürgermeisters in der Kategorie Nachwuchs ausgezeichnet. Die Jury würdigt damit die anwendungsorientierten wissenschaftlichen Leistungen von Prof. Böge. Der Psychologe hat neue Therapieansätze zur Behandlung von Schizophrenien und für Menschen mit Fluchterfahrung entwickelt. Die Verleihung findet heute Abend im Roten Rathaus statt. Ein Schwerpunkt der Arbeit von Prof. Böge ist die psychische Gesundheit von Geflüchteten. Im Rahmen seiner Habilitation untersuchte er, was Migrant:innen und Geflüchtete am Zugang zur Psychotherapie in unterschiedlichen regionalen Kontexten hindert und welche psychologischen Mechanismen und Prozesse bei diesen Menschen eine besondere Rolle spielen. Auf Basis seiner Analysen entwickelte er wirksame und effiziente psychologisch-psychiatrische Therapieansätze sowie Versorgungsmodelle auf nationaler und internationaler Ebene. In seiner Forschung zur Prävention, Diagnostik und Behandlung von psychischen Erkrankungen, vor allem von Schizophrenien, verfolgt Kerem Böge einen besonderen interdisziplinären Ansatz: Er kombiniert quantitative, qualitative und gemischte Methoden und bezieht Menschen mit Lebenserfahrung aktiv in die Forschung ein. Damit will er dazu beitragen, die Lücke zwischen Wissenschaft und ihrer praktischen Anwendung in der Klinik zu schließen. Exzellenz in Klinik, Forschung und Lehre „Ich freue mich sehr und bin dankbar für diese Auszeichnung. Sie ist für mein Team und mich eine große Anerkennung unserer Arbeit und ein Ansporn, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen“, so Prof. Böge. Auch Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité, zeigte sich erfreut: „Prof. Böge erbringt sowohl in der Klinik als auch in Forschung und Lehre hervorragende Leistungen, die nun zu Recht gewürdigt werden. Zu diesem Erfolg gratuliere ich auch im Namen des Vorstands sehr herzlich.“ Der mit 10.000 Euro dotierte Nachwuchspreis des renommierten Berliner Wissenschaftspreises des Regierenden Bürgermeisters wird jährlich an junge Forscherinnen und Forscher vergeben, die nicht älter als 35 Jahre sind. Ausgezeichnet werden innovative Forschungsansätze mit besonderer Bedeutung für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Berlin. Kurzvita Prof. Dr. Dr. Kerem Böge Kerem Böge, Jahrgang 1991, schloss sein Studium der Psychologie an der Universität Leiden mit einem Master of Science (2016) ab. Anschließend promovierte er an der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Fach Psychiatrie zum Dr. rer. medic. (2020) und an der Freien Universität im Fach Psychologie zum Dr. phil. (2021). 2023 habilitierte er sich an der Charité im Fach Experimentelle Psychiatrie und Psychotherapie. Von 2023 bis 2024 vertrat er die Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Erwachsenenalters sowie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Kiel und an der Universität Potsdam. Seit 2024 ist er Gastprofessor für Klinische Psychologie und Kognitive Verhaltenstherapie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. An der Charité leitet er den Forschungsbereich Psychotische Erkrankungen und ist Psychologischer Leiter des Moduls Psychotische Erkrankungen. Darüber hinaus ist er Mitgründer des Healthcare-Start-ups KISO, das ein evidenzbasiertes psychologisches Therapieprogramm für Menschen mit Psychosen und Schizophrenien entwickelt. Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden bereits mit hochkarätigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Robert-Koch-Preis 2020 und dem DGPPN Versorgungsforschungspreis.
True Crime im Museum: Vorlesungsreihe zur Forensik 23-05-2024
Was umfasst eigentlich die Forensik? Welche Fachbereiche arbeiten bei der Aufklärung von Unfällen, Straftaten und schweren Verbrechen zusammen? Wie hat sich die Rechtsmedizin in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt und welche neuen Technologien werden heute eingesetzt? Diese und weitere Fragen beantworten die Expert:innen in der neuen Vorlesungsreihe „Forensik“ im Berliner Medizinhistorischen Museum (BMM) der Charité. Forensik-Vortrag am 19. Juni um 19 Uhr Den nächsten Vortrag hält Dr. Lars Oesterhelweg, Kommissarischer Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité, zu „Vom Schnitt zum Schnittbild. Computertomografie in der Rechtsmedizin“. Er erklärt, welchen Beitrag die Rechtsmedizin für die juristische Beurteilung von Todesermittlungsverfahren leistet. So unterstützt die Rechtsmedizin durch ihr Fachwissen, erklärt das Entstehen von Verletzungen und bringt Licht in Mord, Totschlag, tödliche Unfälle, Suizide oder ungewisse Todesfälle. Darüber hinaus erläutert Dr. Oesterhelweg, welche Möglichkeiten klinische Schnittbildverfahren wie die Computertomografie bieten, um komplexe Sachverhalte bildgestützt zu vermitteln. Die weiteren Vorlesungen thematisieren unter anderem, wie Unfallanalytik und Rechtsmedizin bei der Aufklärung von Verkehrsunfällen zusammenarbeiten, wie und wo die forensische Toxikologie die verschiedensten Substanzen im menschlichen Körper nachweisen kann und welche Erkenntnisse aus der „postmortalen Reise“ eines Schädels aus dem 19. Jahrhundert gewonnen werden konnten. Die Vorlesungsreihe „Forensik“ findet an ausgewählten Mittwochabenden um 19:00 Uhr in der Hörsaalruine des BMM am Campus Charité Mitte (Geländeadresse Virchowweg 16) statt. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 8 Euro (Bezahlung vor Ort) und beinhaltet auch den Besuch des Museums (zwischen 18:00 und 19:00 Uhr). Die Teilnahme ist nur nach vorheriger verbindlicher Anmeldung unter museum@charite.de möglich. Die Plätze sind begrenzt. Die Termine im Überblick: Mittwoch, den 19. Juni um 19 Uhr VOM SCHNITT ZUM SCHNITTBILD Computertomografie in der Rechtsmedizin Dr. Lars Oesterhelweg, Kommissarischer Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité Mittwoch, den 3. Juli um 19 Uhr Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Rechtsmedizin und Unfallanalytiker Dr. Michael Weyde, Forensischer Sachverständiger für Straßenverkehrsunfälle, Berlin Mittwoch, den 10. Juli um 19 Uhr VON GIFTMORD UND HAARIGEN ERMITTLUNGEN Forensische Toxikologie Gestern und Heute PD Dr. Sven Hartwig, Oberarzt und Leiter der Toxikologie des Instituts für Rechtsmedizin der Charité Mittwoch, den 18. September um 19 Uhr MIT DEM TODE IST ALLES AUS Das Männerzuchthaus Bruchsal und die Heidelberger Anatomie im 19. Jahrhundert Dr. Sara Doll, Institut für Anatomie und Zellbiologie, Heidelberg Mittwoch, den 16. Oktober um 19 Uhr FORENSIK ...DIE WISSEN SCHAFFT Ein interaktiver Vortrag, der die Arbeit von Ermittlern am Tatort, im Labor und vor Gericht unter die Lupe nimmt Jean-Peer Krause, Forensiker, Landeskriminalamt Berlin
Charité-Studie in Nature: Wie Zellen mit zu vielen Chromosomen umgehen 22-05-2024
In der Regel sind zu viele Chromosomen ein Problem. Sie stören die Entwicklung eines Organismus oder führen zu Krankheiten. Manche Zellen aber profitieren davon: Beispielsweise können sich Krebszellen oder krankmachende Hefepilze durch einen veränderten Chromosomensatz vor Arzneimitteln „schützen“. Wie es Hefepilzen gelingt, einen Chromosomen-Überschuss zu kompensieren, hat ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin jetzt entschlüsselt. Die im Fachmagazin Nature* veröffentlichten Ergebnisse könnten neue Ansatzpunkte für die Behandlung von therapieresistenten Tumoren oder Pilzinfektionen liefern. Eine gesunde menschliche Zelle hat exakt zwei Kopien von 23 Chromosomen, auf denen alle Erbinformationen gespeichert sind. Liegt durch einen Fehler bei der Zellteilung ein Chromosom in drei- oder mehrfacher Ausfertigung vor, ist es zu viel des Guten: Weil die auf dem vervielfachten Chromosom liegenden Gene insgesamt häufiger abgelesen werden, sammeln sich ihre Produkte – die Proteine – in großer Zahl an. Der Organismus wird dadurch in seiner Entwicklung gestört, beispielsweise bei Trisomien wie dem Down-Syndrom, oder ist gar nicht erst lebensfähig. Aneuploidien – so der Fachbegriff für die fehlerhafte Chromosomenzahl – sind deshalb ein häufiger Grund für Fehlgeburten. Überraschenderweise gibt es aber auch Zellen und Organismen, die mit dem Überschuss an Genen umzugehen gelernt haben und daraus zum Teil sogar einen Vorteil ziehen. Manchen Krebszellen zum Beispiel gelingt es mit zusätzlichen Chromosomen besser, sich gegen Tumormedikamente zu wehren und trotz der Behandlung zu wachsen. Auch bei Hefen, also einzelligen Pilzen, finden sich Aneuploidien sehr häufig: Geschätzt jeder fünfte in der Natur vorkommende Stamm der als Bäcker- oder Weinhefe bekannten Spezies Saccharomyces cerevisiae hat einen veränderten Chromosomensatz. Alle Proteine werden schneller ausgetauscht Wie diese Zellen es schaffen, mit den überzähligen Chromosomen zurechtzukommen, ist seit Jahren Gegenstand der Forschung. Am Beispiel einer Hefespezies ist es einer Forschungsgruppe um Prof. Markus Ralser, Direktor des Instituts für Biochemie der Charité, nun gelungen, einen bisher unbekannten Kompensationsmechanismus aufzuklären. „Wir konnten nachweisen, dass natürlich vorkommende aneuploide Hefezellen die schädigende Proteinlast abpuffern, indem sie die Gesamtheit aller Proteine schneller austauschen“, sagt Markus Ralser. Für die Studie verglichen die Forschenden „genetisch gesunde“ Hefestämme mit solchen, bei denen eine Aneuploidie im Labor induziert worden war, und weiteren, die aus verschiedensten Umweltnischen weltweit isoliert wurden und von Natur aus aneuploid waren. Im Gegensatz zu den Laborstämmen hatten diese sich also über einen längeren Zeitraum auf das Zuviel an Chromosomen einstellen können. Für jeden einzelnen der rund 800 untersuchten Stämme bestimmten sie die Aktivität der Gene sowie die Menge aller Proteine. Dafür griffen sie auf die Massenspektrometrie zurück, eine Methode, mit der hunderte Proteine aus einer einzigen Probe vermessen werden können. Die Analyse der riesigen Datenmengen ergab, dass die meisten der seit Langem aneuploiden Stämme die vom überzähligen Chromosom kodierten Proteine kompensiert hatten, deren Menge also eher der bei gesunden Hefen entsprach. Das Team untersuchte anschließend, wie die Hefen dies erreichten. „Unsere Daten zeigen, dass das sogenannte Proteasom-System hochgefahren wird, also die zelluläre Recycling-Maschinerie aktiver ist“, erklärt Dr. Julia Münzner, Wissenschaftlerin am Institut für Biochemie der Charité und Erstautorin der Studie. „Zellen mit überzähligen Chromosomen laufen also auf Hochtouren, sie produzieren viel, bauen die Produkte aber auch überdurchschnittlich schnell wieder ab.“ Das senkt die Menge der überschüssigen Proteine, allerdings werden auch andere Proteine schneller umgesetzt. Die Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass die Zellen die nichtüberschüssigen Proteine auf anderem Wege stabilisieren, damit sie nicht allzu stark dezimiert werden. Ein Ansatz gegen Arzneimittelresistenzen? Die Forschenden hoffen, dass sich die neuen Erkenntnisse für die Behandlung von therapieresistenten Tumoren, aber auch Pilzinfektionen nutzen lassen. Denn wie Krebszellen können auch krankmachende Hefepilze wie Candida albicans mithilfe zusätzlicher Chromosomen gegen Arzneimittel resistent werden. Sind sie nicht mehr behandelbar, können Pilzinfektionen tödlich verlaufen. „Denkbar wäre zum Beispiel, den Proteinabbau in den Zellen medikamentös zu entschleunigen, sodass sie wieder mit einer erhöhten Proteinlast zu kämpfen haben“, sagt Markus Ralser. „Möglicherweise lassen sich so Therapieresistenzen verhindern.“ Die Voraussetzung ist, dass Krebszellen und krankmachende Hefen ein ähnliches Prinzip anwenden wie Saccharomyces cerevisiae, um Aneuploidien zu tolerieren. Das herauszufinden, ist das nächste Ziel der Forschungsgruppe.
Charité und Marburger Bund einigen sich auf Tarifvertrag 17-05-2024
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat sich mit der Gewerkschaft Marburger Bund auf Eckpunkte eines Tarifvertrags für die ärztlichen Beschäftigten geeinigt. Kernpunkte des Einvernehmens sind eine lineare Erhöhung des Tabellenentgelts für alle ärztlichen Beschäftigten um 4 Prozent rückwirkend zum 01.04.2024 sowie eine zweite Erhöhung um 6 Prozent, die ab dem 01.02.2025 wirkt. Zudem wird mit Wirkung ab dem 01.02.2026 die Arbeitszeit von 42 Wochenstunden auf 40 Wochenstunden abgesenkt. Für Mitarbeitende, die bereits 40 Stunden wöchentlich arbeiten, erfolgt ab diesem Zeitpunkt eine entsprechende Erhöhung des Tabellenentgelts. Damit wird die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit der ärztlichen Beschäftigten ab dem 01.02.2026 vereinheitlicht. Ein drittes Element ist die Einführung einer sogenannten „Randzeit“. Gemeint ist damit die Zeit zwischen wochentags 18:00 und 20:00 Uhr, in der Ärztinnen und Ärzte einen Zeitzuschlag von 10 Prozent auf ihren individuellen Lohn erhalten werden und es bereits ab 20:00 Uhr einen Nachtzuschlag ebenfalls in Höhe von 10 Prozent geben wird. Mit diesen neuen Zeitzuschlägen wird dem Wunsch der ärztlichen Beschäftigten nach sozialer Teilhabe Rechnung getragen. Der Tarifvertrag wird mit einer Laufzeit bis zum 30.06.2026 geschlossen. Er steht noch unter dem Vorbehalt der Annahme der Gremien des Marburger Bunds bis zum 31.05.2024. Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité, erklärt: „Die Verhandlungen um die beste Lösung für unsere Ärztinnen und Ärzte wurden angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehr intensiv geführt. Uns war es im Vorstand immer wichtig, die Charité zukunftsfest aufzustellen. Ich freue mich, dass wir uns hier – vor allem im Sinne unserer Patientinnen und Patienten – einigen konnten.“
Rheuma: Einnahme von Kortison plus Magenschutz kann Knochendichte verringern 16-05-2024
Protonenpumpenhemmer (PPI) – auch als Magenschutz oder Säureblocker bezeichnet – gehören zu den am häufigsten genutzten Medikamenten überhaupt. Auch Rheuma-Patient:innen bekommen sie oft verschrieben. Damit will man Magenproblemen vorbeugen, die durch die Einnahme von bestimmten entzündungshemmenden Arzneimitteln entstehen können. Doch diese Praxis könnte negative Folgen für die Knochengesundheit haben: Wie eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigt, geht die Einnahme von PPI, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Kortison, mit einem erhöhten Risiko für Osteoporose einher. Die Studie wurde jetzt im Fachmagazin Mayo Clinic Proceedings* publiziert. Rund 3,8 Milliarden Tagesdosen Protonenpumpenhemmer verschrieben Ärzt:innen in Deutschland im Jahr 2022 laut aktuellem Arzneiverordnungs-Report. PPI wie Pantoprazol oder Omeprazol hemmen die Produktion von Magensäure und sind vor allem für die Therapie von Magengeschwüren oder -blutungen gedacht, werden aber auch vorbeugend eingesetzt. Viele Patient:innen mit rheumatoider Arthritis, umgangssprachlich Rheuma genannt, bekommen unter bestimmten Bedingungen PPI bei einer Therapie mit Glukokortikoiden („Kortison“) verschrieben, um zu verhindern, dass die Magenschleimhaut sich entzündet. Manche nehmen PPI auch ohne ärztliche Rücksprache bei Sodbrennen oder anderen Magenbeschwerden ein. Man kann sie bis zu einer bestimmten Dosis rezeptfrei in der Apotheke bekommen. Dabei ist aus Studien zu verschiedenen Erkrankungen bekannt, dass die Einnahme von PPI die Entwicklung von Knochenschwund (Osteoporose) begünstigt. Zusätzlich kann das in der Rheumatologie oft gleichzeitig genutzte Kortison den Knochen schwächen. „Wir haben uns deshalb gefragt, ob PPI auch bei unseren Rheuma-Patientinnen und -Patienten das Osteoporoserisiko nochmals erhöhen“, erklärt der Erstautor der Studie, Dr. Andriko Palmowski, Arzt an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Charité. Analyse der Knochenmineraldichte von 1.500 Patient:innen Um dies herauszufinden untersuchte er zusammen mit Prof. Frank Buttgereit und weiteren Kolleg:innen aus der Charité, aus den USA und aus Dänemark die Knochengesundheit von rund 1.500 Patient:innen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Etwa die Hälfte nahm täglich Protonenpumpenhemmer ein. Analysiert wurden die Knochenmineraldichte und die Knochen-Mikroarchitektur. Ist die Knochendichte erniedrigt oder lassen sich Veränderungen in der Mikroarchitektur finden, weist das auf Osteoporose hin. Tatsächlich war die Knochendichte bei Patient:innen, die PPI nahmen, signifikant niedriger als bei solchen, die keine PPI nahmen. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn Einflussfaktoren wie Alter oder Nikotinkonsum statistisch berücksichtigt und eliminiert wurden. Besonders ausgeprägt war der Effekt, wenn Patient:innen PPI zusammen mit Kortison-Präparaten in einer täglichen Dosis von mindestens 7,5 mg einnahmen. Die Knochen-Mikroarchitektur hingegen war nicht relevant beeinträchtigt. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass PPI bei Patient:innen mit rheumatoider Arthritis zu einem Verlust an Knochenmineraldichte führen“, sagt Andriko Palmowski. Hieraus kann man grob schätzen, dass das Risiko für einen Wirbelbruch um etwa 25 Prozent steigt. Gründe für die Verschreibung von Magenschutz genau prüfen Die Autor:innen der Studie sehen nun ihre ärztlichen Kolleg:innen in der Pflicht: „Ärztinnen und Ärzte sollten die Gründe für eine PPI-Verordnung sorgfältig prüfen und Nutzen und mögliche Risiken mit den Patientinnen und Patienten besprechen – insbesondere wenn gleichzeitig Kortison verschrieben wird“, schlussfolgern sie. Berechtigte Gründe für eine Verordnung von PPI sind beispielsweise Risikofaktoren, die die Entwicklung eines Magengeschwürs begünstigen. Zu diesen Risikofaktoren gehört zum Beispiel die gleichzeitige Einnahme von Kortison und nichtsteroidalen Rheumamitteln wie Ibuprofen, Diclofenac oder auch Aspirin. Wer hingegen allein Kortison einnimmt und keine weiteren Risikofaktoren aufweist, benötigt eher keinen Magenschutz – so die Maßgabe der ärztlichen Leitlinie „Arzneimitteltherapie bei Multimorbidität“. „Ist eine gleichzeitige Einnahme unvermeidbar, können Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D und Kalzium den Knochenerhalt unterstützen“, erklärt Andriko Palmowski. Bei geplanter längerfristiger Kortison-Therapie sind möglicherweise regelmäßige Knochendichtemessungen und gegebenenfalls eine gezielte medikamentöse Osteoporosetherapie notwendig. Welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll sind, sollten Patient:innen und Ärzt:innen gemeinsam besprechen.
Franziska Landgraf ist neue Pflegedirektorin der Charité 08-05-2024
Franziska Landgraf hat zum 1. Mai die Position der Pflegedirektorin der Charité angetreten. Sie ist damit zugleich Mitglied der Klinikumsleitung. Der Vorstand der Charité hat diese Neuerung nach Besprechung im Personalausschuss des Aufsichtsrats beschlossen. Damit folgt Franziska Landgraf auf Dr. Anke Jentzsch. Zuvor war Franziska Landgraf bereits seit 2022 als Stellvertretende Pflegedirektorin tätig. Diese Position übernimmt ab sofort Stephanie Schönbeck, die zuletzt als Referentin von Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege, und zuvor als stellvertretende pflegerische Centrumsleitung gewirkt hat. Im Führungstrio die Pflege stärken Carla Eysel will mit der Neuaufstellung die Erreichung der strategischen Ziele der Gesundheitsfachberufe an der Charité weiter vorantreiben. „Gemeinsam mit den Führungskräften des Bereiches arbeiten Franziska Landgraf, Stephanie Schönbeck und ich als Leitungsteam daran, die Arbeitsbedingungen in der Pflege so aufzustellen, dass sie dem Anspruch aus unserer Unternehmensstrategie Charité 2030 gerecht werden, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Uns ist es wichtig, dass auch die Gesundheitsfachberufe einen deutlichen Anteil akademisch qualifizierter Rollen in der Krankenversorgung besetzen und dass das interprofessionelle Miteinander aller an der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten Wirkenden gestärkt und ausgebaut wird“. Sie ergänzt: „Mein Fokus liegt dabei auf der Entwicklung der Pflege im Sinne unserer Strategie, auf entsprechenden politischen Initiativen und auf der Weiterentwicklung der tarifvertraglichen Rahmenbedingungen. Franziska Landgraf kümmert sich unter anderem um die operative Steuerung, die strukturelle Entwicklung der Bereiche und um das Prozessmanagement. Stephanie Schönbeck treibt insbesondere die akademische Pflegeentwicklung, Budgetplanung sowie das Pflege- und Projektcontrolling voran. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit und wünsche meinen Kolleginnen einen guten Start!“ Einsatz aller Pflegeteams gefragt Franziska Landgraf erklärt zu ihren Schwerpunkten: „Mir ist es ein großes Anliegen, die Pflege an der Charité auch weiterhin mit wertvollen Impulsen zu gestalten und sie zukunftsfest aufzustellen. Gemeinsam können wir im Pflegeleitungsteam viel bewirken, elementar ist für mich aber die Unterstützung unserer mehr als 5.000 Fachkräfte. Mit gemeinsamen Ideen und Engagement können wir die Weiterentwicklung unserer Profession ganz aktiv voranbringen!“ Stationen von Franziska Landgraf Bereits seit 1993 wirkt Franziska Landgraf an der Charité: Nach ihrer Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin folgten Stationen als Pflegerische Centrumsleitung der Zentralen Notaufnahmen und Ambulanzkoordination. Zuletzt war sie seit 2022 als Stellvertretende Pflegedirektorin tätig. Mit ihrer Arbeit hat sie wesentlich dazu beigetragen, den Kulturwandel in der Pflege im Sinne der Unternehmensstrategie Charité 2030 einzuleiten und gleichzeitig unter schwierigen Rahmenbedingungen den 2021 abgeschlossenen Tarifvertrag Gesundheitsfachberufe umzusetzen. Stationen von Stephanie Schönbeck Stephanie Schönbeck hat die Position der Stellvertretenden Pflegedirektorin übernommen. Sie ist ausgebildete Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und bringt Führungserfahrung unter anderem aus ihrer Position als Abwesenheitsvertretung der Pflegerischen Centrumsleitung in mehreren Centren der Charité mit. Zuletzt wirkte sie seit September 2023 als Referentin von Carla Eysel im Vorstandsbereich Personal und Pflege. Zudem ist sie systemischer Coach und verfügt über einen Bachelor of Arts in Business Administration. In ihrer neuen Position möchte Stephanie Schönbeck im Pflegeleitungsteam insbesondere die Gesundheitsfachberufe im interprofessionellen Setting stärken und die individuellen Kompetenzen des Pflegepersonals im Kontext der Unternehmensstrategie entfalten.
Prof. Mike P. Wattjes ist neuer Leiter des Instituts für Neuroradiologie der Charité 02-05-2024
Prof. Dr. Dr. Mike P. Wattjes hat zum 1. Mai die Professur für Neuroradiologie und die Leitung des Instituts für Neuroradiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Der international anerkannte Experte auf dem Gebiet der Diagnostik und Charakterisierung infektiöser und entzündlicher Erkrankungen des zentralen Nervensystems wechselt von Hannover an die Spree. Mit seinen Forschungsarbeiten zur neuroradiologischen Bildgebung hat Prof. Wattjes wesentlich dazu beigetragen, Diagnostik, Verlaufskontrolle und Therapieansprechen bei Erkrankungen des Nervensystems zu verbessern – insbesondere bei infektiologischen Erkrankungen wie der progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie und entzündlichen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose. Multiple Sklerose ist die häufigste chronische entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems bei jüngeren Erwachsenen. Die Erkrankung kann unter anderem anhand von Magnetresonanztomografien (MRT) des Gehirns sowie des Rückenmarks festgestellt und überwacht werden. Um verbindliche weltweite Standards für diese Aufnahmen zu schaffen, hat Prof. Wattjes zusammen mit einem internationalen Expertengremium neue Leitlinien dazu für die klinische Routine erarbeitet. Die Empfehlungen wurden 2021 in der Fachzeitschrift The Lancet Neurology veröffentlicht. Interdisziplinäre Arbeit im Fokus An der Charité wird Mike P. Wattjes künftig das breite Spektrum der interdisziplinären neurowissenschaftlichen Forschung weiter vorantreiben und plant, den neurovaskulären Schwerpunkt der Berliner Universitätsmedizin zu stärken: „Ich möchte mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insbesondere die bildgestützte Schlaganfalltherapie, -forschung und -versorgungsstruktur sowie die endovaskuläre Versorgung von Gefäßerkrankungen des Zentralnervensystems weiter ausbauen.“ Im Bereich neuroinfektiologischer Erkrankungen möchte sich der Neuroradiologe besonders der Bildgebung der progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML) widmen und neue Diagnosekriterien erarbeiten. Außerdem hat er vor, die MRT stärker als Instrument für die Diagnostik, Verlaufskontrolle und den Nachweis der Wirksamkeit neuer Therapien zu etablieren. Mike P. Wattjes übernimmt mit der Institutsleitung auch die W3-Professur für Neuroradiologie an der Charité. Sein Engagement für die Ausbildung junger Mediziner:innen und Radiolog:innen möchte er in die Lehre an der Charité einbringen und plant, künftig interaktive Lehrmethoden mit fallbasierten E-Learning-Modulen einzusetzen.
Für die Zukunft der Herzmedizin 25-04-2024
Mit dem ersten Spatenstich ist heute das Neubauprojekt für das Deutsche Herzzentrum der Charité (DHZC) am Campus Virchow-Klinikum offiziell gestartet. Anwesend waren unter anderem Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin, Bettina Stark-Watzinger, Bundesministerin für Bildung und Forschung, sowie Dr. Ina Czyborra, Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. Der Neubau für das DHZC ist ein wichtiger Meilenstein in der baulichen Gesamtentwicklung des Campus Virchow-Klinikum. Auf 17 Etagen und einer Nutzungsfläche von rund 30.000 Quadratmetern entsteht eines der größten und modernsten Herzzentren Europas, mit 320 Patientenbetten sowie insgesamt 20 Operationssälen, Hybrid-Operationssälen und Herzkatheter-Laboren. Darüber hinaus werden dort die zentrale Notaufnahme sowie die Sterilgutversorgung des gesamten Campus integriert. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2028 geplant. Das Land Berlin finanziert das Bauvorhaben mit 421 Millionen Euro, der Bund beteiligt sich mit 100 Millionen Euro an den Gesamtkosten in Höhe von 521 Millionen Euro. Der architektonische Entwurf des mit der Generalplanung beauftragten Architekturbüros wörner traxler richter aus Dresden folgt der Philosophie der „Healing Architecture“ – es soll eine Umgebung geschaffen werden, die zum Wohlbefinden und zur Genesung der Patient:innen beiträgt. Gleichzeitig soll ein Ort entstehen, an dem sich auch die Mitarbeiter:innen wohlfühlen und gut arbeiten können – etwa durch Tageslicht in den Operationssälen und Rückzugsorte für Erholung und Sport. Der DHZC-Neubau wird nachhaltig und ressourcenschonend nach dem Gold-Standard der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) errichtet. Die Energieeffizienz zur Minimierung des ökologischen Fußabdrucks soll unter anderem durch die Installation von Fotovoltaik auf den Dachflächen und die Anwendung modernster Technologien zur Energie- und Wassereinsparung erreicht werden. Stimmen zum ersten Spatenstich Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner: „Dieses Bauprojekt unterstreicht Berlins Rolle als führender Wissenschafts- und Forschungsstandort. Der Neubau für das DHZC ist eine Investition in die Zukunft unserer Stadt und in die Gesundheit unserer Gesellschaft. Damit verbessern wir nicht nur die medizinische Versorgung in Berlin, sondern setzen auch wissenschaftliche und wirtschaftliche Impulse.“ Bettina Stark-Watzinger, Bundesministerin für Bildung und Forschung: „Mit dem Deutschen Herzzentrum der Charité wird ein national und international führendes Herzzentrum mit besonderer Strahlkraft für den Forschungsstandort Berlin und Deutschland etabliert. Das DHZC setzt neue Maßstäbe für die Versorgung der Patientinnen und Patienten, für die Forschung und Lehre sowie die Infrastruktur. Ein besonders spannender Schwerpunkt hierbei wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Herzmedizin sein.“ Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin: „Mit dem DHZC-Neubau setzen wir in Berlin einen neuen Standard für die Konzentration medizinischer Kompetenzen in hochspezialisierten Zentren – als Teil einer umfassenden Krankenhausreform zur Steigerung der medizinischen Qualität und wirtschaftlichen Machbarkeit.“ Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité: „Das DHZC ist eine zentrale Säule unserer Strategie zur Weiterentwicklung des Campus Virchow-Klinikum und der ganzen Charité. Wir schaffen die räumlichen und technischen Voraussetzungen, um unsere führende Position in der Herzmedizin nicht nur zu behaupten, sondern kontinuierlich weiter auszubauen.“ Prof. Dr. Hans Maier, Vorstandsvorsitzender der Stiftung DHZB: „Der heutige Spatenstich markiert einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg, in Berlin eines der weltweit führenden Zentren der Herzmedizin aufzubauen. Die Stiftung des Deutschen Herzzentrums Berlin wird neben der aktiven Mitgestaltung des DHZC weiterhin eine zentrale Rolle bei der Förderung von Wissenschaft und Translation spielen und mit ihrer Akademie einen wesentlichen Beitrag zur Aus- und Weiterbildung hochqualifizierter Fachkräfte leisten.“ Astrid Lurati, Vorstand Finanzen und Infrastruktur der Charité: „Der DHZC-Neubau ist ein historisches Projekt für die Charité, da es der erste Klinikbau auf diesem Campus seit über zwei Jahrzehnten ist. Allen unseren Partner:innen in Politik und Verwaltung möchte ich für die enge und konstruktive Zusammenarbeit, die dieses Vorhaben erst möglich gemacht hat, sehr herzlich danken.“ Prof. Dr. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des DHZC: „Der DHZC-Neubau soll nicht nur ein Ort der exzellenten Patientenversorgung sein, sondern auch ein Arbeitsplatz, an dem unsere Teams gut und effizient arbeiten können. Ein attraktives Arbeitsumfeld wird für die Gewinnung und dauerhafte Bindung von Fachkräften zunehmend wichtiger. Von Anfang an waren deshalb alle Berufsgruppen in die Planungen mit eingebunden.“ Matthias Schmidt, Projektleiter GB Bau der Charité: „Für die Charité und alle an der Planung, Ausführung und im späteren Betrieb Beteiligten ist es ein Privileg, an der Errichtung dieses außergewöhnlichen Bauprojekts mitwirken zu können. Der DHZC-Neubau wird sich durch die Verbindung von höchsten architektonischen, technischen und funktionalen Anforderungen zu einem nachhaltigen Gebäude auszeichnen.“ Fotos der Veranstaltung, Neubau-Visualisierungen des Architekturbüros wörner traxler richter und eine Informationsbroschüre zum DHZC-Neubau gibt es zum Download unter www.dhzb.de/spatenstich. Nach der Veranstaltung werden unter dem Link weitere Impressionen ergänzt.
Gedanken fließen in eine Richtung statt in Schleifen 18-04-2024
Entgegen bisherigen Annahmen sind Nervenzellen in der menschlichen Hirnrinde anders verschaltet als bei der Maus. Das ist das Ergebnis einer Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, die jetzt im Fachmagazin Science* erschienen ist. Danach kommunizieren die Neurone beim Menschen in eine Richtung, während die Signale bei der Maus häufiger in Schleifen fließen. Das macht die Informationsverarbeitung beim Menschen leistungsfähiger und effizienter. Die Erkenntnisse könnten zur Weiterentwicklung künstlicher neuronaler Netzwerke beitragen. Weniger als fünf Millimeter dick ist die Großhirnrinde, eine der wichtigsten Strukturen für die menschliche Intelligenz. Zwanzig Milliarden Nervenzellen verarbeiten hier, in der äußersten Schicht des Gehirns, unzählige Sinneswahrnehmungen. In der Hirnrinde planen wir Handlungen, hier sitzt unser Bewusstsein. Wie gelingt es den Nervenzellen, diese komplexen Informationen zu verarbeiten? Das hängt maßgeblich davon ab, wie sie miteinander verschaltet sind. Komplexere Hirnrinde – andere Informationsverarbeitung „Unser bisheriges Verständnis der neuronalen Architektur in der Großhirnrinde basiert größtenteils auf Erkenntnissen, die an Tiermodellen wie der Maus gewonnen wurden“, erklärt Prof. Jörg Geiger, Direktor des Instituts für Neurophysiologie der Charité. „Bei ihnen kommunizieren die benachbarten Nervenzellen häufig wie in einem wechselseitigen Dialog miteinander, ein Neuron funkt ein anderes an und dieses sendet wieder ein Signal zurück. Dadurch fließen die Informationen oft in Schleifen.“ Die menschliche Großhirnrinde ist deutlich größer und auch komplexer als bei der Maus. Trotzdem hat man bisher – auch aufgrund fehlender Daten – angenommen, dass sie nach denselben Verschaltungsprinzipien funktioniert. Dass dem nicht so ist, konnte ein Charité-Forschungsteam um Jörg Geiger anhand von besonders rarem Probenmaterial und unter Einsatz modernster Technik jetzt belegen. Ein ausgeklügeltes Verfahren, um neuronale Kommunikation abzuhören Für die Studie untersuchten die Forschenden Hirngewebe von 23 Menschen, die sich aufgrund einer Epilepsie einer neurochirurgischen Operation an der Charité unterzogen hatten. Im Zuge des Eingriffs war Hirngewebe entfernt worden, um Zugang zu den darunter liegenden erkrankten Strukturen zu erhalten. Die Patient:innen hatten der Nutzung dieses Gewebes für die Forschung zugestimmt. Um die Signalflüsse zwischen benachbarten Neuronen in der äußersten Schicht der menschlichen Großhirnrinde beobachten zu können, entwickelte das Team eine verbesserte Variante der sogenannten Multipatch-Technik. Sie erlaubte den Forschenden, der Kommunikation von bis zu zehn Nervenzellen gleichzeitig zu lauschen (Details in „Über die Methodik“). Dadurch gelang es ihnen, in der kurzen Zeit, bis die Zellen außerhalb des Körpers ihre Aktivität einstellen, die für die Erstellung einer Netzwerkkarte nötige Anzahl an Messungen durchzuführen. Insgesamt analysierten sie so die Kommunikationswege von knapp 1.170 Nervenzellen mit rund 7.200 möglichen Verbindungen. Geradeaus statt in Schleifen Das Ergebnis: Nur ein kleiner Bruchteil der Neurone führte wechselseitige Dialoge. „Beim Menschen fließen die Informationen stattdessen vorrangig in eine Richtung, sie kehren nur selten direkt oder über Schleifen an den Ausgangspunkt zurück“, erklärt Dr. Yangfan Peng, Erstautor der Publikation. Der Wissenschaftler arbeitete am Institut für Neurophysiologie an der Studie und ist inzwischen an der Klinik für Neurologie und dem Neurowissenschaftlichen Forschungszentrum der Charité tätig. Dass dieser vorwärts gerichtete Signalfluss Vorteile für die Datenverarbeitung mit sich bringt, konnten die Wissenschaftler:innen anhand einer Computersimulation belegen, die sie nach den Prinzipien der menschlichen Netzwerk-Architektur erstellten. Die Forschenden gaben dem künstlichen neuronalen Netzwerk eine typische Aufgabe des maschinellen Lernens: Es sollte Audio-Aufnahmen von Zahlwörtern erkennen und ihnen die richtige Ziffer zuweisen. Es zeigte sich, dass das dem Menschen nachempfundene Modell bei dieser Spracherkennung häufiger richtig lag als ein der Maus nachempfundenes. Es war außerdem effizienter: Umgerechnet wären für dieselbe Leistung 380 Nervenzellen bei der Maus, aber nur 150 Nervenzellen beim Menschen nötig. Ökonomisches Vorbild für KI? „Die gerichtete Netzwerk-Architektur beim Menschen ist leistungsfähiger und ressourcenschonender, weil mehr unabhängige Nervenzellen gleichzeitig unterschiedliche Aufgaben bewältigen können“, erklärt Yangfan Peng. „Das Netzwerk kann also mehr Informationen speichern. Unklar ist noch, ob unsere in der äußersten Schicht der Hirnrinde gesammelten Ergebnisse für die gesamte Hirnrinde gelten und wie gut sie die einzigartigen kognitiven Fähigkeiten des Menschen erklären können.“ Für die Konstruktion künstlicher neuronaler Netzwerke haben sich KI-Entwickler in der Vergangenheit von biologischen Vorbildern inspirieren lassen, sie optimierten die Algorithmen aber auch unabhängig von der Biologie. „Viele künstliche neuronale Netzwerke nutzen bereits eine Form der vorwärts gerichteten Struktur, weil diese bei manchen Aufgaben bessere Ergebnisse liefert“, sagt Jörg Geiger. „Es ist faszinierend zu sehen, dass auch das menschliche Hirn verwandte Verschaltungsprinzipien aufweist. Die Erkenntnisse, die wir jetzt zu der besonders ressourcenschonenden Informationsverarbeitung in der menschlichen Hirnrinde gesammelt haben, könnten nun zur Verfeinerung der KI-Netzwerke beitragen.“
Sonntagsvorlesung „Gesund Älterwerden. Wie geht das?“ 16-04-2024
Was sind altersspezifische Erkrankungen und was gibt es Neues aus der Altersmedizin? Welche Strategien eignen sich für ein gesundes Älterwerden und wie kann die Lebensqualität verbessert werden? Und was können technische Unterstützungssysteme leisten? In der Sonntagsvorlesung am 21. April geht es um die Medizin des Alters in Klinik und Forschung. Prof. Ursula Müller-Werdan, Direktorin der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin sowie der Forschungsgruppe Geriatrie, spricht über alterstypische Erkrankungen und die Behandlungsmöglichkeiten. Sie erklärt, wie der Alterungsprozess beeinflusst werden kann und warum Prävention auch bei betagteren Menschen sinnvoll ist. Der Pflegewissenschaftler Prof. Nils Lahmann, Stellvertretender Direktor der Forschungsgruppe Geriatrie, informiert über innovative Unterstützungssysteme für Menschen mit altersbedingten Beschwerden. Er stellt aktuelle Forschungsprojekte vor und erklärt, wie Wearables und virtuelle Realität sowie Künstliche Intelligenz und Robotik Ältere gut unterstützen und die Selbstständigkeit erhalten können. Die Sonntagsvorlesung „Gesund Älterwerden. Wie geht das?“ findet statt am 21. April um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Wichtiger Hinweis Ton-, Foto- und Videoaufzeichnungen der Sonntagsvorlesung sowie deren Verbreitung sind nicht gestattet. Ankündigungsvideo Mehr zu den Inhalten der Vorlesung erzählen Prof. Müller-Werdan und Prof. Lahmann im Kurzvideo. Sonntagsvorlesung nachgehört Die Vorlesung kann im Nachhinein als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Neu bei „Sonntagsvorlesung nachgehört“ sind die Vorlesungen „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“ und „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“ sowie „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“. Zur Sonntagsvorlesung Mit der Neuauflage der Sonntagsvorlesungen wurde 2008 eine mehr als 30-jährige Tradition der Charité neu belebt, die am 13. März 1977 erstmals ins Leben gerufen worden war. Ziel der Vorlesungen ist es, der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig neueste Informationen zu verschiedensten medizinischen Themen zu präsentieren. Dabei sprechen Expert:innen der Charité über Diagnostik, Therapie und Prävention sowie Forschungsprojekte und aktuelle Erkenntnisse.
Gemeinsam für Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz 11-04-2024
Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und der Senatsverwaltung für Finanzen Berlin Das Land Berlin und die Charité – Universitätsmedizin Berlin werden im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes künftig noch enger zusammenarbeiten. Dazu haben heute Wolfgang Schyrocki, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Finanzen, und Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Es sieht vor, dass künftig alle Landesbediensteten durch das Arbeitsmedizinische Zentrum (AMZ) der Charité betriebsärztlich betreut werden. Ziel ist es, die Gesundheit, die Sicherheit und das Wohlbefinden der Landesbeschäftigten zu fördern und zu erhalten. Die Zusammenarbeit zwischen dem Land Berlin und der Charité umfasst unter anderem: Beratung und Unterstützung in allen arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Fragen Durchführung von arbeitsmedizinischen Vorsorge- und Gesundheitsuntersuchungen Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung Betriebliches Gesundheitsmanagement Entwicklung von Schulungsprogrammen zur Prävention und zum Arbeitsschutz Austausch von Fachwissen Psychologische Betreuung Gesundheitsförderung und Prävention Beide Partner werden im Rahmen der Kooperation gemeinsam an der Planung und Umsetzung von Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und der Gesundheitsförderung arbeiten. Alle Maßnahmen werden evaluiert und bei Bedarf angepasst. Perspektivisch soll die Zusammenarbeit insbesondere auch im Zusammenhang mit der digitalen Transformation intensiviert werden. Langjährige Erfahrung und Expertise „Die Gesundheit der Beschäftigten der Berliner Verwaltung ist wesentliche Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit und das Funktionieren unserer Stadt,“ sagte Wolfgang Schyrocki, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Finanzen, bei der Unterzeichnung des Memorandums. „Wir freuen uns, dass wir unsere Kooperation mit einer hervorragenden medizin-wissenschaftlichen Einrichtung, der Charité, in Berlin fortsetzen und ausbauen können.“ Die Charité verfügt über langjährige Erfahrung in der arbeitsmedizinischen Betreuung. Als überbetrieblicher betriebsärztlicher Dienst ist das Arbeitsmedizinische Zentrum (AMZ) der Charité ein Kompetenzzentrum für die Gesundheit von Beschäftigten und Organisationen. Expertise auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit liefert die Stabsstelle Arbeitssicherheit der Charité. Basis der Kooperation mit dem Land Berlin ist die bereits bestehende Zusammenarbeit mit dem AMZ und der Stabsstelle für Arbeitssicherheit. „Mit der Vereinbarung setzen wir die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Land und seiner Universitätsmedizin im Bereich der arbeitsmedizinischen Betreuung der Landesbediensteten fort. Ich freue mich, dass die Charité dadurch jene Menschen, die Berlin mit ihrer Arbeit erst möglich machen, medizinisch unterstützen kann“, betont Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. Links: Senatsverwaltung für Finanzen Berlin Arbeitsmedizinisches Zentrum der Charité
Wie der Kampfmodus im Körper beendet wird 10-04-2024
Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und des Uniklinikums Erlangen Kortison-Präparate drosseln äußerst wirksam überschießende Immunreaktionen. Erstaunlich wenig war bisher allerdings darüber bekannt, wie genau sie das tun. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Uniklinikums Erlangen und der Universität Ulm hat den molekularen Wirkmechanismus jetzt näher aufgeklärt. Wie die Forschenden im Fachmagazin Nature* berichten, programmiert Kortison den Stoffwechsel von Immunzellen um und betätigt so eine körpereigene Entzündungsbremse. Die Erkenntnisse legen die Basis für die Entwicklung von nebenwirkungsärmeren Entzündungshemmern. Körpereigenes Kortison (Kortisol) ist eigentlich ein Stresshormon. Der Organismus schüttet es aus, um in wichtigen Situationen leistungsfähig zu sein. Dazu greift die Substanz beispielsweise in den Zucker- und Fetthaushalt ein und beeinflusst Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz. In höheren Dosen hemmt sie außerdem die Aktivität des Immunsystems, was sich die Medizin zunutze macht: Künstlich hergestellte Kortison-Präparate, die Entzündungen noch stärker dämpfen als das körpereigene Original, werden aufgrund ihrer ausgezeichneten Wirksamkeit bei verschiedensten immunologischen Erkrankungen verabreicht und gehören zu den am breitesten eingesetzten Medikamenten überhaupt. Kortison beeinflusst nicht nur Gene, sondern auch Zellkraftwerke Insbesondere bei höherer Dosierung und längerer Verabreichung haben Kortison-Medikamente jedoch auch Nebenwirkungen, die mit den übrigen Effekten des körpereigenen Hormons zusammenhängen. Dazu zählen beispielsweise Bluthochdruck, Osteoporose, Diabetes oder eine Zunahme des Gewichts. Um Entzündungshemmer mit weniger Nebenwirkungen entwickeln zu können, hat eine Forschungsgruppe um Prof. Gerhard Krönke, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie an der Charité, nun genauer untersucht, wie exakt Kortison seine immundämpfende Wirkung entfaltet. „Bekannt war bisher, dass Kortison in verschiedenen Körperzellen eine Reihe von Genen aktiviert“, erklärt Gerhard Krönke. „Auf diesem Weg mobilisiert es aber vor allem die Ressourcen im Körper, seine starke immundämpfende Wirkung lässt sich so nicht ausreichend erklären. In unserer Studie konnten wir nun zeigen, dass Kortison nicht nur auf die Gene von Immunzellen einwirkt, sondern auch auf ihre Kraftwerke, die Mitochondrien. Dieser Effekt auf den Zellstoffwechsel ist wiederum ganz entscheidend für die entzündungshemmende Wirkung von Kortison.“ Aus Waffenfabriken werden Energieproduzenten Für die Studie fokussierte sich das Forschungsteam auf sogenannte Makrophagen, also Fresszellen des Immunsystems, die Eindringlinge wie Viren und Bakterien beseitigen, aber auch zur Entstehung von entzündlichen Erkrankungen beitragen können. Es untersuchte, wie diese Immunzellen – aus der Maus gewonnen – im Labor auf Entzündungsreize reagierten und welche Auswirkungen die zusätzliche Gabe eines Kortison-Präparats hatte. Dabei beobachteten die Forschenden, dass Kortison – neben seiner Wirkung auf Gene – vor allem Änderungen im Zellstoffwechsel rückgängig machte, die durch die Entzündungsreize angestoßen worden waren. „Wenn Fresszellen in den Kampfmodus versetzt werden, funktionieren sie vereinfacht gesagt ihre Zellkraftwerke zu Waffenfabriken um: Statt Energie zu liefern, produzieren die Kraftwerke Baumaterial für den Kampf gegen Eindringlinge“, beschreibt Gerhard Krönke die Vorgänge. „Kortison macht aus den Kraftwerken wieder Energielieferanten und beendet damit gewissermaßen den Kampfmodus. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei das kleine Molekül Itaconat.“ Itaconat vermittelt entzündungshemmende Wirkung von Kortison Itaconat ist ein entzündungshemmender Stoff, den der Körper selbst in den Kraftwerken seiner Zellen herstellt. Fresszellen produzieren ihn schon im Rahmen ihrer Aktivierung, damit die Entzündungsreaktion nach einer gewissen Zeit wieder zurückgeht. Voraussetzung für die Bildung dieser körpereigenen Immunbremse ist, dass ausreichend „Kraftstoff“ zur Verfügung steht. Das ist nach Umstellung der Zellkraftwerke zu Waffenfabriken nicht mehr der Fall, die Itaconat-Produktion kommt deshalb nach einer Weile zum Erliegen. Bei einer normalen, kurzzeitigen Entzündung ist das ein gutes Timing, weil die Immunreaktion in der Zwischenzeit zur Ruhe kommen konnte. „Bei einem lang anhaltenden Entzündungsreiz ist das Abfallen der Itaconat-Produktion ein Problem, weil die Immunbremse ausfällt, obwohl das Immunsystem noch auf Hochtouren läuft – es entsteht eine chronische Entzündung“, erläutert Dr. Jean-Philippe Auger, Wissenschaftler in der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie am Uniklinikum Erlangen und Erstautor der Studie. „Hier greift das Kortison ein. Durch die Umprogrammierung der Mitochondrienfunktion kurbelt es in den Fresszellen die Bildung von Itaconat an, sodass dieses seine antientzündliche Wirkung wieder entfalten kann.“ Fahndung nach neuen Wirkstoffen Wie stark der entzündungshemmende Effekt von Kortison vom Itaconat abhängt, konnten die Wissenschaftler:innen anhand von Tiermodellen für Asthma und rheumatoide Arthritis belegen: Bei Tieren, die nicht die Fähigkeit hatten, Itaconat zu produzieren, war Kortison wirkungslos. Wenn Itaconat also die immundämpfende Wirkung von Kortison vermittelt: Ließe es sich nicht direkt anstelle von Kortison verabreichen? „Itaconat eignet sich leider nicht besonders gut als entzündungshemmendes Medikament, weil es instabil ist und aufgrund seiner hohen Reaktivität bei systemischer Gabe Nebenwirkungen hervorrufen könnte“, sagt Gerhard Krönke. „Außerdem gehen wir davon aus, dass die Vorgänge beim Menschen noch etwas komplexer sind als in der Maus. Wir wollen deshalb neue Wirkstoffe suchen, die die Kraftwerke der Immunzellen genauso gut umprogrammieren wie Kortison, aber weniger Nebenwirkungen aufweisen.“
Was bedeutet heute eigentlich Familie? 08-04-2024
Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und der Einstein Stiftung Berlin Sie ist die kleinste Einheit einer Gesellschaft und sie ist Abbild von Veränderungen: die Familie. Was unter ihr verstanden wird und wer dazugehört, ist einem beständigen Wandlungsprozess unterworfen. Im neuen Einstein Center Population Diversity (ECPD) kommen Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und weiterer Berliner Einrichtungen zusammen. Am Beispiel der Familie gehen sie den aktuellen demografischen Veränderungen nach: Wie wandeln sich Gesellschaft und Familie durch Zuwanderung, Alterung und neue Formen von Arbeit und sozialen Beziehungen? Welche Chancen, aber auch Risiken wie Ungleichheiten in Gesundheit und Bildung erwachsen daraus? Kleinfamilie, allein- und getrennt erziehende Familie, Patchwork- oder Regenbogenfamilie, Familie über Landes- oder Kontinentalgrenzen hinweg – die Familie hat heute viele Gesichter. Doch nicht nur diese Vielfalt, auch Zuwanderung und eine steigende Lebenserwartung tragen zur Gestaltung heutiger und künftiger Gesellschaften bei. „Die wachsende Bevölkerungsvielfalt und die gleichzeitige Veränderung der Altersstruktur stellen Gesellschaften vor Herausforderungen, gerade wenn es um das Beherrschen von Ungleichheitsdynamiken geht. Verschiedene Formen des Zusammenlebens sind dabei eine Chance, sie können aber auch potenzielle Risiken mit sich bringen, beispielsweise wenn Ungleichheit durch räumliche und soziale Ausgrenzung entsteht oder sie sich im Hinblick auf Gesundheit und Bildung verstärkt“, sagt Prof. Paul Gellert, Direktor des ECPD. „Um mit den Chancen und Herausforderungen dieses gesellschaftlichen Wandels umgehen zu können, benötigen wir ein umfassendes Wissen über die komplexen Mechanismen, die die Bevölkerungsvielfalt und die Ungleichheit im Laufe des Lebens bestimmen.“ Wie ungleiche Lebensverläufe entstehen Die Familie ist ein entscheidender Ort, an dem Ungleichheiten innerhalb und zwischen Generationen entstehen und weitergegeben werden. Dies geschieht unter anderem in Interaktion mit Bildungseinrichtungen, Sozialpolitik und Arbeitsmarkt. Veränderte Verhaltensweisen und Familienmuster können Chancen in einer Gesellschaft sein, etwa beim Herausbilden neuer Pflegearrangements, oder sie sorgen für Wohlstand auf individueller und familiärer Ebene. Gleichzeitig können sie Triebkraft für soziale und gesundheitliche Ungleichheit sein. Besonders deutlich wird der enge Zusammenhang zwischen Familienverhalten und sozialer Ungleichheit am Beispiel des hohen Anteils von Frauen, die nach Trennung und Scheidung von Armut und später Altersarmut betroffen sind. Auch die COVID-19-Pandemie hat diese Verbindung sichtbarer gemacht. Je nach individueller Konstellation und vorhandenen Ressourcen waren Familien unterschiedlich stark Druck und Stress ausgesetzt, weil staatliche Systeme für die Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen zeitweise eingeschränkt wurden. Und auch über die Pandemie hinaus sind pflegende Angehörige die stärkste Säule des Pflegesystems – ihre Bedeutung nimmt in alternden Gesellschaften weiter zu. Auswirkungen auf Gesundheit und Chancengleichheit Um die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Familienmodellen, Gesundheit, Bildung und sozialen Ungleichheiten in alternden Gesellschaften aufzuzeigen, arbeiten im ECPD führende Wissenschaftler:innen disziplinübergreifend zusammen. „Das Einstein Center Population Diversity wird die in Berlin ansässige Forschung an der Schnittstelle von Biomedizin, Sozial- und Gesundheitsforschung bündeln und stärken. Mit Expert:innen aus den Bereichen Demografie, Soziologie, Medizin, Psychologie und Gesundheitswissenschaften ist es in einer einzigartigen Position, um die verschiedenen Mechanismen der Bevölkerungsentwicklung sowie ihre Wechselbeziehungen auf der Ebene der Familie zu untersuchen“, erklärt Prof. Martin Rennert, Vorstandsvorsitzender der Einstein Stiftung Berlin. Heute nimmt das neue Einstein Center für zunächst sechs Jahre seine Forschungsarbeit auf. Ziel der Wissenschaftler:innen ist es, die Auswirkungen von Familienvielfalt auf soziale Ungleichheit und auf Gesundheit zu entschlüsseln. Sie betrachten dazu Lebensläufe von Menschen ganzheitlich und innerhalb ihrer jeweiligen sozialen, kulturellen und strukturellen Zusammenhänge. Der Fokus des ECPD liegt auf der Analyse von bevölkerungsrepräsentativen Datensätzen sowie Datensätzen zu relevanten biologischen Merkmalen, sogenannten Biomarkern. Die Wissenschaftler:innen werden außerdem in Real World Labs mit Vertreter:innen der Zivilgesellschaft ins Gespräch kommen.
Blick in die Zukunft: Charité-Serie zur Medizin 2049 03-04-2024
Wie sieht die Medizin der Zukunft aus und welche sozialen Themen bewegen die Gesellschaft? Vor welchen Herausforderungen stehen Ärzt:innen und Pflegende der fiktiven Charité im Jahr 2049? Die vierte Staffel der ARD-Serie wagt einen Blick in die Zukunft. Sie erzählt vom fortgeschrittenen Klimawandel, einem Gesundheitssystem unter Kostendruck und einem unbekannten Bakterium sowie von Digitalisierung, innovativer Forschung und künstlicher Intelligenz in Diagnostik und Therapie. Im Futurium diskutieren Expert:innen über die Medizin der Zukunft: Was ist möglich und was ist Utopie? Nach dem großen Erfolg der ersten drei historisch orientierten Staffeln starten nun sechs weitere Folgen zur Charité. Im Zentrum der Geschichte im Hochsommer 2049 stehen das Mikrobiom und dessen Erforschung. Aus verschiedenen Handlungssträngen ist erneut eine Momentaufnahme des Mikrokosmos Universitätsmedizin entstanden. Die sechs Folgen sind ab Freitag, den 5. April in der ARD-Mediathek sowie ab Dienstag, den 9. April um 20:15 Uhr im Ersten zu sehen. Die ARD-Erfolgsserie ist in Zusammenarbeit mit ARTE entstanden und von UFA Fiction produziert. Sechs neue Folgen Die Bewohner:innen Berlins erleben ein extremes Klima: Temperaturen bis 45 Grad sowie ergiebige Niederschläge sind keine Seltenheit mehr. Die Charité ist weiterhin die Hochburg medizinischer Exzellenz und Forschung mit modernster Ausstattung. Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt die Teams bei der Diagnose, alle Patient:innen haben einen digitalen Zwilling für die OP-Simulation und Organe kommen aus dem 3D-Drucker. Innovative Therapien machen Hoffnung und neue Medikamente bringen Heilung. Trotz der effizienten Technologien wird deutlich, dass es die Menschen – die Pfleger:innen, Ärzt:innen und Techniker:innen – sind, die Diagnosen stellen und die Patient:innen versorgen. Im Mittelpunkt der Serie stehen erneut erfolgreiche Frauen, allen voran die Mikrobiologin Maral Safadi (Sesede Terziyan), die mit ihrer Frau, der Gynäkologin Julia Kowalczyk (Angelina Häntsch), an die Charité kommt. Für die Spitzenforscherin Dr. Safadi ist es eine Rückkehr aus Boston, um an der Charité das Institut für Mikrobiologie zu leiten. Ihr erster Patient leidet an einer Infektion durch ein unbekanntes Bakterium. Als ein zweiter Patient mit der gleichen Symptomatik eingeliefert wird, beginnt die Ursachenforschung im Wettlauf gegen die Zeit. Zusätzlich droht eine geplante Gesundheitsreform das Solidaritätsprinzip zu kippen und die Gesellschaft zu spalten: Die Krankenkassen erstellen für jeden Menschen einen Score-Wert und erheben Daten über Gesundheit und Lebenserwartung. Diese werden zur Grundlage einer medizinischen Behandlung oder auch Nicht-Behandlung. Mikrobiom als Zukunftsthema Für eine Staffel, die in der Zukunft spielt, war die Leitfrage: Für welchen medizinischen Durchbruch könnte es in 25 Jahren einen Nobelpreis geben? Dafür wurden aktuelle medizinische Entwicklungen weitergedacht und mit Unterstützung der beratenden Charité-Wissenschaftler:innen das Mikrobiom – das komplexe Zusammenspiel abertausender Bakterien im Körper – als zukunftsträchtiges Forschungsfeld ausgewählt. Mit dieser Wahl wird ein interessanter Bogen zur ersten Staffel der Serie gespannt: Im 19. Jahrhundert war es Robert Koch, der Bakterien und ihre Rolle bei der Entstehung von Krankheiten entdeckt hatte. In der Handlungsgegenwart ist es die Mikrobiologin Dr. Safadi, die mithilfe eines Bakteriums eine mögliche medizinische Revolution auslöst. Künstliche Intelligenz in der Medizin Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, sieht in der künstlichen Intelligenz eine große Chance: „Der Einsatz von künstlicher Intelligenz wird auch die Medizin verändern und die Therapiemöglichkeiten erweitern. Zum Beispiel können mit Hilfe von KI komplexe Muster in medizinischen Daten analysiert werden und dies ermöglicht noch präzisere Diagnosen und individuelle, personalisierte Therapien. Grundsätzlich denke ich, dass KI in allen Bereichen der Medizin zum Einsatz kommen wird. Derzeit setzen wir KI insbesondere in der Radiologie und Pathologie zur Unterstützung ein. Und dennoch werden wir weiterhin medizinische Fachkräfte brauchen, die steuern, bewerten, bestätigen und begleiten. Die Medizin bleibt ein Beruf von Menschen für Menschen.“ Talk zur Medizin der Zukunft im Futurium am 11. April Ausgehend von der aktuellen Charité-Serie fragt die Podiumsdiskussion im Futurium nach den konkreten Herausforderungen für die Medizin der Zukunft und thematisiert mögliche Lösungsansätze und wünschenswerte Szenarien. Es diskutieren: • Jörg Blech, Wissenschaftsjournalist und Sachbuch-Autor • Prof. Alena Buyx, Medizinethikerin und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats • Prof. Andreas Diefenbach, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Charité • Prof. Claudia Langenberg, Professorin für Computational Medicine, Berlin Institute of Health at Charité (BIH) Moderation: Fritz Habekuß, ZEIT-Redakteur Termine im Überblick Online Ab Freitag, den 5. April in der ARD-Mediathek TV-Ausstrahlung Ab Dienstag, den 9. April in drei Doppelfolgen um 20:15 Uhr im Ersten Thementag „Medizin von morgen“ Am Dienstag, den 9. April in der ARD Talk im Futurium Am Donnerstag, den 11. April um 19:00 Uhr
Magersucht und Risikoschwangerschaft: Neue Projekte an der Charité 05-03-2024
Die gesundheitliche Versorgung in Deutschland soll immer besser werden. Aus diesem Grund fördert der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) regelmäßig die Erprobung neuer Konzepte für die Regelversorgung aus Mitteln des Innovationsfonds. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin leiten erneut vier dieser Projekte im Bereich der Neuen Versorgungsformen, außerdem ist sie an vier Vorhaben beteiligt. Der Einsatz digitaler Technologien, hausärztliche Versorgung und Versorgungsmodelle für Kinder und Jugendliche stehen im Mittelpunkt der neuen, an der Charité geleiteten Projekte. Die in den kommenden Jahren zu erprobenden Versorgungskonzepte gelten insbesondere vulnerablen Personengruppen unterschiedlichen Alters mit besonderen gesundheitlichen Herausforderungen ihres jeweiligen Lebensabschnittes. Die neuen Projekte im Einzelnen: Ambulante Therapie bei Magersucht – telemedizinisch und in der Familie Die familienbasierte Therapie ist eine ambulante Behandlungsmöglichkeit für junge Menschen mit Essstörungen. Von Anfang an werden dabei die Eltern eng einbezogen. In Deutschland ist diese Therapieform noch kaum verbreitet, in den USA und England hingegen wird sie als evidenzbasierte Therapie der ersten Wahl empfohlen. Bisherige Studien haben die familienbasierte Therapie ausschließlich mit anderen ambulanten Therapieformen verglichen. Jetzt soll die Wirksamkeit erstmals der vollstationären Therapie gegenübergestellt werden, die bei schwer erkrankten Kindern und Jugendlichen etwa drei bis sechs Monate dauern kann. An 20 Studienzentren in ganz Deutschland und in Zusammenarbeit mit zehn Krankenkassen werden im Rahmen der FIAT-Studie 100 Erkrankte im Alter von acht bis 17 Jahren telemedizinisch mit einer familienbasierten Therapie behandelt. Ihr Krankheitsverlauf wird in den folgenden zwölf Monaten mit dem von 100 Kindern und Jugendlichen verglichen, die die stationäre Standardbehandlung erhalten haben. Zeigt sich die ambulante, telemedizinisch begleitete Therapie der stationär einsteigenden Regelversorgung nicht unterlegen, könnten Betroffene davon profitieren. Der Vorteil: lange Wartezeiten auf einen stationären Therapieplatz entfallen, Kinder und Jugendliche könnten zudem in ihrem schulischen und sozialen Umfeld bleiben. Auch strukturschwache Regionen Deutschlands könnten perspektivisch mit der telemedizinischen, familienbasierten Therapie besser versorgt und Kosten im Gesundheitssystem gesenkt werden. Projekt: Familienbasierte telemedizinische vs. institutionelle Anorexia nervosa-Therapie (FIAT) Leitung: Dr. Verena Haas und Prof. Christoph U. Correll, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Förderung: rund 6,9 Millionen Euro für vier Jahre Neues ambulantes Versorgungskonzept für ältere gebrechliche Patient:innen Im höheren Lebensalter treten meist mehrere Krankheiten gleichzeitig auf und gesundheitliche Einschränkungen häufen sich. Um dem Versorgungsbedarf dieser Patient:innen gerecht zu werden, braucht es in Deutschland eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung und eine Erweiterung der Angebote. Derzeit gibt es keine strukturierten Behandlungskonzepte für geriatrische Patient:innen. Projektziel ist daher, eine ambulante, interdisziplinäre und interprofessionelle Versorgung älterer, mehrfach erkrankter, gebrechlicher Menschen zu etablieren. Koordiniert werden die Angebote in einem wohnortnahen Behandlungszentrum, wobei auch mobilitätseingeschränkten Personen der Zugang ermöglicht wird. Hausärzt:innen, Psycholog:innen und weitere Heilmittelerbringende tragen zu der Versorgung bei. Zunächst werden ältere Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern an dem intensivierten Behandlungsprogramm teilnehmen. Es beinhaltet unter anderem Heilmittelbehandlungen, vorrangig als Gruppentherapien, Ernährungsberatung oder auch Sehhilfen und Hörgeräteanpassungen. Eine Kontrollgruppe erhält weiterhin die Regelversorgung. Das neue Versorgungskonzept ist durch praktizierende Hausärzt:innen im ländlichen Raum aus der Praxis heraus entwickelt worden. Seine Wirksamkeit wird anhand von Daten zur Selbständigkeit, Gebrechlichkeit, Lebensqualität und Kostenentwicklung ausgewertet. Projekt: Modellprojekt zur intensivierten interprofessionellen ambulanten Therapie geriatrischer Patient:innen (InATheGer) Leitung: PD Dr. Lorena Dini, MScIH, Institut für Allgemeinmedizin Förderung: rund 3,1 Millionen Euro für drei Jahre Digitale Fernüberwachung von Risikoschwangerschaften Präeklampsie ist eine Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft. Sie tritt bei rund drei bis fünf Prozent der Schwangeren auf und ist eine der Hauptursachen für lebensgefährliche Komplikationen bei Mutter und Kind. Unspezifische Symptome, die bis zu 15 Prozent aller Schwangeren betreffen, führen häufig zu Verunsicherung und unnötigen stationären Aufenthalten. In anderen Fällen werden akute Verläufe verkannt und die Vorstellung in einem Perinatalzentrum erfolgt zu spät. Das Projekt PreFree stellt eine digitale Entscheidungshilfe und Fernüberwachungsplattform für Schwangere mit hohem Verdacht auf Präeklampsie zur Verfügung. Mithilfe maschinellen Lernens kalkuliert ein Algorithmus das Komplikationsrisiko basierend auf klinischen Routinedaten. Schwangere mit niedrigem Risiko erhalten eine App, die mit einem Server auf Klinikseite vernetzt ist, und in die sie selbst gemessene Blutdruckwerte eingeben. Um zu prüfen, ob die Patientinnen damit mehr Tage ihrer Schwangerschaft zu Hause verbringen können und dabei genauso sicher versorgt sind, wird eine prospektive, multizentrische Studie mit 848 Schwangeren an zehn Kliniken im gesamten Bundesgebiet durchgeführt. Im Erfolgsfall könnte die neue ambulante Versorgungsform auf ganz Deutschland übertragen werden. Projekt: Sektorenübergreifende Versorgung von Risikoschwangerschaften mittels digitaler Fernüberwachung und Entscheidungshilfe (PreFree) Leitung: Prof. Stefan Verlohren, Klinik für Geburtsmedizin Fördersumme: rund 3,9 Millionen Euro für drei Jahre Telemedizinische Versorgung von Menschen, die zu Hause beatmet werden Die Anzahl der Patient:innen, die in ihrem häuslichen Umfeld künstlich beatmet werden, steigt kontinuierlich. Jedes Jahr kommen bundesweit rund 15.000 Menschen neu hinzu. Erfolgt eine Heimbeatmung invasiv über eine Kanüle, ist die Versorgung besonders aufwändig. Kontrolliert wird eine Beatmungstherapie in spezialisierten Zentren für außerklinische Beatmung, entweder stationär oder in Spezialambulanzen. Nicht immer geschieht dies bedarfsorientiert. Einige der Kontrollen stellen sich nachträglich als nicht notwendig heraus. In anderen Fällen führen schleichende klinische Verschlechterungen in der Häuslichkeit unbemerkt zu akuten Notfällen. T-CABS steht für: Telemedizinisches Centrum für Außerklinische Beatmung und Sauerstofftherapie. Im gleichnamigen Projekt wollen Forschende mit telemedizinischer Unterstützung die Versorgung ambulant beatmeter Menschen qualitativ verbessern. Im Mittelpunkt steht eine patientenzentrierte Gesundheitsversorgung, bei der medizinische Daten auf einer telemedizinischen Plattform erfasst werden. Neben Lungenfunktion und Beatmungsparametern umfassen sie auch die allgemeine körperliche Verfassung und die Lebenszufriedenheit. Bei Bedarf können Patient:innen Videosprechstunden mit medizinischen Fachkräften in Anspruch nehmen und es werden interdisziplinäre Fallkonferenzen durchgeführt. Das neue digitale Angebot wird wissenschaftlich begleitet. Eine Studie mit zunächst 200 Betroffenen soll zeigen, ob die gewünschten Effekte eintreten. So erhoffen sich die Forschenden eine Stabilisierung der Lungenfunktion, eine Verbesserung der körperlichen Kondition und eine höhere Lebensqualität der ambulant beatmeten Menschen, verbunden mit mehr Selbstbestimmung. Idealerweise stellt die Plattform eine individuell angepasste Versorgung ambulant beatmeter Menschen sicher. Und sie trägt dazu bei, Komplikationen und belastende Transporte in die Klinik zu vermeiden. Projekt: Telemedizinisches Centrum für Außerklinische Beatmung und Sauerstofftherapie (T-CABS) Leitung: Prof. Martin Witzenrath und Dr. Carmen Garcia, Klinik für Pneumologie, Beatmungsmedizin und Intensivmedizin Fördersumme: rund 5,5 Millionen Euro für drei Jahre Die Charité ist darüber hinaus an folgenden Projekten als Konsortialpartnerin beteiligt: EMPOWER-TRANS*: Innovative Informations- und Schulungskonzepte für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie (GI/GD) und ihre Familien Leitung: Universitätsklinikum Ulm Projektleitung an der Charité: Prof. Sibylle Maria Winter, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters NAVIGATION: Nachhaltig versorgt im gemeindenahen Gesundheitszentrum – Gesundheit im Zentrum Leitung: Gesundheitskollektiv Berlin e. V., Projektleitung an der Charité: Prof. Wolfram Herrmann, Institut für Allgemeinmedizin WELCOME: Versorgung von Früh- und Reifgeborenen mit erhöhtem pflegerischen Nachsorgebedarf nach der Entlassung – digital und videogestützt Leitung: Klinikum der Universität München Projektleitung an der Charité: PD Dr. Antje Tannen, Institut für Klinische Pflegewissenschaft GaViD-Sinne: Ganzheitliche Versorgungsstützpunkte und interdisziplinäre Diagnostik für Menschen mit Sinnesbehinderungen Leitung: Deutsches Taubblindenwerk gGmbH Projektleitung an der Charité: Dr. Anke Hirschfelder, Klinik für Audiologie und Phoniatrie und Prof. Daniel J. Salchow, Klinik für Augenheilkunde Prof. Liane Schenk, Sprecherin der Plattform – Charité Versorgungsforschung: „Um optimale Konzepte für die gesundheitliche Versorgung in der Praxis zu etablieren, ist es zentral, alle erforderlichen Fachdisziplinen und Berufsgruppen wohnortnah oder auch unterstützt durch digitale Technologien einzubeziehen. Neben den besten medizinischen Lösungen sind hierbei für die Patientinnen und Patienten auch Lebensqualität und Selbstbestimmtheit im Alltag wesentliche Aspekte, die es zu ermöglichen gilt.“
Prof. Monika Ankele leitet das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité 01-03-2024
Prof. Monika Ankele hat zum 1. März die Professur für Medizingeschichte und Medizinische Museologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit verbunden ist die Leitung des Berliner Medizinhistorischen Museums (BMM) der Charité. Prof. Ankele kommt von der Medizinischen Universität Wien und folgt auf Prof. Thomas Schnalke, der die Professur seit 2000 innehatte und nun im Ruhestand ist. Prof. Ankele ist Historikerin und war zuletzt Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Organisationseinheit Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien (Josephinum). Die gebürtige Österreicherin freut sich auf den Wechsel an die Charité: „Die Leitung des modernisiert wiedereröffneten BMM zu übernehmen, erfüllt mich mit großer Freude. Mein Ziel ist es, das Museum als Schnittstelle zwischen Klinik und Öffentlichkeit zu stärken und zu einem Haus weiterzuentwickeln, das sich für kritische Reflexionen durch Forscher:innen, Mediziner:innen, Künstler:innen, Studierende und die Zivilgesellschaft öffnet.“ Sie ergänzt: „Zudem werde ich in den Ausstellungen und der Forschung einen Schwerpunkt auf die Verbindungen zwischen Kunst und Medizin legen. Dafür möchte ich auch auf die Kunstsammlung der Charité zurückgreifen. Die ersten Ausstellungen, die ich plane, werden einen Blick auf die Medizin aus der Perspektive der Patient:innen entfalten und dabei auch künstlerisch forschende Zugänge einbeziehen.“ Zu ihren Forschungsinteressen erklärt die 45-Jährige: „Im Fokus meiner Forschungen stehen Objekte und mit ihnen die materielle Kultur der Medizin: Wie rahmen Dinge medizinisches Handeln, auf welche Weise gestalten sie die Arzt-Patienten-Beziehungen, wie prägen sie Krankheitserfahrungen, und welche ethischen Dimensionen sind ihnen eingeschrieben? Der Zugang über Objekte ermöglicht eine Verbindung unterschiedlicher Perspektiven auf die Medizin und ihre Geschichte. Ein gutes Beispiel dafür sind meine Forschungen zum Krankenbett oder zu Selbstzeugnissen von Patientinnen aus psychiatrischen Anstalten.“ Darüber hinaus vertritt Prof. Ankele das medizinisch-museologische Fachgebiet mit Fokus auf das 18. bis 21. Jahrhundert auch in der Lehre: „Das Museum mit seinen medizinhistorischen Sammlungen und Ausstellungen bietet einen idealen Ausgangspunkt für eine Lehre, die von den Objekten ausgeht und die sich, in Anlehnung an den Pathologen und Museumsgründer Rudolf Virchow, an einer Schulung des Sehens orientiert. Ich möchte unter den Studierenden das Bewusstsein für die materielle Dimension der Medizin und die ihr eingeschriebenen kulturellen, sozialen und ethischen Aspekte schaffen. Zudem will ich das Museum und seine Bestände als Lernort für Studierende öffnen und ihren Zugängen und Überlegungen im Museum und in den Ausstellungen Raum geben.“
Newsweek-Ranking: Charité unter Top 10 der besten Kliniken weltweit 28-02-2024
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat im internationalen Newsweek-Ranking den sechsten Platz erreicht, sich damit um einen Rang verbessert und ist erneut unter den besten Zehn vertreten. Zugleich ist die Berliner Universitätsmedizin die beste europäische Klinik. Die US-amerikanische Wochenzeitung Newsweek und das Datenportal Statista haben weltweit die besten 2.400 Krankenhäuser verglichen. Die jährliche Rangliste zeigt das internationale Renommee einer Klinik sowie die Vernetzung ihrer Mediziner:innen. Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, erklärt dazu: „Seit dem Start des Newsweek-Rankings 2019 sind wir nun zum sechsten Mal in Folge unter den zehn besten Kliniken weltweit. Das ist eine tolle Auszeichnung für das, was wir erreicht haben und natürlich ein ebenso großer Ansporn, noch besser zu werden. Es ist beeindruckend, wie unser Charité-Team es trotz aller Herausforderungen schafft, am Gesundheits- und Wissenschaftsstandort Berlin zuverlässig Spitzenleistungen zu erbringen und international wettbewerbsfähig zu sein. Mein Dank gilt unseren konzernweit mehr als 22.000 engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die unsere Patientinnen und Patienten jeden Tag auf höchstem Niveau versorgen und sich wichtigen medizinischen Forschungsfragen sowie der Lehre widmen.“ Für das Ranking World’s Best Hospitals 2024 wurden insgesamt 2.400 Krankenhäuser aus 30 Ländern bewertet. Den weltweit ersten Platz belegt die US-amerikanische Mayo Clinic. Von den europäischen Häusern sind die Charité auf Platz 6, das Stockholmer Karolinska Universitetssjukhuset auf Platz 7, das Hôpital Universitaire Pitié Salpêtrière in Paris auf Platz 8 und das Universitätsspital Zürich auf Platz 10 unter den Top Ten vertreten. Die Rangliste wird seit 2019 erstellt. Sie basiert auf ärztlichen Empfehlungen, Umfragen zur Patientenzufriedenheit und medizinischen Leistungskennzahlen zur Behandlungsqualität und zu Hygienemaßnahmen. Abstimmungen für das eigene Haus waren dabei nicht erlaubt.
Wie Bremsen im Gehirn gelockert werden können 22-02-2024
Funktionieren bestimmte Verbindungen im Gehirn nicht richtig, können Erkrankungen wie Parkinson, Dystonie, Zwangsstörung oder Tourette die Folge sein. Eine gezielte Stimulation von Hirnarealen kann zu Linderung verhelfen. Um exakte therapeutische Zielregionen im Gehirn aufzuzeigen, setzte ein Team unter Federführung von Forschenden der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Bostoner Brigham and Women’s Hospital auf Daten von Patient:innen weltweit, denen feine Elektroden zur Hirnstimulation implantiert worden waren. Entstanden ist eine einzigartige Landkarte gestörter Netzwerke im Gehirn, jetzt veröffentlicht in Nature Neuroscience*. Neurologische und neuropsychiatrische Erkrankungen weisen ein breites Spektrum unterschiedlichster Symptome auf – von Störungen im Bereich der Stimmung oder der Informationsverarbeitung bis hin zu Beeinträchtigungen im Bewegungsablauf. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie auf fehlerhaft funktionierende Verbindungen von Gehirnregionen zurückzuführen sind. Vereinfacht gesagt: Hirnschaltkreise, die nicht richtig funktionieren, können sich wie Blockaden auf gesunde Gehirnfunktionen auswirken. Die tiefe Hirnstimulation spricht solche Fehlfunktionen an und kann maßgeblich Symptome in verschiedenen Bereichen lindern. Winzige Elektroden werden hierbei neurochirurgisch in präzise definierte Zielgebiete des Gehirns implantiert und geben fortwährend schwache elektrische Impulse an das umliegende Gewebe ab. Die Stimulationseffekte werden über Nervenbahnen an weiter entfernte Hirnareale weitergetragen und entfalten so ihre vollständige Wirkung. Doch nicht immer ist die Stimulation erfolgreich, schon kleinste Abweichungen bei der Platzierung der Elektroden können die gewünschten Effekte ausbleiben lassen. Welche Hirnverbindungen angeregt werden müssen, um die bestmöglichen Erfolge bei einer Behandlung unterschiedlicher Symptome zu erreichen, wollte ein internationales Team um Prof. Andreas Horn und Dr. Ningfei Li, Neurowissenschaftler an Charité und Brigham and Women’s Hospital, genauer bestimmen. „Unser Ziel war es noch besser zu verstehen, wo im Gehirn mögliche ‚Blockaden‘ durch eine Neuromodulation gelockert werden können, damit sich beispielsweise Symptome einer Parkinsonerkrankung wieder normalisieren“, so Ningfei Li. Auf der Spur eines vermeintlichen Paradoxons In ihrer Arbeit gingen die Forschenden einem vermeintlichen, der Hirnforschung schon länger bekannten Paradoxon nach: Eine Region im Zwischenhirn, der subthalamische Kern, gilt als ein effektives Zielgebiet der tiefen Hirnstimulation zur symptomatischen Behandlung des Parkinsonsyndroms und der Dystonie. Beide Erkrankungen zählen zum Spektrum der Bewegungsstörungen. Dieselbe Hirnregion hat sich jüngst auch als erfolgreiches Zielgebiet zur Behandlung neuropsychiatrischer Störungsbilder herauskristallisiert, beispielsweise von Zwangserkrankungen oder Tic-Störungen. Es stellte sich also die Frage, wie ein so kleiner Kern von ungefähr einem Zentimeter Länge effektiv in der Behandlung von Symptomen derart unterschiedlicher Hirnfunktionsstörungen sein kann. Um dem Paradoxon auf die Spur zu kommen, analysierte das Team die Daten von 534 implantierten Elektroden zur tiefen Hirnstimulation bei 261 Patient:innen aus der ganzen Welt. 70 von ihnen litten unter Dystonie, 127 unter der Parkinson-Krankheit, 50 hatten eine Zwangsstörung und 14 das Tourette-Syndrom. Mithilfe einer eigens entwickelten Software erfassten die Forschenden die genaue Lage der jeweiligen Elektroden. Computersimulationen halfen, um daraufhin Nervenbahnen aufzuzeigen, die bei Patient:innen mit optimalen oder auch weniger optimalen Behandlungsergebnissen aktiviert wurden. Für jede der vier Störungen stellten sich spezifische Schaltkreise heraus, die fehlerhaft funktionierten. Sie waren mit den entsprechenden Regionen im Vorderhirn verbunden, die eine wichtige Rolle für Bewegungsabläufe, Verhaltenssteuerung oder Informationsverarbeitung spielen. „Die von uns identifizierten Schaltkreise überschneiden sich teilweise, daher nehmen wir an, dass die Fehlfunktionen in den untersuchten Symptombildern nicht vollständig unabhängig voneinander sind“, sagt Barbara Hollunder, Stipendiatin des Einstein Center for Neurosciences an der Charité und Erstautorin der Studie. In einem ersten Schritt ist es somit gelungen, die Netzwerke in Vorder- und Mittelhirn exakt zu lokalisieren, die für eine Behandlung der Parkinsonerkrankung, der Dystonie, von Zwangsstörungen und des Tourette-Syndroms entscheidend sind. Wird der Ansatz über Störungsbilder mit unterschiedlichster Symptomatik hinweg angewendet, entsteht nach und nach eine Art Landkarte der Symptom-Netzwerk-Verschaltungen des Gehirns. „In Anlehnung an die Begriffe des Konnektoms als Beschreibung der Gesamtheit aller Nervenverbindungen im Gehirn, oder des Genoms als Sammelbezeichnung für die gesamte Erbinformation, haben wir hierfür den Begriff des menschlichen ‚Dysfunktoms‘ geprägt. Eines Tages soll dieses die Gesamtheit aller gestörten Hirnschaltkreise beschreiben, die als Folge von Netzwerkerkrankungen auftreten können“, wie Barbara Hollunder erklärt. Erste Behandlungserfolge im Zuge der Studie Die Erkenntnisse sind bereits ersten Patient:innen zugutegekommen. Durch Feinabstimmung und eine präzise Platzierung der Elektroden ließen sich unter anderem die Symptome schwerer, behandlungsresistenter Zwangsstörungen lindern. „Wir planen, die Technik weiterzuentwickeln und fehlerhafte Hirnschaltkreise noch hochauflösender für spezifische Symptome abzugrenzen. So könnten wir beispielsweise für Zwangsstörungen die Schaltkreise für zwanghafte Gedanken und Handlungen, oder auf häufig begleitend auftretende Symptome wie Depression oder Angststörungen isolieren, um die Behandlung bestmöglich individuell abzustimmen“, blickt Ningfei Li in die Zukunft. Darüber hinaus gehen die Forschenden davon aus, dass im Gehirn nicht nur eine einzige Region ausschlaggebend für die Verbesserung eines bestimmten Symptoms ist. Vermutet wird, dass Nervennetzwerke selbst die therapeutischen Effekte tragen und von verschiedenen Punkten im Gehirn aus moduliert werden können. Damit gibt die Studie nicht nur wertvolle Hinweise für die zielgerichtete neurochirurgische Therapie, sondern sie liefert auch neue Denkansätze für nicht-invasive Methoden wie die transkranielle magnetische Hirnstimulation, bei der magnetische Impulse von außerhalb des Schädels Hirnregionen anregen und keine Operation notwendig ist.
Charité-Projekt wird mit Gesundheitspreis Ideas for Impact ausgezeichnet 22-02-2024
Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen: Immer mehr ältere Menschen müssen von immer weniger Fachkräften medizinisch versorgt werden. Hier setzt das Projekt Stay@Home – Treat@Home unter der Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin an. Das Projekt zielt darauf ab, durch ein eng aufeinander abgestimmtes, rund um die Uhr verfügbares Netzwerk aus dem ambulanten und stationären Bereich die Versorgung älterer Menschen zu verbessern. Dafür erhält das Projektteam den mit 100.000 Euro dotierten Gesundheitspreis Ideas for Impact. Die Auszeichnung wird vom Bosch Health Campus im Namen der Robert Bosch Stiftung heute Abend in Berlin verliehen. Bei dem vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses geförderten Projekt arbeiten verschiedene Kooperationspartner zusammen, um die Gesundheitsversorgung Pflegebedürftiger noch sicherer und effizienter zu gestalten. Durch eine kontinuierliche Überwachung und Betreuung mit modernsten Technologien und Telemedizin ermöglicht das Projekt eine frühzeitige Intervention bei gesundheitlichen Problemen, bevor sie zu schwerwiegenden Komplikationen führen. Krankenhausaufenthalte lassen sich so reduzieren. Heute die Weichen für die Zukunft stellen „Das Preisträgerprojekt ist wegweisend und zukunftsfähig. Das Konzept entlastet nicht nur unser medizinisches Versorgungssystem, sondern erhöht auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten“, sagt Prof. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus. „Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung! Sie ist eine Bestätigung für unsere Arbeit und ein zusätzlicher Ansporn, die Bemühungen um eine verbesserte Gesundheitsversorgung weiter voranzutreiben. Die alternde Gesellschaft ist eine Herausforderung für die Medizin. Die Menschen werden älter und müssen medizinisch versorgt werden. Auf der anderen Seite haben wir zur Bewältigung der Arbeit immer weniger Fachkräfte zur Verfügung. Wir müssen heute die Weichen dafür stellen,“ erklären die beiden Projektleiter Prof. Rajan Somasundaram, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Campus Benjamin Franklin, und Prof. Nils Lahmann von der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Charité. Digitales Gesundheitstagebuch als Basis für alle Netzwerkpartner Zentraler Bestandteil des Projekts ist ein digitales interaktives Gesundheitstagebuch, auf das Betreuungspersonen oder Angehörige von Personen, die zu Hause gepflegt werden, Zugriff erhalten. Dieses ermöglicht eine datenschutzkonforme Dokumentation von Gesundheitsdaten im häuslichen Umfeld. Es enthält unter anderem Medikationspläne, Allergien, aktuelle Diagnosen, aber auch Notfallkontaktdaten oder Patientenverfügungen. Sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch die Betreuungspersonen haben Zugriff auf das Gesundheitstagebuch. Ändert sich der Gesundheitszustand, kann der oder die Verantwortliche aktiv werden und die Hausarztpraxis darüber informieren. Für den Akutfall außerhalb der hausärztlichen Sprechzeiten gibt es Unterstützungsmöglichkeiten durch weitere Netzwerkpartner und eine telemedizinische Anbindung an die Notaufnahme der Charité. Wichtige medizinische Informationen stehen dann allen an der medizinischen Versorgung Beteiligten sofort digital zur Verfügung. Ganzheitlicher, patientenzentrierter Ansatz Die sechsköpfige Expertenjury, die das Projekt ausgewählt hat, lobte besonders die ganzheitliche Herangehensweise, die medizinische Expertise mit modernster Technologie und einem patientenzentrierten Ansatz kombiniert. Stay@Home – Treat@Home geht damit einen bedeutenden Schritt in der Entwicklung der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Um das Projekt in die Breite zu tragen und Nachahmerinnen und Nachahmer zu finden, stellt der Bosch Health Campus für Transferleistungen weitere 80.000 Euro nach der Preisverleihung bereit. Neben der Charité, vertreten durch die Zentrale Notaufnahme am Campus Benjamin Franklin und der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin, sind als Konsortialpartner beteiligt: die Kassenärztliche Vereinigung Berlin, Johanniter-Unfall-Hilfe e. V, Malteser Hilfsdienst gGmbH, Dr. Irmgard Landgraf (projektbetreuende Hausärztin), bildau GmbH, HCMB – Institute for Health Care Systems Management Berlin eG., das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, GWQ Service Plus AG (Betriebs- und Innungskrankenkassen) sowie in Kürze auch die Techniker Krankenkasse. Das Projekt soll bis September 2026 laufen, die Interventionsphase startete im Oktober 2023.
Wie sich COVID-19 auf das Gehirn auswirkt 16-02-2024
Noch immer ist nicht abschließend geklärt, wie neurologische Symptome bei COVID-19 zustande kommen. Liegt es daran, dass SARS-CoV-2 das Gehirn infiziert? Oder sind die Beschwerden eine Folge der Entzündung im Rest des Körpers? Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin liefert jetzt Belege für letztere Theorie. Sie ist heute im Fachmagazin Nature Neuroscience* erschienen. Kopfschmerzen, Gedächtnisprobleme oder Fatigue, also eine krankhafte Erschöpfung, sind nur einige der neurologischen Beeinträchtigungen, die während einer Corona-Infektion auftreten und auch darüber hinaus andauern können. Forschende vermuteten schon früh in der Pandemie, dass eine direkte Infektion des Gehirns die Ursache dafür sein könnte. „Auch wir sind von dieser These zunächst ausgegangen. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass das Coronavirus im Gehirn überdauern oder sich gar vermehren kann, gibt es allerdings bislang nicht“, erklärt Dr. Helena Radbruch, Leiterin der Arbeitsgruppe Chronische Neuroinflammation am Institut für Neuropathologie der Charité. „Dazu wäre zum Beispiel ein Nachweis intakter Viruspartikel im Gehirn nötig. Die Hinweise, dass das Coronavirus das Gehirn befallen könnte, stammen stattdessen aus indirekten Testverfahren und sind deshalb nicht ganz stichhaltig.“ Einer zweiten These zufolge wären die neurologischen Symptome stattdessen eine Art Nebenwirkung der starken Immunreaktion, mit der der Körper sich gegen das Virus wehrt. Vergangene Studien hatten auch hierfür Anhaltspunkte geliefert. Die aktuelle Charité-Arbeit untermauert nun diese Theorie, mit umfassenden molekularbiologischen und anatomischen Ergebnissen aus Autopsie-Untersuchungen. Keine Anzeichen einer direkten Infektion des Gehirns Für die Studie analysierte das Forschungsteam verschiedene Bereiche des Gehirns von 21 Menschen, die aufgrund einer schweren Corona-Infektion im Krankenhaus, zumeist auf der Intensivstation, verstorben waren. Zum Vergleich zog es 9 Patient:innen heran, die nach intensivmedizinischer Behandlung anderen Erkrankungen erlegen waren. Die Forschenden prüften zunächst, ob das Gewebe sichtbare Veränderungen aufwies, und fahndeten nach Hinweisen auf das Coronavirus. Dann ermittelten sie durch die detaillierte Analyse von Genen und Proteinen, welche Vorgänge in einzelnen Zellen vonstattengingen. Wie andere Forschungsteams auch konnten die Charité-Wissenschaftler:innen in einigen Fällen das Erbgut des Coronavirus im Gehirn nachweisen. „SARS-CoV-2-infizierte Nervenzellen haben wir jedoch nicht gefunden“, betont Helena Radbruch. „Wir gehen davon aus, dass Immunzellen das Virus im Körper aufgenommen haben und dann ins Gehirn gewandert sind. Sie tragen noch immer Virus in sich, es infiziert aber keine Gehirnzellen. Das Coronavirus hat also andere Zellen des Körpers, nicht aber das Gehirn befallen.“ Gehirn reagiert auf Entzündung im Körper Dennoch beobachteten die Forschenden, dass bei den COVID-19-Betroffenen die molekularen Vorgänge in manchen Zellen des Gehirns auffällig verändert waren: Die Zellen fuhren beispielsweise den sogenannten Interferon-Signalweg hoch, der typischerweise im Zuge einer viralen Infektion aktiviert wird. „Einige Nervenzellen reagieren offenbar auf die Entzündung im Rest des Körpers“, sagt Prof. Christian Conrad, Leiter der Arbeitsgruppe Intelligent Imaging am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). Zusammen mit Helena Radbruch hat er die Studie geleitet. „Diese molekulare Reaktion könnte die neurologischen Beschwerden von COVID-19-Betroffenen gut erklären. Zum Beispiel können Botenstoffe, die diese Zellen im Hirnstamm ausschütten, Fatigue verursachen. Denn im Hirnstamm liegen Zellgruppen, die Antrieb, Motivation und Stimmungslage steuern.“ Die reaktiven Nervenzellen fanden sich hauptsächlich in den sogenannten Kernen des Vagusnervs, also Nervenzellen, die im Hirnstamm sitzen und deren Fortsätze bis in Organe wie Lunge, Darm und Herz reichen. „Vereinfacht interpretieren wir unsere Daten so, dass der Vagusnerv die Entzündungsreaktion in unterschiedlichen Organen des Körpers ‚spürt‘ und darauf im Hirnstamm reagiert – ganz ohne eine echte Infektion von Hirngewebe“, resümiert Helena Radbruch. „Auf diese Weise überträgt sich die Entzündung gewissermaßen aus dem Körper ins Gehirn, was dessen Funktion stören kann.“ Zeitlich begrenzte Reaktion Die Nervenzellen reagieren dabei nur vorübergehend auf die Entzündung, wie ein Vergleich von Menschen zeigte, die entweder während der akuten Corona-Infektion oder erst mindestens zwei Wochen danach verstorben waren. Am stärksten ausgeprägt während der akuten Erkrankung, normalisierten sich die molekularen Veränderungen anschließend wieder – jedenfalls in den allermeisten Fällen. „Wir halten es für möglich, dass eine Chronifizierung der Entzündung bei manchen Menschen für die oft beobachteten neurologischen Symptome bei Long COVID verantwortlich sein könnte“, sagt Christian Conrad. Um dieser Vermutung weiter nachzugehen, plant das Forschungsteam nun, die molekularen Signaturen im Hirnwasser von Long-COVID-Patient:innen genauer zu untersuchen.
Meilenstein im Opferschutz 15-02-2024
Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt finden in Berlin seit zehn Jahren in der Gewaltschutzambulanz der Charité aktive und zielgerichtete Hilfe. Die Ambulanz ermöglicht eine kostenlose rechtsmedizinische Untersuchung und eine gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen. Damit leistet die von der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz mit rund 1,3 Millionen Euro jährlich finanzierte Einrichtung einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung von Gewaltbetroffenen in der Hauptstadt. Die Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz, Dr. Felor Badenberg, kommentiert: „Bei einem Besuch in der Gewaltschutzambulanz konnte ich mich bereits von der wertvollen Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überzeugen. Die Gewaltschutzambulanz ist eine große Unterstützung für Menschen in einer schwierigen Notsituation und ein wesentlicher Bestandteil der Berliner Opferhilfe.“ Sicherer Ort und geschütztes Umfeld für Betroffene „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Gewaltschutzambulanz zu einer etablierten Institution entwickelt, die für mehr als nur eine rechtsmedizinische Dokumentationsstelle steht“, betont Dr. Lars Oesterhelweg, Leiter der Gewaltschutzambulanz und kommissarischer Leiter des Instituts für Rechtsmedizin. „Wir wollen Betroffenen einen sicheren Ort und ein geschütztes Umfeld bieten, wo sie ohne Angst vor Stigmatisierung oder Repressalien Hilfe suchen können und sie bestmöglich unterstützt werden.“ „Opfer von Gewalt brauchen möglichst niederschwellige Angebote, um sich in einem geschützten Raum untersuchen lassen zu können“, sagt Prof. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité. „Wir sind stolz, dass die Charité mit der Expertise ihrer Rechtsmedizin in enger Zusammenarbeit mit der Klinik für Gynäkologie die Gewaltschutzambulanz auf- und ausgebaut hat und damit den Opferschutz stärkt. Wir danken der Senatsverwaltung für Justiz für die fortwährende Unterstützung, ohne die diese Arbeit nicht möglich wäre.“ Gegründet wurde die Gewaltschutzambulanz (GSA) am 17. Februar 2014 auf Initiative der damals Verantwortlichen im Institut für Rechtsmedizin, Dr. Saskia Etzold und Prof. Michael Tsokos. Rund 13.000 gewaltbetroffene Personen haben seit dem Start vor zehn Jahren Kontakt mit der Gewaltschutzambulanz der Charité aufgenommen. Die Mitarbeitenden der Charité übernehmen die Untersuchung von Menschen, die Gewalt erlebt haben, und dokumentieren ihre Verletzungen. Dazu zählt sexualisierte und häusliche Gewalt, Gewalt in der Öffentlichkeit oder im Dienst. Wenn sich Betroffene entscheiden, gegen die Täter vorzugehen, haben sie durch die Dokumentation ein gerichtsfestes Beweismittel in der Hand. Auch die Untersuchung von Kindern gehört zum Aufgabengebiet der Gewaltschutzambulanz. Das ist meist dann der Fall, wenn Jugendämter oder Kinderschutzambulanzen Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung vermuten. Kontinuierlicher Ausbau des Angebots Die Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz ist alleinige Zuwendungsgeberin der Gewaltschutzambulanz. Um den steigenden Fallzahlen gerecht zu werden, hat die Gewaltschutzambulanz ihr Angebot kontinuierlich erweitert: 2016 wurde ein mobiler Dienst zur rechtsmedizinischen Dokumentation bei stationär behandelten Patientinnen und Patienten in den Krankenhäusern eingeführt. Außerdem vermitteln Care-Managerinnen der Gewaltschutzambulanz bei Bedarf telefonische Hilfsangebote. Dabei gibt es eine enge Kooperation mit anderen Berliner Einrichtungen. Das ermöglicht unter anderem eine psychosoziale Beratung durch Netzwerkpartner in den Räumlichkeiten der Gewaltschutzambulanz. Zudem schult die Gewaltschutzambulanz Fachpersonal – beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Strafermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden – um Zeichen körperlicher Gewalteinwirkungen bei Erwachsenen und Kindern besser zu erkennen. Dadurch soll das Bewusstsein für Gewaltsituationen geschärft werden.
Kinderchirurgie von Charité und Vivantes unter gemeinsamer Leitung 15-02-2024
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Vivantes Prof. Steven Warmann hat zum 1. Januar die Professur für Kinderchirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit verbunden ist die Direktion der gleichnamigen Klinik am Campus Virchow-Klinikum. Zudem leitet Prof. Warmann ab heute die Klinik für Kinderchirurgie, Neugeborenenchirurgie und Kinderurologie der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH. Diese gemeinsame Klinikleitung ist die erste ihrer Art zwischen den beiden landeseigenen Krankenhausunternehmen. Sie vertieft die bewährte Kooperation und stellt eine umfassende kinderchirurgische Versorgung in den beiden Einrichtungen sicher. Prof. Warmann war zuletzt Oberarzt der Abteilung für Kinderchirurgie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Tübingen. Er folgt auf Prof. Karin Rothe, die an der Charité die Professur für Kinderchirurgie sowie die Klinikdirektion seit 2009 innehatte und in den Ruhestand gegangen ist. Bei Vivantes folgt Prof. Warmann auf Prof. Bernd Tillig, der im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen ist. Der Facharzt für Kinderchirurgie sagt über seinen Wechsel nach Berlin: „Ich freue mich sehr auf die Arbeit an der Charité und die Zusammenarbeit mit Vivantes. Die gemeinsame Klinikleitung ist eine große Chance, die kinderchirurgische Versorgung zu stärken.“ Der gebürtige Saarländer ergänzt: „Meine klinischen Schwerpunkte sind neben den verschiedenen Aspekten der allgemeinen Kinderchirurgie vor allem die chirurgische Behandlung von soliden Tumoren sowie des Kurzdarmsyndroms und des chronischen Darmversagens. Darüber hinaus gehört auch die Shunt-Chirurgie bei portaler Hypertension, der speziellen Form einer Bluthochdruckerkrankung des Bauchraumes, dazu.“ In der onkologischen Chirurgie fungiert Prof. Warmann als Referenzchirurg für kindliche Nierentumoren und Neuroblastome innerhalb der jeweiligen Studienleitungen der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH). Seine Forschungsschwerpunkte zu kindlichen Tumoren sind beispielsweise die Rolle der minimal-invasiven Chirurgie, die Mechanismen der Chemoresistenz sowie die sogenannte Liquid Biopsy. Darüber hinaus sind dem 54-Jährigen die Lehre und die Förderung junger Mediziner:innen ein besonderes Anliegen.
Neu an der Charité: Internationaler Masterstudiengang Weltraummedizin 01-02-2024
Kälte, Isolation, Schwerelosigkeit: An Orten wie der Antarktis oder dem All ist der Mensch extremen Bedingungen ausgesetzt. Wie er sich daran anpasst und wie sich negative Auswirkungen abmindern lassen, untersucht die Raumfahrtmedizin. Ab dem Wintersemester 2024 lässt sich dieses Fach studieren: Die Charité – Universitätsmedizin Berlin richtet gemeinsam mit Universitäten in Frankreich und Slowenien den Masterstudiengang für Weltraummedizin und Physiologie in extremen Umwelten ein. Interessierte können sich bis zum 1. März bewerben. Muskelschwund, Knochenabbau und Veränderungen im Gehirn: Das sind nur einige der Folgen, mit denen Raumfahrende nach Aufenthalten in der Schwerelosigkeit zu kämpfen haben. Dazu kommt die psychologische Belastung durch die räumliche Enge und Isolation auf einer Raumstation. Nicht nur weil die Weltraumorganisationen längere bemannte Flüge ins All planen, sondern auch weil der Weltraumtourismus an Fahrt aufnimmt, kommt der Erforschung dieser Phänomene eine wachsende Bedeutung zu. Dabei ist der Weltraum nur die extremste Umwelt, in die sich der Mensch begeben kann. Auch auf der Erde gibt es Bedingungen, die den Körper außergewöhnlich stark belasten – zum Beispiel durch sehr hohe oder niedrige Temperaturen, Über- und Unterdruck oder Reizarmut. Die Erforschung dieser Umgebungen und ihres Einflusses auf den Menschen hilft nicht nur, Expeditionen ins Hochgebirge oder die Arbeit der Feuerwehr sicherer zu gestalten, sondern liefert auch wichtige Erkenntnisse zum Umgang mit Hitzewellen, Bewegungsarmut oder Einsamkeit. Selbst viele Erkenntnisse zum Aufenthalt im Weltraum kommen den Menschen auf der Erde zugute: Ähnlich wie im All verlieren Personen, die lange liegen müssen, viel Muskulatur, ihr Osteoporose-Risiko steigt. Und wie im All kann Krafttraining dieses Risiko senken. Um die anatomischen, physiologischen und psychologischen Anpassungen des Menschen an den Weltraum zu untersuchen, müssen Forschende aber nicht zwangsläufig Experimente im All durchführen. Durch Simulationsszenarien wie Parabelflüge, Isolationsstudien in der Antarktis oder Bettruhestudien lassen sich wichtige Erkenntnisse auch auf der Erde sammeln. Studium an drei Universitäten in Europa Um den wissenschaftlichen Nachwuchs für dieses Fachgebiet spezifisch auszubilden, haben die Charité, die Université de Caen Normandie (Frankreich) und die Jožef Stefan International Postgraduate School (Slowenien) ihre Expertise in der Weltraummedizin vereint und einen Gemeinsamen Erasmus-Mundus-Masterstudiengang konzipiert. Er soll Studierende dazu befähigen, die Fachgebiete der Weltraummedizin und Physiologie in extremen Umwelten aufseiten der Forschung voranzubringen, Raumfahrende medizinisch zu betreuen oder Lebenserhaltungssysteme für die Raumfahrt zu entwickeln. „An der Charité haben wir mit dem Forschungsschwerpunkt Weltraummedizin am Institut für Physiologie eine lange Tradition der Untersuchung des Menschen im Weltraum und in extremen Umwelten“, sagt PD Dr. Alexander Stahn vom Institut für Physiologie der Charité, der den Studiengang an der Charité koordinieren wird. „Wir beforschen Fragestellungen vom Bewegungsapparat bis zum zentralen Nervensystem, unsere Erkenntnisse haben internationale Strahlkraft. Ich freue mich sehr, dass wir diese ausgewiesene Kompetenz zusammen mit unseren Partnern nun in einem einzigartigen Studiengang strukturiert und interdisziplinär an die nächste Generation weitergeben können.“ Für Absolvent:innen aus Medizin, Natur- und Ingenieurswissenschaften Das zweijährige Ausbildungsprogramm richtet sich an Interessierte mit einem Hochschulabschluss in Medizin, einem Masterabschluss in Ingenieurswissenschaften oder einem Bachelorabschluss in Natur- oder Bewegungswissenschaften. Die Studierenden verbringen je ein Semester an jeder der drei Universitäten und fertigen anschließend ihre Masterarbeit an einer von 28 internationalen Partnerorganisationen an. Sie haben die Möglichkeit, an Forschungsprojekten mitzuarbeiten, die von Raumfahrtagenturen wie der NASA und ESA oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gefördert werden. Anschließend erhalten sie einen gemeinsam von den drei Universitäten ausgestellten Erasmus-Mundus-Masterabschluss. Interessierte können sich bis zum 1. März über die Université de Caen Normandie für die Teilnahme an dem Studiengang bewerben. Das Programm bietet im ersten Jahrgang 13 Studienplätze, für die Stipendien zur Verfügung stehen. Unterrichtssprache ist Englisch. Die Einrichtung des Gemeinsamen Erasmus-Mundus-Masterstudiengangs wird von der EU mit rund 4,7 Millionen Euro gefördert.
Für einen schnelleren Zugang zu Gen- und Zelltherapien in Europa 25-01-2024
Sie sind Hoffnung für Menschen, bei denen herkömmliche Therapien versagen oder für die es bislang keine wirksame Behandlung gibt: sogenannte ATMPs, Advanced Therapy Medicinal Products. Vor gerade einmal fünf Jahren sind erste dieser neuartigen Medikamente, entwickelt mit Gen- und Zelltechnologien, offiziell zugelassen worden. Einige von ihnen schreiben Erfolgsgeschichte. Andere haben den Markt schnell wieder verlassen. Unter Koordination der Charité – Universitätsmedizin Berlin, unterstützt durch das Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), startet jetzt das europaweite Projekt JOIN4ATMP. Es will aufzeigen, an welchen Hürden die neuen Therapien scheitern und was notwendig ist, damit Menschen in Europa schnell, sicher und gleichberechtigt an ihnen teilhaben können. Gen- und Zelltherapien zählen zu den wichtigsten Innovationen im Gesundheitsbereich. Und sie sind Spiegel des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts. Sie haben das Potenzial, die Behandlung von Krebs, Autoimmunerkrankungen, neurodegenerativen Erkrankungen und vielen seltenen genetischen Krankheiten ganz neu aufzustellen. Doch der Weg bis zu einer Zulassung und klinischen Anwendung dieser Produkte ist lang und nicht selten mit Schwierigkeiten verbunden. Aus diesem Grund hat die Allianz führender Europäischer Universitätskliniken EUHA vor vier Jahren EUCCAT, das Europäische Zentrum für Gen- und Zelltherapien, gegründet. Es soll die klinische Anwendung von an Hochschulen entwickelten ATMPs erleichtern und die in Europa durchgeführte Grundlagenforschung noch stärker zusammenführen. Aus dem virtuellen Institut hervorgegangen ist das jetzt gestartete Projekt JOIN4ATMP. Alle Mitglieder der EUHA, zusammen mit den bereits bestehenden EU-geförderten Netzwerken RESTORE und T2EVOLVE, Biotech-Unternehmen und die Patient:innenvertretung EURORDIS werden dazu beitragen, die Hürden aufzuzeigen und praxisnahe Lösungen vorzuschlagen – damit die neuartigen Therapien erschwinglich und für alle Patient:innen verfügbar werden. „Lebende“ Arzneimittel ATMPs sind Arzneimittel, die auf Genen, Geweben oder Zellen basieren und daher oft lebende Bestandteile enthalten. So ist es beispielsweise möglich, Patient:innen mit Leukämie weiße Blutkörperchen zu entnehmen und diese im Labor gentechnisch so zu verändern, dass sie – zurück im Körper – die Krebszellen erkennen und zerstören. ATMPs können besser als klassische Medikamente individuell auf Patient:innen ausgerichtet werden und eignen sich besonders für die Behandlung von seltenen Erkrankungen und Krebserkrankungen, die bisher nicht oder nur unzureichend behandelt werden konnten. Trotz einer hohen Zahl von ATMPs, die sich aktuell in der Entwicklung befinden, sind bisher nur wenige Produkte für den europäischen Markt zugelassen. Das Problem: Die regulatorischen Auflagen für die Zulassung von herkömmlichen Medikamenten, für die beispielsweise klinische Studien mit großen Patientenzahlen nötig sind, lassen sich nicht auf diese komplexen Gen- und Zelltherapien übertragen. Neue Rahmenbedingungen schaffen Hier setzt JOIN4ATMP an, das von der Europäischen Kommission für drei Jahre mit rund drei Millionen Euro gefördert wird. „Wir wollen konkrete Empfehlungen erarbeiten, wie Patientinnen und Patienten in Europa schneller Zugang zu neuartigen Gen- und Zelltherapien erhalten können“, sagt Prof. Annette Künkele-Langer von der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité, die das Konsortium leitet. „Dazu bringen wir europaweit Wissen und Erfahrungen in der präklinischen Entwicklung, Herstellung, klinischen Prüfung, Marktzulassung und Vergütung von ATMPs zusammen und analysieren auf medizinischer, regulatorischer und ökonomischer Ebene die Hindernisse und wie diese überwunden werden können.“ In Form von Leitlinien, Empfehlungen und Whitepapers werden die Expert:innen ihre Rückschlüsse präsentieren und damit die europäische Strategie für neuartige Therapien voranbringen. Sie werden für auf ATMPs zugeschnittene, neue Zulassungsverfahren Basis sein und sie schaffen Rahmenbedingungen für eine standardisierte, dezentrale Herstellung von Gen- und Zelltherapeutika bei gleichzeitiger Ausweitung strenger guter Herstellungspraktiken (GMP) auf europäischer Ebene.
Adaptive Strahlentherapie: Präzise Bestrahlung für noch effektivere Tumorbehandlungen 24-01-2024
Die Strahlentherapie ist eine der zentralen Säulen der Krebstherapie: Etwa die Hälfte aller Krebspatient:innen erhält diese Therapie im Laufe ihrer Erkrankung. Um die Bestrahlung künftig noch präziser und schonender zu gestalten, bietet die Charité – Universitätsmedizin Berlin mit einem neuen Hightech-Gerät die berlinweit einzigartige Möglichkeit der adaptiven Strahlentherapie. Der Linearbeschleuniger wurde heute von der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, Dr. Ina Czyborra, dem Vorstandsvorsitzenden der Charité, Prof. Heyo K. Kroemer und Prof. Daniel Zips, Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie, offiziell eingeweiht. Bei einer Strahlentherapie wird der Tumor ionisierender Strahlung ausgesetzt. Diese hochintensive Strahlung kann Moleküle im Körper verändern und wird üblicherweise mithilfe von Linearbeschleunigern erzeugt. Die Strahlung soll die Zellen im Tumorgewebe schädigen, insbesondere den Zellkern mit der Erbinformation. Ziel ist es, den Krebs durch die Bestrahlung zu zerstören oder zumindest zu verkleinern, während sich gesundes Gewebe schnell regeneriert. Es ist jedoch bei einer herkömmlichen Strahlentherapie nicht auszuschließen, dass umliegendes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird - vor allem, wenn der Tumor schnell wächst oder schrumpft - oder wenn Organe ihre Lage verändern, zum Beispiel durch Darm- oder Magenbewegungen. Denn dann sind die Aufnahmen, die in den Tagen zuvor gemacht wurden, unter Umständen nicht mehr ganz genau. Adaptive Strahlentherapie soll Nebenwirkungen minimieren Anders hingegen beim neuen Bestrahlungsgerät „Ethos“, wie Prof. Daniel Zips, Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie, erläutert: „Die Bestrahlung kann an aktuelle Veränderungen der Lage und Größe von Organen und Tumoren angepasst werden. Innerhalb weniger Minuten ermittelt das Gerät durch seine integrierte Bildgebung mittels Computertomographie die genauen geometrischen Verhältnisse von Tumor und umliegenden Organen.“ Anschließend wird die optimale Verteilung der Strahlendosis bestimmt. So ist eine präzisere und schonendere Bestrahlung möglich. „Die adaptive Therapie verbindet höchste Wirksamkeit mit geringen Nebenwirkungen“, erklärt Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Ich freue mich sehr, dass wir unseren Patientinnen und Patienten dieses zukunftsweisende Bestrahlungsverfahren anbieten können. Es markiert einen entscheidenden Schritt hin zur personalisierten Präzisionsbestrahlung an der Charité.“ „Von der Einführung der adaptiven Strahlentherapie an der Charité werden Forschung und Patientenversorgung gleichermaßen profitieren“, sagt Dr. Ina Cyzborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. „Damit stellen wir einmal mehr die Innovationskraft des Gesundheits- und Wissenschaftsstandortes Berlin unter Beweis.“ Künstliche Intelligenz (KI) sorgt für höchste Genauigkeit Ein zentraler Bestandteil des neuen Bestrahlungsverfahrens ist die Integration Künstlicher Intelligenz (KI). Diese erstellt ein Modell und generiert einen hochpräzisen, tagesaktuellen Bestrahlungsplan. Während der Behandlung ermöglicht die KI-Technologie eine kontinuierliche Anpassung an Veränderungen, was zu einer noch genaueren Bestrahlung führt. Davon können insbesondere Patient:innen mit gynäkologischen Tumoren, Prostata- oder Harnblasenkrebs profitieren - Organe, bei denen Blasen- und Darmfüllungen die Lage beeinflussen. „An der Charité werden wir die adaptive Strahlentherapie zunächst bei Patienten mit Prostatakrebs einsetzen“, sagt Prof. Zips. Später soll sie auch auf andere Tumorarten ausgeweitet werden. Kombination von Hightech, KI und menschlicher Expertise „Trotz modernster Technik ist auch bei diesem Verfahren menschliche Expertise unverzichtbar“, betont Prof. Zips. Expertinnen und Experten prüfen den vorgeschlagenen Bestrahlungsplan sorgfältig und entscheiden über die Freigabe. Die genaue Anpassung der Bestrahlung an die aktuellen Gegebenheiten und die kontinuierliche Überwachung durch Spezialisten garantieren eine optimale Behandlung. Im Rahmen der Forschungskooperation zwischen dem Gerätehersteller Varian Medical Systems und der Charité werden die Patientinnen und Patienten von einem professionellen Team begleitet und können durch ihr Feedback aktiv zur Anpassung der Therapie beitragen. Darüber hinaus soll in Studien unter anderem evaluiert werden, welche Prostatakrebspatienten besonders von der adaptiven Therapie profitieren.
Damit Kinder nicht zur Zigarette greifen 17-01-2024
Die Zahlen sind alarmierend: Seit 2021 hat sich der Anteil der rauchenden 14- bis 17-Jährigen fast verdoppelt, und rund jedes vierte Schulkind hat schon einmal Erfahrungen mit E-Zigaretten gemacht. An manchen Schulen ist dies bereits in der fünften Klasse weit verbreitet, beobachteten Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Genau hier – bei den Zehn- und Elfjährigen – setzt deshalb ihr neues Präventionsprogramm „nachvorn“ an: Mit Workshops an Schulen helfen sie den Kindern, langfristig rauchfrei zu bleiben. Was das neue Charité-Programm auszeichnet, erläuterte das interdisziplinäre Projektteam heute bei der Vorstellung von „nachvorn“ in der Charité. Rund 16 Prozent der 14- bis 17-jährigen Jugendlichen rauchen laut den Ergebnissen der DEBRA-Studie von 2022. Im Jahr davor waren es noch 8,7 Prozent. Noch stärker angestiegen ist der Konsum von E-Zigaretten beziehungsweise Vapes und anderen alternativen Rauchprodukten, wie der DAK-Präventionsradar zeigt: Im Jahr 2023 griffen demzufolge erstmals mehr Schülerinnen und Schüler regelmäßig zur E-Zigarette als zu herkömmlichen Zigaretten. „Anders als Tabakzigaretten sind Vapes bunt, riechen angenehm und schmecken süß“, erklärt die Leiterin des Rauchpräventionsteams Marina Hinßen die Attraktivität von E-Zigaretten für Kinder. „Bei unseren ersten Gesprächen mit Schüler:innen wurde deutlich, dass es bereits unter Jüngeren einen richtigen Hype um diese Produkte gibt.“ Besonders groß ist den Angaben des Robert Koch-Instituts zufolge der Anteil der rauchenden Jugendlichen aus Elternhäusern mit niedrigerem sozioökonomischen Status. Dabei sind die gesundheitlichen Folgen des Rauchens von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenschäden bis zu Krebs hinreichend bekannt. „Rauchen ist immer noch der größte Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, betont Prof. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) und Schirmherr des Projekts. „Auch E-Zigaretten und andere alternative Rauchprodukte bergen Gesundheitsrisiken, da beim Verdampfen gesundheitsschädliche, teils krebserzeugende Stoffe in den Körper gelangen.“ Außerdem gelten E-Zigaretten für viele Experten als erster Schritt auf dem Weg zum regelmäßigen Konsum von Tabakzigaretten. Vorteile eines rauchfreien Lebens erfahrbar machen „Die neuen Zahlen zum Rauchen und die prognostizierten Gesundheitsfolgen sind ein klares Signal, wie notwendig unser Präventionsprojekt ist“, betont Prof. Gertraud Stadler, die das Projekt und den Arbeitsbereich Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité leitet. „Denn je früher Kinder und Jugendliche mit dem Rauchen beginnen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie abhängig werden und noch als Erwachsene regelmäßig rauchen werden.“ Um das zu verhindern, hat ihr interdisziplinäres Team ein neues Präventionsprogramm für die fünften Klassen entwickelt. In drei Workshops wird sowohl über die Gesundheitsrisiken des Rauchens aufgeklärt als auch das Selbstvertrauen der Kinder und ihre Problemlösungskompetenz gestärkt. „Anders als im Biologieunterricht geht es nicht nur um die Vorgänge im Körper. Die Kinder entdecken selbst in Experimenten, Gruppendiskussionen und Rollenspielen, was sie gewinnen, wenn sie rauchfrei bleiben“, sagt Marina Hinßen. Identifikationsfiguren unterstützen mit Tipps und kreativen Ideen Hier kommen dann bekannte Persönlichkeiten aus den Bereichen Sport, Film und Social Media ins Spiel: Mit ihren eigens für das Projekt erstellten Videos geben sie den Schüler:innen Tipps und eine besondere Kreativ-Challenge mit auf den Weg. Mit dabei sind unter anderem Ludwig Brix, Schauspieler am GRIPS Theater in Berlin und bekannt aus der ARD-Serie „All You Need“, die Olympia-Seglerin Anna Marktfort, die Kajak-Sportlerinnen Lena Röhlings und Pauline Jagsch sowie die YouTuberin Alicia Joe. Ihre Videobotschaften sind auch Bestandteil der beiden weiteren Workshops, bei denen es vor allem darum geht, die Schüler:innen bei der Umsetzung ihrer Vorhaben mental zu unterstützen. „Gruppendruck ist ein wichtiges Thema“, erläutert Marina Hinßen. „Wir vermitteln, wie es gelingt, das zu tun, was sich richtig anfühlt – und nicht das, was andere wollen oder die Werbung als vermeintlich cool darstellt.“ Außerdem bekommen die Teilnehmenden Strategien vermittelt, wie sie Probleme besser lösen können und wie sie mit Stress umgehen können – ohne zur Zigarette zu greifen. Mädchen und Jungen rauchen aus unterschiedlichen Gründen Dabei berücksichtigt das Team auch, dass es bei Jungen und Mädchen unterschiedliche Gründe gibt, zu rauchen: „Wir haben in einer ersten Forschungsarbeit in Vorbereitung des Projekts untersucht, warum Kinder und Jugendliche überhaupt rauchen. Dabei hat sich gezeigt, dass es bei Jungs oft um Coolness, Status und Dazugehören geht, während bei Mädchen eher Stress- oder Problembewältigung als Grund genannt werden“, erklärt Marina Hinßen. Diese geschlechterspezifischen Faktoren werden während des Projekts aufgegriffen, indem beide Gruppen im Umgang mit Stress und den Erwartungen anderer angesprochen und geschult werden. In der begleitenden Studie zum Projekt wollen die Forschenden herausfinden, ob es bei den präventiven Effekten geschlechterspezifische Unterschiede gibt, erläutert Marina Hinßen: „Haben wir Mädchen oder Jungen besser erreicht? Wie hat es bei beiden geklappt und woran könnte das liegen? Hat es wirklich mit den angenommenen Risikofaktoren zu tun? All das sollen die Ergebnisse der Studie zeigen.“ Das Projekt „nachvorn“ wird von der Deutschen Herzstiftung mit rund 350.000 Euro gefördert. Die Stiftung, die sich für die Tabak- und Suchtprävention einsetzt, möchte damit das Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen dafür schärfen, dass sie mit dem Verzicht auf das Rauchen ihr Herz und ihre Gefäße schützen.
Mit Telemedizin die Palliativversorgung auf Intensivstationen verbessern 16-01-2024
Die palliative Versorgung von Patient:innen ist auf Intensivstationen übliche Praxis. Doch verfügt nicht jede Klinik über spezialisierte palliativmedizinische Expertise. Können telemedizinische Beratungen die Palliativversorgung auf Intensivstationen weiter verbessern? Dieser Frage geht ein internationales Forschungskonsortium unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin nach. Das jetzt gestartete Projekt „Enhancing palliative care in ICU“ (EPIC) wird von der EU-Kommission für fünf Jahre mit rund 6,3 Millionen Euro gefördert. Den Leidensdruck wie Schmerzen und andere Beschwerden schwerkranker Patient:innen gezielt lindern, um ihre Lebenszeit und Lebensqualität bestmöglich zu erhalten und zu fördern – das ist das Ziel der sogenannten Palliativmedizin. Sie ist ein wichtiger und etablierter Teil der intensivmedizinischen Versorgung. Sind Krankheitsbild und Symptome jedoch sehr komplex, kann es für das intensivmedizinische Personal hilfreich sein, sich von spezialisierten Palliativmediziner:innen zum konkreten Fall beraten zu lassen. „Es haben allerdings nicht alle Kliniken eine palliativmedizinische Expertise im Haus“, sagt Prof. Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Charité. „Ein systematischer Einsatz von Telemedizin, mit der Expert:innen virtuell und somit schnell und ortsunabhängig hinzugezogen werden können, könnte die Palliativversorgung auf Intensivstationen noch deutlich verbessern.“ Dreiklang des Praxismodells: Weiterbildung, Checklisten, Telemedizin Wie groß ist der Nutzen von telemedizinischen Beratungen durch palliativmedizinische Expert:innen im Vergleich zur gängigen palliativen Versorgung auf Intensivstationen? Das untersucht das Forschungsteam im Rahmen des EPIC-Projekts. „Bevor die telemedizinische Beratungsphase startet, wird das Klinikpersonal der Intensivstationen zunächst palliativmedizinisch geschult“, erklärt Claudia Spies, die das Forschungsvorhaben leitet. „Weiterhin erarbeiten wir Checklisten, die die Teams dabei unterstützen sollen, möglichst frühzeitig solche Patient:innen zu erkennen, die von einer spezialisierten Palliativversorgung profitieren.“ An dem Forschungsprojekt nehmen rund 2.000 Patient:innen und ihre Familienmitglieder teil. Es wird in sieben klinischen Zentren mit Palliativmedizin sowie 23 multidisziplinären Intensivstationen in fünf europäischen Ländern durchgeführt. „Mit EPIC bringen wir Kliniker:innen und Forschende aus den Bereichen Palliativ- und Intensivversorgung, Sozialwissenschaften, Pflegewissenschaften, Ethik und Gesundheitsökonomie zusammen und wollen ein harmonisiertes Praxismodell für die Palliativversorgung auf Intensivstationen umsetzen – und zwar europaweit“, sagt Claudia Spies. „Wir hoffen, dass aus unserem Projekt Handlungsempfehlungen hervorgehen werden, die wir Fachgesellschaften zur Verfügung stellen können, und die in die Aus-, Fort- und Weiterbildung des multiprofessionellen intensivmedizinischen Nachwuchses einfließen können.“ Verkürzte Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation Studien zeigen, dass eine möglichst frühe palliativmedizinische Mitbehandlung die Zeit verkürzt, die Kranke auf der Intensivstation verbringen, die Sterblichkeit dabei aber unbeeinflusst bleibt. Mit EPIC verfolgen die Forschenden daher auch das Ziel, die Liegedauer auf Intensivstationen zu verkürzen – was gesundheitsökonomische Vorteile hat, insbesondere aber für die Betroffenen von unschätzbarem Wert ist. „Palliativmedizinisch optimal versorgte Patient:innen mit schweren, nicht heilbaren Erkrankungen verbringen ihre letzten Tage dann hoffentlich nicht – außer es gibt einen schwerwiegenden Grund – auf der Intensivstation. Das kann für sie und ihre Familien in dieser äußerst kritischen und hochvulnerablen Phase am Ende des Lebens ein Segen sein“, sagt Claudia Spies. „Doch auch schwer oder chronisch kranke Menschen, die nicht am Lebensende stehen, werden palliativ versorgt. Palliativmedizin ist keine Sterbebegleitung, das ist ein häufiges Missverständnis. Etwa die Hälfte der Patient:innen kann nach Hause in eine spezialisierte palliativmedizinische Behandlung entlassen werden. Eine flächendeckende verbesserte palliative Versorgung käme daher allen Patient:innen auf Intensivstationen zugute.“ Mit EPIC wollen die Forschenden außerdem untersuchen, wie gut die palliativmedizinische Versorgung mit telemedizinischer Unterstützung von Patient:innen und Angehörigen wahrgenommen und angenommen wird. Weiterhin soll eine Patienten- und Angehörigengruppe etabliert werden, in der Betroffene Informationen austauschen und sich gegenseitig unterstützen können.
Krebs: Neue Therapieansätze durch genetische Passagiere 11-01-2024
Häufig entsteht ein Tumor dadurch, dass sich Krebsgene vervielfältigen. Dabei werden en passant oft zusätzliche Gene mitvermehrt. Anders als bisher gedacht sind diese nicht nur stille Passagiere. Wie eine Studie von Charité – Universitätsmedizin Berlin und Max Delbrück Center jetzt belegt, können Passagier-Gene im Tumor bisher unbekannte Schwachstellen erzeugen – was völlig neue Therapieansätze ermöglicht. Veröffentlicht sind die Ergebnisse im Fachmagazin Cancer Discovery*. Vor allem Veränderungen im Erbgut gelten als Ursache für eine Krebserkrankung. Häufig handelt es sich dabei um sogenannte Amplifikationen: Vervielfältigungen von Genen, die die Entstehung von Krebs begünstigen. Die Gene werden dabei übermäßig häufig kopiert und liegen anschließend entweder im Erbgut oder als separate DNA-Ringe in großer Zahl in der Zelle vor. „Genau genommen vervielfältigt die Zelle allerdings nicht nur die Krebsgene, sondern kopiert auch die davor- und dahinterliegenden Abschnitte der DNA mit“, erklärt Prof. Anton Henssen, Kinderonkologe an der Charité und Wissenschaftler am Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Center. Zusammen mit Dr. Jan Rafael Dörr, ebenfalls Charité-Kinderonkologe und Forscher am ECRC, hat er die Studie geleitet. Gar nicht so stille Passagiere „In diesen mitkopierten Abschnitten liegen oft weitere Gene, die bisher als unbedeutend für die Krebsentstehung galten und deshalb schlicht ‚Passagier-Gene‘ genannt wurden“, erklärt Anton Henssen. „Unsere Arbeit zeigt nun, dass diese genetischen Trittbrettfahrer mehr als nur stille Passagiere sind: Sie bringen grundlegende Vorgänge in der Zelle durcheinander. Weil die Tumorzelle diese Störung wieder ausgleichen muss, wird sie von Prozessen abhängig, die eigentlich mit dem Tumorwachstum gar nichts zu tun haben. Damit entsteht eine Achilles-Ferse an einer völlig unerwarteten Stelle, von der wir bisher nichts wussten. Wir können den Krebs also von einer neuen Flanke angreifen, wenn wir bei der Behandlung auf die Passagier-Gene abzielen.“ Am Beispiel des Neuroblastoms zeigten die Wissenschafter:innen, wie sich diese bisher unbekannten Abhängigkeiten potenziell therapeutisch nutzen lassen. Das Neuroblastom ist eine Krebserkrankung, die vor allem sehr junge Kinder betrifft und als besonders bösartig gilt. Im Tiermodell zeigte sich, dass Neuroblastome viel anfälliger für das Krebsmedikament Rapamycin sind, wenn sie nicht nur das Krebsgen MYCN, sondern auch das Passagier-Gen DDX1 in hoher Zahl aufweisen. „Das liegt daran, dass das Passagier-Gen den Stoffwechsel der Tumorzelle stört“, erklärt Jan Dörr. „Die Zelle muss die Störung kompensieren und Rapamycin hindert sie daran. Das führt schließlich zum Tod der Tumorzelle.“ Das Neuroblastom zusätzlich zu weiteren Wirkstoffen auch mit Rapamycin anzugreifen, könnte also die Behandlung insbesondere von jenen Patient:innen verbessern, deren Tumor sowohl das Krebs- als auch das Passagier-Gen vervielfältigt hat. Ob das tatsächlich der Fall ist, wollen die Forschenden nun in klinischen Studien prüfen. Effekt zeigt sich in verschiedenen Tumorarten Passagier-Gene in den Fokus zu nehmen, kann aber vermutlich nicht nur beim Neuroblastom helfen. Darauf deuten Millionen von Daten zur wechselseitigen Abhängigkeit von Genen in 26 verschiedenen Tumorarten hin, die öffentlich zugänglich sind und die das Team im Rahmen seiner Studie neu durchforstete. In zehn Fällen konnten die Forschenden nachweisen, dass durch Passagier-Gene in den Tumoren neue Abhängigkeiten entstanden sind. „Wir gehen davon aus, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist und wir bei besserer Datenlage noch mehr dieser Fälle entdecken würden“, sagt Anton Henssen. „Dass Passagier-Gene in Tumoren eine Schwachstelle erzeugen, ist offenbar ein recht weit verbreitetes Phänomen. Wir halten den Ansatz, Tumoren auch an ihren Passagier-Genen zu attackieren, deshalb auch bei anderen Krebserkrankungen für vielversprechend.“
Wie stark begünstigt ein Verlust der Artenvielfalt neue Infektionskrankheiten? 03-01-2024
Forschende gehen davon aus, dass ein Verlust der Biodiversität – zum Beispiel durch menschliche Eingriffe in Ökosysteme – die Übertragung von Krankheitserregern zwischen Tier und Mensch, sogenannte Zoonosen, begünstigt. Doch wie groß ist dieser Effekt? Ihn genauer zu beziffern, ist das Ziel eines internationalen Forschungsteams unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Zoonosen frühzeitig erkennen zu können. Das jetzt gestartete Projekt „Zoonosis Emergence across Degraded and Restored Forest Ecosystems” (ZOE) wird von der EU-Kommission für vier Jahre mit rund vier Millionen Euro gefördert. Zoonotische Infektionskrankheiten entstehen dort, wo Mensch und Tier zusammentreffen – beispielsweise in der Massentierhaltung oder beim Handel und Verzehr von Wildtieren. Aber auch in Gebieten, in denen der Mensch in natürliche Lebensräume eingreift. Einerseits, weil er dadurch mit Wildtieren in Kontakt kommt. Und andererseits, weil er das empfindliche Gleichgewicht des Ökosystems stört. „Wenn wir in Naturräume eingreifen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Tiere, die mit den neuen Umweltbedingungen besser zurechtkommen, sich stärker vermehren“, erklärt Prof. Jan Felix Drexler, Virologe an der Charité und Leiter des neuen Forschungsvorhabens. „Es gibt Hinweise, dass sich mit ihnen auch ihre Krankheitserreger vermehren, die potenziell für den Menschen gefährlich werden können“. Der Verlust der Artenvielfalt beeinflusst also die Wahrscheinlichkeit von Zoonosen. Und zwar insbesondere dort, wo der Mensch Landschaften erstmals oder anders als bisher nutzt: Wo er zum Beispiel Wälder abholzt, um Weideland für Nutztiere oder Plantagen zu schaffen, oder wo Städte sich in das Umland ausbreiten. Interdisziplinäres Team kartiert Makro- und Mikro-Biodiversität Die genauen Zusammenhänge zwischen Landnutzungsänderungen, dem Verlust der Biodiversität und dem Zoonose-Risiko sind noch immer unklar. Um sie besser zu verstehen, hat Jan Felix Drexler gemeinsam mit Prof. Nadja Kabisch, Landschaftsökologin an der Leibniz Universität Hannover und Ko-Koordinatorin des Projekts, ein interdisziplinäres Konsortium mit ausgewiesener Expertise in den Bereichen Geografie, Geobotanik, Ökologie, Virologie, Immunologie, Epidemiologie, Soziologie, Psychologie, Anthropologie und Wissensverbreitung versammelt. Die Forschenden aus sieben europäischen und vier amerikanischen Ländern planen eine detaillierte Kartierung der Biodiversität in Waldgebieten, in die der Mensch unterschiedlich stark eingegriffen hat. Das Team wird dazu in Guatemala, Costa Rica, Slowenien und der Slowakei ursprüngliche Wälder sowie entwaldete und renaturierte Flächen untersuchen. Um die jeweils vorherrschende Landnutzung und die Artenvielfalt zu ermitteln, sollen die Beschaffenheit der Landschaft sowie die Tier- und Pflanzenarten mithilfe von Satellitenaufnahmen und auch direkt vor Ort erfasst werden. Zusätzlich wollen die Wissenschaftler:innen bestimmen, wie viele potenziell gefährliche Mikroorganismen in dem Ökosystem zirkulieren, indem sie Nagetiere, Zecken und Mücken – als häufige Träger zoonotischer Erreger – mittels moderner Sequenziertechniken auf das Vorhandensein verschiedenster Bakterien und Viren testen. Blutproben von in der Nähe lebenden Menschen werden Aufschluss darüber geben, wie viele dieser Erreger bereits übertragen worden sind. Ergänzend zu den biomedizinischen Untersuchungen will das Forschungsteam auch systematische Befragungen durchführen: Wie erleben die Menschen in den Studiengebieten die Umweltveränderungen? Wie häufig treten Krankheiten auf, wie gehen sie mit dem Infektionsrisiko um? Vorhersagemodelle zur frühen Erkennung des Zoonose-Risikos „Aus diesen sehr unterschiedlichen Daten werden wir statistische Modelle entwickeln“, sagt Jan Felix Drexler. „Sie sollen Aussagen darüber treffen, wie stark das Risiko zoonotischer Erkrankungen abhängig vom Grad der Landnutzungsänderungen und dem Verlust der Biodiversität steigt. Wir erhoffen uns außerdem Erkenntnisse zur Wirkung von Renaturierungsmaßnahmen. Besonders wichtig ist uns, dieses Wissen den Menschen lokal vor Ort, aber auch der breiten Öffentlichkeit – einschließlich Umweltschutzorganisationen – zugänglich zu machen und gemeinsam Empfehlungen zu entwickeln. So wollen wir dazu beitragen, dass das Risiko von neuen Zoonosen direkt vor Ort erkannt und begrenzt werden kann – als ein Baustein zur Vermeidung künftiger Epidemien.“
EUCARE: Intensivpflege über Landesgrenzen hinweg 27-12-2023
Eindrucksvoll hat die COVID-19-Pandemie die Relevanz von ausreichendem und gut ausgebildetem Pflegepersonal bei der Bewältigung von Krisen unterstrichen. Doch sind die Akteure im Gesundheitswesen weiterhin mit einem Mangel an Fachkräften in der Pflege konfrontiert. Das an der Charité – Universitätsmedizin Berlin koordinierte Projekt EUCARE begegnet dieser Schwachstelle in den europäischen Gesundheitssystemen. In den kommenden drei Jahren wird es ein internationales Weiterbildungsprogramm entwickeln und Intensivpflegende auf grenzüberschreitendes Arbeiten in Krisenfällen vorbereiten. Initiiert wurde das Projekt vom an der Charité ins Leben gerufenen Pflegenetzwerk der European University Hospital Alliance (EUHA). Unterstützt wird es durch das Bildungsprogramm ERASMUS+. Es ist ein Lernen aus der Krise: Ende Januar 2020 erreichte COVID-19 den europäischen Kontinent. In Wellen breitete sich die Pandemie aus. Krankenhäuser und Intensivstationen kamen wiederholt an die Grenzen des Machbaren, spezialisiertes Personal wurde knapp. Doch die einzelnen Wellen mit einer Vielzahl an Schwersterkrankten erreichten nicht jedes europäische Land zur selben Zeit. Wie wäre es also, wenn in Krisenfällen dieser Art dringend benötigtes Pflegepersonal europaweit einsetzbar wäre? Wenn die vorhandenen Kräfte mal in dem einen, mal in dem anderen Land tätig werden könnten? Bereits während der Pandemie tauschten die Mitglieder der EUHA, des Zusammenschlusses führender europäischer Universitätskliniken, Wissen und Best Practice untereinander aus. In Reaktion auf die zahlreichen aktuellen Krisen und die knappe Ressource Fachpersonal bringt das Nursing Network der Klinikallianz jetzt ein gemeinsames Weiterbildungsprogramm für den intensivmedizinischen Bereich auf den Weg. Ziel ist ein Netzwerk spezialisierter, interkulturell geschulter Intensivpfleger:innen, die bereit sind, im Krisenfall auch in anderen europäischen Ländern zu arbeiten. Sicherheit und Qualität in der Intensivversorgung sollen auf diese Weise europaweit ermöglicht werden. Das dreijährige Vorhaben EUCARE wird den Austausch und die Weitergabe von klinischem Wissen zwischen Pflegeexpert:innen der EUHA-Partnerkrankenhäuser erleichtern, erklärt der Koordinator des Projektes an der Charité, Alexander Lang: „Die Teilnehmer:innen absolvieren praktische Ausbildungsmodule, nehmen an Workshops und an Vorlesungen teil. Am Ende verfügen die EUHA-Intensivpflegenden über solide, speziell auf einen Einsatz in Krisenzeiten ausgerichtete Fähigkeiten. Auch sind sie in interdisziplinärer, interprofessioneller und kulturübergreifender Zusammenarbeit geübt.“ Der Lehrplan wird auf den Erwerb dieser speziellen Fähigkeiten abgestimmt. Darüber hinaus wird es ein Netzwerk für alle an dem Programm teilnehmenden Pflegenden geben, um den fachlichen Austausch fortzusetzen und auf Einsätze vorbereitet zu sein. Im Fall einer Pandemie, einer Katastrophe oder in anderen Krisenfällen kann das Netzwerk so schnell aktiviert werden. Und auf lange Sicht kann es eine wertvolle Ressource für spezialisierte Fachkräfte mit interkulturellen Kenntnissen sein. Das Programm ist eines der ersten dieser Art im Bereich der Pflege. Es wird durch die Europäische Union im Programm ERASMUS+ mit rund 400.000 Euro unterstützt. Die Mittel fließen zunächst in die Entwicklung, Erprobung und Verbreitung des Weiterbildungsprogramms. Langfristig soll es auf europäischer Ebene verankert sein. „Wir bieten länderübergreifende Ausbildungsmöglichkeiten in der Intensivversorgung und entwickeln gemeinsam evidenzbasierte Standards für die Pflege in Krisensituationen, die über das Programm hinaus Bestand haben sollen. Wir freuen uns sehr, dass dieses Projekt mit der Initiative von Bundesgesundheitsminister Lauterbach zusammenfällt, Pflegefachkompetenzen auch in Deutschland gesetzlich und international anschlussfähig zu regeln“, sagt Carla Eysel, Vorstand für Personal und Pflege der Charité. Alle zehn Mitglieder der EUHA unterstützen das Projekt EUCARE, wobei sechs Mitglieder aktiv an der Ausgestaltung beteiligt sind. Die Praxiseinheiten finden in den jeweiligen Häusern statt und ergänzen die theoretischen Lerneinheiten. Alle Lerninhalte werden abschließend online und kostenlos auf einer europäischen Plattform zur Verfügung gestellt.
Aufsichtsrat bestätigt Astrid Lurati als Vorstand Finanzen und Infrastruktur 15-12-2023
Der Aufsichtsrat der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat heute in seiner Sitzung die Wiederbestellung von Astrid Lurati zum Vorstandsmitglied für Finanzen und Infrastruktur vorfristig für weitere fünf Jahre beschlossen. Die Diplom-Kauffrau ist seit Mai 2016 im Vorstand der Charité – zunächst als Direktorin des Klinikums, seit Ende 2019 als Vorstand Finanzen und Infrastruktur. Astrid Lurati verantwortet in ihrer Position die Gesamtwirtschaftsführung der Charité. Dazu gehören die Investitionsplanung und die Konsolidierung der Jahresabschlüsse ebenso wie die Belange der Geräte-, Bau- und Liegenschaftsangelegenheiten sowie der Nachhaltigkeitsbereich. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege und Vorsitzende des Aufsichtsrats, erklärt zur Wiederbestellung: „In den vergangenen Jahren hat Frau Lurati als Vorstand für Finanzen und Infrastruktur hohe Kompetenz bei der Führung der wirtschaftlichen Geschäfte der Charité in einem schwierigen und krisengeprägten Umfeld bewiesen. Die Wiederbestellung für weitere fünf Jahre bedeutet für die Charité die notwendige Kontinuität in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten. Ich bin überzeugt davon, dass wir in Frau Lurati eine Führungspersönlichkeit gewonnen und für weitere fünf Jahre an uns gebunden haben, die verantwortungsvolles Wirtschaften mit den Bedürfnissen einer international renommierten Wissenschaftseinrichtung verbindet. Ich freue mich sehr auf die weitere Zusammenarbeit.“ Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, fügt hinzu: „Astrid Lurati ist eine bedeutende Konstante in unserem Vorstandsteam und wird auch weiterhin die finanziellen Belange der Charité in diesen herausfordernden Zeiten zukunftsweisend leiten und ausgestalten. Astrid Lurati überzeugt ebenso mit ihren ausgewiesenen fachlichen Qualifikationen wie mit ihren persönlichen und sozialen Kompetenzen. Die Erhaltung und Entwicklung der universitätsmedizinischen Infrastruktur hat sie fest im Blick und während der kommenden Amtszeit wird der Neubau des Deutschen Herzzentrums der Charité am Campus Virchow-Klinikum für Astrid Lurati sicher ein Höhepunkt sein.“ Astrid Lurati betont: „Mein Dank gilt dem Aufsichtsrat, der Senatorin und natürlich Prof. Kroemer für das bestätigte Vertrauen. Dieses ist umso wichtiger, als dass die wirtschaftliche Lage schwierig ist und die vor uns liegenden Jahre uns vor nie da gewesene Herausforderungen stellen und uns manches abverlangen werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir mit der gebündelten Kompetenz und dem herausragenden Engagement aller Charitéler sowie mit der Unterstützung unseres Trägers, dem Land Berlin, aus dieser Lage heraus eine sichere und positive Zukunft für die Charité gestalten können.“ Astrid Lurati als Vorstand Finanzen und Infrastruktur Astrid Lurati kommt im Frühjahr 2016 vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo sie mehr als zehn Jahre tätig war, nach Berlin. In ihrer ersten Amtszeit als Vorstandsmitglied erreicht die Charité wiederholt solide positive Jahresergebnisse und kann in der Krankenversorgung die ambulanten und stationären Fallzahlen steigern. Darüber hinaus können zusätzliche Stellen für Pflegekräfte geschaffen und der Tarifvertrag Gesundheitsschutz und Demografie wird abgeschlossen. Nahezu von Anfang an trägt Astrid Lurati maßgeblich zur Verständigung mit dem Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) bei mit dem Ziel der Bildung eines gemeinsamen universitären Herzzentrums. Zugleich verantwortet sie die Vorbereitungen für die Errichtung eines Neubaus für dieses Herzzentrum auf dem Campus Virchow-Klinikum als digitale Modellklinik in nachhaltiger Bauweise, die seit mehr als zwanzig Jahren der erste klinische Neubau der Charité sein wird. Im Rahmen des Sondervermögens Infrastruktur der Wachsenden Stadt setzt die Charité unter ihrer Leitung elementare Infrastruktur- und Sanierungsmaßnahmen an allen drei bettenführenden Campi um. Zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit hat der Vorstand die Strategie 2030 entwickelt, nach der die Charité inhaltlich und baulich ihren Zukunftsauftrag definiert. Hierfür sind für alle Campi städtebauliche Entwicklungspläne konzipiert, die sukzessive das neue Gesicht der Charité zeichnen werden. Parallel ist die zweite Amtszeit auch von der Corona-Pandemie geprägt. Angesichts der Krisensituation stellt der Charité-Vorstand schon frühzeitig das Erreichen der wirtschaftlichen Ziele hinten an und bündelt alle Kräfte für die Versorgung der Patient:innen und die Bewältigung der Pandemiesituation. Die Einschränkung des klinischen Normalbetriebes und die Bereitstellung zusätzlicher Intensivkapazitäten führt zu einer wirtschaftlichen Belastung, die mit Unterstützung des Landes in 2020, 2021 und 2022 dennoch ein nahezu ausgeglichenes Jahresergebnis ermöglicht. In dieser Zeit hat Astrid Lurati in ihrem Verantwortungsbereich wesentliche strukturelle Änderungen vorgenommen, um auf die geänderten Rahmenbedingungen eine bestmögliche Steuerung und Erlössicherung zu gewährleisten. Wesentliche organisatorische Änderungen waren die Etablierung des Geschäftsbereichs Erlösmanagement sowie des Geschäftsbereichs Infrastruktur und Nachhaltigkeit und die Neuaufstellung des Baubereichs. Als besonderer Meilenstein ist der Zusammenschluss der herzmedizinischen Einrichtungen des DHZB und der Charité zum Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) zum 1. Januar 2023 gelungen. In der kommenden Amtszeit stehen zunächst die wirtschaftliche Konsolidierung sowie die Fortsetzung der baulichen und energetischen Erneuerung der Charité an.
Infektion mit Magenkeim könnte Alzheimer-Risiko erhöhen 13-12-2023
Eine Infektion mit dem Magenkeim Helicobacter pylori könnte das Risiko, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, erhöhen: Bei Menschen über 50 Jahren kann das Risiko nach einer Infektion mit Symptomen um durchschnittlich 11 Prozent erhöht sein, rund zehn Jahre nach der Infektion sogar um 24 Prozent. Das legen die Ergebnisse einer Studie von Charité – Universitätsmedizin Berlin und McGill University (Kanada) nahe, die nun im Fachmagazin Alzheimer's & Dementia* publiziert wurden. Die Forschenden haben Patientendaten aus drei Jahrzehnten analysiert. Demenzerkrankungen werden in einer alternden Bevölkerung weiter zunehmen: In den nächsten 40 Jahren wird sich die Häufigkeit von Demenz voraussichtlich verdreifachen. Da bisher keine Heilung in Sicht ist, versucht man, die Risikofaktoren für Demenz aufzuspüren – in der Hoffnung, diese dann ausschalten zu können. Helicobacter pylori gelangt ins zentrale Nervensystem Als einen möglichen Risikofaktor hat die Forschung schon länger den Magenkeim Helicobacter pylori (Hp) im Blick. Mit diesem Bakterium ist knapp ein Drittel aller Menschen in Deutschland infiziert. Eine Infektion kann symptomlos verlaufen, aber auch Magenschleimhautentzündungen und sogar Magenkarzinome verursachen. Auch ein Zusammenhang zwischen einer Hp-Infektion und dem zentralen Nervensystem ließ sich in zahlreichen Laborstudien finden. „Wir wissen, dass das Bakterium über verschiedene Wege das Gehirn erreichen kann und dort unter Umständen zu Entzündungen, Schädigungen und dem Verfall von Nervenzellen führt“, erklärt Prof. Antonios Douros, Pharmakoepidemiologe an der Charité und Erstautor der Studie. Außerdem kann ein durch den Keim geschädigter Magen Vitamin B12 und Eisen nicht mehr gut aufnehmen, was ebenfalls das Demenz-Risiko erhöht. Viele der bisherigen Studien zum Zusammenhang zwischen einer Helicobacter-pylori-Infektion und Alzheimer hatten jedoch methodische Schwächen – zum Beispiel, weil die Anzahl der Menschen, die in der Studie berücksichtigt wurden, zu klein war. Das führte auch dazu, dass man bisher nicht genau sagen konnte, wie stark der Zusammenhang zwischen einer Infektion mit Hp und Alzheimer-Demenz ist. Bevölkerungsrepräsentative Studie mit über vier Millionen Menschen Diese Schwächen auszubügeln ist Antonios Douros zusammen mit Prof. Paul Brassard von der McGill University in Montreal (Kanada) und ihren Kolleg:innen nun gelungen. Sie berücksichtigten in ihrer Studie mit über vier Millionen Menschen nicht nur sehr viele Personen, sondern auch den zeitlichen Abstand zwischen einer Hp-Infektion und einer möglichen Erhöhung des Alzheimer-Risikos. Anhand der Daten aus elektronischen Patientenakten aus Großbritannien konnten sie den Zusammenhang zwischen dem Magenkeim Helicobacter pylori und Alzheimer-Demenz im Verlauf eines Lebens quantifizieren. „Unsere Studie zeigt, dass symptomatische Infektionen mit Helicobacter pylori nach dem 50. Lebensjahr mit einem um elf Prozent erhöhten Risiko für Alzheimer-Demenz einhergehen können. Die Risikoerhöhung erreicht ihren Maximalwert von 24 Prozent etwa ein Jahrzehnt nach der Hp-Infektion“, fasst Antonios Douros die Ergebnisse zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch nach einer symptomatischen Hp-Infektion zwangsläufig an Alzheimer erkranken wird. Bei den Berechnungen handelt es sich um eine Erhöhung des relativen Risikos im Vergleich zu Personen, die keine symptomatische Hp-Infektion nach dem 50. Lebensjahr hatten. Sind Hp-Infektionen ein beeinflussbarer Risikofaktor? „Für uns bekräftigt dieses Ergebnis die Annahme, dass eine Helicobacter-pylori-Infektion ein beeinflussbarer Risikofaktor für Alzheimer-Demenz sein könnte“, schlussfolgert der Pharmakoepidemiologe. Ob und in welchem Maß die konsequente, flächendeckende Bekämpfung dieses Magenkeims durch sogenannte Eradikationsprogramme die Entwicklung von Alzheimer tatsächlich beeinflusst, muss allerdings erst in groß angelegten randomisierten Studien getestet werden.
Meilenstein für hochmoderne, umfassende Versorgung von Krebspatient:innen 24-11-2023
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité, BIH und Max Delbrück Center Neuartige Behandlungen und eine enge Verbindung von klinischer und translationaler Krebsforschung – dafür steht das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Berlin als eine wesentliche Erweiterung des Charité Comprehensive Cancer Center. Getragen durch die Kooperation dreier herausragender Institutionen: Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und Max Delbrück Center zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum ist das NCT Berlin einer von bundesweit sechs Standorten des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen. An dem neuen Standort werden die Berliner Forschungsaktivitäten zur Einzelzellanalyse, zu Immuntherapien, Datenwissenschaft und Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) noch weiter vertieft und frühe klinische Studien zum Nutzen von Patient:innen auf den Weg gebracht. Es sind Therapien der Zukunft, die in Berlin erdacht, hergestellt und angewendet werden. Teilweise sind sie bereits im Einsatz: Immuntherapien oder auch hochkomplexe Gen- und Zelltherapien, die in die molekularen Prozesse an Krebs erkrankter Zellen eingreifen, sie gezielt verändern und damit im Idealfall Patient:innen nachhaltig heilen. Technologien und Therapien, die noch am Anfang stehen – doch schon jetzt sind sie mit großen Hoffnungen versehen. So können beispielsweise Forscher:innen Tumorgewebe oder Blut von Patient:innen mittels Einzelzell-Technologien in hoher Auflösung untersuchen. Sie sehen unter anderem, welche Gene die einzelnen Zellen zu einem bestimmten Zeitpunkt der Erkrankung ablesen und können geeignete therapeutische Angriffspunkte identifizieren. Die erkrankten Zellen dienen als Stellvertreter, als Avatar der Erkrankung der Patientin oder des Patienten – eine potenzielle Wirkung von Medikamenten lässt sich ohne unnötige Nebenwirkungen testen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz werten die Forscher:innen riesige entstandene Datenmengen aus. Ihr Ziel: vorhersagen, wie die Krankheit verlaufen und ob ein Tumor auf eine bestimmte Therapie ansprechen wird. Das Ergebnis ist eine auf die zellulären Eigenschaften der individuellen Krankheit zugeschnittene Behandlung. Man spricht auch von Präzisionsonkologie. Drei bewährte Partner am NCT-Standort Berlin Dieses Konzept einer zellbasierten Medizin benötigt enge Interaktionen zwischen klinischer Medizin, Grundlagenwissenschaft – Molekularbiologie, Zellbiologie, Biochemie und Biophysik – und den Möglichkeiten der Mathematik, Bioinformatik, künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens. Eine weitere Voraussetzung sind kliniknahe, innovative Herstellungsverfahren für den Einsatz zellulärer Therapien. Genau daran arbeiten Einzelzell-Forschende, Tumorimmunolog:innen, Bioinformatiker:innen und Mediziner:innen bereits in Berlin. Im neuen NCT-Standort finden diese Schwerpunkte nun ihre Fortsetzung – beim Übertragen neuartiger Zelltherapien für Krebserkrankungen in die klinische Praxis. Das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehörende Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin treibt die eng mit der Klinik verzahnte Technologieentwicklung voran. Am BIH werden die Schwerpunkte Einzelzell-Technologien sowie Gen- und Zelltherapien ausgebaut. Und die Charité, Europas größtes Universitätsklinikum, trägt mit ihrem Comprehensive Cancer Center zu einer umfassenden, interdisziplinären Versorgung von Krebspatient:innen auf der Basis ihrer klinisch-wissenschaftlichen Expertise in innovativer, personalisierter Krebsdiagnostik und -therapie bei. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit im NCT Berlin ermöglicht es, hochinnovative Technologien bis zur medizinischen Anwendung weiterzuentwickeln. Erkenntnisse aus der klinischen Forschung fließen wiederum in die Verbesserung von Behandlungskonzepten ein. So entstehen faszinierende Perspektiven für die Krebsmedizin, insbesondere, wenn es um die Fragen geht: Sprechen Tumorzellen auf eine Behandlung an? oder Wie lassen sich Resistenzmechanismen überwinden? Für eine hochmoderne, individuelle Krebsversorgung in der Region Jährlich werden in Deutschland rund 510.000 Krebserkrankungen neu diagnostiziert. Der Einzugsbereich des NCT Berlin umfasst etwa ein Zehntel der Bevölkerung mit 8,6 Millionen Menschen in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die heute in Heidelberg unterzeichnete Bund-Länder-Vereinbarung zum erweiterten NCT ist nicht nur für den Berliner Standort ein Meilenstein in der Entwicklung einer hochinnovativen Krebsversorgung. Ab 2024 beginnt eine institutionelle Förderung, nach der Aufbauphase soll jeder neue NCT-Standort mit bis zu 14,5 Millionen Euro jährlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem jeweiligen Bundesland im Verhältnis 90 zu 10 finanziert werden. Entscheidend für den Berliner Standort ist die Unterstützung des Senats bei der Finanzierung eines neuen NCT-Gebäudes am Charité Campus Virchow-Klinikum, in dem modernste Labore, eine Ambulanz für personalisierte Krebsmedizin und ein Informationszentrum für Krebspatient:innen entstehen werden. Um junge Talente in der Krebsforschung für Berlin zu gewinnen, stehen etablierte Weiterbildungsmöglichkeiten wie das BIH Charité Clinician Scientist Programm, das einen Einstieg in die klinisch-wissenschaftliche Karriere ermöglicht, bereit. Dr. Ina Czyborra, Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité über die Bedeutung des NCT-Standortes für die Gesundheitsstadt: „Mit dem Aufbau des Berliner NCT-Standortes wird ein wichtiges Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag zur Weiterentwicklung der Wissenschaft und Forschung im Land Berlin umgesetzt und der Forschungs- und Gesundheitsstandort Berlin ein weiteres Stück vorangebracht.“ Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, zur einmaligen Chance des NCT Berlin für alle Beteiligten: „Krebsforschung und Krebsbehandlung unter einem Dach zu vereinen, ist das übergeordnete Ziel aller Fachbereiche einer Universitätsmedizin. Hiervon profitieren Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber vor allem die Patientinnen und Patienten in Berlin und der näheren Umgebung.“ Prof. Ulrich Keilholz, Leiter des Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) und gemeinsam mit Charité-Prof. Angelika Eggert Co-Sprecher des NCT Berlin: „Das neue Zentrum wird zu einem wichtigen Akteur im Kampf gegen Krebs in der Region Berlin, Brandenburg und weit darüber hinaus. Jede Patientin und jeder Patient erhält im CCCC einen individuellen Behandlungsplan, der in einem interdisziplinären Team entwickelt wird. Darüber hinaus ermöglichen wir im NCT innovative Diagnostik und die Teilnahme an klinischen Studien. Wir sind stolz darauf, im NCT Berlin dieser Entwicklung deutlich mehr Schwung zu geben und bedanken uns für die Unterstützung auf diesem Weg.“ Prof. Nikolaus Rajewsky, Wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Centrums für Molekulare Medizin (MDC-BIMSB): „Je genauer man die Zellen eines Tumors versteht, desto gezielter kann man ihn bekämpfen. Wir wollen deshalb wegweisende Technologien wie die räumliche Einzelzellbiologie in den klinischen Alltag bringen. Den Grundstein haben die Berliner Partner bereits 2020 mit vier gemeinsam rekrutierten Nachwuchsgruppen gelegt. Im NCT Berlin vertiefen wir diese Zusammenarbeit – zum Nutzen der Krebspatient:innen.“ Prof. Christof von Kalle, BIH-Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften und Direktor des Klinischen Studienzentrums: „Nach dem großen Erfolg der Startphase ist die NCT-Erweiterung auf jetzt sechs Standorte im Rahmen der Nationale Dekade gegen Krebs nicht nur eine großartige Chance für Berlin und die beteiligten Institutionen Charité, Max Delbrück Center und BIH sondern ebenso für die Entwicklung von patientenrelevanter Krebsforschung und -therapie national und international ein sehr wichtiger nächster Schritt.“
KI in der personalisierten Krebstherapie: Menschen treffen die besseren Entscheidungen 20-11-2023
Die Behandlung von Krebs wird zunehmend komplexer, bietet aber auch immer mehr Möglichkeiten. Denn je besser man die Biologie eines Tumors versteht, desto mehr Ansätze für die Behandlung gibt es. Um Patient:innen eine auf ihre Erkrankung zugeschnittene, personalisierte Therapie anbieten zu können, ist eine aufwändige Analyse und Interpretation verschiedener Daten nötig. Forschende an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin haben nun untersucht, ob generative Künstliche Intelligenz (KI) wie ChatGPT dabei unterstützen kann. Es ist eines von vielen Projekten an der Charité, in denen die Chancen von KI für die Patientenversorgung analysiert werden. Können bestimmte Gen-Mutationen nicht mehr vom Körper selbst repariert werden, kann es zu einem unkontrollierten Wachstum von Zellen kommen – ein Tumor entsteht. Entscheidend dafür ist ein Ungleichgewicht von wachstumsfördernden und wachstumshemmenden Faktoren, zum Beispiel durch Veränderungen in Onkogenen. Dieses Wissen macht sich die Präzisionsonkologie zunutze, ein Spezialgebiet der personalisierten Medizin: Überaktive Onkogene werden mithilfe bestimmter Arzneimittel wie niedermolekularen Inhibitoren oder Antikörpern gezielt abgeschaltet. Damit man weiß, bei welchen Gen-Mutationen die Behandlung ansetzen kann, wird dafür zunächst das Tumorgewebe genetisch analysiert. Die molekularen Varianten der Tumor-DNA, die für eine genaue Diagnose und Therapie notwendig sind, werden ermittelt. Anschließend leiten die Ärztinnen und Ärzte aus diesen Informationen individuelle Therapieempfehlungen ab. In besonders komplexen Fällen ist hierfür Wissen aus verschiedenen medizinischen Bereichen notwendig. An der Charité kommt dann das sogenannte molekulare Tumorboard (MTB) zusammen: Expert:innen der Pathologie, Molekularpathologie, Onkologie, Humangenetik und Bioinformatik analysieren gemeinsam anhand der aktuellen Studienlage, welche Therapien den größten Erfolg versprechen. Ein sehr aufwändiges Verfahren, an dessen Ende eine personalisierte Therapieempfehlung steht. Können Künstliche Intelligenzen bei der Therapieentscheidung unterstützen? Kann Künstliche Intelligenz an dieser Stelle unterstützen, fragten sich Dr. Damian Rieke, Arzt an der Charité, Prof. Dr. Ulf Leser und Xing David Wang von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Dr. Manuela Benary, Bioinformatikerin an der Charité. In einer jetzt im Fachmagazin JAMA Network Open* veröffentlichten Studie untersuchten sie zusammen mit weiteren Forschenden die Chancen und Grenzen von Large Language Models wie ChatGPT bei der automatisierten Sichtung der wissenschaftlichen Literatur für die Auswahl einer personalisierten Therapie. „Wir haben diese Modelle vor die Aufgabe gestellt, personalisierte Therapieoptionen für fiktive Krebspatient:innen aufzuzeigen und dies mit den Empfehlungen von Expert:innen verglichen“, erläutert Damian Rieke. Sein Fazit: „Künstliche Intelligenzen waren prinzipiell in der Lage personalisierte Therapieoptionen zu identifizieren – kamen aber an die Fähigkeit menschlicher Expertinnen und Experten nicht heran.“ Für das Experiment hat das Team zehn molekulare Tumorprofile fiktiver Patient:innen erstellt. Dann wurden ein spezialisierter Arzt und vier Large Language Models damit beauftragt, eine personalisierte Therapiemöglichkeit zu ermitteln. Diese Ergebnisse wurden den Mitgliedern des molekularen Tumorboards zur Bewertung präsentiert – ohne dass diese wussten, woher eine Empfehlung stammt. Verbesserte KI-Modelle machen Hoffnung auf künftige Einsatzmöglichkeiten „Vereinzelt gab es überraschend gute Therapieoptionen, die durch die künstliche Intelligenz identifiziert wurden“, berichtet Manuela Benary. „Die Performance von Large Language Models ist allerdings deutlich schlechter als die menschlicher Expertinnen und Experten.“ Außerdem würden Datenschutz und Reproduzierbarkeit besondere Herausforderungen bei der Anwendung künstlicher Intelligenz bei realen Patienten und Patientinnen darstellen, so Benary. Dennoch sieht Damian Rieke die Einsatzmöglichkeiten von KI in der Medizin grundsätzlich optimistisch: „Wir konnten in der Studie auch zeigen, dass sich die Leistung der KI-Modelle mit neueren Modellen weiter verbessert. Das könnte bedeuten, dass KI künftig auch bei komplexen Diagnose- und Therapieprozessen stärker unterstützen kann – so lange Menschen die Ergebnisse der KI kontrollieren und letztlich über Therapien entscheiden.“ KI-Projekte an der Charité zielen auf bessere Patientenversorgung Auch Prof. Dr. Dr. Felix Balzer, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, ist sich sicher, dass die Medizin von KI profitiert. Als Chief Medical Information Officer (CMIO) am Geschäftsbereich IT der Charité arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Medizin und Informationstechnologie. „Ein besonderer Fokus liegt im Hinblick auf eine effizientere Patientenversorgung auf der Digitalisierung und somit auch auf dem Einsatz von Automation und Künstlicher Intelligenz“, sagt Balzer. An seinem Institut wird beispielsweise an KI-Modellen zur Sturzprophylaxe im Pflegebereich gearbeitet. Aber auch andere Bereiche der Charité beschäftigen sich intensiv mit der Erforschung Künstlicher Intelligenz: Das Charité Lab für Artificial Intelligence in Medicine befasst sich mit der Entwicklung von Tools zur KI-basierten Prognose nach Schlaganfällen, und das Projekt TEF-Health verfolgt unter der Leitung von Prof. Petra Ritter vom Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) das Ziel, die Validierung und Zertifizierung von KI und Robotik in medizinischen Geräten zu erleichtern.
Charité bringt Wohl von Patient:innen in Europa voran 10-11-2023
Aufzeigen, wie Menschen schneller Zugang zu neuartigen Therapien erhalten oder wie im Krisenfall ein europaweiter Austausch von Intensivpflegenden möglich werden kann – nur zwei Initiativen, die die Charité – Universitätsmedizin Berlin während ihrer Präsidentschaft der European University Hospital Alliance (EUHA) vorangebracht hat. Die Aktivitäten der Allianz tragen dazu bei, die Gesundheitsversorgung in den europäischen Ländern zukunftssicherer und im Interesse der Patient:innen zu gestalten. Heute hat die Charité in Berlin den Vorsitz der EUHA nach sechs Monaten an der Spitze an das schwedische Karolinska University Hospital weitergegeben. Die Herausforderungen unserer Zeit liegen in technologischen Fortschritten, völlig neuen medizinischen Möglichkeiten, ihren Kosten und gleichzeitig den alternden Gesellschaften in vielen Ländern Europas. Hinzu kommt die verstärkte Notwendigkeit, auf Auswirkungen von Krisen, Pandemien oder Naturkatastrophen reagieren zu können. Die EUHA vereint exzellente universitäre Partner in Forschung und Krankenversorgung. Sie engagieren sich in strategischen Netzwerken und Arbeitsgruppen für Lösungen zu drängenden Fragen. In den zurückliegenden Monaten konnte die Charité neue Vorhaben initiieren und andere auf den Weg bringen. Unter ihnen EUCARE, ein Aus- und Weiterbildungsprojekt, das im Krisenfall einen europaweiten Austausch von Intensivpflegenden ermöglichen soll und dabei hilft, diesen zu koordinieren. Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird das Projekt starten. Es handelt sich um eine der ersten Initiativen dieser Art im Bereich der Pflege. Für einen breiten Zugang zu neuen Zell- und Gentherapien JOIN4ATMP, ein Projekt, das in diesen Tagen die Förderzusage der Europäischen Kommission erhalten hat, soll dabei helfen, in Europa die Entwicklung, und damit die breite Verfügbarkeit, neuartiger Therapien – sogenannte Advanced Therapy Medicinal Products (ATMPs) – zu beschleunigen. ATMPs sind Arzneimittel, die auf Genen, Geweben oder Zellen basieren und daher oft lebende Bestandteile enthalten. So ist es beispielsweise möglich, einem Menschen mit Leukämie weiße Blutkörperchen zu entnehmen und diese im Labor gentechnisch so zu verändern, dass sie – zurück im Körper – die Krebszellen erkennen und zerstören. Trotz einer hohen Zahl von ATMPs, die sich aktuell in der Entwicklung befinden, sind nur wenige Produkte für den europäischen Markt zugelassen. Das Problem: Herkömmliche regulatorische Auflagen für die Zulassung von Medikamenten lassen sich nicht direkt auf komplexe Gen- und Zelltherapien übertragen. Hier setzt das an der Charité koordinierte Konsortium an und erarbeitet konkrete Empfehlungen. Die Expertise aus Universitätsmedizin und Biotech-Unternehmen zur präklinischen Entwicklung, Herstellung, klinischen Prüfung, Marktzulassung und Vergütung von ATMPs kommt dabei europaweit zusammen. Entstehen konnte das Vorhaben vor dem Hintergrund eines von der EUHA gegründeten virtuellen länderübergreifenden Instituts, dem European Center for Gene and Cellular Cancer Therapies (EUCCAT), dessen Ziel es ist, neue Therapien erschwinglich und für alle Patient:innen verfügbar zu machen. Karolinska University Hospital löst Präsidentschaft der Charité ab Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité und scheidender EUHA- Präsident, betont anlässlich der halbjährlichen Mitgliederversammlung der EUHA in Berlin: „Nicht nur in Krisenzeiten wie der Pandemie waren der Zusammenschluss in der EUHA, der schnelle Austausch und die Unterstützung untereinander wertvoll. Auch jetzt, wenn es darum geht, die Gesundheitssysteme neu aufzustellen, können wir voneinander lernen und gemeinsam vieles erreichen. In den vergangenen Monaten haben wir innovative Forschungsprojekte und Projekte mit neuen Weiterbildungsansätzen eingeworben, die dazu beitragen werden, Patientinnen und Patienten in Europa auch zukünftig auf hohem Niveau zu versorgen. Das konnte nur im Schulterschluss mit den ausgezeichneten Partnern der EUHA gelingen.“ Die Charité hat zudem während ihres Vorsitzes den Austausch mit europäischen Akteuren intensiviert. In Gesprächen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Stella Kyriakides, EU-Kommissarin für Gesundheit, adressierte Prof. Kroemer Kernfragen zur Reform der Gesundheitssysteme und präsentierte auch Lösungsansätze. Um der demografischen Situation in Europa und den einzelnen Ländern gerecht zu werden, sei es notwendig, rechtzeitig Fachkräfte zu gewinnen, doch ebenso müssten auch digitale Anwendungen verstärkt übernehmen, was nicht zwingend von Menschen getan werden muss. Für neue Digitalisierungsansätze, die beispielsweise mehr Prävention und Gesundheitsfürsorge im häuslichen Umfeld ermöglichen, wie auch für Innovationen im biomedizinischen Bereich sind einheitliche Grundlagen und eine Koordination der Strukturen und Systeme auf europäischer Ebene von großer Bedeutung. Heute hat die Charité den Vorsitz der EUHA an das Karolinska University Hospital übergeben. Um den Aufgaben der Zeit gerecht zu werden und begonnene Prozesse fortzuführen, werden beide Häuser in der nun folgenden Präsidentschaft zusammenarbeiten. Bereits im Oktober hatten die Charité und das führende schwedische Universitätsklinikum in einem Memorandum of Understanding eine engere Kooperation vereinbart.
Christine Geffers leitet das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité 09-11-2023
Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat eine neue Direktorin: Prof. Dr. Christine Geffers hat zum 1. November die Institutsleitung übernommen und zugleich einen Ruf auf Lebenszeit als Professorin für Hygiene und Umweltmedizin erhalten. Prof. Geffers war bisher stellvertretende Institutsdirektorin und hat die Hygiene-Surveillance und Infektionsprävention an der Charité maßgeblich geprägt. Prof. Geffers widmet sich bereits seit Beginn ihrer Forschungskarriere der Bekämpfung von Krankenhausinfektionen. Diese sogenannten nosokomialen Infektionen werden oft durch Erreger verursacht, die Patient:innen selbst mit ins Krankenhaus bringen – zum Beispiel auf der Haut oder den Schleimhäuten. Gesunden Menschen können die Organismen normalerweise nichts anhaben. Doch wenn sie bei einer medizinischen Behandlung in Organe wie die Harnblase, die Lunge oder in den Blutkreislauf eindringen, können sie schwere Infektionen verursachen. Surveillance als Warnsystem für Infektionen Genau diese Krankenhausinfektionen will Prof. Geffers bekämpfen – unter anderem mit einem Surveillance-System. Unter Surveillance versteht man in diesem Fall die fortlaufende, systematische Erfassung, Analyse und Interpretation der Infektionsraten. Die Infektionshäufigkeit bei den eigenen Patient:innen wird dabei mit Durchschnittsdaten verglichen. Wenn es Auffälligkeiten gibt, sucht man nach den Gründen dafür – und ergreift Maßnahmen dagegen. Zusammen mit ihrer Vorgängerin, Prof. Dr. Petra Gastmeier, und ihrem Team hat Prof. Geffers das an der Charité entwickelte Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System KISS weiter ausgebaut. Das System wurde ursprünglich von Prof. Gastmeier etabliert, die für ihr Engagement in diesem Bereich vielfach ausgezeichnet wurde. Aktuell beteiligen sich deutschlandweit mehr als 1000 Krankenhäuser an dem Surveillance-System – mit Erfolg: „Wir konnten zeigen, dass während einer Surveillance das Risiko für nosokomiale Infektionen in den beteiligten medizinischen Einrichtungen sinkt“, berichtet Prof. Geffers. Wirksame Maßnahmen gegen Infektionen finden Außerdem untersucht Christine Geffers, welches die größten Risikofaktoren für eine Krankenhausinfektion sind und mit welchen Maßnahmen sie sich am wirksamsten verhindern lassen. So konnte sie zeigen, dass Katheter – zum Beispiel in der Vene – ein entscheidender Risikofaktor für Infektionen sind. An diesen Risikofaktoren kann dann die Prävention ansetzen. Doch welche Maßnahmen zur Prävention sind wirklich effektiv? Auch hier liefern die Studien von Prof. Geffers und dem Team des Hygiene-Instituts Antworten: Sie konnten beispielsweise nachweisen, dass verschiedene Reinigungs- und Desinfektionsmethoden oder die Verwendung von täglichen antiseptischen Körperwaschungen bei Intensivpatienten Infektionen verhindern können. „Die Erkenntnisse aus diesen Studien werden bereits erfolgreich in der Charité umgesetzt“, betont Prof. Geffers. Neue Instrumente, um Ausbrüche zu erkennen und zu verhindern Kommt es doch einmal zu einem Ausbruch von Erregern, muss umgehend gehandelt werden. Ein weiterer Schwerpunkt von Prof. Geffers Forschung liegt deshalb auf der Entwicklung von Instrumenten, mit denen sich Ausbrüche frühzeitig feststellen lassen. „Wir haben ein digitales Instrument hierfür entwickelt, das inzwischen erfolgreich an mehreren Kliniken in Deutschland eingesetzt wird“, erklärt Prof. Geffers. Neben ihrer Forschungstätigkeit berät Christine Geffers mit ihrem Team Kliniken zu Fragen der Infektionsprävention und zum Umgang mit multiresistenten Erregern. Der Hygieneleitfaden des Instituts stellt die Grundlage der Infektionsprävention an der Charité dar. Zur Infektionsprävention gehören auch praktische Trainings, wie sie Prof. Geffers künftig noch stärker etablieren möchte: Alltägliche Situationen auf einer Station werden mithilfe von Simulatoren nachgestellt und die Abläufe anschließend im Team ausgewertet. Digitalisierung kann Klinik und Lehre unterstützen In den nächsten Jahren will Prof. Geffers noch stärker auf Digitalisierung setzen. Sie entwickelt derzeit einen infektiologischen Qualitätsindikator, der mittels eines Algorithmus Infektionen in einem automatisierten Verfahren identifizieren kann. In einem weiteren Forschungsprojekt plant sie, bakterielle Erreger anhand der Bausteine im genetischen Code auf ihre Verwandtschaft zu untersuchen. Damit lassen sich Erkenntnisse über die Ausbreitung von Erregern gewinnen. Auch bei der Lehre liegt ihr die Digitalisierung am Herzen: „Die digitalen Lehr-Formate während der Pandemie haben gezeigt, dass einige der neu entwickelten eLearning-Angebote sehr gut von den Studierenden und den Dozierenden angenommen wurden. Diese Erfahrungen sind eine Chance, die wir unbedingt zur Integration innovativer Formate für die Lehre aufgreifen sollten“, sagt Prof. Geffers.
Digitale Charité: Erfolgreiche Nutzung der elektronischen Patientenakte 09-11-2023
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat als eine der ersten Unikliniken mit der standardisierten Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) begonnen. Mit dieser digitalen Anwendung der Telematikinfrastruktur (TI) erhalten Patient:innen zunächst insbesondere Arzt- und Entlassungsbriefe für die Weiterbehandlung in ihre ePA. Verwaltet und zur Einsicht freigegeben wird die digitale Akte ausschließlich von den Patient:innen selbst. So sind medizinische Informationen schneller und einfacher verfügbar. Ziel der Vernetzung ist es, die Qualität und die Sicherheit der Behandlungen für alle Patient:innen zu erhöhen. In der ePA der TI sind alle relevanten Gesundheitsdaten wie Untersuchungsbefunde und weitere Dokumente an einer Stelle digital zusammengefasst und jederzeit verfügbar. Behandelnde Ärzt:innen können daraus einen schnellen Überblick über die Krankengeschichte ihrer Patient:innen erhalten. Da die ePA eine patientengeführte Akte ist, entscheiden die Nutzer:innen selbst, welche und wie lange Kliniken und Praxen Zugriff auf ihre freigegebenen ePA-Daten haben und welche Einrichtungen Daten übertragen dürfen. Zudem sind die persönlichen Gesundheitsdaten sicher auf Servern in Deutschland geschützt und unterliegen europäischen Datenschutzbestimmungen. „Wir haben die ePA inzwischen bis auf wenige Ausnahmen in allen Bereichen der Charité ausgerollt. Mit der Einführung soll zusätzlich zur engeren Vernetzung sowie der Optimierung der Gesundheitsversorgung und einer Verbesserung der Behandlungsqualität auch der häufig zeitintensive Beschaffungsaufwand von relevanten Befunden reduziert werden“, erklärt Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung. Er fügt hinzu: „Mit der TI-ePA werden erstmals auch Patient:innen direkt in die Nutzung klinischer Dokumente und Daten einbezogen. Dies ist schon länger ein erklärtes Ziel der Charité.“ In der Charité wurden bereits erste Daten erfolgreich in elektronische Patientenakten übertragen: „Unsere ersten Erfahrungen zeigen jedoch, dass viele Patient:innen der Nutzung ihrer ePA durch die Charité zustimmen, tatsächlich aber gar keine ePA besitzen oder die Zugriffsberechtigung für die Charité noch nicht erteilt haben. Dies zeigt, dass die Aufklärungsarbeit von allen Seiten intensiviert werden muss. Wir beteiligen uns daran und erfragen beispielsweise proaktiv die ePA-Nutzung und geben Informationsmaterialien aus. Für die Verbesserung unserer Nutzungsprozesse brauchen wir Feedback aus der Praxis– von ‚echten‘ Patient:innen und klinischen Anwender:innen“, führt Prof. Kreis weiter aus. Derzeit könnten 74 Millionen gesetzlich Versicherte diese Technik schon nutzen, doch weniger als ein Prozent tun dies bereits. In anderen europäischen Ländern ist das System in die medizinische Versorgung integriert und die App wird seit einigen Jahren flächendeckend eingesetzt. Spitzenreiter sind dabei Dänemark, Finnland und Schweden. Prof. Kreis fasst zusammen: „Die Zurückhaltung in Deutschland könnte unter anderem an der aufwendigen Anlage der ePA sowie der technischen Komplexität der TI liegen. Um die Patient:innen umfänglich über die Vorteile der ePA aufzuklären, wäre es hilfreich, wenn auch Krankenkassen, Politik und Leistungserbringer noch intensiver und zielorientierter dazu informieren würden.“
Sonntagsvorlesung „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“ 07-11-2023
Wir alle wünschen uns ein gutes Gedächtnis und maximale Konzentrationsfähigkeit bis ins hohe Alter. Doch warum nimmt die Vergesslichkeit im Laufe des Lebens zu? Was kann ich selbst tun, um mein Gedächtnis länger fit zu halten? Und was ist der Unterschied zwischen Demenz und Alzheimer? In der Sonntagsvorlesung am 12. November geht es um altersbedingte Veränderungen der Gedächtnisleistung und verschiedene Formen von Demenzerkrankungen. Prof. Dr. Oliver Peters und Privatdozent Dr. Julian Hellmann-Regen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin informieren über diagnostische Methoden und die spezialisierte Gedächtnissprechstunde. Zudem sprechen sie über moderne Therapiemöglichkeiten und wie eine frühzeitige Behandlung die Lebensqualität der Betroffenen und ihres Umfelds verbessern kann. Darüber hinaus geben die Experten Tipps zur Prävention, erklären neueste Erkenntnisse aus der Forschung und berichten über aktuelle Studien. Die Sonntagsvorlesung „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“ findet statt am 12. November um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Ankündigungsvideo Mehr zu den Inhalten erzählt Prof. Peters im Kurzvideo. Sonntagsvorlesung nachgehört Die Vorlesung kann im Nachhinein als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Neu bei „Sonntagsvorlesung nachgehört“ sind die Vorlesungen „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“ und „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“. Zur Sonntagsvorlesung Mit der Neuauflage der Sonntagsvorlesungen wurde 2008 eine mehr als 30-jährige Tradition der Charité neu belebt, die am 13. März 1977 erstmals ins Leben gerufen worden war. Ziel der Vorlesungen ist es, der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig neueste Informationen zu verschiedensten medizinischen Themen zu präsentieren. Dabei sprechen Expert:innen der Charité über Diagnostik, Therapie und Prävention sowie Forschungsprojekte und aktuelle Erkenntnisse.
Prof. Dr. Kroemer bleibt Vorstandsvorsitzender der Charité 01-11-2023
Die Aufsichtsratsvorsitzende der Charité, Wissenschaftssenatorin Dr. Ina Czyborra, und Prof. Dr. Heyo K. Kroemer haben heute den Vertrag für die zweite Amtszeit von Prof. Kroemer als Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin abgeschlossen. Der Pharmakologe verantwortet seit vier Jahren die Geschicke von Deutschlands größter Universitätsmedizin. Der Aufsichtsrat der Charité hatte Ende September beschlossen, ihn vorfristig für eine zweite Amtszeit zu bestellen. Als Vorstandsvorsitzender vertritt Prof. Kroemer die Charité in allen Angelegenheiten. Er verantwortet die Unternehmensentwicklung und achtet auf die Integration der unterschiedlichen Unternehmensziele sowie den Interessenausgleich zwischen klinischen und wissenschaftlichen Erfordernissen. In die erste Amtszeit von Prof. Kroemer fiel die strategische Neuausrichtung der Charité mit der im Herbst 2020 vorgelegten Unternehmensstrategie „Wir denken Gesundheit neu. Charité 2030“. Hintergrund der Strategie sind die großen Herausforderungen und der weiter zunehmende Veränderungsdruck, vor dem das Gesundheitssystem in Deutschland in den kommenden Jahren steht. Das Umfeld der Charité wird sich massiv wandeln und damit die künftige strategische Positionierung der Charité stark beeinflussen. Hierfür bildet das Konzept die zukunftsorientierte Basis für anstehende Entscheidungen des Vorstandes. Wichtige weitere Themen der ersten Amtszeit waren insbesondere die Integration des Berlin Institute of Heath (BIH) 2021 und des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) 2023 in die Berliner Universitätsmedizin. Besonders geprägt waren die vier Jahre der ersten Amtszeit durch die COVID-19-Pandemie und die Auswirkungen auf Krankenversorgung sowie Forschung und Lehre. Die Charité war als sogenanntes Level-I-Krankenhaus für Berlin und Brandenburg intensiv in die Versorgung besonders schwer an Corona erkrankter Patient:innen eingebunden. Prof. Kroemer engagierte sich zudem als Vorsitzender des Corona-ExpertInnenrats der Bundesregierung. In insgesamt zwölf veröffentlichten Stellungnahmen hatte das Gremium Empfehlungen gegeben, die in die politischen Entscheidungen eingeflossen sind. Er ist außerdem Mitglied der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Im Juni hat Prof. Kroemer turnusgemäß in London die Präsidentschaft der European University Hospital Alliance (EUHA) übernommen. Dr. Ina Czyborra, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Charité und Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin, erklärt: „Ich freue mich sehr, dass Prof. Dr. Heyo K. Kroemer dem Vorstand der Charité auch nach dem Jahr 2024 für weitere fünf Jahre zukunftsorientiert vorsitzen wird. Im Senat von Berlin sind wir uns einig, dass er für diesen wichtigen Posten der Richtige ist. Herr Prof. Kroemer hat bereits in den vergangenen Jahren als Vorstandvorsitzender der Charité bewiesen, dass er mehr als in der Lage ist, unsere international renommierte Universitätsmedizin mit ihren vier Standorten zu leiten. Das ist keine leichte Aufgabe. In den nächsten Jahren stehen wir vor der Herausforderung, die Universitätsmedizin auf den Gebieten der Patientenversorgung, der Forschung und auch der Lehre in Zeiten von Personalknappheit in die Zukunft zu führen. Dabei spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Auf diesem Weg und auch bei der Umsetzung der Krankenhausreform wird Herr Prof. Kroemer für uns ein wichtiger Partner sein.“ Stefan Evers, Bürgermeister und Senator für Finanzen des Landes Berlin, teilt mit: „Es ist eine gute Nachricht für Berlin, dass Prof. Dr. Heyo K. Kroemer Vorstandsvorsitzender der Charité bleibt. Mit seiner bisherigen, oft visionären Arbeit hat er sich um unsere Stadt und um die Charité in vielfacher Weise verdient gemacht. Ich bin mir sicher, er wird die Charité in den bevorstehenden, herausfordernden Zeiten zukunftsweisend leiten, mit Fachkompetenz, Weitsicht und der ihm eigenen Innovationskraft.“ Prof. Dr. Heyo K. Kroemer erklärt: „Ich danke dem Aufsichtsrat und dem Senat Berlin für das ausgesprochene Vertrauen. Ich freue mich sehr, in den nächsten Jahren gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden und den Mitgliedern des Vorstands die Zukunft der Charité gestalten zu dürfen. Vor uns liegen große Herausforderungen. Dazu zählen die wirtschaftliche Lage der universitären Medizin und die Finanzierung der Krankenversorgung, aber auch die älter werdende Gesellschaft, die neben der Versorgung einer größer werdenden Zahl älterer Menschen auch mit einem zunehmenden Fachkräftemangel im Gesundheitssektor einhergeht. Zugleich bestehen durch das Vorantreiben der Digitalisierung, die Integration von BIH und DHZC in die Charité sowie die Umsetzung der Strategie Charité 2030 große Chancen. Dafür benötigen wir das Engagement und die Kenntnis aller Mitarbeitenden. Wir können bei allen Schwierigkeiten optimistisch nach vorne schauen, zusammen können wir die Zukunftsaufgaben meistern.“
Kindesmissbrauch durch Prävention auf Täterseite zuvorkommen 24-10-2023
Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch konzentriert sich oft auf Kinder, Familien, Fachkräfte oder andere Menschen, die helfen können. Der Fokus liegt dabei auf den potenziellen Opfern. Prävention kann aber auch bei Personen ansetzen, die ein erhöhtes Risiko haben, sexuell übergriffig zu werden. Genau das will ein an der Charité – Universitätsmedizin Berlin geleitetes Projekt: STOP-CSAM – Scalable Technology for Online Prevention of CSA and CSAM. Es handelt sich dabei um ein Online-Präventionsprogramm, das sich an Personen richtet, die sexuelles Interesse an Kindern haben und damit verantwortungsvoll umgehen möchten. Unterstützt wird das Vorhaben von der Europäische Kommission für zwei Jahre mit rund 1,3 Millionen Euro. Die Verbreitung von Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs, auch als CSAM – Child Sexual Abuse Material – oder Kinderpornografie bezeichnet, ist in den vergangenen Jahren vor allem im Internet enorm angestiegen. Allein für das vergangene Jahr verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) in Deutschland einen Anstieg um sieben Prozent auf 42.075 registrierte Fälle von Missbrauchsdarstellungen von Kindern im Netz. Die zuständigen Behörden verfügen nur über begrenzte Möglichkeiten, Verdächtige aufzuspüren, ausreichende Beweise für kriminelle Aktivitäten zu sammeln und Verfahren einzuleiten. Viele dieser Straftaten bleiben unentdeckt. „Es ist dringend notwendig, die verursacherbezogene Prävention zu verbessern und auszuweiten, um eine Verbreitung und Nutzung von Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs zu verringern“, erklärt Prof. Dr. Dr. Klaus Beier, der das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité wie auch das neue Projekt STOP-CSAM leitet. Für vorangegangene Initiativen zur Missbrauchsprävention, insbesondere die Initiative „Kein Täter werden“, erhielt er 2017 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Anonymer, kostenfreier Therapeuten-Chat Wer sich sexuell von Kindern angezogen fühlt, hat ein höheres Risiko, Übergriffe zu begehen. Eine Möglichkeit, Kindesmissbrauch vorzubeugen besteht darin, Menschen mit dieser Neigung gezielte Hilfe anzubieten. Sie sollen in die Lage versetzt werden, sexuelle Impulse verantwortungsvoll zu kontrollieren und davon abgehalten werden, Missbrauchsabbildungen anzusehen. Das Projekt, an dem neben der Charité spezialisierte Einrichtungen in Tschechien, Spanien, Portugal und Deutschland beteiligt sind, trägt mit seinem individualisierten Angebot europaweit zu einer Prävention bei, in deren Zentrum nicht die Opfer, sondern potenzielle Täter stehen. „Neu an unserem Vorgehen ist, dass die Wirksamkeit des therapeutischen Chats mit den Teilnehmenden über ein randomisiert-kontrolliertes Studiendesign erforscht und darüber hinaus die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz zur Unterstützung der Therapeutinnen und Therapeuten untersucht werden“, sagt Prof. Beier. Raum für die Entwicklung anderer Verhaltensweisen Menschen mit einem erhöhten Risiko können vorbeugend einen terminbasierten interaktiven Therapeuten-Chat-Service in Anspruch nehmen. Dieses anonyme, kostenfreie und vertrauliche Angebot wird von qualifizierten Therapeut:innen betreut und wird in den Sprachen Englisch, Deutsch, Tschechisch, Portugiesisch und Spanisch verfügbar sein.
Sonntagsvorlesung „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“ 18-10-2023
Müdigkeit, Herzstolpern, Luftnot und Brustschmerzen können Anzeichen für eine Herzmuskelentzündung sein. Doch wie entsteht eine Myokarditis und wie kann sie zuverlässig diagnostiziert und behandelt werden? In der Sonntagsvorlesung am 22. Oktober geht es um Kardiologie und die Entzündung des Herzmuskels. Privatdozentin Dr. Bettina Heidecker und Dr. Phillip Suwalski von der Klinik für Kardiologie am Campus Benjamin Franklin, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC), sprechen über die umfassende Diagnostik und Therapie der Myokarditis. Sie erläutern, was wir präventiv tun können und welche potenziellen Risikofaktoren wir besser vermeiden sollten. Zudem erklären sie verschiedene Mythen und zeigen auf, was Virusinfekte oder zu viel Sport mit einer Herzmuskelentzündung zu tun haben können. Darüber hinaus thematisieren Dr. Heidecker und Dr. Suwalski weitere Erkrankungen, die die Herzfunktion beeinträchtigen, und stellen aktuelle Studien sowie neueste Forschungsergebnisse vor. Mehr zu ihrer Sonntagsvorlesung erzählen Dr. Heidecker und Dr. Suwalski im Kurzvideo. Die Sonntagsvorlesung „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“ findet statt am 22. Oktober um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Die Vorlesung kann im Nachgang als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden.
Charité arbeitet enger mit Karolinska Institutet und Karolinska University Hospital zusammen 17-10-2023
Um ihre Zusammenarbeit weiter zu vertiefen, hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin mit dem Karolinska Institutet sowie dem Karolinska University Hospital in Stockholm, Schweden, ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Die Einrichtungen wollen künftig in vielen Bereichen noch stärker kooperieren. Dazu gehören unter anderem der Austausch von Wissen, Studierenden und Mitarbeitenden sowie die Zusammenarbeit bei der globalen Gesundheitsforschung, der Präzisionsmedizin, der Telemedizin und klinischen Studien. Profitieren sollen Patientinnen und Patienten, Mitarbeitende und Forschende gleichermaßen. Digitalisierung, Fachkräftemangel und der rasante wissenschaftliche Fortschritt – die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung und -forschung sind in Schweden und Deutschland ähnlich. Hier setzen die drei Häuser mit ihrer verstärkten Kooperation an. Neue Strategien für die Gesundheitsversorgung der Zukunft Zu den Prioritäten der Kooperation der Charité mit dem Karolinska University Hospital werden neue Strategien für die Gesundheitsversorgung der Zukunft zählen. „Um künftig Personal zu gewinnen, auszubilden und zu halten, sind innovative Lösungen gefragt. Auch bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung können wir von einem Austausch und gemeinsamen Projekten profitieren“, sagt Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Die Unterzeichnung des Memorandum of Understanding mit dem Karolinska University Hospital ist daher ein wichtiger Schritt, um den Weg für Kooperationsprogramme oder die Entwicklung telemedizinischer Betreuungsprogramme zu ebnen.“ Außerdem sollen gemeinsame klinische Studien aufgesetzt werden, insbesondere zu Zell- und Gentherapien. Die Kooperationserklärungen wurden am heutigen Dienstag, den 17. Oktober, im Rahmen des World Health Summit unterzeichnet. Der World Health Summit ist die weltweit führende internationale Konferenz zu globaler Gesundheit. Globale Gesundheitsprobleme zusammen angehen „Ich freue mich sehr, dass wir durch das Memorandum of Understanding die Beziehungen zum Karolinska Institutet weiter vertiefen können“, sagt Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité, der als Fakultätsleiter das Memorandum unterzeichnete. „Durch den Austausch von Studierenden, Mitarbeitenden und Wissen wollen wir in unterschiedlichen Bereichen voneinander lernen – dazu gehört auch der Best-Practice-Austausch zu Forschung und Hochschulmanagement“, so Spranger. Weitere Schwerpunkte der Kooperationserklärung sind die globale Gesundheitsforschung, die Krebsforschung, Präzisionsmedizin und Künstliche Intelligenz. Bei gemeinsamen Forschungsprojekten wollen die Fakultäten Ressourcen, Fachwissen und Technologien gemeinsam nutzen. Wissensaustausch in Lehre, Forschung und Patientenversorgung Das Karolinska Institutet ist eine der weltweit führenden medizinischen Universitäten und leistet den größten Einzelbeitrag zur akademischen medizinischen Forschung in Schweden. Es bietet das landesweit breiteste Ausbildungsspektrum in Medizin und Gesundheitswissenschaften. Das Karolinska University Hospital hingegen konzentriert sich auf die Betreuung von Patient:innen, die Ausbildung von Gesundheitspersonal und die Durchführung von Studien. Beide Einrichtungen arbeiten auf vielen Ebenen eng zusammen. Wie Forschung, Lehre und Patientenversorgung in beiden Ländern noch stärker verzahnt werden können, soll ebenfalls Gegenstand des Wissensaustauschs sein. Schon heute kooperieren die Einrichtungen in Berlin und Stockholm in vielen Bereichen: So arbeiten beispielsweise Prof. Dr. Stefan Swartling Peterson vom Karolinska Institutet und Prof. Dr. Beate Kampmann, Wissenschaftliche Leiterin des Charité Center for Global Health, gemeinsam daran, die akademischen Einrichtungen in Subsahara-Afrika besser miteinander zu vernetzen, insbesondere im Bereich der Impfstoff-Entwicklung. Ziel des globalen Gesundheitsprojekts ist es, aus den Erfahrungen der COVID-19-Pandemie zu lernen und die von Afrika ausgehenden Initiativen zur lokalen Produktion von Impfstoffen und Medikamenten in dieser Region zu unterstützen. Auch beim EU-Projekt TEF-Health (Testing and Experimentation Facility for Health AI and Robotics) arbeiten Charité und Karolinska Institutet eng zusammen. Das in Berlin koordinierte Projekt will innovative Ansätze aus der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Robotik im Gesundheitswesen prüfen und schneller zur Marktreife bringen. Das Karolinska University Hospital und die Charité betreiben ebenfalls mehrere gemeinsame Projekte, insbesondere im Bereich des Krankenhausmanagements. Diese widmen sich beispielsweise den Folgen der COVID-19-Pandemie, Konzepten für Industriepartnerschaften sowie der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Beide Einrichtungen sind Gründungsmitglieder der European University Hospital Alliance, wo sie in zahlreichen Arbeitsgruppen zusammenarbeiten, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern und die europäischen Gesundheitssysteme nachhaltiger zu gestalten.
Wie die Zukunft der Pflegeberufe in Deutschland aussehen muss 13-10-2023
Der Mangel an Fachkräften in den Gesundheitsberufen und der demographische Wandel stellen die Gesundheitssysteme weltweit vor große Herausforderungen. Für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung sind daher grundlegende Veränderungen notwendig. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin will diese Herausforderungen strukturell angehen. Dafür hat sie mit weiteren deutschen Kliniken ein Positionspapier zur Professionalisierung der Pflege mit zeitgemäßen Berufs- und Kompetenzmodellen formuliert. Das Thema wird zudem erstmals auf dem World Health Summit (WHS) aufgegriffen. Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité, tauscht sich in einer Podiumsdiskussion mit internationalen Expert:innen zum Umdenken in den Pflegeberufen aus. Die Charité möchte aktiv neue Wege gehen, um dem Mangel an Pflegefachkräften zu begegnen und die Qualität der Pflege weiterzuentwickeln. Aktuell geplante gesetzliche Reformen bieten eine Chance, die strukturell erforderlichen Veränderungen gesetzlich zu verankern und den Einstieg in die internationale Anschlussfähigkeit der Pflegeberufe in Deutschland zu sichern. Die Berliner Universitätsmedizin engagiert sich seit vielen Jahren, die Qualität der Gesundheitsversorgung durch gute Bedingungen in der Pflege zu unterstützen. Dazu gehören beispielsweise die bessere Versorgung der Patient:innen durch ein tariflich geregeltes, angemessenes Verhältnis von Pflegefachpersonen zu Patient:innen (Nurse-to-Patient Ratio), die Schaffung von Rollen für akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, wie zum Beispiel die „Endometriose Nurse“, und den erfolgreichen Aufbau des Studiengangs Bachelor Pflege. Vorstandsmitglied Carla Eysel sieht die Erfolge als wichtigen Schritte an und weiß, dass es über strukturelle Veränderungen gelingen muss, weitaus mehr Fachkräfte für eine zukunftsfähige Krankenversorgung zu begeistern und zu gewinnen: „Um international anschlussfähig zu sein, die Berufsflucht zu reduzieren, den Beruf attraktiv zu gestalten und so auch die vielen internationalen Pflegekräfte gut zu integrieren, die wir benötigen, um die Lücke von rund 35.000 Pflegefachpersonen im deutschen System zu schließen, braucht es einen eigenen Handlungsrahmen für akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, der über die heutigen Regelungen im Pflegeberufegesetz hinausgeht. Wir möchten gemeinsam mit anderen Kliniken konkrete und umsetzbare Vorschläge unterbreiten und sehen im Krankenhaustransparenzgesetz und im Klinikreformgesetz eine geeignete Möglichkeit.“ Patient:innen erhalten über das neue Transparenzregister die Möglichkeit, sich über die Qualität der Versorgung der einzelnen Kliniken zu informieren und gute Pflege ist ein wichtiger Qualitätsindikator. Mit der Aufnahme von Qualitätsindikatoren wie dem Ausbildungsstand sowie der Pflegepersonalausstattung in das Register lässt sich ein Anreiz schaffen, die Quoten akademisch qualifizierter Pflegfachpersonen zu steigern. Eine angemessene Ausstattung des stationären Bereichs mit Pflegefachpersonen ist für Patient:innen gut nachzuvollziehen und hat in Ländern, in denen sie als Nurse-to-Patient Ratio eingeführt wurde, bereits nachweislich zur Qualität der Krankenversorgung beigetragen. „Nur durch die Festlegung international anschlussfähiger Standards, die den regionalen Bedürfnissen und Bedingungen Rechnung tragen, können wir die Exzellenz der Pflege, und auch die Attraktivität des Berufs sichern, die notwendig ist, um den aktuellen Standard an medizinischer Versorgung für die Zukunft zu sichern“, ergänzt Carla Eysel. Rollenbilder und Kompetenzen der Pflege Die Charité hat im Frühjahr einen Austausch mit Kolleg:innen und Expert:innen aus dem In- und Ausland zur Rolle der Pflege und ihrer Professionalisierung gestartet. Dabei wird deutlich, dass andere Länder schon jetzt Modelle der Einbindung der Pflegeprofession im Gesundheitssystem erfolgreich vorleben. Der Pflegeberuf wird dadurch wesentlich attraktiver und bietet größere Chancen für die berufliche Weiterentwicklung. Carla Eysel betont: „Die Berufsausbildung in Deutschland ist eine gute Grundlage für ein durchlässiges System. Es fehlt in Deutschland aber am international üblichen autonomen Handlungsrahmen für akademisch über Bachelor- und Masterabschlüsse qualifizierte Pflegefachpersonen. Die heutigen Regelungen des Pflegeberufegesetzes spiegeln im zulässigen Umfang in der Praxis ihre Kompetenzen nicht wider. Unseren Pflegekräften fehlt es an Autonomie, da sie beispielsweise nicht befugt sind, eigenständig zu impfen, Medikamente zu verschreiben und ab Master-Level Diagnosen zu stellen.“ Mögliche Lösungsstrategien sieht die von der Charité initiierte Gruppe daher in der Stärkung der Kompetenz und Autonomie von Pflegefachpersonen durch eine Ergänzung des Pflegeberufegesetzes. Der Grad der Autonomie richtet sich dabei nach dem erreichten Ausbildungsniveau. Ein angemessener Qualifikations- und Besoldungsmix entspricht den jeweiligen Anforderungen der einzelnen Stationen und Kliniken. So werden klinische Karrieremöglichkeiten für Pflegefachpersonen geschaffen, der Beruf wird attraktiv und internationale Fachkräfte können gut integriert werden. Im Rahmen des WHS wird das von der Gruppe um Carla Eysel erarbeitete Positionspapier zum Neudenken von Pflege in Kliniken an Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach überreicht. Die Podiumsdiskussion “Rethinking Nursing. New Roles and Competency Models Leading the Way Towards a Global Nursing Standard” findet statt am Sonntag, den 15. Oktober von 14:00 bis 15:30 Uhr. Die digitale Teilnahme per Livestream ist ohne vorherige Registrierung oder Anmeldung über den YouTube-Kanal des WHS möglich.
Doku-Serie zur Organspende: „Charité intensiv: Gegen die Zeit“ 12-10-2023
Mit einem Spenderorgan gelingt es, schwer kranken Menschen zu helfen und ihre Lebensqualität deutlich zu verbessern. Doch es gibt zu wenige Organspender:innen und bundesweit warten jährlich mehr als 10.000 Patient:innen auf eine Transplantation. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin gehört zu den Entnahmekliniken und hat den Filmschaffenden Carl Gierstorfer und Mareike Müller erneut die Türen der Intensivmedizin geöffnet: Die zweite Staffel „Charité intensiv: Gegen die Zeit“ zeigt in vier Folgen Betroffene und die behandelnden medizinischen Teams im Wettlauf gegen die Zeit. Die Doku-Serie ist ab heute, den 12. Oktober in der ARD-Mediathek zu sehen. Nach der ersten Staffel „Charité intensiv: Station 43“ während der Corona-Pandemie blickt die Serie erneut in den hochtechnisierten Bereich der Intensivmedizin. Die Doku thematisiert eine der drängendsten gesundheitspolitischen Fragen unserer Zeit anhand individueller Patientenschicksale an der Grenze von Leben und Tod. Begleitet wird dabei auch das medizinische Personal der Charité sowie des Paulinenkrankenhauses, in dem Patient:innen des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) vor und nach einer Herzoperation spezialisiert versorgt werden. Die komplexe Thematik wird aus verschiedenen Perspektiven der Patient:innen, ihrer Angehörigen und der interdisziplinären medizinischen Teams gezeigt. Die Serie gibt Einblicke in die Zeit des Wartens auf ein Spenderorgan und bleibt dabei dokumentierend nüchtern – die Zuschauer:innen können sich ihr eigenes Bild machen. Die Organspende ist in Deutschland durch das Transplantationsgesetz geregelt, das die Bereiche Organspende, Organvermittlung und Organübertragung streng voneinander trennt, um Interessenskonflikte auszuschließen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert und unterstützt die Prozesse der Feststellung des Hirntods der Spender:innen und der Organentnahme. Transplantationszentren, wie beispielsweise die Charité, führen die Organverpflanzung durch. Seit vielen Jahren zählt Deutschland bei der Spendenbereitschaft zu den Schlusslichtern in Europa, die Wartezeit für ein Spenderorgan kann daher deutlich variieren und bis zu mehreren Jahren dauern. Im Verbund Eurotransplant, der in acht europäischen Ländern die Spenderorgane an Wartende vermittelt, profitiert Deutschland von der Spendenbereitschaft seiner Nachbarn. Dennoch sterben jeden Tag zwei bis drei Menschen in Deutschland, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ erhalten. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Das heißt, Organe und Gewebe dürfen nur dann nach dem Tod entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung vor, sollen die Angehörigen entscheiden. Privatdozent Dr. Joachim Seybold, Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Charité, erklärt dazu: „Viele Angehörige sind unsicher und tun sich schwer damit, in solchen Ausnahmesituationen diese Entscheidung zu treffen. Es würde vielen wartenden Patient:innen helfen, wenn sich alle zu Lebzeiten ausdrücklich für oder gegen die Organspende entscheiden oder zumindest dokumentieren, dass sie sich nicht entscheiden wollen und dies den Angehörigen überlassen.“ Er ergänzt: „Um auch langfristig möglichst vielen Menschen auf der Warteliste durch eine Transplantation helfen zu können, müssen wir weiter Aufmerksamkeit schaffen und das Vertrauen in das System der Organspende und Transplantation stärken. Die Doku-Serie ist ein guter Anlass, sich umfasssend mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Die vierteilige Doku-Serie ist ab Donnerstag, den 12. Oktober in der ARD-Mediathek abrufbar. Am Mittwoch, den 25. Oktober sendet der rbb die Folgen 1 und 2 sowie am Mittwoch, den 1. November die Folgen 3 und 4, jeweils ab 21:00 Uhr im Abendprogramm. Darüber hinaus sendet die ARD am Montag, den 16. Oktober im Rahmen ihrer Reihe „die story“ um 21:45 Uhr den Film „Gegen die Zeit – Organmangel in Deutschland“, der auf der Doku-Serie basiert. „Charité intensiv: Gegen die Zeit“ ist eine Produktion von Docdays Productions im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).
Corona-Impfung: Körper baut Immungedächtnis in Organen auf 11-10-2023
Eine Impfung in den Oberarm – und der ganze Körper ist geschützt. Wie geht das? Zum einen produziert das Immunsystem Antikörper und Zellen, die im Blut durch den ganzen Organismus patrouillieren. Zum anderen, so zeigt es eine aktuelle Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin am Beispiel der Corona-mRNA-Impfstoffe, baut der Körper ein lokales Immungedächtnis in verschiedenen Organen auf. Der im Journal of Clinical Investigation* veröffentlichten Arbeit zufolge sind die Immungedächtniszellen in den Organen zahlreicher als im Blut und verfügen über verstärkte antivirale Abwehrfunktionen. Die Forschenden hatten es vermutet: Erkenntnisse aus dem Tiermodell deuten seit einiger Zeit darauf hin, dass die meisten Zellen des Immungedächtnisses nach einer Infektion nicht im Blut zirkulieren, sondern in den Organen ansässig werden und diese vor Ort schützen. Angenommen wird, dass das auch nach einer Impfung geschieht. Dies beim Menschen zu belegen, ist jedoch nicht trivial. „Dafür benötigt man Gewebe von vielen Personen mit bekannter und vergleichbarer Impfhistorie, die von dem Erreger möglichst noch nie infiziert wurden“, erklärt Prof. Dr. Katja Kotsch, Leiterin der Studie von der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie der Charité. Die Corona-Pandemie mit vielen durchgeführten Impfungen ermöglichte es nun, die nötigen Proben gewinnen zu können. Gedächtniszellen in Leber, Niere und Lunge Für die Studie untersuchten die Forschenden Gewebe aus unterschiedlichen Organen, das bei medizinisch notwendigen Operationen, beispielsweise zur Entfernung eines Tumors, anfiel. Die Proben stammten von 61 Menschen, die sich unabhängig von der OP einige Monate vor dem Eingriff zwei- bis dreimal mit einem mRNA-Vakzin gegen das Coronavirus hatten impfen lassen, die Infektion aber in der Mehrheit noch nicht durchgemacht hatten. Durch eine spezifische Stimulation und Anfärbung von Immunzellen gelang dem Forschungsteam in mehreren Geweben der Nachweis von sogenannten CD4-positiven T-Helferzellen, die gegen SARS-CoV-2 gerichtet waren. Diese Zellen des Immungedächtnisses sorgen dafür, dass andere Immunzellen passende Antikörper gegen den Erreger produzieren, sobald er im Körper entdeckt wird. Außerdem tragen sie vermutlich auch zur direkten Bekämpfung des Virus bei. Die Wissenschaftler:innen fanden die Immungedächtniszellen nicht nur in der Milz und dem Knochenmark, also Geweben, in denen Immunzellen standardmäßig reifen oder produziert werden, sondern auch in der Leber, Niere und Lunge. „Diese Daten bestätigen unsere Vermutung, dass der Körper nach einer Impfung ein über Monate stabiles Immungedächtnis auch in Geweben anlegt, die weit von der Injektionsstelle entfernt liegen“, sagt Dr. Arne Sattler, Immunologe im Team von Prof. Kotsch. Zusammen mit ihr hat er die korrespondierende Autorenschaft der Studie inne. „Gezeigt haben wir dies jetzt für die mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus, wir nehmen aber an, dass ähnliche Prozesse auch nach anderen Impfungen stattfinden. Der Beleg dafür steht jedoch noch aus, hierzu sind weitere Studien nötig.“ Organ-Immungedächtnis wird weitgehend unabhängig vom Alter angelegt Ein Vergleich mit Blutproben der Patient:innen ergab: In Niere, Leber und Lunge siedelten sich deutlich mehr Immungedächtniszellen an, als durch das Blut patrouillierten. Die Botenstoffe, die die organständigen Zellen ausschütteten, ließen außerdem auf besonders ausgeprägte antivirale Eigenschaften schließen. Dr. Sattler resümiert: „Unsere Daten zeigen, dass das Immungedächtnis in den Organen dem im Blut funktionell überlegen ist. Was das exakt für den Immunschutz der Organe bedeutet, ist nicht einfach abzuleiten, weil sich die genaue Schutzwirkung einzelner Immunzellen beim Menschen nicht gut bestimmen lässt. Beobachtungen im Tiermodell deuten aber darauf hin, dass solche lokal verankerten, potenten T-Zellen Erreger besser abwehren können.“ Und noch ein Unterschied zeigte sich zwischen dem Immungedächtnis in den Organen und dem Blut: Die Anzahl der schützenden Immunzellen, die sich in den Organen niederließen, war unabhängig vom Alter der geimpften Person ähnlich hoch. Im Gegensatz dazu zirkulierten bei Älteren im Blut weniger Immungedächtniszellen als bei jüngeren Patient:innen. „Bei alten Menschen legt der Körper also nach der Corona-Impfung ein zahlenmäßig ähnlich aufgestelltes Immungedächtnis in den Organen an wie bei jungen Menschen“, sagt Prof. Kotsch. „Nach unseren Daten überdauern die organständigen Gedächtniszellen mindestens einige Monate. Ob das Immungedächtnis sogar über Jahre im Gewebe stabil bleibt, ist Gegenstand weiterführender Untersuchungen.“
World Health Summit: Klimawandel und Pandemieprävention im Fokus 09-10-2023
Wie lassen sich Pandemien künftig verhindern? Wie können wir mit den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels umgehen? Beim World Health Summit vom 15. bis 17. Oktober geht es um die großen Fragen der globalen Gesundheit. Führende Expert:innen aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft kommen in Berlin und online zusammen, um Antworten zu diskutieren. Im Programm vertreten sind auch Wissenschaftler:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, wird bei einem Workshop über neue digitale Möglichkeiten im Bereich der Diagnostik, der Behandlung und des Managements von nichtübertragbaren Krankheiten (NCDs) sprechen. Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité, wird sich in ihrem Beitrag bei der Podiumsdiskussion „Rethinking Nursing“ dem Thema Pflegestandards widmen. Um die Lehren aus der COVID-19-Pandemie geht es in einer Keynote-Session, zu der Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité, als Redner eingeladen ist. Darüber hinaus sind weitere Vertreter:innen der Charité als Vorsitzende verschiedener Sessions dabei: So übernimmt Prof. Dr. Beate Kampmann, Direktorin des Instituts für Internationale Gesundheit der Charité und Wissenschaftliche Leiterin des CharitéCenter for Global Health, den Vorsitz sowohl bei einem Workshop zur Impfstoffherstellung in Afrika als auch bei einer Veranstaltung zu internationalen Forschungskooperationen. Prof. Dr. Petra Ritter, Direktorin der Sektion Gehirnsimulation am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité, ist Vorsitzende einer Podiumsdiskussion zum Thema Künstliche Intelligenz und Robotik in der globalen Gesundheit. Um den Zugang zu innovativen Krebsmedikamenten geht es in einem Workshop, bei dem Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie, zusammen mit Dr. Andreas Ullrich, Gastwissenschaftler an der Charité, den Vorsitz innehat. Das gesamte Programm mit mehr als 60 Sessions kann auch im Internet digital verfolgt werden. Internationaler Austausch und hochkarätige Redner:innen Der Kongress steht unter dem Motto “A Defining Year for Global Health Action“. Zu dem weltweit führenden Treffen für globale Gesundheit werden mehr als 300 Redner:innen in Berlin und online erwartet – unter anderem • Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité • Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité • Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité und Wissenschaftlicher Leiter des CharitéCenter for Global Health • Prof. Dr. Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit • Svenja Schulze, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung • Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz • Dr. Tedros A. Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Teilnahme vor Ort und digital Der World Health Summit findet vom 15. bis 17. Oktober statt. Weitere Informationen zur Teilnahme vor Ort und zur Registrierung gibt es auf der Konferenz-Website. Alle Sessions werden auch online übertragen. Der Stream ist kostenfrei und ohne vorherige Registrierung abrufbar. Die Links zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Online-Programm. Dort sind auch die Details zu den einzelnen Sessions, Themen und Redner:innen angegeben.
Prof. Dr. Kathrin Becker leitet Kieferorthopädie und Orthodontie 04-10-2023
Prof. Dr. Kathrin Becker hat zum 1. Oktober die W3-Professur für Kieferorthopädie angetreten. Damit ist zugleich die Leitung der Abteilung Kieferorthopädie und Orthodontie im CharitéCentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Campus Benjamin Franklin verbunden. Prof. Becker wechselt aus Düsseldorf an die Spree und folgt auf Prof. Dr. Paul-Georg Jost-Brinkmann, der die Professur seit 2004 innehatte und seit 2009 Leiter der Abteilung für Kieferorthopädie, Orthodontie und Kinderzahnmedizin war. Prof. Becker ist Fachzahnärztin für Kieferorthopädie sowie Informatikerin. Zuletzt war sie Oberärztin der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Düsseldorf. Die 37-Jährige freut sich auf den Wechsel an die Charité: „Die Universitätsmedizin der Charité zählt weltweit zu den herausragenden Kliniken und hat eine bedeutende Forschungslandschaft. Zudem bin ich selbst gebürtige Berlinerin und freue mich aus dem Grunde doppelt auf den Wechsel zurück in meine Heimatstadt.“ Sie ergänzt: „Ein wichtiges Ziel bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten – und auch in der Forschung – ist mir der Einsatz individualisierter Therapiekonzepte und Apparaturen. Mein Ziel ist es, nicht nur die bestmögliche Therapie anzubieten, sondern bestehende Konzepte stetig weiterzuentwickeln und zu verbessern. Hier bietet die Charité vielfältige Kooperationsmöglichkeiten.“ Zu den Forschungsschwerpunkten der Zahnmedizinerin und Informatikerin gehören unter anderem die skelettale Verankerung als ein modernes Therapiekonzept der Kieferorthopädie, die gesamte Bandbreite der digitalen Zahnmedizin, die Aligner-Therapie zur weitgehend unsichtbaren Behandlung von leichteren bis schweren Zahnfehlstellungen sowie im Bereich der Grundlagenforschung Analysen der Wechselwirkung von Oberflächen kieferorthopädischer Implantate, angelegten Kräften und dynamischen Änderungen der Knochenmikrostruktur. Ein besonderes Anliegen ist Prof. Becker zudem die Lehre und Förderung junger Zahnmediziner:innen: „Lehre soll Spaß machen, Neugierde wecken und effektiv sein. Hands-on Elemente und digitale Lernmodule zeigen sich als besonders effektiv bei der Ergänzung konventioneller Lehrveranstaltungen. Daran wollen wir anknüpfen und entsprechende Konzepte, Lernmodule und Workshops weiterentwickeln.“
Prof. Romagnani leitet das Institut für Medizinische Immunologie der Charité 04-10-2023
Prof. Dr. Chiara Romagnanis Forschungen zum angeborenen Immunsystem gelten als wegweisend. Zum 1. Oktober hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin die renommierte Wissenschaftlerin auf die Professur für Medizinische Immunologie berufen. Mit der Professur ist die Leitung des Instituts für Medizinische Immunologie verbunden, das eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung schafft. Bisher war Prof. Romagnani als Professorin für Immunologie mit Schwerpunkt Entzündung (Immunology of Inflammation) an der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie der Charité in Kooperation mit dem Leibniz-Institut Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin (DRFZ) tätig. In dieser Funktion hat sie die Forschungsgruppe Angeborene Immunität und den Leibniz WissenschaftsCampus Chronische Entzündung geleitet. Prof. Romagnani tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Hans-Dieter Volk an, der das Institut für Medizinische Immunologie bis 2021 geleitet hat. Parallel dazu erhält Prof. Romagnani eine BUA Joint Professorship in Kooperation mit der Freien Universität Berlin. „Ich freue mich, im Rahmen meiner Professur die Forschung zum angeborenen Immunsystem weiter zum Nutzen der Patient:innen vorantreiben zu können“, sagt Prof. Romagnani. „Mit meiner Arbeit möchte ich eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung schlagen und dafür sorgen, dass die Erkenntnisse schnell bei den Patientinnen und Patienten ankommen.“ Forschungsschwerpunkt angeborene Lymphozyten und natürliche Killerzellen Prof. Romagnani beschäftigt sich seit Beginn ihrer Forschungslaufbahn mit dem angeborenen Immunsystem, speziell mit den sogenannten Innate Lymphoid Cells (ILCs). Diese Zellen fördern die Wundheilung und Regeneration von Gewebe, spielen aber auch bei der Entstehung chronisch-entzündlicher Krankheiten eine zentrale Rolle. Ihrer Arbeitsgruppe ist es kürzlich gelungen, Signale zu identifizieren, die entweder entzündungsfördernde oder aber entzündungshemmende Programme in ILCs steuern. Nun möchte die Immunologin mit ihrem Team erproben, ob sich durch gezielte Beeinflussung der identifizierten Rezeptoren chronische Entzündungen lindern oder gar heilen lassen. Ein weiterer Schwerpunkt von Prof. Romagnanis Arbeit liegt auf der Erforschung natürlicher Killerzellen (NK-Zellen). Prof. Romagnani konnte zeigen, dass NK-Zellen die Fähigkeit haben, sich als Reaktion auf Virusinfektionen zu klonen und jahrelang im Menschen zu überleben. Bis dahin wurde angenommen, dass diese Eigenschaften nur für klassische Gedächtniszellen, die B- und T-Lymphozyten, gelten. In ihrem aktuellen Projekt, das durch einen Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) gefördert wird, untersucht Prof. Romagnani die molekularen Mechanismen, die die epigenetische Umstrukturierung, die klonale Selektion und die Aufrechterhaltung von NK-Gedächtniszellen steuern. Basierend auf diesem Wissen soll es möglich werden, Zellen gezielt zur Bekämpfung von Viren oder Tumorzellen einzusetzen.
Prof. Treskatsch übernimmt Professur für Anästhesiologie und Intensivmedizin 02-10-2023
Prof. Dr. Sascha Treskatsch hat zum 1. Oktober die W3-Professur für Anästhesiologie und Intensivmedizin angetreten. Damit ist zugleich die Leitung der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin (CBF) verbunden. Bisher hatte Prof. Treskatsch die W2-Professur für Anästhesiologie sowie die interimistische Leitung der Klinik inne. Er folgt nun auf Prof. Dr. Christoph Stein, der die Leitung seinerseits 1997 übernommen hatte. Prof. Treskatsch ist seit 2005 in der Charité und hatte 2018 die interimistische Leitung der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin am CBF übernommen. Zu seinen klinischen Schwerpunkten erklärt der gebürtige Nordrhein-Westfale: „Ich freue mich sehr auf das Team und die neuen Herausforderungen am CBF. Ich möchte hierbei für eine an Qualitätsindikatoren orientierte sowie patientenzentrierte Anästhesiologie und Intensivmedizin stehen. Mir ist es dabei wichtig, das Fachgebiet in seiner gesamten Komplexität inklusive der Aspekte Notfall-, Schmerz- und Palliativmedizin abzubilden.“ Dies konkretisiert der Facharzt für Anästhesiologie auch in seinen Forschungsinteressen: „Der demographische Wandel bringt insbesondere im perioperativen Bereich viele Herausforderungen mit sich. So wird es eine steigende Anzahl von Patient:innen mit vor allem kardiovaskulären Begleiterkrankungen geben, die sich einer Operation unterziehen müssen und möchten. Hierbei erforsche ich mit meinem Team Überlegungen zur perioperativen Risikoreduktion in einem translationalen Ansatz mit Fokus auf die Hämodynamik, Echokardiographie, neue Kommunikationssysteme und das kardiale Opioidsystem.“ Auch in der Lehre orientiert sich der 45-Jährige an qualitativ hochwertiger und patientenzentrierter Anästhesiologie und Intensivmedizin: „Im Kontext der universitären Lehre an der Charité mit einer Vielzahl an innovativen Studiengängen haben wir die einmalige Möglichkeit, die Medizin der Zukunft in Aus- und Weiterbildung zu gestalten. Der persönliche Austausch sowie die Verwendung moderner Technik, wie beispielsweise Videobrillen, machen Lehre ‘erlebbar' und damit nachhaltig.“
Leberfibrose: Riesenzellen springen ein, wenn die Immunfunktion ausfällt 28-09-2023
Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und der Cumming School of Medicine der Universität Calgary Es ist ein Kompensationsmechanismus der kranken Leber und er war bislang unbekannt: Verlieren Immunzellen in der Leber, die Kupffer-Zellen, durch eine Vernarbung des Gewebes ihre Funktion, strömen Immunzellen aus dem Knochenmark in das Organ und bilden größere Zellcluster, um ihre Aufgaben zu übernehmen. Wissenschaftler:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Medizinischen Fakultät der Universität Calgary konnten erstmals beobachten, wie die geschädigte Leber ihre bakterielle Filterfunktion aufrechterhält. Ihre grundlegenden Erkenntnisse sind im Fachmagazin Science* erschienen und können perspektivisch dazu beitragen, neue Therapien bei Leberschädigungen zu entwickeln. Die Leber ist ein erstaunliches Organ. Sie ist das zentrale Stoffwechselorgan des Körpers und sowohl für die Aufnahme von Nährstoffen als auch für den Abbau von Giften verantwortlich. Sie reguliert den Fett- und den Zuckerstoffwechsel, den Mineral-, Vitamin- und Hormonhaushalt. Sie ist in der Lage, sich selbst zu regenerieren. Und: Weniger bekannt, aber überlebenswichtig ist ihre Rolle als zentrales immunologisches Organ. Die Leber hat wesentlichen Anteil daran, unseren Blutstrom frei von Krankheitserregern, von Bakterien, Viren oder Pilzen, zu halten. Kommt es zu einer Sepsis, landläufig auch Blutvergiftung genannt, werden über 90 Prozent der Eindringlinge von der Leber herausgefiltert. Diese essenzielle Leistung des Organs wird durch eine spezialisierte Abwehrzelle erbracht – eine Fresszelle mit dem Namen Kupffer-Zelle, benannt nach dem deutsch-baltischen Anatomen Karl Wilhelm von Kupffer. Um ihre Filterfunktion zu erfüllen, sitzen Kupffer-Zellen in den kleinen Blutgefäßen der Leber, den Sinusoiden, und erhalten konstant Signale von Leberzellen und Zellen, die die Blutgefäße der Leber auskleiden. Bei schwerwiegenden Erkrankungen, allen voran chronischen Lebererkrankungen, führen Schädigungen der Leber zu einer Ansammlung von Narbengewebe, einer Fibrose, die die Funktionen des Organs einschränkt. Im fortgeschrittenen Stadium dieses Gewebeumbaus erfährt auch das Umfeld der Kupffer-Zellen fatale Veränderungen – die Folgen waren bislang ungeklärt. Diesem Phänomen ist ein Forschungsteam um den Immunologen Prof. Dr. Paul Kubes an der Cumming School of Medicine der Universität Calgary zusammen mit Kolleg:innen an der Charité auf den Grund gegangen, nicht zuletzt, um Patient:innen mit einer fibrotischen Leber künftig besser behandeln zu können. Chronische Lebererkrankungen nehmen weltweit stark zu. In Deutschland führen vor allem starker Alkoholkonsum und die Fettlebererkrankung zu Leberfibrose und ihrem Endstadium, der Leberzirrhose. Die Fettleber betrifft Schätzungen zufolge schon jetzt jeden vierten Menschen und hat ihre Ursache in Lebensgewohnheiten wie Überernährung und Bewegungsmangel sowie Erkrankungen wie Diabetes und Fettstoffwechselstörungen. Auch Infektionen oder genetische Ursachen können zu Leberfibrose führen. Obwohl es bereits gute Modelle für Lebererkrankungen gibt, konnte bisher noch niemand das Voranschreiten der Leberfibrose und die zentrale Filterfunktion währenddessen darstellen. Rolle des Immunsystems bei Leberfibrose in neuem Licht Genau das ist dem internationalen Team jetzt gelungen. Unter Einsatz einer neuartigen Mikroskopie-Technik, die es erlaubt, im lebenden Organismus zelluläre Funktionen im Detail zu beobachten, sowie weiteren Mikroskopie-Techniken haben die Forschenden die Funktion von Kupffer-Zellen im Tiermodell und in Gewebeproben von Patient:innen mit Leberzirrhose eingehend untersucht. Dabei konnten sie einen neuen Zelltyp ausmachen, den sie als Kupffer-Zell-ähnliche Synzytien bezeichnen. Es handelt sich um eine Art Riesenzellen – größere, mehrkernige Zellverbände, hervorgegangen aus herbeigeeilten Immunzellen des Knochenmarks. Dr. Moritz Peiseler, Wissenschaftler und Arzt an der Klinik für Hepatologie und Gastroenterologie der Charité sowie Erstautor der Studie, beschreibt, was im Zuge des narbigen Umbaus in der Leber geschieht: „Mehr und mehr Leberzellen sterben ab. Im gesamten Organ und um die kleinen Blutgefäße bildet sich Bindegewebe. Das Blut wird auf neue, erweiterte Gefäße innerhalb und außerhalb der Leber umgeleitet. Dadurch verlieren die Kupffer-Zellen den Kontakt mit ihrer Umgebung und verhalten sich schließlich nicht mehr so, als befänden sie sich in der Leber. Sie verlieren ihre Funktion, fangen keine Bakterien mehr aus dem Blut auf und Infektionen des Blutkreislaufs nehmen zu. Doch recht schnell infiltrieren spezialisierte Monozyten, Immunzellen aus dem Knochenmark, die Leber. Sie folgen den Umgehungsgefäßen und bilden Cluster, die groß genug sind, um Bakterien in den etwas größeren Gefäßen abzufangen.“ Eine lebensrettende Kompensation, ausgelöst durch das Mikrobiom, vermutlich das Mikrobiom des Darms. Die Kupffer-Zell-ähnlichen Gebilde übernehmen fortan die Filterfunktion der eigentlichen Kupffer-Zellen. Da sie in veränderten Blutgefäßen existieren müssen, passen sich die eingewanderten Immunzellen an. Sie bilden netzartige Strukturen und werden so zu einem effektiven mikrobiellen Filter. Welche molekularen Mechanismen an diesen Vorgängen beteiligt sind, konnten die Forschenden in ihrer Arbeit beschreiben. „Diese Erkenntnisse verändern die Art und Weise, wie wir über die Rolle des Immunsystems bei einer Leberfibrose denken“, befindet Studienleiter Prof. Kubes. „So war man bisher mitunter der Auffassung, dass Immunzellen aus dem Knochenmark daran gehindert werden sollten, in die Leber einzudringen. Wie unsere Untersuchung zeigt, könnte aber genau das schädlich sein. Statt die Immunfunktion bei einer fortgeschrittenen Erkrankung zu unterdrücken, könnte es sogar eine gute Idee sein, sie zu fördern.“ Grundlage für neuartige Therapien und Behandlung der Leberfibrose Die Studie wurde an drei großen Lebertransplantationszentren, unter ihnen die Charité, durchgeführt und hat gezeigt, dass die Vorgänge bei einer Leberfibrose beim Menschen ähnlich verlaufen, wie im Tiermodell beobachtet. Daher werfen die Entdeckungen grundsätzliche Fragen für die Behandlung von Patient:innen mit fibrotischer Leber auf. Einer der Hauptgründe, weshalb Patient:innen mit Leberzirrhose versterben, ist eine Infektion. Gleichzeitig leiden viele Erkrankte an teils fortgeschrittener Lebervernarbung, ohne dabei ein erhöhtes Infektionsrisiko zu haben. „Wir vermuten, dass die Leber bis zu einem gewissen Schädigungsgrad durch die Rekrutierung der Kupffer-Zell-ähnlichen Synzytien ihre Funktion aufrechterhält. Letztlich ist ja auch die Lebervernarbung ein evolutionär vorteilhafter Mechanismus, mit dem ein geschädigtes Organ das Überleben sichert. Daher macht es durchaus Sinn, dass sich auch das Immunsystem anpasst“, erklärt Dr. Peiseler, der unter anderem durch das Clinician Scientist Programm der Charité und des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) unterstützt wird. Die aktuelle Untersuchung trägt zu einem besseren Verständnis bei, wie der wichtigste mikrobielle Filter des Körpers beim Entstehen von Lebererkrankungen funktioniert – eine Grundlage, um neuartige Therapien zu entwickeln. Die ursprünglichen Kupffer-Zellen verhalten sich durch den fehlenden Kontakt mit der Umgebung nicht mehr wie Immunzellen der Leber. Es wäre also denkbar, ihren Identitäts- und damit Funktionsverlust zu verhindern. Auch ist jetzt bekannt, auf welche Weise die Leber auf krankhafte Veränderungen reagiert. Diesen Prozess zu fördern, könnte Patient:innen schützen. Denn eine verbesserte mikrobielle Filterfunktion senkt das Risiko, an einer Leberzirrhose zu versterben und kann den Zeitpunkt einer Lebertransplantation – die derzeit einzige Behandlungsmöglichkeit – hinauszögern.
Abnahme der Artenvielfalt kann Verbreitung von Viren begünstigen 26-09-2023
Wie hängen Umweltveränderungen, Artensterben und die Ausbreitung von Krankheitserregern zusammen? Die Antwort darauf gleicht einem Puzzle. Ein Puzzlestück haben Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin nun im Fachmagazin eLife* beschrieben: Sie zeigen, dass die Zerstörung tropischer Regenwälder die Vielfalt an Stechmückenarten vermindert. Gleichzeitig werden widerstandsfähige Stechmückenarten häufiger – und damit auch deren Viren. Gibt es von einer Art viele Exemplare, können sich deren Viren schnell verbreiten. In ihrer Studie haben die Wissenschaftler:innen der Charité in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht, wie sich die Abholzung von Regenwald und die Umwandlung dieser Flächen in Kaffee- und Kakaoplantagen oder Dörfer auf das Vorkommen und die Artenvielfalt von Stechmücken und deren Viren auswirken. Die Studie, die damit die Fachgebiete der Virologie und Biodiversitätsforschung vereint, entstand unter Federführung von Prof. Dr. Sandra Junglen, Leiterin der Arbeitsgruppe „Ökologie und Evolution von Arboviren“ am Institut für Virologie der Charité. Für die Forschungsarbeit haben die Wissenschaftler:innen zunächst Stechmücken in der Gegend des Taï-Nationalparks an der Elfenbeinküste gefangen. Hier gibt es eine große Bandbreite an Landnutzungsarten – von ungestörtem Regenwald über Sekundärwald, Kakao- und Kaffeeplantagen bis hin zu Dörfern. „Die gefangenen Stechmückenarten haben wir identifiziert und auf Virusinfektionen getestet“, erklärt Prof. Junglen. „Dann haben wir geschaut, wie sich in den unterschiedlichen Landnutzungstypen die Zusammensetzung an Stechmückenarten unterscheidet, wo bestimmte Viren vorkommen und wie häufig diese sind.“** Widerstandsfähige Stechmückenarten können sich durchsetzen In einem gesunden Ökosystem wie einem intakten Regenwald gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Viren. Das liegt vor allem daran, dass es hier eine große Vielfalt an Tieren gibt, die als Träger der Viren – sogenannte Wirte – infrage kommen. Denn Viren sind immer an ihre Wirte gebunden. Wird das Ökosystem verändert, betrifft das auch die Viren, erklärt Prof. Junglen: „Wir entdeckten 49 Virenarten. Die größte Vielfalt an Wirten und Viren haben wir in unberührten und nur leicht gestörten Lebensräumen beobachtet.“ Die meisten der 49 Virenarten kamen in den untersuchten Gebieten relativ selten vor. Neun Virusarten wurden jedoch häufig in mehreren Lebensräumen gefunden, wobei das Vorkommen von fünf Virenarten in gestörten Lebensräumen zunahm und in Dörfern am höchsten war. „Das bedeutet, dass die Abholzung des tropischen Regenwaldes zu einer Abnahme der Vielfalt an Stechmückenarten führt und sich somit die Zusammensetzung an Wirtsarten verändert. Einige widerstandsfähige Stechmückenarten haben sich auf den gerodeten Flächen stark vermehrt und mit ihnen ihre Viren“, erklärt Prof. Junglen. Wie sich eine Artengemeinschaft zusammensetzt, hat also direkte Auswirkungen auf das Vorkommen von Viren: „Wenn eine Wirtsart sehr häufig ist, dann erleichtert das die Ausbreitung von Viren“, sagt die Virologin. Alle Viren, die häufiger vorkamen, wurden in einer bestimmten Stechmückenart nachgewiesen. Die Viren gehören zu unterschiedlichen Familien und haben verschiedene Eigenschaften. „Damit konnten wir zum ersten Mal nachweisen, dass die Verbreitung der Viren nicht auf eine enge genetische Verwandtschaft zurückzuführen ist, sondern auf die Eigenschaften ihrer Wirte – also insbesondere auf jene Stechmückenarten, die gut mit veränderten Umweltbedingungen in gestörten Lebensräumen zurechtkommen.“ Neue Einblicke in die Dynamik von Infektionskrankheiten Zwar infizieren die gefundenen Viren nur Stechmücken und können – nach jetzigem Stand – nicht auf Menschen übertragen werden. Sie sind aber dennoch als Modell hilfreich, um zu verstehen, wie sich die Veränderung der Vielfalt einer Artengemeinschaft auf das Vorkommen und die Häufigkeit von Viren auswirkt. „Unsere Studie macht deutlich, wie wichtig Artenvielfalt ist und dass die Abnahme der Artenvielfalt das Vorkommen bestimmter Viren begünstigt, weil es die Verbreitung ihrer Wirte fördert“, betont Prof. Junglen. „Bisher wurden solche Prozesse fast ausschließlich an einzelnen Erregern und einzelnen Wirten untersucht. Nun ergibt sich ein vollständigeres Bild, an dem weiter geforscht werden kann“, führt Prof. Junglen aus. Im nächsten Schritt plant das Forschungsteam, weitere Lebensräume in anderen Ländern zu untersuchen – auch um herauszufinden, welche Faktoren es genau sind, die bei einer Änderung der Landnutzung die Vielfalt der Stechmückenarten beeinflussen und welche Eigenschaften die Viren mitbringen müssen, um sich mit ihren Wirten ausbreiten zu können.
Wohnen für Beschäftigte: Internationale Pflegekräfte beziehen Apartmenthaus 20-09-2023
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat heute als Generalmieter offiziell den Schlüssel für ein Apartmenthaus mit 76 Wohneinheiten erhalten. Die Apartments im Bezirk Pankow sind vollständig ausgestattet und als Wohnmöglichkeit, insbesondere für internationale Pflegefachkräfte, gedacht. Ziel ist es, neue Mitarbeiter:innen mit adäquatem Wohnraum zu versorgen und damit zugleich zur Gewinnung und Sicherung von Fachkräften beizutragen. Das achtgeschossige Gebäude wurde von Berlinovo übergeben und entspricht mit seiner hohen Qualität und den energetischen Maßstäben den Nachhaltigkeitsansprüchen der Charité. Astrid Lurati, Vorstand für Finanzen und Infrastruktur, erklärt dazu: „Die Charité engagiert sich sehr, weitere Pflegekräfte zur Aufrechterhaltung der hohen Qualität in der Krankenversorgung anzuwerben. Als ein kritischer Faktor hat sich dabei die schwierige Wohnraumsituation in Berlin erwiesen. Inzwischen hat sich dies in Ballungsräumen als Wettbewerbsfaktor in der Rekrutierung von Fachpersonal, insbesondere von Pflegekräften aus dem Ausland, entwickelt. Wir sind daher dankbar über die Zusammenarbeit mit zuverlässigen Kooperationspartnern, mit denen wir die Wohnraumbedarfe unserer Beschäftigten und Studierenden zu bezahlbaren Konditionen in größerem Umfang langfristig bedienen können. Hervorheben möchte ich heute unsere Kooperation mit Berlinovo, durch die wir ein beachtliches Apartment-Kontingent bereitstellen können. Zugleich freuen wir uns, dass die zukunftsorientierte energetische bauliche Gestaltung des Apartmenthauses in das Nachhaltigkeitskonzept der Charité passt.“ Die Charité intensiviert ihre Bemühungen bei der Anwerbung von internationalen Pflegekräften und hat dafür Anfang des Jahres eine eigene Stabsstelle etabliert. Ziel ist die Gewinnung und Integration internationaler Gesundheitsfachpersonen, insbesondere aus Albanien, Mexiko, Philippinen, Tunesien, Brasilien, Kolumbien und der Türkei. Prämisse dabei ist, keine Pflegekräfte aus Ländern anzuwerben, die selbst Arbeitskräfte benötigen. Aktuell sind in der Charité rund 700 Personen aus sogenannten Drittländern beschäftigt. Carla Eysel, Vorstand für Personal und Pflege, betont: „Die Charité ist ein attraktiver Arbeitgeber und hat mit mehr als 21.550 Beschäftigten und 121 Nationalitäten eine sehr internationale Belegschaft. Die Charité engagiert sich seit einigen Jahren intensiv für die Anwerbung von ausländischem Pflegepersonal. Dabei kümmern wir uns beispielsweise um Sprachkurse sowie die fachliche Anerkennung und inzwischen auch vermehrt um geeignete Wohnmöglichkeiten.“ Sie ergänzt: „Ein gutes Wohnangebot ist ein zusätzlicher Anreiz für potenzielle Fachkräfte und so erhöhen wir mit diesem Apartmenthaus zugleich die Attraktivität des Pflegeberufes. Denn, wer sich für einen medizinischen Beruf in der Charité interessiert, darf in der Gesundheitsstadt Berlin überaus gute Bedingungen erwarten und dazu gehört inzwischen auch kostengünstiges Wohnen. Mein Dank gilt allen, die dieses Projekt unterstützt haben und ich wünsche allen Bewohnerinnen und Bewohnern eine gute Zukunft im neuen Zuhause.“
Ausgezeichnet: Charité stellt Befinden der Patient:innen stärker in den Fokus 20-09-2023
Wenn Kliniken die Ergebnisse von Behandlungen erheben, geht es oft um Zahlen und Fakten: Wie oft wird eine Operation durchgeführt? Wie häufig gab es Komplikationen? Im Rahmen ihrer Strategie „Wir denken Gesundheit neu – Charité 2030“ will die Berliner Universitätsmedizin das subjektiv empfundene Wohl der Patient:innen bei der Messung des Behandlungserfolgs noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Dazu werden Betroffene bereits an mehreren Kliniken der Charité routinemäßig befragt, wie sie ihren Gesundheitszustand während und nach einer Behandlung selbst einschätzen. „Patient Reported Outcome Measures“ (PROMs) nennt man solche Fragebögen. Für die Einführung der PROMs wurde die Charité nun ausgezeichnet. Die Medizin der Zukunft: Wie sieht sie aus? Für die Berliner Universitätsmedizin gehört dazu, die Perspektive der Erkrankten noch mehr zu berücksichtigen. Eine verstärkte Orientierung am Nutzen für Patient:innen ist deshalb Teil des Strategiekonzepts „Wir denken Gesundheit neu – Charité 2030“, das der Vorstand der Charité Ende 2020 vorgestellt hat. „Wie geht es Ihnen?“ standardisiert erfassen Das Projekt „Charité PROM Rollout“ strebt die flächendeckende Erfassung der selbstberichteten Gesundheit bei allen Patient:innen der Charité in der Routineversorgung an. Mit der Verleihung des Lohfert-Preises 2023 hat die Christoph Lohfert Stiftung das Engagement der Berliner Universitätsmedizin in diesem Bereich nun gewürdigt. Laut der Jury zeigt das Projekt eindrücklich, wie die Charité als großes Unternehmen Patient:innen und deren Einschätzung zu ihrer Erkrankung wertschätzt, systematisch erfasst und auswertet. Die Preisverleihung fand gestern im Rahmen des Hamburger Gesundheitswirtschaftskongresses statt. Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité, unterstützt und fördert das Projekt. Er sagt: „Wir arbeiten darauf hin, dass an der Charité das subjektive Empfinden der Patientin oder des Patienten im Fokus einer jeden Behandlung steht. So möchten wir sowohl die Qualität der Behandlung als auch die Lebensqualität der Betroffenen weiter verbessern. Die systematische Auswertung der Sicht der Erkrankten in einer so großen Einrichtung ist jedoch alles andere als trivial. Umso mehr freue ich mich, dass die Anstrengungen aller am Projekt beteiligten Mitarbeitenden zur Implementierung der PROMs an der Charité nun gewürdigt werden.“ Koordiniert wird das nun ausgezeichnete Projekt von einem interdisziplinären Team des Charité Center for Patient-Centered Outcomes Research (CPCOR). Dessen Leiter, PD Dr. Felix Fischer, erläutert: „Unsere Aufgabe ist es, die Frage ‚Wie geht es Ihnen?‘ so zu erfassen, dass die Antwort in ihren vielen Dimensionen mess- und vergleichbar wird. Diese Standardisierung macht es einerseits dem ärztlichen Personal einfacher, mit den Patientinnen und Patienten über die individuellen Einschränkungen ihrer Lebensqualität zu sprechen und, falls nötig, therapeutisch darauf einzugehen. Durch den anonymisierten Vergleich vieler Krankheitsverläufe können wir andererseits Auswirkungen verschiedener Therapien auf den subjektiv empfundenen Gesundheitszustand erfassen. Diese Informationen sind eine wichtige Basis für die Therapiewahl, die dann verstärkt zusammen mit den Betroffenen getroffen werden kann.“ PROMs künftig in allen Charité-Kliniken PROMs geben Auskunft über die individuell wahrgenommene Gesundheit und Lebensqualität. Sie ergänzen die vorhandenen Messinstrumente, die sich auf quantitative Parameter wie Blutwerte, Tumorwachstum, Blutdruck oder Gewicht stützen. An der Charité sind krankheitsübergreifende PROM-Fragebögen im Einsatz, die digital acht Kerndomänen der Gesundheit erfassen: körperliche Funktionsfähigkeit, Schmerzen, Schlaf, Erschöpfung, Angst, Depressivität, kognitive Funktionsfähigkeit und soziale Teilhabe. Um die Lebensqualität im Verlauf der Behandlung messen zu können, werden die Patient:innen vor, während und im Anschluss an eine Therapie nach ihrem Befinden befragt – mithilfe eines Tablets in der Charité und per E-Mail nach ihrer Entlassung. PROMs werden an der Charité bereits routinemäßig im Brustzentrum der Klinik für Gynäkologie, den Einrichtungen des Wirbelsäulenzentrums, im Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie, in der Klinik für Urologie, der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik erhoben. Die Fragebögen werden derzeit in weiteren Einrichtungen der Charité eingeführt. Ziel ist die flächendeckende Erhebung von PROMs an allen bettenführenden Kliniken und Ambulanzen der Charité, also die systematische Befragung von mehr als 120.000 voll- und teilstationär sowie mehr als 730.000 ambulant behandelten Patient:innen.
Newsweek 2024: Charité zählt zu den besten Fachkrankenhäusern der Welt 14-09-2023
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat im Newsweek-Ranking der spezialisierten Kliniken in sechs Bereichen besonders gute Plätze erreicht. Dabei schneidet die Berliner Universitätsmedizin herausragend in den Bereichen Neurochirurgie, Neurologie, Orthopädie, Herzchirurgie, Kardiologie sowie Onkologie ab. In vier Fachgebieten hat die Charité sogar einen Platz unter den weltweiten TOP 10 erzielt. Zudem konnten zum Teil noch bessere Platzierungen erreicht werden als im Vorjahr. Die US-amerikanische Zeitschrift und das Datenportal Statista haben für die Rangliste weltweit die besten Einrichtungen in zwölf Fachgebieten untersucht. Für das Ranking wurden u.a. die 300 besten Krankenhäuser für Kardiologie und Onkologie sowie die 125 besten für Neurologie, Neurochirurgie, Orthopädie, Pulmologie sowie Urologie betrachtet. Die Ranglisten basieren auf einer weltweiten Umfrage, an der sich zahlreiche medizinische Fachkräfte beteiligt haben. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, erklärt: „Die herausragende Kompetenz der Charité wurde erneut bestätigt. Wir sind in allen Fachgebieten unter den TOP 100 der World's Best Specialized Hospitals 2024 und belegen dabei fast ausschließlich Plätze unter den besten 30 Fachkrankenhäusern. Mein Dank gilt insbesondere unseren engagierten Mitarbeitenden.“
Patientenveranstaltung: Charité informiert zu Diabetes 13-09-2023
Welche Auswirkungen haben Ernährung und verschiedene Diäten auf Diabetes? Welche technischen Entwicklungen gibt es bei Glukose-Messsystem? Und welche Medikamente behandeln nicht nur Diabetes, sondern schützen auch die inneren Organe? Diese und weitere Fragen beantwortet die Charité – Universitätsmedizin Berlin am Mittwoch, den 20. September auf ihrer Informationsveranstaltung „Diabetes mellitus betrifft alle Organe“. Allein in Deutschland leben rund 8,5 Millionen Menschen mit Diabetes mellitus. Zudem erkranken jährlich mehr als eine halbe Million Erwachsene neu daran. Als Diabetes mellitus wird eine Gruppe von Erkrankungen des Zuckerstoffwechsels bezeichnet, die auf einem relativen oder absoluten Mangel an Insulin beruht. Unbehandelt führt die Erkrankung neben einem erhöhten Blutzucker zu einer Schädigung von Gefäßen und Organen. So besitzen Menschen, die an einem Diabetes mellitus erkranken, ein sehr hohes Risiko, einen Herzinfarkt oder ein chronisches Nierenversagen zu erleiden. Die Expert:innen der Charité informieren in kurzen Vorträgen über die Auswirkungen der Erkrankung auf die Organe Leber, Nieren und das Herz und welche Diabetes-Medikamente diese Organe schützen können. Zudem thematisieren sie die Vorteile einer angepassten Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Darüber hinaus erfahren Interessierte auch Neues zu Insulinpumpen und deren Kopplung an kontinuierliche Glukose-Messsysteme. Die Veranstaltung findet statt am Mittwoch, den 20. September von 16:00 bis 19:00 Uhr im Lehrgebäude am Charité Campus Virchow-Klinikum, Augustenburger Platz 1 in 13353 Berlin (Geländeadresse: Forum 3). Eine Anmeldung für die Präsenzveranstaltung ist nicht notwendig. Fragen aus dem Publikum sind willkommen. Für Interessierte, die nicht vor Ort teilnehmen können, wird alternativ ein Livestream angeboten, für Fragen des Publikums an die Vortragenden ist ein Chat geschaltet. Zur Registrierung für die digitale Veranstaltung nutzen Sie folgenden Link https://diabetestag.charite.de/registrierung/.
Sonntagsvorlesung „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“ 12-09-2023
Rudolf Virchow schafft mit seiner Zellularpathologie eine naturwissenschaftliche Grundlage für die Medizin: Jede Zelle entsteht aus einer Zelle – und auch Krankheiten entstehen auf zellulärer Ebene. Virchows Theorie bildet zugleich die Basis für moderne Methoden der Krebsbehandlung. In der kommenden Sonntagsvorlesung am 17. September geht es um das große Thema Krebs, Virchows Zellenlehre und die therapeutischen Ansätze aus seiner Theorie. Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, spricht über Rudolf Virchow, seine Ausbildung in Berlin und seine Karriere als Star der Pathologie. Zudem erklärt er, wie Virchow seine Zellenlehre konzipierte und wie diese Theorie den Rahmen bietet, Krebs besser verstehen und behandeln zu können. Prof. Dr. Angelika Eggert, Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie, informiert über die zellbasierte Krebsmedizin, die an Virchows Entdeckung der kleinsten Einheit anknüpft und mithilfe modernster Technologien neue Behandlungskonzepte ermöglicht. Sie erklärt, wie die personalisierte, zellbasierte Krebstherapie heute gedacht wird und welches Potenzial sie hat, Krankheiten zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken, lange bevor Symptome sichtbar werden. Zudem spricht sie über aktuelle Studien und neueste Forschungsergebnisse. Nach den Vorträgen kann die Ausstellung „DA IST ETWAS. Krebs und Emotionen“ im Berliner Medizinhistorischen Museum mit einer Einführung von Prof. Eggert und Prof. Schnalke besucht werden. Die Sonntagsvorlesung „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“ findet am 17. September um 14 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin statt. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Die Vorlesung kann im Nachgang als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Mehr zur Sonntagsvorlesung erzählt Prof. Schnalke im Kurzvideo.
Antidepressiva bei körperlichen Erkrankungen und gleichzeitiger Depression 07-09-2023
Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Universität Aarhus Menschen mit Erkrankungen wie Krebs oder Diabetes, nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall leiden nicht selten zusätzlich an einer Depression. Wie gut wirken bei ihnen Antidepressiva? Sind sie ebenso sicher wie bei Menschen ohne körperliche Erkrankung? Diesen Fragen sind Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Universität Aarhus in Dänemark, jetzt nachgegangen. In einer systematischen Übersichtsarbeit haben sie den weltweiten Forschungstand zusammengetragen und ausgewertet. Die klinisch hoch relevanten Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry* veröffentlicht. „Etwa 20 Prozent der Menschen mit körperlichen Erkrankungen leiden gleichzeitig an einer Depression – beides sollte behandelt werden“, sagt Prof. Dr. Christian Otte, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Charité Campus Benjamin Franklin. „Bei der Auswahl des passenden Antidepressivums spielen Gegenanzeigen und Wechselwirkungen mit anderen einzunehmenden Medikamenten eine wichtige Rolle. Doch zum Glück gibt es heute eine Vielzahl an Antidepressiva mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, sodass praktisch bei jeder körperlichen Erkrankung mindestens ein passendes Präparat zur Behandlung einer Depression infrage kommt.“ Dennoch ist für Betroffene und behandelnde Ärzt:innen weiterhin offen: Sind Antidepressiva im jeweiligen Fall tatsächlich wirksam und auch sicher? „Bisher gab es auf diese Frage keine gesicherte Antwort“, so Prof. Otte. „Denn Zulassungsstudien von Antidepressiva werden fast ausschließlich mit körperlich gesunden Studienteilnehmenden durchgeführt.“ Eingehende Prüfung der Studienlage Um den weltweit aktuellen Stand der Forschung zusammenzuführen, hat das Studienteam medizinische Datenbanken nach sogenannten Meta-Analysen durchsucht, die bereits vorhandene Studien zusammenfassen. Dabei hat das Team strenge Auswahlkriterien angelegt: „In unsere Arbeit haben nur solche Analysen Eingang gefunden, die Daten randomisierter kontrollierter Studien zusammengefasst haben, da sie am besten geeignet sind, Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten zu untersuchen“, sagt Dr. Ole Köhler-Forsberg, Depressionsforscher an der Universität Aarhus. „Wir haben insgesamt 52 hochwertige Meta-Analysen ausfindig gemacht und für 27 unterschiedliche körperliche Erkrankungen ausgewertet. Darunter waren vor allem Krebs-, Herz- und Stoffwechselerkrankungen sowie rheumatologische und neurologische Krankheiten.“ Prof. Otte resümiert: „Wir konnten zeigen, dass Antidepressiva bei depressiven Patientinnen und Patienten mit körperlicher Erkrankung tatsächlich ähnlich wirksam und sicher sind wie bei Betroffenen ohne eine solche Erkrankung.“ Zwar verursachten die Antidepressiva etwas häufiger Nebenwirkungen als ein Scheinmedikament, auch Placebo genannt, doch sehen die Forschenden keine generellen Sicherheitsbedenken für einen Einsatz bei körperlich Erkrankten. Klinisch hochrelevante Ergebnisse „Diese Ergebnisse sind eine gute Nachricht für Betroffene mit Depressionen und körperlichen Erkrankungen – und sie sind klinisch hochrelevant“, erklärt Prof. Otte. „Denn oftmals ist die Lebensqualität insbesondere durch die Depression stark beeinträchtigt. Auch weiß man, dass sich der Verlauf der körperlichen Erkrankung bei gleichzeitigem Auftreten einer Depression verschlechtert. Ergänzend zu anderen Therapiemaßnahmen kann eine Gabe von Antidepressiva den Betroffenen also sehr helfen.“ Die Forschenden gehen davon aus, dass die Studienergebnisse in die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Depression eingehen werden. Die NVL ist eine gemeinsame Initiative von Bundesärztekammer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften zur Qualitätsförderung in der Medizin. „Uns hat überrascht, wie wenige große Studien es überhaupt zu dieser Thematik gibt, insbesondere auch bei häufigen Konstellationen wie etwa einer Krebserkrankung und gleichzeitiger Depression. Hier besteht aus unserer Sicht weiterhin großer Forschungsbedarf“, sagt Prof. Otte. In zukünftigen Projekten möchte er gemeinsam mit seinem Team herausfinden, ob Antidepressiva womöglich auch über die Bekämpfung einer Depression hinausgehende Wirkungen haben und ob sie beispielsweise einzelne Symptome einer gleichzeitig vorhandenen körperlichen Erkrankung lindern können.
ERC Starting Grants für zwei Forschende der Charité 05-09-2023
Zwei Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) haben den Europäischen Forschungsrat mit ihren Ideen überzeugt. Prof. Dr. Birgit Nemec ist Professorin für Geschichte der Medizin. Sie wird sich dem Engagement von Patient:innen mit arzneimittelbedingten Behinderungen sowie dem Wandel im Umgang mit Risiken seit der Contergan-Katastrophe widmen. Der Biomathematiker Dr. Maik Pietzner ergründet mögliche neue Ziele für Therapien bei häufigen, aber oft vernachlässigten Erkrankungen. Die Nachwuchswissenschaftler:innen erhalten für die Umsetzung ihrer innovativen Projekte und den Aufbau einer Arbeitsgruppe in den kommenden fünf Jahren jeweils rund 1,5 Millionen Euro. ERC Starting Grants gehören zu den höchsten europäischen Auszeichnungen. Sie ermöglichen Spitzenforschung in einem breiten Spektrum von Disziplinen. Forschende, die am Anfang ihrer Karriere stehen, können so eigene Projekte starten, Teams bilden und Ideen verfolgen. Der Europäische Forschungsrat hat heute die Vergabe von 400 Starting Grants an junge Wissenschaftler:innen in ganz Europa bekanntgegeben. Unter ihnen erneut zwei Forschende der Charité und des BIH. Arzneimittelbedingte Behinderungen: Von Patient:innen lernen Sie hatten Namen wie Primodos, Duogynon, Depakine oder Contergan. Es handelte sich um Präparate zum Ausschluss oder zur Bestätigung einer Schwangerschaft, um Antiepileptika oder um Medikamente, die Schlaflosigkeit und Beschwerden in der Schwangerschaft lindern sollten. Allen gemeinsam: Kinder, deren Mütter Arzneimittel dieser Art während der Schwangerschaft eingenommen hatten, kamen mit mitunter schwerwiegenden Behinderungen zur Welt. Einige der Wirkstoffe werden noch heute eingesetzt, allerdings in genau definierten Anwendungsgebieten. Lange kämpften – und kämpfen zum Teil noch immer – Betroffene und Angehörige um Anerkennung ihrer Behinderung als Folge einer Medikation und um Entschädigung. Eine der größten medizinischen Katastrophen in diesem Zusammenhang war die Verwendung von Thalidomid, eines Wirkstoffes, der 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel unter dem Namen Contergan auf den Markt kam. Der Nachweis eines direkten Zusammenhangs von vorgeburtlicher Medikamenteneinnahme und Fehlbildungen oder anderen Schädigungen ist oft schwer zu erbringen. In der ganzen Welt haben sich daher insbesondere in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Patient:innengruppen gegründet und miteinander vernetzt. Im Schulterschluss oder als einzelne Gruppierungen rangen und ringen sie um Aufklärung, Ursachenforschung und Anerkennung ihrer Behinderungen. Beyond Thalidomide – Thalidomide und darüber hinaus: Patient:innen als wirkmächtige Akteure für Wandel und Innovation – ist der Titel des neuen Vorhabens von Prof. Nemec. Die Medizinhistorikerin wird den internationalen Anstieg des Engagements von Patient:innen mit arzneimittelbedingten Behinderungen nachzeichnen. „Wir wollen verstehen, wie diese neuen Akteure in der Zivilgesellschaft und in der Wissenschaft die Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit verändert haben“, erklärt Prof. Nemec. „Sie haben eine Dringlichkeit geschaffen, mit der wir bis heute konfrontiert sind. Es ist erstaunlich, dass es bis heute keine geschichtliche Aufarbeitung darüber gibt, wie sich Betroffene verhalten.“ Wie also handeln und organisieren sich die Patient:innen? Wie aktivieren und eignen sie sich Ressourcen an? Wie tragen sie zu Wandel und Umdenken bei? Umfangreiche historische Recherchen, Bibliotheks- und Archivarbeit in Verbindung mit Zeitzeugeninterviews in vielen Ländern der Erde, von Lateinamerika über Afrika bis nach Südostasien, sollen zum ersten Mal eine Geschichte arzneimittelbedingter Behinderungen im Kontext reproduktiver Gesundheit aus der Perspektive von Patient:innen nachzeichnen. Diese wird die bisherige expertenzentrierte Darstellung ergänzen und ein umfassendes Rahmenwerk über die Art und Weise wie sich Patient:innen engagieren schaffen. Prof. Nemec beschäftigt sich schon lange Zeit intensiv mit der Rolle von Patient:innen und Aktivist:innen in der Aushandlung von Wissen und Praktiken in der neueren Geschichte von Schwangerschaft und Fortpflanzung. Eines ihrer derzeitigen Forschungsprojekte am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité arbeitet die länderübergreifende Geschichte hormoneller Schwangerschaftstests gemeinsam mit Betroffenengruppen auf. Ein anderes Projekt studiert den Wandel von Risiko- und Präventionskonzepten im Zuge von Schwangerschaft und Reproduktion in Deutschland. Zusätzlicher Fokus ihrer Forschung: die materiellen und visuellen Kulturen der Wissenschaften, der Geschichte urbaner Räume und Gedächtnispolitik. Sie ist Mitglied der Jungen Akademie der Wissenschaften. Gene als Schlüssel zu neuen Therapien Die meisten Erkrankungen haben einen polygenen Hintergrund: Viele verschiedene Gene sind involviert und spielen – in bislang kaum verstandener Weise – zusammen. Schon kleinste Veränderungen in den relevanten Genen können das Krankheitsrisiko erhöhen. Genau hier will Dr. Maik Pietzner, Gruppenleiter in der AG Computational Medicine des BIH mit seinem neuen Vorhaben GenDrug ansetzen. Für eine Vielzahl häufiger, aber dennoch vernachlässigter Krankheiten fehlt es an wirksamen und sicheren Medikamenten. Einen Schlüssel zu neuen Therapien sieht er in den Genen, da die meisten Krankheiten auch einen genetischen Hintergrund haben. Mit einer ausgeklügelten Strategie, die künstliche Intelligenz (KI) zur Aufarbeitung riesiger Datenmengen nutzt, wollen der Biomathematiker und sein Team in großem Stil krankheitsrelevante Gene aufspüren und damit Ansatzpunkte für die Behandlung häufiger, aber wenig betrachteter Krankheiten liefern. „Unser Ziel ist, krankheitsspezifische kleine Veränderungen in den Genen und damit Zielstrukturen für innovative Medikamente zu finden. Dabei werden wir neue Wege beschreiten: Wir werden Erkenntnisse der Genomsequenzierung mit elektronischen Gesundheitsdaten verknüpfen und unter Verwendung künstlicher Intelligenz nach bislang unbekannten Zusammenhängen zwischen Genetik und Krankheitsmanifestation suchen – Zusammenhängen, die richtungsweisend bei der Entwicklung neuer Medikamente sein könnten“, wie Dr. Pietzner erklärt. Die Verfügbarkeit elektronischer Gesundheitsdaten eröffnet erstmals die Möglichkeit, anhand anonymisierter Daten von Millionen von Menschen Erkrankungen systematisch und ökonomisch zu erforschen. „Wir gehen davon aus, dass sich bei Sichtung der riesigen Datenpools genetische Signaturen herauskristallisieren, die für bestimmte Krankheiten typisch sind“, so der Wissenschaftler. „Unsere Computerprogramme sind in der Lage, in einer für uns ohne KI-Support nicht zu bewältigenden Datenfülle Muster zu erkennen und sichtbar zu machen. Methodisch ist das ein Quantensprung.“ In den Genen sind Informationen für die Herstellung von Eiweißstoffen, den Proteinen, hinterlegt. Genau an diesen Genprodukten sind Dr. Pietzner und sein Team interessiert. Denn Proteine, die man bei bestimmten Erkrankungen gehäuft oder in ihrem Bauplan verändert findet, könnten Ansatzpunkte für eine innovative Therapie sein. Oder aber die neu gewonnenen Erkenntnisse über Risikogene und ihre Genprodukte untermauern bereits vorhandene Therapieansätze und bieten die Chance, diese weiterzuentwickeln – auch das wäre ein Zugewinn.
Wie sich schweres Long COVID langfristig entwickelt 22-08-2023
Menschen mit Post-COVID-Syndrom, die ein halbes Jahr nach ihrer Corona-Infektion an einer krankhaften Erschöpfung – der Fatigue – leiden, sind oft nach bis zu 20 Monaten noch stark beeinträchtigt. Das zeigt eine aktuelle Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Centers. Betroffene, die das Chronische Fatigue-Syndrom ME/CFS entwickeln, sind in den allermeisten Fällen unverändert schwer krank. Patient:innen mit ähnlichen Symptomen, die die Diagnosekriterien für ME/CFS nicht erfüllen, erleben dagegen eine langsame Verbesserung ihrer Beschwerden. Veröffentlicht ist die Arbeit im Fachmagazin eClinicalMedicine*. Wenn drei Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion noch immer gesundheitliche Beschwerden bestehen, die über mindestens zwei Monate anhalten und nicht anderweitig zu erklären sind, spricht man vom Post-COVID-Syndrom (PCS). Die Symptome sind insgesamt heterogen, viele Betroffene haben Atembeschwerden, können sich schlecht konzentrieren und sind kaum belastbar. Besonders oft berichten PCS-Erkrankte von einer bleiernen Erschöpfung, die sich durch normale Erholung kaum beheben lässt: die sogenannte Fatigue. Häufig können diese Menschen den Alltag kaum noch bewältigen und leichte Anstrengung verschlechtert den Zustand, man spricht von Belastungsintoleranz. Frauen trifft es deutlich häufiger als Männer. Nicht nur Betroffene fragen sich, wie lange sie mit ihren Symptomen zu kämpfen haben werden. Für die ersten Monate nach der Infektion gibt es dazu mittlerweile Erkenntnisse aus einer Reihe von Studien. Danach dauert die Erholung im Schnitt desto länger, je schwerer die Infektion verlaufen ist. Bei vielen gehen die Beschwerden innerhalb eines Jahres zurück – das gilt jedoch leider nicht für alle Erkrankten. Unklar ist bisher, wie sich die Krankheit bei ihnen langfristig entwickelt. Wie lang sind die Schatten von COVID-19? In der nun veröffentlichten Studie fokussierten die Forschenden auf Menschen, die ein halbes Jahr nach ihrer SARS-CoV-2-Infektion noch immer an einer ausgeprägten Fatigue und stark reduzierter Belastbarkeit litten. Im Gegensatz zu Studien, die sich allein auf die Beschreibung der Symptome durch die Betroffenen stützen, wurden die 106 Teilnehmenden – zum Großteil Frauen – zu drei Zeitpunkten im Abstand von mehreren Monaten umfassend medizinisch untersucht. „Leider zeigen unsere Daten, dass Post-COVID-Betroffene mit schwerer Fatigue auch mehr als eineinhalb Jahre nach ihrer Infektion noch immer krank sind“, sagt Dr. Judith Bellmann-Strobl, Letztautorin der Studie und Oberärztin der Hochschulambulanz für Neuroimmunologie des Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Centers. „Nur bei der Hälfte von ihnen – die nicht das Vollbild von ME/CFS zeigen – zeichnet sich eine langsame Besserung zumindest einiger Symptome ab.“ Zwei Gruppen von PCS-Erkrankten mit ausgeprägter Fatigue und Belastungsintoleranz Bereits letztes Jahr hatten die Forschenden beobachtet, dass sich unter den Post-COVID-Betroffenen mit stark reduzierter Belastbarkeit zwei Gruppen unterscheiden lassen. Ein Teil der Patient:innen erfüllt das Vollbild eines ME/CFS – eine komplexe neuroimmunologische Erkrankung, die mit schwerer Fatigue und Belastungsintoleranz einhergeht und zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führen kann. Patient:innen in der zweiten Gruppe haben zwar ähnliche Symptome, ihre Beschwerden nach körperlicher Anstrengung sind jedoch meist nicht so stark ausgeprägt und halten weniger lang an. Bei der letzteren Gruppe gehen der aktuellen Studie zufolge die Fatigue, aber auch das allgemeine Krankheitsgefühl, Schmerzen und Konzentrationsstörungen über die Zeit etwas zurück. Ihre Belastbarkeit steigt ein wenig, einige Betroffenen konnten wieder einer Arbeit nachgehen. Bei den Post-COVID-Patient:innen mit ME/CFS veränderten sich die Beschwerden dagegen kaum, obwohl auch sie eine symptomatische Therapie erhielten. Mit sehr wenigen Ausnahmen: „Sieben der 55 ME/CFS-Erkrankten erlebten eine Verbesserung ihrer Beeinträchtigungen“, erklärt Dr. Bellmann-Strobl. „Wir haben allerdings zurzeit noch keine Erklärung dafür und konnten keine medizinischen Gemeinsamkeiten feststellen.“ Handkraft zur Abschätzung der Prognose? Eine weitere in der Studie gemachte Beobachtung lässt sich künftig möglicherweise für die Abschätzung des Krankheitsverlaufs bei Post-COVID-Erkrankten mit ME/CFS nutzen: Je mehr Kraft die Patient:innen zu Beginn der Erkrankung in der Hand hatten, desto geringer ausgeprägt waren ihre Symptome bis zu 20 Monate später. „Die Handkraft war nicht nur ein Parameter für die Schwere der Erkrankung zu Beginn, sondern konnte auch vorhersagen, wie sich die ME/CFS-Erkrankung weiter entwickeln wird“, erklärt Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, kommissarische Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie der Charité und Leiterin des Charité Fatigue Centrums. Zusammen mit Dr. Bellmann-Strobl hat sie die Studie geleitet. Sie betont: „Bevor wir die Handkraft allerdings prognostisch nutzen können, müssen wir ihre Aussagekraft mit weiteren Studien bestätigen.“ „In Europa leben nach aktuellen Aussagen der WHO etwa 36 Millionen Menschen mit Long COVID, von denen die meisten in ihrem Alltag eingeschränkt sind und von denen viele kein normales Leben mehr führen können“, betont Prof. Scheibenbogen. „Bereits vor der Pandemie waren in Europa geschätzt drei Millionen Menschen an ME/CFS erkrankt und vorliegenden Daten lassen vermuten, dass sich deren Zahl infolge der Pandemie verdoppelt hat. Unsere Studie zeigt, dass die meisten ME/CFS-Erkrankten anhaltend schwer krank sind. Neben der intensiven Suche nach wirksamen Therapien brauchen wir deshalb auch rasch Versorgungseinrichtungen, in denen die Betroffenen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und klinischer Erfahrung multidisziplinär betreut werden.“ In Ermangelung von Therapien, die nicht nur die Symptome lindern, sondern auch die Ursache des Post-COVID-Syndroms und ME/CFS beheben, empfiehlt Dr. Bellmann-Strobl den Patient:innen vor allem, ihre Energiereserven durch das sogenannte Pacing gut einzuteilen und eine Überlastung zu vermeiden. Hilfsmittel können beispielsweise Schrittzähler, Herzfrequenzmesser, ein Aktivitätstagebuch und Entspannungsübungen sein. „Durch das Pacing lässt sich die Postexertionelle Malaise, eine Verschlechterung des Zustands, verhindern. Je besser Betroffene das Pacing beherrschen, desto weniger Beschwerden haben sie durch ihre Erkrankung. Dabei sollte man sich sehr vorsichtig an die Belastungsgrenzen herantasten; eine professionelle Anleitung kann dabei helfen, eine Überanstrengung zu vermeiden.“
Weniger Nebenwirkungen als befürchtet: Kortison in niedrigen Dosen 15-08-2023
Bei rheumatoider Arthritis – oft ungenau als Rheuma bezeichnet – ist Kortison sehr wirksam, medizinische Leitlinien raten aber von einer längerfristigen Einnahme ab. Grund sind eine Reihe von Nebenwirkungen – die allerdings vor allem bei den früher üblichen hohen Dosierungen beobachtet wurden. Zur Verabreichung von kleinen Mengen Kortison über einen längeren Zeitraum gibt es dagegen wenig aussagekräftige Daten. Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Annals of Internal Medicine* zeigt jetzt: Zumindest der Blutdruck steigt nach zweijähriger Therapie mit niedrig dosiertem Kortison nicht an. Und die oft befürchtete Gewichtszunahme fällt mit rund einem Kilogramm moderat aus. Als Kortison wird umgangssprachlich die Gruppe der Glukokortikoide bezeichnet. Das sind körpereigene und auch synthetische Wirkstoffe, die unter anderem das Immunsystem hemmen. Kortison-Präparate werden deshalb schon seit Langem gegen eine ganze Reihe von entzündlichen Erkrankungen eingesetzt, darunter Autoimmunkrankheiten wie die rheumatoide Arthritis. Und sie wirken: Kortison-Präparate helfen gegen die Entzündung in den Gelenken, mindern Schmerzen und lindern die krankheitsbedingte körperliche Behinderung. Außerdem werden die Gelenke deutlich weniger geschädigt. Kortison wird entgegen Leitlinien verwendet „Weil Kortison-Präparate so gut gegen die rheumatoide Arthritis helfen, nehmen 30 bis 50 Prozent der Betroffenen sie auch zwei Jahre nach der Diagnose noch – und zwar entgegen den aktuellen medizinischen Leitlinien und Empfehlungen“, erklärt Dr. Andriko Palmowski, Erstautor der Studie von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. „Die Leitlinien und Empfehlungen raten eigentlich, Kortison – wenn überhaupt – nur vorübergehend zu verabreichen, weil sonst relevante Nebenwirkungen zu befürchten sind.“ Allerdings: Viele dieser Nebenwirkungen sind für die früher viel häufiger verabreichten hohen Kortison-Dosierungen gut belegt, für die heute bevorzugten geringeren Mengen ist die Datenlage weniger eindeutig. Dr. Palmowski: „So genau wissen wir also gar nicht, wie stark die Nebenwirkungen bei niedrig dosierten Kortison-Präparaten sind.“ In der Vergangenheit hatten einige Beobachtungsstudien beispielsweise darauf hingedeutet, dass eine langfristige Einnahme von geringen Mengen Kortison bei rheumatoider Arthritis den Blutdruck ansteigen lässt und zu einer Gewichtszunahme führt. „Allerdings haben Beobachtungsstudien aufgrund verschiedener verzerrender Effekte nur eine begrenzte Aussagekraft“, betont Prof. Dr. Frank Buttgereit, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité und Leiter der Studie. „Für eine stärkere Beweiskraft benötigt man ein höherwertiges Untersuchungsdesign, die sogenannten randomisierten kontrollierten Studien.“ Von dieser Art der Studien, bei der der Zufall entscheidet, ob die Teilnehmenden das Medikament oder ein Scheinpräparat erhalten, gab es sogar schon eine Handvoll. Für eine statistisch verlässliche Analyse der beiden Nebenwirkungen hatte jede für sich genommen jedoch zu wenige Patient:innen eingeschlossen. Charité-Studie analysiert Daten von über 1.100 Personen Das Charité-Forschungsteam holte deshalb von fünf der bereits abgeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien die Messwerte zu Blutdruck und Körpergewicht ein und analysierte diese gemeinsam. So kamen Daten von insgesamt mehr als 1.100 Menschen mit rheumatoider Arthritis aus zwölf europäischen Ländern zusammen, die über zwei Jahre hinweg niedrig dosierte Kortison-Präparate oder ein Scheinpräparat beziehungsweise Kontrollmedikamente erhalten hatten. Alle Patient:innen hatten zudem, wie üblich, eine dauerhafte Begleitmedikation zur besseren Eindämmung der Erkrankung bekommen. Das Ergebnis: Unter der Kortison-Therapie veränderte der Blutdruck sich nicht signifikant, und die Betroffenen nahmen im Schnitt nur 1,1 Kilogramm mehr zu als die Teilnehmenden in der Kontrollgruppe. Ähnliches galt auch für Risikopatient:innen, die zu Studienbeginn bereits übergewichtig waren oder einen hohen Blutdruck hatten. „Die Ergebnisse unserer Studie machen die Leitlinien nicht obsolet, denn Glukokortikoide können auch andere schwerwiegende Nebenwirkungen wie Osteoporose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine Neigung zu Infektionen mit sich bringen“, resümiert Prof. Buttgereit. „Aber für viele Rheuma-Betroffene und auch ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte ist die Sorge vor einem Blutdruckanstieg und einer Gewichtszunahme ein wichtiges Entscheidungskriterium für oder gegen eine Kortison-Therapie. Das sollte sie jedoch nicht sein, weil beide Effekte – wie unsere Ergebnisse zeigen – keine große Relevanz haben. Stattdessen sollte die Entscheidungsfindung eher die anderen Nebenwirkungen in den Blick nehmen.“ Um das Für und Wider einer Therapie mit niedrig dosiertem Kortison künftig noch besser abwägen zu können, plant das Charité-Forschungsteam nun, zu weiteren Nebenwirkungen hochqualitative Daten zu sammeln. Als nächstes im Fokus: die Osteoporose.